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Warum die K├╝che 21.0 Werkstatt und Statussymbol ist

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KITCHEN
Kelvin Murray via Getty Images
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ÔÇ×Die Kultur h├Ąngt von der Kochkunst ab." (Oscar Wilde)

Die R├╝ckkehr der K├╝che

Anfang der 1980-er Jahre beeinflusste der Grafikdesigner Otl Aicher die K├╝chenwelt. In seiner Publikation ÔÇ×Die K├╝che zum Kochen. Das Ende einer Architekturdoktrin" sagte er die R├╝ckkehr der K├╝che voraus, die wieder ins Zentrum des Hauses r├╝ckt. Aicher schlug ein K├╝chenkonzept vor, bei dem das Essen und die Kochkunst als sinnliches Erlebnis gefeiert werden.

Heute wird die K├╝che ÔÇ×zum Mittelpunkt des Zuhauses und einmal mehr zum Statussymbol der Deutschen", best├Ątigte der Gesch├Ąftsf├╝hrer des K├╝chenhersteller-Verbands AMK, Kirk Mangels, am 8. Mai bei der Vorlage des Jahresberichts in K├Âln. Die K├╝chenbranche sieht einen Trend zu ÔÇ×genussvollem Kochen": Es sei davon auszugehen, dass w├Ąhrend der Woche etwas weniger, aber am Wochenende mehr gekocht werde, so Mangels.

Inzwischen ist jede zehnte K├╝che ein Luxusprodukt, Tendenz steigend. Der K├╝chenbranche gelingt es wie nur wenigen Branchen, Tradition, Innovation und Digitalisierung erfolgreich miteinander zu verbinden: Handwerk 2.0. ÔÇ×Digitalisierte Strukturen beispielsweise in Baugewerbe, Handwerk (!) oder Pflege sind uns gr├Â├čtenteils noch gar nicht bekannt (aber in den Startl├Âchern)", schreibt Philipp Riederle in seinem aktuellen Buch ÔÇ×Wie wir arbeiten und was wir fordern.

Die digitale Generation revolutioniert die Berufswelt", in dem er unter anderem nachweist, dass die Digitalisierung Handwerker nicht so schnell ins Hintertreffen bringen wird, ÔÇ×denn smarte Tools oder Roboter k├Ânnen helfen, aber nicht ├╝bernehmen"!

So ist es auch kein Zufall, dass sich bis heute auch viele traditionelle Bezeichnungen wie ÔÇ×Werkstatt" erhalten haben und aus einer ÔÇ×Gedankenwerkstatt" hervorgingen: Hier wird heute nicht mehr nur geschraubt und gewerkelt, sondern es stehen ├ästhetik, Komfort und Kochen im Fokus. Hier lernten die Inhaber meistens das Tischlerhandwerk ÔÇ×von der Pieke" auf und verbinden es nun mit dem digitalen Wandel, in dem das traditionelle Handwerk nicht verschwindet.

Denn Digitalisierung ohne echtes Handwerk ist Masse, Unendlichkeit, Kopierbarkeit. Eine Qualit├Ątsk├╝che aber hat einen Wert der Begrenztheit, welche die Basis von wahrem Luxus ist. Hinzu kommt noch ein anderer Aspekt, der Kunden immer wichtiger wird: Nachhaltigkeit. K├╝chenm├Âbel, die nachhaltig hergestellt wurden, sind an folgenden Labeln zu erkennen: Blauer Engel, DGM-Emissionslabel, LGA schadstoffgepr├╝ft, Programme PEFC, FSC und ├ľkoControl.

Stil-Dauerbrenner und nachhaltige K├╝chenhelfer

├ľkologische Lebensweisen gewinnen in der Gestaltung unseres Alltags und Lebensumfelds immer mehr an Bedeutung. Das gilt auch f├╝r die Einrichtung und Nutzung der K├╝che. Dabei sind nicht nur Umweltgesichtspunkte von Bedeutung, sondern auch die Steigerung der eigenen Lebensqualit├Ąt durch gesunde Nahrungsmittel sowie die Verwendung nachhaltig produzierter K├╝chenm├Âbel und Elektroger├Ąte.

Mit einem guten Herdsystem werden heute sowohl Ressourcenverbrauch als auch Schadstoffbelastungen der Umwelt auf ein absolutes Minimum reduzieren. Dies gilt f├╝r den Kochprozess ebenso wie f├╝r den Herstellungsprozess. ÔÇ×Herdplatten" gelten als Vorl├Ąufer gusseiserner Kochfl├Ąchen. Sie gab es offenbar schon in der Steinzeit, wie Rekonstruktionen von aufgeschichteten Feuerstellen belegen, deren Oberfl├Ąche mit Lehm ausgestrichen und gegl├Ąttet waren. Vermutlich dienten sie zum Backen von Fladenbrot, so wie es heute noch in Afrika oder S├╝damerika zu beobachten ist. Das spiegelglatte Ceranfeld mit seinen grafisch gekennzeichneten Heizbereichen oder der ebenfalls glatte Induktionsherd schlie├čen mit ihren glatten Oberfl├Ąchen formal an die holz- oder kohlebefeuerten Gusseisenherde (ÔÇ×Kochmaschinen") des 19. und fr├╝hen 20. Jahrhunderts an.

In den 1960-er Jahren wurden Elektroger├Ąte f├╝r fast jeden erschwinglich. 1963 entwarf Joe Colombo Minikitchen f├╝r Boffi - es wurde damit der Trend der r├Ąumlich unabh├Ąngigen K├╝che antizipiert, den Luigi Colani etwa zehn Jahre sp├Ąter mit seiner Kugelk├╝che f├╝r Poggenpohl weiterdenkt. Die 1970-er Jahre galten als Epoche des Aufbruchs, die von experimentierfreudigen Gestaltern gepr├Ągt wurde.

Hausger├Ąte machen heute etwa 40 Prozent des Gesamtverbrauchs im Haushalt aus. Deshalb ist es erforderlich, sparsam mit Energie umzugehen. Auch f├╝r Elektroger├Ąte in der K├╝che wie K├╝hlschrank, Backofen, Gefrierschrank oder Kleinger├Ąte wie Mixer und Toaster gilt deshalb das Prinzip der Nachhaltigkeit. Dabei sind nicht nur die Reduzierung des Energieverbrauchs der Elektroger├Ąte von Relevanz, sondern auch s├Ąmtliche chemische oder elektromagnetische Emissionen.

Seit einigen Jahren gibt es europaweit ein einheitliches Energieeffizienzlabel, das f├╝r alle Hersteller verbindlich ist. Die Klassen sind eingeteilt in A+++ bis D (die EU plant eine Neuregelung von A bis G - Kennzeichnung A++ und A+++ sollen abgeschafft werden, die ersten neuen Labels werden vermutlich erst in ca. zwei Jahren im Handel zu sehen sein), wobei D die schlechteste Variante ist.

Ein bunter Aufkleber auf den Ger├Ąten gibt Auskunft, in welche Klasse das jeweilige Ger├Ąt eingestuft wird. Daran k├Ânnen dann der j├Ąhrliche Energieverbrauch und andere produktspezifische Daten abgelesen werden. Neben diesen Daten ist es auch wichtig, dass das Ger├Ąt zur individuellen Nutzung passt.

Im Betrieb und w├Ąhrend der Nutzung sollten die Ger├Ąte so umweltvertr├Ąglich wie m├Âglich sein. Es sollte allerdings auch darauf geachtet werden, dass der gesamte Lebenszyklus der Ger├Ąte auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist. Zu vergessen sind auch nicht die kleinen K├╝chenhelfer: Produkte aus Kunststoff m├Âgen zwar pflegeleicht sein, werden jedoch aus Erd├Âlprodukten hergestellt und stellen dadurch eine st├Ąrkere Belastung f├╝r unsere Umwelt dar. Gleiches gilt f├╝r Vorratsbeh├Ąlter aus Kunststoffen. Eine bessere Alternative sind K├╝chenhelfer und Beh├Ąlter, die aus nat├╝rlichen bzw. schnell nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden.

Die K├╝che ist neben dem Badezimmer der Raum des Hauses, der in den vergangenen einhundert Jahren die meisten architektonischen und technischen Ver├Ąnderungen erfahren hat: Mit zunehmendem Bev├Âlkerungswachstum in der zweiten H├Ąlfte des 19. Jahrhunderts und der voranschreitenden Industrialisierung stand in den Mietsh├Ąusern der K├╝che h├Ąufig nur noch ein Minimum an Platz zu: In den engen Etagenwohnungen der Arbeiter haben einzeln stehende K├╝chenm├Âbel (wie in gro├čb├╝rgerlichen Haushalten) keinen Platz.

Es entsteht das Arbeitsdreieck Herd, Sp├╝le und K├╝hlschrank. Zeitgleich wurden K├╝cheneinrichtungen vereinheitlicht. Die Rationalisierung der K├╝che ging mit der Industrialisierung der Nahrungsmittelherstellung einher. 1926 erschien das Buch ÔÇ×Der neue Haushalt - ein Wegweiser zu wirtschaftlicher Haushaltsf├╝hrung" von Erna Meyer. Einige Jahre zuvor analysierte die Amerikanerin Christine Frederick die K├╝chenarbeit in ihrer Publikation ÔÇ×Household Engineering. Scientific Management in the Home". Beide trugen zu einer Reform der Wohnkultur bei, bei der es auch um die Konzipierung einer neuen Ordnung ging: kurze Arbeitswege, leichte Reinigung, ÔÇ×Handwerkszeug" in Reichweite.

F├╝r einen Meilenstein der K├╝chengeschichte sorgte auch die ├Âsterreichische Architektin Margarete Sch├╝tte-Lihhotzky. Unter dem Initiator des Wohnungsbauprogramms ÔÇ×Neues Frankfurt", Ernst May, plante sie 1926 mit der Frankfurter K├╝che ein ÔÇ×Raumwunder" nach ergonomischen Kriterien. Die Musterm├Âbel sind durch eine Schiebet├╝r mit dem Wohnzimmer verbunden. Sie gilt als Vorl├Ąufer der Einbauk├╝che und wurde in 10.000 Wohnungen verbaut.

Stil-Dauerbrenner sind seit Jahren offene Wohnk├╝chen, die nach Branchenangaben bereits in gut jedem vierten deutschen Haushalt zu finden sind. Beleuchtete Regale f├╝r den Anbau von frischen K├╝chenkr├Ąutern sind heute ebenso beliebt wie extra gro├če K├╝hlschr├Ąnke und Herde oder Spezialk├╝chen f├╝r Veganer oder Vegetarier. Auch Zubereitungsformen wie das Garen mit Dampf oder die Arbeit mit niedrigen Temperaturen nehmen zu. Darauf reagieren viele Hersteller und bieten passende Ger├Ąte und Einbauelemente an. Induktionskochfl├Ąchen werden durch ihre Flexibilit├Ąt immer beliebter.

Die Hersteller setzen bei den neuen Kochfl├Ąchen verst├Ąrkt auf Bedienelemente mit LCD-Bildschirmen. Beim Dunstabzug werden die Module nicht mehr ├╝ber dem Herd installiert, sondern im Kochfeld eingebaut. Das macht sich vor allem bei offenen K├╝chen bezahlt. Auch die Steuerung von K├╝chenger├Ąten mit Hilfe von Smartphones oder Tablet werden k├╝nftig weitere zunehmen.

Design und Technik m├Âgen in einer K├╝che zwar ├Ąu├čerlich dominieren - am Ende ist sie doch immer ein Ort, der all die K├╝chenhelfer beherbergt, die zum Zubereiten von Speisen ben├Âtigt werden. Und ein Ort der Gemeinschaft und des Genusses, der f├╝r den Journalisten Wolf Lotter eine ÔÇ×Schl├╝sselqualifikation f├╝r die ├ľkonomie des 21. Jahrhunderts" ist, denn Kopf und Darmhirn geh├Âren beim sich selbst bewussten Menschen zusammen: Er kann genie├čen im Bewusstsein, dass Freiheit, Selbstverantwortung und Genuss keine Widerspr├╝che sind, sondern ÔÇ×die S├Ąulen, auf die eine offene Zivilgesellschaft nicht verzichten kann."

Der Text basiert auf Teilen des Buches, das gemeinsam mit der Autorin Claudia Silber entstanden ist. Der Erl├Âs kommt HORIZONT e.V. zugute. Der gemeinn├╝tzige Verein wurde 1997 von der Schauspielerin Jutta Speidel gegr├╝ndet und hilft wohnungslosen M├╝ttern und deren Kindern schnell und unb├╝rokratisch.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: K├╝chen-Kultur und Lebensart: Warum Verantwortung nicht zwischen Herd und K├╝hlschrank aufh├Ârt. Amazon Media EU S.├á r.l. Kindle Edition 2017.

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