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Warum aufstehen? Der Weckruf zur Neuerfindung des Erfolgs

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Start with Why

Nicht was wir tun, sondern warum wir etwas tun, ist entscheidend f├╝r den Erfolg unserer Handlung. Schreibt Simon Sintek in seinem Bestseller "Start with Why" (2009), in dem es um das einfache Konzept des "Golden Circle" (Warum-Wie-Was) geht: Erfolgreiche Menschen, Unternehmen und Organisationen stellen das Warum (die Vision) in den Mittelpunkt und verlieren niemals diesen Zielmagnetismus aus den Augen.

Alles, was sie tun, basiert auf dieser einen Frage: Warum stehe ich morgens auf? Wer keine Antwort darauf hat, kann auch mit der Trias Weisheit, Staunen und Gro├čz├╝gigkeit nichts anfangen. Doch gerade sie machen heute die ÔÇ×Neuerfindung des Erfolgs" aus, die Arianna Huffington in ihrem gleichnamigen aktuellen Buch beschreibt.

K├╝rzlich gab der S├Ąnger Phil Collins der britischen Zeitung ÔÇ×Mirror" ein Interview, in dem er sagte, dass er nicht wei├č, warum er morgens aufstehen soll, obwohl er auf eine erfolgreiche Karriere zur├╝ckblicken kann: ├╝ber 250 Millionen verkaufte Tontr├Ąger, sieben Grammys und ein Oscar.

Er litt in den vergangenen Jahren unter Depressionen und versuchte, seine Einsamkeit und die drei gescheiterten Ehen mit Alkohol zu bek├Ąmpfen. Sein Arzt erkl├Ąrte ihm schlie├člich: ÔÇ×Ich kann Sie vom Trinken wegbringen. Aber ich kann Ihnen keinen Grund geben, morgens aufzustehen." (Focus, 1.10.2014)

Gesunde Erfolgsmuskeln k├Ânnen nur aufgebaut werden, wenn auch unsere Wohlt├Ątigkeitsmuskeln t├Ąglich trainiert werden - dann ver├Ąndert sich dadurch auch unser eigenes Leben. Das sind wichtige Kernbotschaften des Buches von Arianna Huffington, die hier eine Vielzahl von Geschichten erz├Ąhlt, die sich mit unserem instinktiven Bed├╝rfnis besch├Ąftigen, etwas f├╝r andere zu tun.

Mit der Generation Y verbindet sie die Hoffnung, dass sie mit Technik umgehen und sie einsetzen kann, dass die F├Ąhigkeit zur Empathie verst├Ąrkt wird. Das best├Ątigen auch aktuelle Studien. So sind die Kinder der Jahrtausendwende f├╝hrend, wenn es um die Beteiligung an freiwilliger Sozialarbeit geht (43 Prozent von ihnen engagieren sich daf├╝r). Unter Collegestudierenden ist die Zahl sogar noch h├Âher.

Sie pl├Ądiert daf├╝r, das Bed├╝rfnis, Verbindungen aufzubauen und etwas zur├╝ckzugeben, zu erweitern und zu institutionalisieren. Wie es der Autor und Unternehmer Seth Godin ausdr├╝ckt: Die Ironie des ÔÇ×Gebens, um etwas zu bekommen" liegt darin, dass es l├Ąngst nicht so gut funktioniert wie reines Geben: ÔÇ×Blogger, die f├╝r jedes investierte Wort den Profit messen, Twitterer, die die Plattform als Werbemedium f├╝r sich selbst nutzen, statt sie als Mittel sehen, um anderen zu helfen, und solche, die f├╝r Wikipedia und ├Ąhnliche Projekte keine Beitr├Ąge schreiben, weil dabei nichts f├╝r sie rausspringt... solche Leute begreifen nicht, worum es geht...

Es ist nicht schwer zu erkennen, wer aus den richtigen Gr├╝nden zur Internet-Gemeinde geh├Ârt. Wir sehen es daran, was du schreibst und wie du handelst. Und das sind die Leute, auf die wir h├Âren und denen wir vertrauen."

Geburtshelfer f├╝r eine neue Kultur

Es verwundert nicht, dass auch in den Blogs die Philosophie einen besonderen Stellenwert einnimmt. (In meinem Blog in der Huffington Post werden jene Beitr├Ąge am meisten geteilt.) Dass Arianna Huffington auch in ihrem Buch darauf verweist, ist selbsterkl├Ąrend, denn die Philosophen wissen und wussten schon immer, ÔÇ×dass unser Wohlbefinden stark mit unserem Mitgef├╝hl und unserer Bereitschaft gro├čz├╝gig zu sein, verbunden ist".

In diesem Zusammenhang zitiert sie Seneca, der im Jahr 63 schrieb: ÔÇ×Niemand kann gl├╝cklich leben, der nur sich sieht, der alles zu seinem eigenen Nutzen wendet." Erst aus dem Mitgef├╝hl heraus entstehen der Geist der Hilfsbereitschaft und die Kraft des Handelns. Doch wie k├Ânnen pers├Ânliches Engagement und Verantwortungspartnerschaften ganz selbstverst├Ąndlich ins allt├Ągliche Leben integriert werden?

Corporate Citizenship ist in Deutschland noch nicht so sehr verbreitet wie in den USA. H├Ąufig wird der Einsatz f├╝r das Gemeinwohl vielerorts immer noch als l├Ąstige Pflicht verstanden, f├╝r die in erster Linie der Sozialstaat zust├Ąndig ist. Ganz anders ist die Situation in den USA, wo der Sozialstaat seit je schwach ausgepr├Ągt ist.

Ein historischer R├╝ckblick: Als William McCormick Blair 1935 in Chicago eine kleine Investmentbank gr├╝ndete, wollte er zun├Ąchst nur Firmen in und um Chicago mit g├╝nstigen Krediten, Finanzberatung und Auftragsvermittlung beim Aufbau unterst├╝tzen. Doch schnell wurde die Bank eine begehrte Anlaufstelle f├╝r Unternehmer in der Krise.

Der Erfolg motivierte Blair, der auch das Gemeinwohl im Blick haben wollte. Das war die Geburtsstunde des Corporate Citizenship: Unternehmer und Manager als gute B├╝rger. Der St├Ąrkere schaut mehr auf den Schw├Ącheren.

Arianna Huffington ist davon ├╝berzeugt, dass es in der Verantwortung der Medien liegt, das Engagement von Privatpersonen, Sozialunternehmern und gemeinn├╝tzigen Organisationen herauszustellen, damit wir in der Gesellschaft ÔÇ×funktionierende Modelle ausweiten und vervielfachen k├Ânnen". Doch leider wird das, was nachhaltig und richtig ist, oft ohne Leidenschaft und zu abstrakt vermittelt. Oder zu laut.

Der deutsche Physiker und Essayist Hans-Peter D├╝rr hat einmal gesagt: ÔÇ×Ein wachsender Wald macht weniger Krach als ein fallender Baum. Lasst uns auf den wachsenden Wald lauschen." In den Medien dominieren die Probleme. Dabei g├Ąbe es viele Geschichten und alternative Zukunftsentw├╝rfe, ├╝ber die es sich lohnen w├╝rde zu schreiben.

F├╝r den Umweltjournalisten Geseko von L├╝pke, der darauf verweist, dass es in Europa bereits 70 Millionen Menschen gibt, die ihr Leben und ihre Werte bereits neu ausgerichtet haben, sollten Medienvertreter heute ÔÇ×Sterbebegleiter sein f├╝r ein abgewirtschaftetes System und zugleich Geburtshelfer f├╝r eine neue Kultur" (Schrot&Korn, 10/2014) - die auch ein Ort der Nachhaltigkeit ist.

Ein Garten im ├╝bertragenen Sinne, der bestellt und gepflegt werden muss. Die Kultivierung basiert auf dem Prinzip der Sorge um andere und sich selbst. Sie gibt dem Leben Inhalt und Form, so dass die Frage, ob es sich lohnt, morgens aufzustehen, bedeutungslos wird.

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Das Interview mit Michael Herberger (Musiker, Produzent und Gr├╝nder der S├Âhne Mannheims und Gro├čneffe von Sepp Herberger) und Tobias Wrzesinski (stellvertretender Gesch├Ąftsf├╝hrer der DFB-Stiftung Sepp Herberger) zeigt, dass Engagement keine Frage des Geldes ist - und was wir vom ehemaligen Bundestrainer Sepp Herberger, der die deutsche Fu├čball-Nationalmannschaft 1954 zum Weltmeistertitel f├╝hrte, lernen k├Ânnen.

Dazu geh├Âren vor allem Bodenst├Ąndigkeit und der Blick auf das, was wir hier und jetzt ver├Ąndern k├Ânnen. Denn Verantwortung beginnt immer dort, wo wir gerade sind.

ÔÇ×Verachte deinen Ort und deine Stunde nicht"

Interview mit Michael Herberger und Tobias Wrzesinski

_ Was ist Ihre erste Erinnerung an Sepp Herberger?

Michael Herberger: Eigentlich die Erz├Ąhlungen meines Gro├čvaters, der ihn von uns allen - als Neffe - am besten kannte und ihn auch ein St├╝ck weit verehrte. Da meine Eltern beide berufst├Ątig waren, und meine Gro├čeltern im selben Haus wohnten, hab ich sehr viel Zeit bei ihm verbracht und konnte von klein auf eigentlich alle Sepp-Herberger-Spr├╝che auswendig. An ihn selbst habe ich keine Erinnerungen, da ich, als er starb, erst sechs Jahre alt war. Allerdings fuhr ich mit meinem Gro├čvater regelm├Ą├čig nach Hohensachsen zu meiner Urgro├čtante Eva, um sie zum Kaffeetrinken zu besuchen. Sie und mein Gro├čvater hielten dann ein Schw├Ątzchen in der K├╝che, und ich durfte im Wohnzimmer spielen gehen. Da standen nat├╝rlich die unglaublichsten Sachen. Mein Lieblings Spielzeug war eine Replik des Weltmeister Pokals.

_ Weshalb waren Bodenst├Ąndigkeit und gesellschaftliches Engagement ein wesentlicher Teil seines Wesens und Erfolges?

Michael Herberger: Er kam ja aus ganz ├Ąrmlichen Verh├Ąltnissen - das hat er nie vergessen. Ein ganz wichtiger Herberger-Spruch, der leider gar nicht so bekannt ist, ist ja: ÔÇ×Wer ganz oben ist, darf die ganz unten nicht vergessen." Er war ehrgeizig, zielstrebig, integer und blieb immer bodenst├Ąndig. Ich glaube, das verlieh ihm auch eine gewisse Autorit├Ąt, weil er auch immer authentisch bleiben konnte.

_ In ihrem Buch ÔÇ×Die Neuerfindung des Erfolgs" verweist Arianna Huffington auch darauf, dass wir oft vergessen, dass wir t├Ąglich von Chancen und Gelegenheiten umgeben sind, unseren ÔÇ×Wohlt├Ątigkeitssinn" auszuleben. Sie verweist in diesem Zusammenhang auf den Naturforscher John Burroughs, der es bereits im 19. Jahrhunderts so formulierte: ÔÇ×Die gro├če Gelegenheit [ist] dort, wo man gerade ist. Verachte deinen Ort und deine Stunde nicht. Jeder Ort liegt unter den Sternen, jeder Ort ist die Mitte der Welt." Was bedeutet das f├╝r Sie? Und warum nimmt das regionale Engagement in Mannheim eine so wichtige Rolle in Ihrem Leben ein? Welche Projekte bzw. Prozesse liegen Ihnen besonders am Herzen?

Michael Herberger: F├╝r viele Menschen - wenn nicht sogar f├╝r die meisten - ist ihr Leben bestimmt durch ihren relativ kleinen Aktionsradius. Das ist dann der Ort, an dem sie leben. Der wird dann zur Mitte der Welt. Warum sollte man dann anders denken? In einer immer virtueller werdenden Welt verlieren auch viele vermeintlich global Aktionen leider schnell an Haptik. Dazu kommt auch oft das fehlende Feedback. Der ÔÇ×Welt" im Ganzen zu helfen ist sicher nur m├Âglich, wenn viele in ihren M├Âglichkeiten vor Ort, das tun, was sie am besten k├Ânnen. Wir haben vor Jahren mit unserm eigenen Verein einen Bedarf vor Ort gesehen, den wir dann mit dem Projekt ÔÇ×Aufwind-Mannheim" nun erfolgreich decken konnten. Wir unterst├╝tzen 25 Kinder im Grundschulalter im Mannheimer sozialen Brennpunkt ÔÇ×Neckarstadt-West".

_ Weshalb braucht es heute in allen gesellschaftlichen Bereichen eine Neuerfindung des Erfolges, der nicht nur auf Ruhm, Status und Kurzfristdenken gr├╝ndet, sondern auch auf Empathie, Teilhabe und Einsatz f├╝r das Gemeinwohl?

Michael Herberger: Ich glaube, das ist in weiten Teilen schon passiert: Peter Spiegel vom Genisis Institut hat vor kurzem ein sehr interessantes Essay ├╝ber ÔÇ×weQ" verfasst. Letztendlich stelle ich mir die Frage: Was sind wir schon ohne unsere Mitmenschen? Selbst so scheinbar egoistische Dinge wie Ruhm und Status werden ja dadurch definiert, wie unsere Mitmenschen uns sehen. Durch ein sinnvolles Miteinander erreichen wir in jedem Fall mehr als durch egozentrische Einzelaktionen. Spannend wird es dann, wenn in diesem Miteinander der Einzelne den f├╝r ihn richtigen Platz findet. Das ist ja ein urchristliches Konzept.

_ Viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich - ohne ins Licht der ├ľffentlichkeit zu treten. Wie kann dazu beigetragen werden, dass sich die guten Taten Einzelner verst├Ąrken und vervielfachen, bis die Mitte der Gesellschaft erreicht ist? Welche besondere Rolle spielen dabei Musik und Fu├čball?

Michael Herberger: Ich habe den Eindruck, dass die Rolle des Ehrenamtes inzwischen gl├╝cklicherweise viel mehr an Reputation und Bedeutung gewonnen hat, als dies fr├╝her der Fall war. Ich k├Ânnte mir vorstellen, dass dies der Schl├╝ssel ist: Eine h├Âhere Wertsch├Ątzung des Ehrenamtes im Allgemeinen. Und zwar jeder nach seinen M├Âglichkeiten! Warum sollte der Fu├čball- oder Tennis Trainer, der sich einen oder sogar noch mehr Tage in der Woche Zeit nimmt, weniger Wert gesch├Ątzt werden als jemand, der z.B. eine Stiftung gr├╝ndet? Beide tun das, was sie wahrscheinlich am besten k├Ânnen, um uns allen ein bessere Miteinander zu erm├Âglichen.

_ Herr Wrzesinski, Was war der Anlass f├╝r die Gr├╝ndung der DFB-Stiftung Sepp Herberger? Welche Meilensteine sind bis heute damit verbunden?

Tobias Wrzesinski: Der ├Ąu├čere Anlass f├╝r die Errichtung der Sepp-Herberger-Stiftung war der 80. Geburtstag Sepp Herbergers. Die Gr├╝ndung der Stiftung wurde am 28. M├Ąrz 1977 im Mannheimer Barockschloss bekannt gegeben. An diesem Tag feierte Sepp Herberger, der von 1936 bis 1964 die deutsche Fu├čball-Nationalmannschaft betreute und sie 1954 zum ersten WM-Titel f├╝hrte, dort seinen 80. Geburtstag. Das Geschenk des Deutschen Fu├čball-Bundes (DFB) ├╝berbrachte der damalige DFB-Pr├Ąsident Hermann Neuberger. Er gab die Errichtung der Stiftung bekannt, die der DFB mit einem Grundstockverm├Âgen in H├Âhe von einer Million DM ausstattete. In den letzten Jahren gab es zahlreiche bedeutende Meilensteine. Zwei davon m├Âchte ich besonders hervorheben. Im April 1989 wurde die Stiftung mit dem Tod von Eva Herberger Alleinerbin der kinderlosen Eheleute. Mit dem Privatverm├Âgen von Sepp und Eva Herberger helfen wir bis heute in Not geratenen Mitgliedern der oft zitierten ÔÇ×Fu├čballfamilie". Bedeutend war aber auch die umfangreiche Satzungsreform im Jahr 2008. Seit dieser Zeit wirkt die Stiftung prim├Ąr operativ und realisiert eigene Projekte und Initiativen.

_ Welche Rolle hat Michael Herberger als Kuratoriumsmitglied in der DFB-Stiftung Sepp Herberger?

Tobias Wrzesinski: Es ist gut, mit Michael Herberger ein Familienmitglied, einen ÔÇ×echten" Herberger, als Kuratoriumsmitglied an unserer Seite zu wissen. Derzeit geh├Âren 24 Pers├Ânlichkeiten aus dem Fu├čball und dem gesellschaftlichen Leben dem stiftungsinternen Aufsichtsgremium an. Beispielsweise Horst Eckel, Otto Rehhagel, Oliver Kahn, Uwe Seeler, DFB-Generalsekret├Ąr Helmut Sandrock, die fr├╝heren Bundesminister Dr. Rudolf Seiters und Dr. Klaus Kinkel, die Vorsitzende des Bundestags-Sportauschusses Dagmar Freitag, Paralympics-Sieger Wojtek Czyz sowie der Mannheimer Oberb├╝rgermeister Dr. Peter Kurz. Das Kuratorium beschlie├čt ├╝ber die f├╝r die Stiftungsarbeit ma├čgeblichen Entscheidungen, etwa ├╝ber die Freigabe des j├Ąhrlichen Haushaltsplans oder die Entlastung des Vorstandes f├╝r das jeweilige Gesch├Ąftsjahr. Michael Herberger engagiert sich zudem regelm├Ą├čig bei Veranstaltungen f├╝r die Stiftungsarbeit. Gerade k├╝rzlich war er beim j├Ąhrlichen Sepp-Herberger-Tag f├╝r alle Grundschulen in Mannheim mit dabei. Im letzten Jahr nahm er mit den Sch├╝lerinnen und Sch├╝lern der Sepp-Herberger-Grundschule aus Weinheim deren Schullied auf und produzierte f├╝r alle Kinder eine CD mit dem Song.

_ Was tun Sie konkret, um die Anliegen der Stiftung verst├Ąrkt in die Mitte der Gesellschaft zu bringen?

Mit der Blindenfu├čball-Bundesliga gehen wir seit drei Jahren f├╝r den Behindertensport neue Wege, um das Thema Inklusion, das die Stiftung besonders bewegt, in die ├ľffentlichkeit zu bringen. Ein Teil der Spieltage dieser europaweit einzigartigen Spielrunde f├╝r blinde und sehbehinderte Menschen wird in zentraler Innenstadt-Lage durchgef├╝hrt. Etwa in Hamburg vor dem Rathaus, in Stuttgart vor dem Schloss, in Berlin vor dem Reichstag, in Mainz auf dem Gutenbergplatz oder in den kommenden Jahren in Bremen, Dortmund, Freiburg und Landshut. Wir wollen den Menschen unter dem Motto ÔÇ×Mit Fu├čball in die Mitte der Gesellschaft" mitten in der Stadt, mitten in der Gesellschaft, zeigen, dass Menschen mit Behinderungen mitten im Leben stehen. Sie arbeiten, studieren und sie spielen Fu├čball. Warum auch nicht? Ziel ist es, mit diesen Veranstaltungen dazu beizutragen, dass unsere Gesellschaft inklusiver wird, es selbstverst├Ąndlich ist, dass sich Menschen mit und ohne Behinderungen im Alltag begegnen, miteinander leben und miteinander Sport treiben. Damit dies in der Fl├Ąche noch besser gelingt, finanzieren wir in den DFB-Landesverb├Ąnden Inklusionsbeauftragte, die als Ansprechpartner fungieren und die Thematik mit dem ├╝brigen Kerngesch├Ąft der Fu├čballverb├Ąnde vernetzen. Denn beim Thema Inklusion bieten die bundesweit rund 25.500 Fu├čballvereine vielf├Ąltige M├Âglichkeiten.

_ Wie kann bei jungen Menschen eigenst├Ąndiges Denken und Engagement gef├Ârdert werden? Was tut die DFB-Stiftung Sepp Herberger daf├╝r?

Tobias Wrzesinski: Da die Stiftung nicht einen so unmittelbaren Zugang zu Jugendlichen hat wie die Jugendabteilungen der Fu├čballvereine, sind die M├Âglichkeiten naturgem├Ą├č begrenzt. F├╝r junge Menschen engagieren wir uns insbesondere im Strafvollzug. Sepp Herberger selbst hatte im September 1970 erstmals eine Haftanstalt besucht und sich dieses Wirken anschlie├čend zur Lebensaufgabe gemacht. In der Stiftung lebt dieses Verm├Ąchtnis fort. Heute bem├╝hen wir uns zusammen mit der Bundesagentur f├╝r Arbeit (BA) im Rahmen der Resozialisierungsinitiative ÔÇ×Ansto├č f├╝r ein neues Leben" daf├╝r, mit jungen Straft├Ąterinnen und Straft├Ątern w├Ąhrend der Inhaftierung eine Perspektive f├╝r die Zeit danach zu erarbeiten. Zusammen mit den beteiligten Institutionen der Justiz, der BA und den jeweiligen DFB-Landesverb├Ąnden geben wir Anst├Â├če und Hilfestellungen. Wohl wissend, dass diese Unterst├╝tzungen nur dann erfolgreich sein k├Ânnen, wenn die beteiligten Jugendlichen diese Chancen ergreifen und eigenst├Ąndig nutzen. Wichtig ist, dass man sie dabei begleitet und den Jugendstrafgefangenen, die allesamt Fehler gemacht und anderen Menschen mitunter schlimmes Leid zugef├╝gt haben, auch Vertrauen entgegen bringt.

_ Stimmen Sie dem Philosophen David Letterman zu, der 2013 darauf verwies, herausgefunden zu haben, ÔÇ×dass man einzig dadurch wirklich gl├╝cklich werden kann, dass man jemandem etwas Gutes tut, dass derjenige aus eigener Kraft nicht zu tun in der Lage ist." Welche Beispiele aus Ihrer Stiftungsarbeit m├Âchten Sie vor diesem Hintergrund besonders hervorheben?

Tobias Wrzesinski: Ob ich das Zitat an der Stelle ÔÇ×einzig dadurch" mittrage, bezweifele ich. Es gibt, denke ich an meine Familie, auch ganz andere Wege zum Gl├╝ck. Worauf David Lettermann hinaus will, ist der f├Ârdernde Teil der Stiftungsarbeit. Die Hilfe f├╝r Menschen in Not und dies nicht erst seit 2013, sondern von Beginn an. In diesem Kontext sind Beispiele aus dem DFB-Sozialwerk zu nennen. Diese Einrichtung wurde bereits in den 1950er-Jahren geschaffen und 1977 in der Stiftung institutionalisiert. Wir helfen hier ÔÇ×Fu├čballern", die unverschuldet in Not geraten sind. Prim├Ąr geht es um Hilfestellungen bei schweren Erkrankungen oder nach Unf├Ąllen und schlimmen Schicksalsschl├Ągen. Bis heute setzen wir daf├╝r vor allem das Privatverm├Âgen von Sepp und Eva Herberger ein - ganz so, wie es die beiden in ihrem Testament verf├╝gt haben. Unsere Hilfe erfolgt stets im Stillen, meist auf Hinweis von Fu├čballvereinen oder den DFB-Landesverb├Ąnden. In den letzten Jahren haben wir beispielsweise die Anschaffung von Sportprothesen finanziert, Hinterbliebene bei Todesf├Ąllen unterst├╝tzt, Reha-Ma├čnahmen gef├Ârdert oder (medizinische) Kontakte vermittelt.

_ Was bedeutet f├╝r Sie Erfolg im Fu├čball?

Tobias Wrzesinski: Erfolg im Fu├čball ist nach meiner Ansicht - ganz nach DFB-Ehrenpr├Ąsident Egidius Braun - sicher mehr als ein 1:0. Ich denke, Erfolg im Fu├čball hat drei Dimensionen: eine sportliche, eine wirtschaftliche und eine gesellschaftliche. Beim Fu├čball geht es um fairen Wettstreit, daher hat Erfolg immer mit sportlichem Erfolg auf dem Spielfeld zu tun. ÔÇ×Die Wahrheit liegt auf dem Platz", wie es Otto Rehhagel einmal gesagt hat. Dar├╝ber hinaus hat Erfolg im Fu├čball gerade im Bereich der Lizenzligen mit wirtschaftlichem Erfolg zu tun. Die Klubs sind l├Ąngst zu mittelst├Ąndischen Unternehmen geworden. Der Gesamtumsatz der Bundesliga lag in der Saison 2012/13 bei 2,17 Milliarden Euro, in der 2. Liga bei 419 Millionen Euro. Aus seiner exponierten gesellschaftlichen Stellung kommt dem Fu├čball heute ein gesteigertes Ma├č an gesellschaftlicher Verantwortung zu. Der Fu├čball kann sicher nicht die Welt retten, gleichwohl bieten sich ihm heute besondere Chancen und M├Âglichkeiten, gesellschaftlich zu wirken. Beispielsweise k├Ânnen sehr viele Menschen mit unterschiedlichen Botschaften erreicht werden. Nehmen Sie das bereits erw├Ąhnte Thema ÔÇ×Inklusion": Wenn es uns gelingt, die ÔÇ×Fu├čballfamilie" mit etwa 6,8 Millionen Mitgliedschaften in rund 25.500 bundesdeutschen Fu├čballvereinen f├╝r diese Thematik zu sensibilisieren, ist schon viel erreicht. Immer mehr Akteure aus dem Fu├čball erkennen ihre Verantwortung, engagieren sich f├╝r unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche und Initiativen - regional, national und teilweise auch europa- und weltweit. Dabei greifen bereits knapp drei Dutzend Verb├Ąnde, Vereine und Einzelsportler auf Stiftungen zur├╝ck. Dies unterstreicht sicher die Ernsthaftigkeit des jeweiligen Engagements, denn das einmal in die Stiftung eingebrachte Kapital ist dort in der Regel f├╝r die Ewigkeit gebunden. In dieser Hinsicht sind Stiftungen sicher besonders nachhaltige Rechtsformen.

_ Weshalb verlieren Menschen das Vertrauen in die Zukunft, wenn sie sie selbst nicht mehr aktiv gestalten?

Tobias Wrzesinski: Ist es nicht so, dass man an Motivation verliert, wenn man das Gef├╝hl hat, nicht aktiv zu gestalten, gar fremdbestimmt zu sein? Das kann in der Folge gelegentlich sicher auch zu Vertrauensverlust und zu einem ÔÇ×die da oben - wir da unten"-Denken f├╝hren. Wie schaffen wir es, noch mehr Menschen aktiv in gesellschaftliche Prozesse einzubinden? Welche Partizipationsm├Âglichkeiten k├Ânnen wir ├╝ber bestehende Angebote hinaus noch anbieten? Diese Diskussion wird insbesondere in der Politik mit Blick auf regional sinkende Wahlbeteiligungen gef├╝hrt. Im Fu├čball gibt es vielf├Ąltige M├Âglichkeiten f├╝r aktive Mitarbeit. Insbesondere im Breitenfu├čball sind die Klubs auf ehrenamtliche Funktionstr├Ąger und Mitarbeiter angewiesen. Menschen hierf├╝r zu begeistern und sie f├╝r unterschiedliche T├Ątigkeiten zu gewinnen und zu qualifizieren, sind und bleiben sicher auch in Zukunft wichtige Aufgaben. Ein Ehrenamt aktiv auszu├╝ben, das Leben in den Verb├Ąnden und Vereinen aktiv mitzugestalten ist sicher alles andere als antiquiert und stiftet Freude und Zufriedenheit.

_ Arianna Huffington ist davon ├╝berzeugt, dass es in der Verantwortung der Medien liegt, das Engagement von Sozialunternehmern und gemeinn├╝tzigen Organisationen herauszustellen, damit wir in der Gesellschaft ÔÇ×funktionierende Modelle ausweiten und vervielfachen k├Ânnen". Welche Erfahrungen haben Sie diesbez├╝glich mit den Medien gemacht? Und was muss passieren, um den guten Nachrichten k├╝nftig mehr Raum zu geben?

Tobias Wrzesinski: Um mit der letzten Frage zu beginnen: Die Welt und mit ihr die Menschen... solange der M├Ârder immer noch die beste Presse hat, die Sensation m├Âglichst negativ ist - haben die guten Nachrichten keine echte Chance. Mit unserem Stiftungswirken bewegen wir uns medial gesehen in einer Nische. ├ťber unsere Aktivit├Ąten und Veranstaltungen wird vor allem in Online-Medien berichtet, aber wir bestimmen nicht die Haupt-Nachrichten in den Sportteilen. Dort geht es um Themen der Nationalmannschaft und den Liga-Wettbewerb. Mit Blick auf die Leser und deren Erwartungen ist das sicher nachvollziehbar. Kaum jemand w├╝rde den Kicker kaufen, in der Erwartung, dort ├╝ber die Stiftungsarbeit informiert zu werden. Wir partizipieren aber mittelbar an der allgemeinen Berichterstattung ├╝ber den Fu├čball. Diese best├Ątigt und best├Ąrkt die Begeisterung f├╝r den Fu├čball und genau diese Begeisterung ist es, die unser Engagement erm├Âglicht.

Michael Herberger: Medien tragen wesentlich zur gesellschaftlichen Meinungsbildung bei. Ich bin der ├ťberzeugung, dass jede Generation viele Errungenschaften der vorangegangenen Generation ├╝bernimmt. Ich beobachte bei vielen jungen Menschen unter 25 eine hohe soziale Kompetenz und ein gro├čes Interesse daran, sich f├╝r die Gesellschaft zu engagieren. Vielleicht w├Ąre das ein guter Ansatz, diese jungen Leute in ihren Bestrebungen so gut es geht zu unterst├╝tzen, damit wir eine nachwachsende Generation bekommen, die das Motto ÔÇ×Geben ist besser f├╝r die Seele als Nehmen" komplett verinnerlicht hat.

Das Interview entstand im Rahmen der Burgthanner Dialoge 2014.

Zu den Personen:

Tobias Wrzesinski, Jahrgang 1983, ist seit 2009 stellvertretender Gesch├Ąftsf├╝hrer der DFB-Stiftungen Egidius Braun und Sepp Herberger. Nach Abitur und Zivildienst absolvierte er ein Diplom-Studium der Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Sportmanagement und Sportmarketing an der SRH Hochschule Heidelberg, das er von 2011 - 2013 um ein berufsbegleitendes MBA-Studium an der Friedrich-Schiller-Universit├Ąt Jena erg├Ąnzte. Wrzesinski ist selbst aktiver Fu├čball-Schiedsrichter und war w├Ąhrend des Studiums Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Er ist Mitglied der ÔÇ×Gesichter der Nachhaltigkeit" und Mitbegr├╝nder der Initiative ÔÇ×Fu├čball stiftet Zukunft".

Weitere Informationen:
DFB-Stiftung Sepp Herberger

Michael Herberger, Jahrgang 1971, ist in Mannheim geboren und aufgewachsen. Er ist Diplom-Biologe mit Hauptfach Molekularbiologie und studierte an der Universit├Ąt Heidelberg. Herberger ist Mitbegr├╝nder der "S├Âhne Mannheims" sowie deren Produzent, Musikalischer Leiter, Komponist und bis 2012 Keyboarder der SM-Liveband. Weiterhin ist Michael Herberger Gesch├Ąftsf├╝hrender Gesellschafter der Firma "Naidoo-Herberger-Produktion", die in Mannheim einen Komplex mit zehn Tonstudios betreibt und den Gro├čteil der Musik rund um Xavier Naidoo produziert. Er ist zweifacher Echo-Gewinner und erhielt mehrfache Gold- und Platinauszeichnungen f├╝r verschiedene CD- Produktionen. Der von ihm mitgegr├╝ndete Mannheimer Verein "Aufwind" unterst├╝tzt und f├Ârdert seit Jahren Grundschulkinder im sozialen Brennpunkt Mannheim Neckarstadt-West. Michael Herberger ist Urgro├čneffe des ehemaligen Bundestrainers Sepp Herberger und Mitglied im Kuratorium der gleichnamigen DFB-Stiftung sowie Aufsichtsratsmitglied der Popakademie Baden-W├╝rttemberg.

Weitere Informationen:
Naidoo Herberger Produktion
AUFWIND Mannheim