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Warum aufstehen? Der Weckruf zur Neuerfindung des Erfolgs

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Start with Why

Nicht was wir tun, sondern warum wir etwas tun, ist entscheidend fĂŒr den Erfolg unserer Handlung. Schreibt Simon Sintek in seinem Bestseller "Start with Why" (2009), in dem es um das einfache Konzept des "Golden Circle" (Warum-Wie-Was) geht: Erfolgreiche Menschen, Unternehmen und Organisationen stellen das Warum (die Vision) in den Mittelpunkt und verlieren niemals diesen Zielmagnetismus aus den Augen.

Alles, was sie tun, basiert auf dieser einen Frage: Warum stehe ich morgens auf? Wer keine Antwort darauf hat, kann auch mit der Trias Weisheit, Staunen und GroßzĂŒgigkeit nichts anfangen. Doch gerade sie machen heute die „Neuerfindung des Erfolgs" aus, die Arianna Huffington in ihrem gleichnamigen aktuellen Buch beschreibt.

KĂŒrzlich gab der SĂ€nger Phil Collins der britischen Zeitung „Mirror" ein Interview, in dem er sagte, dass er nicht weiß, warum er morgens aufstehen soll, obwohl er auf eine erfolgreiche Karriere zurĂŒckblicken kann: ĂŒber 250 Millionen verkaufte TontrĂ€ger, sieben Grammys und ein Oscar.

Er litt in den vergangenen Jahren unter Depressionen und versuchte, seine Einsamkeit und die drei gescheiterten Ehen mit Alkohol zu bekĂ€mpfen. Sein Arzt erklĂ€rte ihm schließlich: „Ich kann Sie vom Trinken wegbringen. Aber ich kann Ihnen keinen Grund geben, morgens aufzustehen." (Focus, 1.10.2014)

Gesunde Erfolgsmuskeln können nur aufgebaut werden, wenn auch unsere WohltĂ€tigkeitsmuskeln tĂ€glich trainiert werden - dann verĂ€ndert sich dadurch auch unser eigenes Leben. Das sind wichtige Kernbotschaften des Buches von Arianna Huffington, die hier eine Vielzahl von Geschichten erzĂ€hlt, die sich mit unserem instinktiven BedĂŒrfnis beschĂ€ftigen, etwas fĂŒr andere zu tun.

Mit der Generation Y verbindet sie die Hoffnung, dass sie mit Technik umgehen und sie einsetzen kann, dass die FĂ€higkeit zur Empathie verstĂ€rkt wird. Das bestĂ€tigen auch aktuelle Studien. So sind die Kinder der Jahrtausendwende fĂŒhrend, wenn es um die Beteiligung an freiwilliger Sozialarbeit geht (43 Prozent von ihnen engagieren sich dafĂŒr). Unter Collegestudierenden ist die Zahl sogar noch höher.

Sie plĂ€diert dafĂŒr, das BedĂŒrfnis, Verbindungen aufzubauen und etwas zurĂŒckzugeben, zu erweitern und zu institutionalisieren. Wie es der Autor und Unternehmer Seth Godin ausdrĂŒckt: Die Ironie des „Gebens, um etwas zu bekommen" liegt darin, dass es lĂ€ngst nicht so gut funktioniert wie reines Geben: „Blogger, die fĂŒr jedes investierte Wort den Profit messen, Twitterer, die die Plattform als Werbemedium fĂŒr sich selbst nutzen, statt sie als Mittel sehen, um anderen zu helfen, und solche, die fĂŒr Wikipedia und Ă€hnliche Projekte keine BeitrĂ€ge schreiben, weil dabei nichts fĂŒr sie rausspringt... solche Leute begreifen nicht, worum es geht...

Es ist nicht schwer zu erkennen, wer aus den richtigen GrĂŒnden zur Internet-Gemeinde gehört. Wir sehen es daran, was du schreibst und wie du handelst. Und das sind die Leute, auf die wir hören und denen wir vertrauen."

Geburtshelfer fĂŒr eine neue Kultur

Es verwundert nicht, dass auch in den Blogs die Philosophie einen besonderen Stellenwert einnimmt. (In meinem Blog in der Huffington Post werden jene BeitrĂ€ge am meisten geteilt.) Dass Arianna Huffington auch in ihrem Buch darauf verweist, ist selbsterklĂ€rend, denn die Philosophen wissen und wussten schon immer, „dass unser Wohlbefinden stark mit unserem MitgefĂŒhl und unserer Bereitschaft großzĂŒgig zu sein, verbunden ist".

In diesem Zusammenhang zitiert sie Seneca, der im Jahr 63 schrieb: „Niemand kann glĂŒcklich leben, der nur sich sieht, der alles zu seinem eigenen Nutzen wendet." Erst aus dem MitgefĂŒhl heraus entstehen der Geist der Hilfsbereitschaft und die Kraft des Handelns. Doch wie können persönliches Engagement und Verantwortungspartnerschaften ganz selbstverstĂ€ndlich ins alltĂ€gliche Leben integriert werden?

Corporate Citizenship ist in Deutschland noch nicht so sehr verbreitet wie in den USA. HĂ€ufig wird der Einsatz fĂŒr das Gemeinwohl vielerorts immer noch als lĂ€stige Pflicht verstanden, fĂŒr die in erster Linie der Sozialstaat zustĂ€ndig ist. Ganz anders ist die Situation in den USA, wo der Sozialstaat seit je schwach ausgeprĂ€gt ist.

Ein historischer RĂŒckblick: Als William McCormick Blair 1935 in Chicago eine kleine Investmentbank grĂŒndete, wollte er zunĂ€chst nur Firmen in und um Chicago mit gĂŒnstigen Krediten, Finanzberatung und Auftragsvermittlung beim Aufbau unterstĂŒtzen. Doch schnell wurde die Bank eine begehrte Anlaufstelle fĂŒr Unternehmer in der Krise.

Der Erfolg motivierte Blair, der auch das Gemeinwohl im Blick haben wollte. Das war die Geburtsstunde des Corporate Citizenship: Unternehmer und Manager als gute BĂŒrger. Der StĂ€rkere schaut mehr auf den SchwĂ€cheren.

Arianna Huffington ist davon ĂŒberzeugt, dass es in der Verantwortung der Medien liegt, das Engagement von Privatpersonen, Sozialunternehmern und gemeinnĂŒtzigen Organisationen herauszustellen, damit wir in der Gesellschaft „funktionierende Modelle ausweiten und vervielfachen können". Doch leider wird das, was nachhaltig und richtig ist, oft ohne Leidenschaft und zu abstrakt vermittelt. Oder zu laut.

Der deutsche Physiker und Essayist Hans-Peter DĂŒrr hat einmal gesagt: „Ein wachsender Wald macht weniger Krach als ein fallender Baum. Lasst uns auf den wachsenden Wald lauschen." In den Medien dominieren die Probleme. Dabei gĂ€be es viele Geschichten und alternative ZukunftsentwĂŒrfe, ĂŒber die es sich lohnen wĂŒrde zu schreiben.

FĂŒr den Umweltjournalisten Geseko von LĂŒpke, der darauf verweist, dass es in Europa bereits 70 Millionen Menschen gibt, die ihr Leben und ihre Werte bereits neu ausgerichtet haben, sollten Medienvertreter heute „Sterbebegleiter sein fĂŒr ein abgewirtschaftetes System und zugleich Geburtshelfer fĂŒr eine neue Kultur" (Schrot&Korn, 10/2014) - die auch ein Ort der Nachhaltigkeit ist.

Ein Garten im ĂŒbertragenen Sinne, der bestellt und gepflegt werden muss. Die Kultivierung basiert auf dem Prinzip der Sorge um andere und sich selbst. Sie gibt dem Leben Inhalt und Form, so dass die Frage, ob es sich lohnt, morgens aufzustehen, bedeutungslos wird.

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Das Interview mit Michael Herberger (Musiker, Produzent und GrĂŒnder der Söhne Mannheims und Großneffe von Sepp Herberger) und Tobias Wrzesinski (stellvertretender GeschĂ€ftsfĂŒhrer der DFB-Stiftung Sepp Herberger) zeigt, dass Engagement keine Frage des Geldes ist - und was wir vom ehemaligen Bundestrainer Sepp Herberger, der die deutsche Fußball-Nationalmannschaft 1954 zum Weltmeistertitel fĂŒhrte, lernen können.

Dazu gehören vor allem BodenstÀndigkeit und der Blick auf das, was wir hier und jetzt verÀndern können. Denn Verantwortung beginnt immer dort, wo wir gerade sind.

„Verachte deinen Ort und deine Stunde nicht"

Interview mit Michael Herberger und Tobias Wrzesinski

_ Was ist Ihre erste Erinnerung an Sepp Herberger?

Michael Herberger: Eigentlich die ErzĂ€hlungen meines Großvaters, der ihn von uns allen - als Neffe - am besten kannte und ihn auch ein StĂŒck weit verehrte. Da meine Eltern beide berufstĂ€tig waren, und meine Großeltern im selben Haus wohnten, hab ich sehr viel Zeit bei ihm verbracht und konnte von klein auf eigentlich alle Sepp-Herberger-SprĂŒche auswendig. An ihn selbst habe ich keine Erinnerungen, da ich, als er starb, erst sechs Jahre alt war. Allerdings fuhr ich mit meinem Großvater regelmĂ€ĂŸig nach Hohensachsen zu meiner Urgroßtante Eva, um sie zum Kaffeetrinken zu besuchen. Sie und mein Großvater hielten dann ein SchwĂ€tzchen in der KĂŒche, und ich durfte im Wohnzimmer spielen gehen. Da standen natĂŒrlich die unglaublichsten Sachen. Mein Lieblings Spielzeug war eine Replik des Weltmeister Pokals.

_ Weshalb waren BodenstÀndigkeit und gesellschaftliches Engagement ein wesentlicher Teil seines Wesens und Erfolges?

Michael Herberger: Er kam ja aus ganz Ă€rmlichen VerhĂ€ltnissen - das hat er nie vergessen. Ein ganz wichtiger Herberger-Spruch, der leider gar nicht so bekannt ist, ist ja: „Wer ganz oben ist, darf die ganz unten nicht vergessen." Er war ehrgeizig, zielstrebig, integer und blieb immer bodenstĂ€ndig. Ich glaube, das verlieh ihm auch eine gewisse AutoritĂ€t, weil er auch immer authentisch bleiben konnte.

_ In ihrem Buch „Die Neuerfindung des Erfolgs" verweist Arianna Huffington auch darauf, dass wir oft vergessen, dass wir tĂ€glich von Chancen und Gelegenheiten umgeben sind, unseren „WohltĂ€tigkeitssinn" auszuleben. Sie verweist in diesem Zusammenhang auf den Naturforscher John Burroughs, der es bereits im 19. Jahrhunderts so formulierte: „Die große Gelegenheit [ist] dort, wo man gerade ist. Verachte deinen Ort und deine Stunde nicht. Jeder Ort liegt unter den Sternen, jeder Ort ist die Mitte der Welt." Was bedeutet das fĂŒr Sie? Und warum nimmt das regionale Engagement in Mannheim eine so wichtige Rolle in Ihrem Leben ein? Welche Projekte bzw. Prozesse liegen Ihnen besonders am Herzen?

Michael Herberger: FĂŒr viele Menschen - wenn nicht sogar fĂŒr die meisten - ist ihr Leben bestimmt durch ihren relativ kleinen Aktionsradius. Das ist dann der Ort, an dem sie leben. Der wird dann zur Mitte der Welt. Warum sollte man dann anders denken? In einer immer virtueller werdenden Welt verlieren auch viele vermeintlich global Aktionen leider schnell an Haptik. Dazu kommt auch oft das fehlende Feedback. Der „Welt" im Ganzen zu helfen ist sicher nur möglich, wenn viele in ihren Möglichkeiten vor Ort, das tun, was sie am besten können. Wir haben vor Jahren mit unserm eigenen Verein einen Bedarf vor Ort gesehen, den wir dann mit dem Projekt „Aufwind-Mannheim" nun erfolgreich decken konnten. Wir unterstĂŒtzen 25 Kinder im Grundschulalter im Mannheimer sozialen Brennpunkt „Neckarstadt-West".

_ Weshalb braucht es heute in allen gesellschaftlichen Bereichen eine Neuerfindung des Erfolges, der nicht nur auf Ruhm, Status und Kurzfristdenken grĂŒndet, sondern auch auf Empathie, Teilhabe und Einsatz fĂŒr das Gemeinwohl?

Michael Herberger: Ich glaube, das ist in weiten Teilen schon passiert: Peter Spiegel vom Genisis Institut hat vor kurzem ein sehr interessantes Essay ĂŒber „weQ" verfasst. Letztendlich stelle ich mir die Frage: Was sind wir schon ohne unsere Mitmenschen? Selbst so scheinbar egoistische Dinge wie Ruhm und Status werden ja dadurch definiert, wie unsere Mitmenschen uns sehen. Durch ein sinnvolles Miteinander erreichen wir in jedem Fall mehr als durch egozentrische Einzelaktionen. Spannend wird es dann, wenn in diesem Miteinander der Einzelne den fĂŒr ihn richtigen Platz findet. Das ist ja ein urchristliches Konzept.

_ Viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich - ohne ins Licht der Öffentlichkeit zu treten. Wie kann dazu beigetragen werden, dass sich die guten Taten Einzelner verstĂ€rken und vervielfachen, bis die Mitte der Gesellschaft erreicht ist? Welche besondere Rolle spielen dabei Musik und Fußball?

Michael Herberger: Ich habe den Eindruck, dass die Rolle des Ehrenamtes inzwischen glĂŒcklicherweise viel mehr an Reputation und Bedeutung gewonnen hat, als dies frĂŒher der Fall war. Ich könnte mir vorstellen, dass dies der SchlĂŒssel ist: Eine höhere WertschĂ€tzung des Ehrenamtes im Allgemeinen. Und zwar jeder nach seinen Möglichkeiten! Warum sollte der Fußball- oder Tennis Trainer, der sich einen oder sogar noch mehr Tage in der Woche Zeit nimmt, weniger Wert geschĂ€tzt werden als jemand, der z.B. eine Stiftung grĂŒndet? Beide tun das, was sie wahrscheinlich am besten können, um uns allen ein bessere Miteinander zu ermöglichen.

_ Herr Wrzesinski, Was war der Anlass fĂŒr die GrĂŒndung der DFB-Stiftung Sepp Herberger? Welche Meilensteine sind bis heute damit verbunden?

Tobias Wrzesinski: Der Ă€ußere Anlass fĂŒr die Errichtung der Sepp-Herberger-Stiftung war der 80. Geburtstag Sepp Herbergers. Die GrĂŒndung der Stiftung wurde am 28. MĂ€rz 1977 im Mannheimer Barockschloss bekannt gegeben. An diesem Tag feierte Sepp Herberger, der von 1936 bis 1964 die deutsche Fußball-Nationalmannschaft betreute und sie 1954 zum ersten WM-Titel fĂŒhrte, dort seinen 80. Geburtstag. Das Geschenk des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ĂŒberbrachte der damalige DFB-PrĂ€sident Hermann Neuberger. Er gab die Errichtung der Stiftung bekannt, die der DFB mit einem Grundstockvermögen in Höhe von einer Million DM ausstattete. In den letzten Jahren gab es zahlreiche bedeutende Meilensteine. Zwei davon möchte ich besonders hervorheben. Im April 1989 wurde die Stiftung mit dem Tod von Eva Herberger Alleinerbin der kinderlosen Eheleute. Mit dem Privatvermögen von Sepp und Eva Herberger helfen wir bis heute in Not geratenen Mitgliedern der oft zitierten „Fußballfamilie". Bedeutend war aber auch die umfangreiche Satzungsreform im Jahr 2008. Seit dieser Zeit wirkt die Stiftung primĂ€r operativ und realisiert eigene Projekte und Initiativen.

_ Welche Rolle hat Michael Herberger als Kuratoriumsmitglied in der DFB-Stiftung Sepp Herberger?

Tobias Wrzesinski: Es ist gut, mit Michael Herberger ein Familienmitglied, einen „echten" Herberger, als Kuratoriumsmitglied an unserer Seite zu wissen. Derzeit gehören 24 Persönlichkeiten aus dem Fußball und dem gesellschaftlichen Leben dem stiftungsinternen Aufsichtsgremium an. Beispielsweise Horst Eckel, Otto Rehhagel, Oliver Kahn, Uwe Seeler, DFB-GeneralsekretĂ€r Helmut Sandrock, die frĂŒheren Bundesminister Dr. Rudolf Seiters und Dr. Klaus Kinkel, die Vorsitzende des Bundestags-Sportauschusses Dagmar Freitag, Paralympics-Sieger Wojtek Czyz sowie der Mannheimer OberbĂŒrgermeister Dr. Peter Kurz. Das Kuratorium beschließt ĂŒber die fĂŒr die Stiftungsarbeit maßgeblichen Entscheidungen, etwa ĂŒber die Freigabe des jĂ€hrlichen Haushaltsplans oder die Entlastung des Vorstandes fĂŒr das jeweilige GeschĂ€ftsjahr. Michael Herberger engagiert sich zudem regelmĂ€ĂŸig bei Veranstaltungen fĂŒr die Stiftungsarbeit. Gerade kĂŒrzlich war er beim jĂ€hrlichen Sepp-Herberger-Tag fĂŒr alle Grundschulen in Mannheim mit dabei. Im letzten Jahr nahm er mit den SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern der Sepp-Herberger-Grundschule aus Weinheim deren Schullied auf und produzierte fĂŒr alle Kinder eine CD mit dem Song.

_ Was tun Sie konkret, um die Anliegen der Stiftung verstÀrkt in die Mitte der Gesellschaft zu bringen?

Mit der Blindenfußball-Bundesliga gehen wir seit drei Jahren fĂŒr den Behindertensport neue Wege, um das Thema Inklusion, das die Stiftung besonders bewegt, in die Öffentlichkeit zu bringen. Ein Teil der Spieltage dieser europaweit einzigartigen Spielrunde fĂŒr blinde und sehbehinderte Menschen wird in zentraler Innenstadt-Lage durchgefĂŒhrt. Etwa in Hamburg vor dem Rathaus, in Stuttgart vor dem Schloss, in Berlin vor dem Reichstag, in Mainz auf dem Gutenbergplatz oder in den kommenden Jahren in Bremen, Dortmund, Freiburg und Landshut. Wir wollen den Menschen unter dem Motto „Mit Fußball in die Mitte der Gesellschaft" mitten in der Stadt, mitten in der Gesellschaft, zeigen, dass Menschen mit Behinderungen mitten im Leben stehen. Sie arbeiten, studieren und sie spielen Fußball. Warum auch nicht? Ziel ist es, mit diesen Veranstaltungen dazu beizutragen, dass unsere Gesellschaft inklusiver wird, es selbstverstĂ€ndlich ist, dass sich Menschen mit und ohne Behinderungen im Alltag begegnen, miteinander leben und miteinander Sport treiben. Damit dies in der FlĂ€che noch besser gelingt, finanzieren wir in den DFB-LandesverbĂ€nden Inklusionsbeauftragte, die als Ansprechpartner fungieren und die Thematik mit dem ĂŒbrigen KerngeschĂ€ft der FußballverbĂ€nde vernetzen. Denn beim Thema Inklusion bieten die bundesweit rund 25.500 Fußballvereine vielfĂ€ltige Möglichkeiten.

_ Wie kann bei jungen Menschen eigenstĂ€ndiges Denken und Engagement gefördert werden? Was tut die DFB-Stiftung Sepp Herberger dafĂŒr?

Tobias Wrzesinski: Da die Stiftung nicht einen so unmittelbaren Zugang zu Jugendlichen hat wie die Jugendabteilungen der Fußballvereine, sind die Möglichkeiten naturgemĂ€ĂŸ begrenzt. FĂŒr junge Menschen engagieren wir uns insbesondere im Strafvollzug. Sepp Herberger selbst hatte im September 1970 erstmals eine Haftanstalt besucht und sich dieses Wirken anschließend zur Lebensaufgabe gemacht. In der Stiftung lebt dieses VermĂ€chtnis fort. Heute bemĂŒhen wir uns zusammen mit der Bundesagentur fĂŒr Arbeit (BA) im Rahmen der Resozialisierungsinitiative „Anstoß fĂŒr ein neues Leben" dafĂŒr, mit jungen StraftĂ€terinnen und StraftĂ€tern wĂ€hrend der Inhaftierung eine Perspektive fĂŒr die Zeit danach zu erarbeiten. Zusammen mit den beteiligten Institutionen der Justiz, der BA und den jeweiligen DFB-LandesverbĂ€nden geben wir AnstĂ¶ĂŸe und Hilfestellungen. Wohl wissend, dass diese UnterstĂŒtzungen nur dann erfolgreich sein können, wenn die beteiligten Jugendlichen diese Chancen ergreifen und eigenstĂ€ndig nutzen. Wichtig ist, dass man sie dabei begleitet und den Jugendstrafgefangenen, die allesamt Fehler gemacht und anderen Menschen mitunter schlimmes Leid zugefĂŒgt haben, auch Vertrauen entgegen bringt.

_ Stimmen Sie dem Philosophen David Letterman zu, der 2013 darauf verwies, herausgefunden zu haben, „dass man einzig dadurch wirklich glĂŒcklich werden kann, dass man jemandem etwas Gutes tut, dass derjenige aus eigener Kraft nicht zu tun in der Lage ist." Welche Beispiele aus Ihrer Stiftungsarbeit möchten Sie vor diesem Hintergrund besonders hervorheben?

Tobias Wrzesinski: Ob ich das Zitat an der Stelle „einzig dadurch" mittrage, bezweifele ich. Es gibt, denke ich an meine Familie, auch ganz andere Wege zum GlĂŒck. Worauf David Lettermann hinaus will, ist der fördernde Teil der Stiftungsarbeit. Die Hilfe fĂŒr Menschen in Not und dies nicht erst seit 2013, sondern von Beginn an. In diesem Kontext sind Beispiele aus dem DFB-Sozialwerk zu nennen. Diese Einrichtung wurde bereits in den 1950er-Jahren geschaffen und 1977 in der Stiftung institutionalisiert. Wir helfen hier „Fußballern", die unverschuldet in Not geraten sind. PrimĂ€r geht es um Hilfestellungen bei schweren Erkrankungen oder nach UnfĂ€llen und schlimmen SchicksalsschlĂ€gen. Bis heute setzen wir dafĂŒr vor allem das Privatvermögen von Sepp und Eva Herberger ein - ganz so, wie es die beiden in ihrem Testament verfĂŒgt haben. Unsere Hilfe erfolgt stets im Stillen, meist auf Hinweis von Fußballvereinen oder den DFB-LandesverbĂ€nden. In den letzten Jahren haben wir beispielsweise die Anschaffung von Sportprothesen finanziert, Hinterbliebene bei TodesfĂ€llen unterstĂŒtzt, Reha-Maßnahmen gefördert oder (medizinische) Kontakte vermittelt.

_ Was bedeutet fĂŒr Sie Erfolg im Fußball?

Tobias Wrzesinski: Erfolg im Fußball ist nach meiner Ansicht - ganz nach DFB-EhrenprĂ€sident Egidius Braun - sicher mehr als ein 1:0. Ich denke, Erfolg im Fußball hat drei Dimensionen: eine sportliche, eine wirtschaftliche und eine gesellschaftliche. Beim Fußball geht es um fairen Wettstreit, daher hat Erfolg immer mit sportlichem Erfolg auf dem Spielfeld zu tun. „Die Wahrheit liegt auf dem Platz", wie es Otto Rehhagel einmal gesagt hat. DarĂŒber hinaus hat Erfolg im Fußball gerade im Bereich der Lizenzligen mit wirtschaftlichem Erfolg zu tun. Die Klubs sind lĂ€ngst zu mittelstĂ€ndischen Unternehmen geworden. Der Gesamtumsatz der Bundesliga lag in der Saison 2012/13 bei 2,17 Milliarden Euro, in der 2. Liga bei 419 Millionen Euro. Aus seiner exponierten gesellschaftlichen Stellung kommt dem Fußball heute ein gesteigertes Maß an gesellschaftlicher Verantwortung zu. Der Fußball kann sicher nicht die Welt retten, gleichwohl bieten sich ihm heute besondere Chancen und Möglichkeiten, gesellschaftlich zu wirken. Beispielsweise können sehr viele Menschen mit unterschiedlichen Botschaften erreicht werden. Nehmen Sie das bereits erwĂ€hnte Thema „Inklusion": Wenn es uns gelingt, die „Fußballfamilie" mit etwa 6,8 Millionen Mitgliedschaften in rund 25.500 bundesdeutschen Fußballvereinen fĂŒr diese Thematik zu sensibilisieren, ist schon viel erreicht. Immer mehr Akteure aus dem Fußball erkennen ihre Verantwortung, engagieren sich fĂŒr unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche und Initiativen - regional, national und teilweise auch europa- und weltweit. Dabei greifen bereits knapp drei Dutzend VerbĂ€nde, Vereine und Einzelsportler auf Stiftungen zurĂŒck. Dies unterstreicht sicher die Ernsthaftigkeit des jeweiligen Engagements, denn das einmal in die Stiftung eingebrachte Kapital ist dort in der Regel fĂŒr die Ewigkeit gebunden. In dieser Hinsicht sind Stiftungen sicher besonders nachhaltige Rechtsformen.

_ Weshalb verlieren Menschen das Vertrauen in die Zukunft, wenn sie sie selbst nicht mehr aktiv gestalten?

Tobias Wrzesinski: Ist es nicht so, dass man an Motivation verliert, wenn man das GefĂŒhl hat, nicht aktiv zu gestalten, gar fremdbestimmt zu sein? Das kann in der Folge gelegentlich sicher auch zu Vertrauensverlust und zu einem „die da oben - wir da unten"-Denken fĂŒhren. Wie schaffen wir es, noch mehr Menschen aktiv in gesellschaftliche Prozesse einzubinden? Welche Partizipationsmöglichkeiten können wir ĂŒber bestehende Angebote hinaus noch anbieten? Diese Diskussion wird insbesondere in der Politik mit Blick auf regional sinkende Wahlbeteiligungen gefĂŒhrt. Im Fußball gibt es vielfĂ€ltige Möglichkeiten fĂŒr aktive Mitarbeit. Insbesondere im Breitenfußball sind die Klubs auf ehrenamtliche FunktionstrĂ€ger und Mitarbeiter angewiesen. Menschen hierfĂŒr zu begeistern und sie fĂŒr unterschiedliche TĂ€tigkeiten zu gewinnen und zu qualifizieren, sind und bleiben sicher auch in Zukunft wichtige Aufgaben. Ein Ehrenamt aktiv auszuĂŒben, das Leben in den VerbĂ€nden und Vereinen aktiv mitzugestalten ist sicher alles andere als antiquiert und stiftet Freude und Zufriedenheit.

_ Arianna Huffington ist davon ĂŒberzeugt, dass es in der Verantwortung der Medien liegt, das Engagement von Sozialunternehmern und gemeinnĂŒtzigen Organisationen herauszustellen, damit wir in der Gesellschaft „funktionierende Modelle ausweiten und vervielfachen können". Welche Erfahrungen haben Sie diesbezĂŒglich mit den Medien gemacht? Und was muss passieren, um den guten Nachrichten kĂŒnftig mehr Raum zu geben?

Tobias Wrzesinski: Um mit der letzten Frage zu beginnen: Die Welt und mit ihr die Menschen... solange der Mörder immer noch die beste Presse hat, die Sensation möglichst negativ ist - haben die guten Nachrichten keine echte Chance. Mit unserem Stiftungswirken bewegen wir uns medial gesehen in einer Nische. Über unsere AktivitĂ€ten und Veranstaltungen wird vor allem in Online-Medien berichtet, aber wir bestimmen nicht die Haupt-Nachrichten in den Sportteilen. Dort geht es um Themen der Nationalmannschaft und den Liga-Wettbewerb. Mit Blick auf die Leser und deren Erwartungen ist das sicher nachvollziehbar. Kaum jemand wĂŒrde den Kicker kaufen, in der Erwartung, dort ĂŒber die Stiftungsarbeit informiert zu werden. Wir partizipieren aber mittelbar an der allgemeinen Berichterstattung ĂŒber den Fußball. Diese bestĂ€tigt und bestĂ€rkt die Begeisterung fĂŒr den Fußball und genau diese Begeisterung ist es, die unser Engagement ermöglicht.

Michael Herberger: Medien tragen wesentlich zur gesellschaftlichen Meinungsbildung bei. Ich bin der Überzeugung, dass jede Generation viele Errungenschaften der vorangegangenen Generation ĂŒbernimmt. Ich beobachte bei vielen jungen Menschen unter 25 eine hohe soziale Kompetenz und ein großes Interesse daran, sich fĂŒr die Gesellschaft zu engagieren. Vielleicht wĂ€re das ein guter Ansatz, diese jungen Leute in ihren Bestrebungen so gut es geht zu unterstĂŒtzen, damit wir eine nachwachsende Generation bekommen, die das Motto „Geben ist besser fĂŒr die Seele als Nehmen" komplett verinnerlicht hat.

Das Interview entstand im Rahmen der Burgthanner Dialoge 2014.

Zu den Personen:

Tobias Wrzesinski, Jahrgang 1983, ist seit 2009 stellvertretender GeschĂ€ftsfĂŒhrer der DFB-Stiftungen Egidius Braun und Sepp Herberger. Nach Abitur und Zivildienst absolvierte er ein Diplom-Studium der Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Sportmanagement und Sportmarketing an der SRH Hochschule Heidelberg, das er von 2011 - 2013 um ein berufsbegleitendes MBA-Studium an der Friedrich-Schiller-UniversitĂ€t Jena ergĂ€nzte. Wrzesinski ist selbst aktiver Fußball-Schiedsrichter und war wĂ€hrend des Studiums Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Er ist Mitglied der „Gesichter der Nachhaltigkeit" und MitbegrĂŒnder der Initiative „Fußball stiftet Zukunft".

Weitere Informationen:
DFB-Stiftung Sepp Herberger

Michael Herberger, Jahrgang 1971, ist in Mannheim geboren und aufgewachsen. Er ist Diplom-Biologe mit Hauptfach Molekularbiologie und studierte an der UniversitĂ€t Heidelberg. Herberger ist MitbegrĂŒnder der "Söhne Mannheims" sowie deren Produzent, Musikalischer Leiter, Komponist und bis 2012 Keyboarder der SM-Liveband. Weiterhin ist Michael Herberger GeschĂ€ftsfĂŒhrender Gesellschafter der Firma "Naidoo-Herberger-Produktion", die in Mannheim einen Komplex mit zehn Tonstudios betreibt und den Großteil der Musik rund um Xavier Naidoo produziert. Er ist zweifacher Echo-Gewinner und erhielt mehrfache Gold- und Platinauszeichnungen fĂŒr verschiedene CD- Produktionen. Der von ihm mitgegrĂŒndete Mannheimer Verein "Aufwind" unterstĂŒtzt und fördert seit Jahren Grundschulkinder im sozialen Brennpunkt Mannheim Neckarstadt-West. Michael Herberger ist Urgroßneffe des ehemaligen Bundestrainers Sepp Herberger und Mitglied im Kuratorium der gleichnamigen DFB-Stiftung sowie Aufsichtsratsmitglied der Popakademie Baden-WĂŒrttemberg.

Weitere Informationen:
Naidoo Herberger Produktion
AUFWIND Mannheim