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Warum Aufgabe und Handwerk von Politik heute "unfassbar" geworden sind - und jeder selbst ans Werk gehen sollte

01/06/2017 17:43 CEST | Aktualisiert 01/06/2017 17:43 CEST
Tetra Images via Getty Images

„Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd", sagte schon Otto Bismarck. Dass PolitikerInnen kaum geglaubt wird, liegt daran, dass Parteien vor Wahlen Dinge versprechen, die sie danach nicht erfüllen.

Auch sind viele PolitikerInnen, die sich in den mit der Macht verbundenen Privilegien gemütlich eingerichtet haben, keine Charaktere, sondern nur Charakterspieler, die eines nicht tun: Themen, von denen sie überzeugt ist, offen anzusprechen - „auch wenn für sie im Augenblick noch kein politischer Markt da ist" (Frank Schirrmacher).

Viele sind nicht in der Lage, nachhaltige Ziele so zu handhaben, dass diese mit den kurzfristigen, auch populistischen Wünschen harmonieren. Beim Skatspiel heißt es „Ober sticht Unter" - in der Politik gilt häufig: „Kurzfrist sticht Langfrist".

In der 17. Shell Jugendstudie von 2015 bezeichnen sich 41 Prozent der Jugendlichen zwar als politisch interessiert (2002 waren es 30 Prozent), doch von dem wachsenden Politikinteresse können die etablierten Parteien kaum profitieren, da Jugendliche den Parteien wenig Vertrauen entgegenbringen.

Das gilt auch für Großunternehmen, Kirchen und Banken. Am meisten vertrauen Jugendliche Polizei, Gerichten sowie Menschenrechts- und Umweltschutzgruppen.

Für ihre Verweigerungshaltung werden vor allem politische Gründe angegeben, Nichtwählen sei weniger ein Resultat von persönlicher Lethargie, Desinteresse oder gar Zufriedenheit mit dem Gang der Dinge.

Vielmehr artikulieren die NichtwählerInnen ein deutliches Unbehagen mit der Art und Weise, wie Politik betrieben werde: Sie fühlen sich wenig beachtet und beklagen, dass Politik nur mehr Machterhalt bedeute und PolitikerInnen für Probleme wie Arbeits- und Perspektivlosigkeit, Armut, Unsicherheit, Umweltzerstörung und die „Sorgen und Nöte der kleinen Leute" kein Ohr hätten.

Die Skepsis vor allem junger Menschen, ob es den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft wirklich ernst ist mit der Transformation, gewinnt auch gegenwärtig immer wieder neue Nahrung.

Politik und Wahlkampf sind Handwerk, das die entsprechenden Werkzeuge 21.0 braucht. Es nützt aber nichts, sie nur zu „haben" - entscheidend ist ihre Anwendung und die Fähigkeit, sich im Unbekannten zurechtzufinden - „dann, wenn die Standorte ungewiss, die Ziele beweglich und die Wege vielfältig sind".

In seinem Buch „Navigieren in Zeiten des Umbruchs" beschreibt der Managementvordenker Prof. Fredmund Malik die neuen Methoden des Navigierens in einer Neuen Welt, darunter auch Denkprinzipien und Regeln des Handelns bei Ungewissheit und hoher Komplexität, die auch ein Grund für viele lokale und globale Krisen ist.

Zuverlässig Orientierung zu bekommen, ist auch für Politiker zu einer großen Herausforderung geworden. Deshalb gehört es auch für sie zu den Kernaufgaben der Führung, Wege zu finden, auf denen „es" dennoch geht.

Das ist eine enorme Herausforderung, denn nicht nur große Wirtschaftstanker, sondern auch Ministerien sind heute aufgrund überholter Methoden, eines falschen Managementverständnisses und veralteter Strukturen überfordert, langsam, ineffizient und gelähmt.

Neue Zeiten erfordern ein neues Denken sowie neue Instrumente des Regulierens, Steuerns, Lenkens und Gestaltens. Es geht darum, das Ganze permanent im Auge zu behalten, aber auch Details nicht aus dem Blick zu verlieren - auch und gerade in Zeiten großer Unruhe.

Politiker, die langfristig ausgerichtet sind, greifen Strömungen in Richtung Nachhaltigkeit auf und setzen sich dafür ein, dass sie in Gesetze und Verordnungen eingearbeitet werden.

Vorangehen müssen allerdings immer wir: „Wenn aus wenigen Köpfen immer mehr werden, wenn die Vorreiter die anderen mitziehen, wird irgendwann wie bei einer atomaren Kettenreaktion die kritische Masse erreicht sein, und dann kippt das alte System", sagt der Unternehmer und Autor Georg Schweisfurth. Voraussetzung ist allerdings, dass sich der Staat auch als Impulsgeber für bürgerliches Engagement sieht und Social Media zur Bürgerbindung genutzt wird.

In der Geschichte waren es immer Einzelne oder Minderheiten, die den Anstoß für gesellschaftliche und politische Verbesserungen gegeben haben und sich für Demokratie einsetzten, so wie es der Liedermacher Hannes Wader bemerkte: „Wie wäre die Weltgeschichte verlaufen, wenn es die vielen Mosaiksteinchen, die Helfer, Vorkämpfer, nicht gegeben hätten?"

Die politische Gestaltung unserer Gesellschaft und Welt können wir nicht allein den Politikern überlassen, sondern müssen sie selbst in die Hand nehmen.

Eine wichtige Frage steht dabei im Mittelpunkt: „Was steht in meiner Macht?" Was kann ich „wirklich" beeinflussen? Bereits der Philosoph Epiktet machte deutlich, dass wir zwar nicht immer alles können „können", aber dennoch in der Lage sind, mehr zu tun, als wir glauben. Epiktet fordert wie Seneca, dass wir uns frei von falschen Vorstellungen an die Ausgestaltung der uns gegebenen Möglichkeiten machen sollten, um darin einen Standpunkt zu finden und mit uns ins Reine kommen.

Im aktuellen Google-Magazin beschreibt die Bloggerin Kira Brück, wie sie in ihrer Freizeit ganz mit sich im Reinen an ihrem Internetauftritt arbeitet und im Kleinen die Welt verbessert. Dabei verweist sie auf die Psychologin Heike Kaiser-Kehl, die sich sicher ist: „Wer Herzblut in eine Sache steckt, kann nur gewinnen. Dabei werden wir uns bewusst, dass wir mit dem eigenen Tun (!) etwas bewirken."

Weitere Informationen:

TUN! Warum wir Könner brauchen, um die Zukunft meisterlich zu gestalten. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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