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Warum Anfängergeist, Eigensinn und Fokussierung zum Erfolg führen und Steve Jobs mit Goethe verwandt ist

06/02/2014 08:58 CET | Aktualisiert 08/04/2014 11:12 CEST

Die Verwandtschaft von Goethe und Steve Jobs verdankt sich der Macht ihrer charismatischen Persönlichkeit, die mit dem „Grundwahren" ihres Lebens, das keinen Aufschub duldete, eng verbunden ist. Sie hatten Mut und ein Gespür für den richtigen Moment. Dass manches nicht fertig wurde, machte ihnen nichts aus. Und wenn etwas stockte, haben sie einfach etwas Neues begonnen. Sie hatten Anfängergeist und konnten sicher sein, dass immer etwas nachkam. Für sie gelten allerdings Goethes Worte in besonderer Weise: „Alles gaben Götter die unendlichen / Ihren Lieblingen ganz / Alle Freuden die unendlichen / Alle Schmerzen die unendlichen ganz."

Geleitet wurden sie von dem, was der Management-Experte Hermann Scherer heute „Zielmagnetismus" nennt: einer Anziehungskraft, die stark genug ist, das Ziel gegen alle Widerstände zu erreichen. Goethe war davon überzeugt, dass bei tätigen Naturen die innere Zielgerichtetheit, die Entelechie, mit dem Tod noch nicht verbraucht ist. Der Dichter und der Unternehmer sind durch das, was sie von innen heraus taten, etwas „geworden" und wurden nicht von außen „gemacht". Auch fehlte ihnen dazu die Biegsamkeit, die sich nicht mit einem ausgeprägten Eigensinn verträgt. „Bloß nicht zum Kriecher bei den Mächtigen werden" war schon ein fester Vorsatz von Goethe, obwohl er sich häufig unnahbar gab und selbst steif wirkte. Allerdings erkannte er auch, dass das auf Dauer sehr viel Energie verbraucht und die eigene Kreativität lähmt.

Eine steife Lebenshaltung tötet Innovationen schon im Keim und bügelt Ecken und Kanten glatt. Organisationen erstarren, wenn „Steifi" gleiche Charaktere einstellt und befördert. Ein solches System wird in der Folge immer mittelmäßiger und verpasst es, rechtzeitig auf Veränderungen zu reagieren. Steve Jobs setzte deshalb auf Bewerber, deren Antworten oft gar nicht so wichtig waren, sondern vor allem die Art, wie sie antworteten. Ihm kam es darauf an, dass sie sich für Apple überschlugen. Talent und Leidenschaft zählten für ihn mehr als die Tatsache, dass Technologie in ihrem bisherigen Leben keine Rolle spielte.

Er traf Bewerber, ohne sich an eine festgelegte Agenda zu halten. Niemals war er Opfer einer bestimmten Perspektive. Zu seinen Kernprinzipien gehörte es, nur die Besten einzustellen: die „A-Leute". Sein Motto: „Sobald du jemanden aus der B-Kategorie einstellst, fängt er an, andere Bs und Cs ins Boot zu holen." (Jay Elliot, Steve Jobs. iLeadership, 2011). Zur Kategorie A konnte jeder gehören, solange er genug Talent und Leidenschaft mitbrachte. Mit den besten Menschen können die besten Produkte hergestellt werden - deshalb war ihm ein Managementethos wichtig, das so viel Energie wie möglich freisetzt, um zu erreichen, dass jeder in der Organisation denselben Motivationsgrad und Schwung entwickelt wie er selbst.

Entscheidend für den Erfolg der Marke Apple war, dass sich alle Beteiligten auch als Teil der Produkte verstanden, die sexy waren und Sinn machten. „Apple braucht deshalb keine Übertreibungen, keine heiße Luft, nicht einmal ein Markenimage, das über die Produktqualität hinausstrahlen soll, weil die Produktqualität stimmt", bemerkt Philipp Riederle zu Recht in seinem Buch „Wer wir sind und was wir wollen", in dem er das Wesen der Generation Y beschreibt. Ganzheitliche Produktentwicklung heißt: offen für Neues sein und zu fühlen, dass es etwas Besseres, Besonderes und Perfektes ist.

Eine „Apple-Organisation" spricht die neue Generation besonders an, weil sie sich nach einer Umgebung sehnt, in der ihre Ideen anerkannt und gewürdigt werden, und wo sie sich als Teil eines großen Ganzen fühlen kann. Wie Goethe und Steve Jobs haben sie kaum Vertrauen in Politik und Märkte - vielmehr sind auch sie sich bewusst, dass sie nur Vertrauen in sich selbst haben können und selbst der Markt sind. Von beiden lässt sich lernen, wie sich der Umfang des eigenen Lebenskreises selbst bestimmen lässt, dass Unruhe und Unzufriedenheit die innere und äußere Welt nachhaltig bewegen, denn es gibt immer etwas zu gestalten (Goethe) und zu verbessern (Steve Jobs). Damit verbunden war bei beiden eine ständige Aufnahmebereit und Weltoffenheit - ein weiteres Charakteristikum der Ypsiloner.

Allerdings waren Goethe und Steve Jobs auch klug genug, sich nicht durch den Zufluss der Realität innerlich überschwemmen zu lassen. Innerer Zusammenhalt war bei Goethe mit dem „unentbehrlichen, scharfen, selbstischen Prinzip" verbunden, das einem Menschen etwas Kompaktes und Undurchdringliches gibt. Dazu gehört auch, dass beide, wenn sie sich mit einer Aufgabe intensiv und leidenschaftlich beschäftigten, alles andere um sie herum kaum wahrnahmen. Um etwas hervorbringen zu können, mussten sie sich vorher „abschließen". Im Moment der Entscheidung(sfindung) waren sie dann geradezu autistisch. Dennoch verloren sie das Big Picture nie aus den Augen.

Sie haben viel gemeinsam mit den von Hermann Scherer beschriebenen „Glückskindern", „denn sie setzen für das, was zu erledigen ist, keine zur Tätigkeit passenden Termine, sondern sie bestimmen schlicht, was für sie Priorität hat". Auch hat Goethe nur so viel Welt in sich aufgenommen, wie er auch verarbeiten konnte. Was sich nicht produktiv verwerten ließ, vernachlässigte er. Die Fähigkeit, Dinge auszublenden und Aufmerksamkeit zu bündeln, um die eigene Aufgabe so gut wie möglich zu erfüllen, „weil man im Leben nur eine begrenzte Anzahl von Dingen tun kann" (Jay Elliot), hatte auch Steve Jobs. Fokussierung und Konzentration waren ihm ein fundamentales Bedürfnis. Das betrifft auch die Generation Y, der häufig Oberflächlichkeit auch in ihrer Recherche vorgeworfen wird: „Wir schauen auch nicht beliebig, sondern sehr gezielt", schreibt Philipp Riederle über das Internetverhalten der Digital Natives.

Wie Goethe verbannte Steve Jobs alles andere aus seinem Blickfeld und Geist, bis er die notwendige Ent-Scheidung im Sinne einer Scheidekunst getroffen hat. Ohne „gesunden" Egoismus als Selbstbehauptung kann allerdings keine wirksame Entscheidung gelingen, denn der Schwerpunkt der eigenen Tätigkeit braucht das Unabgelenkte und den Mittelpunkt des eigenen Schaffens. Die eigenen Ideen sind bei Goethe und Steve Jobs mit der Verpflichtung verbunden, sich um sie zu kümmern, damit sie sich manifestieren können. Und weil sie das taten, wurden sie immer neu inspiriert. Perfektion und Detailverliebtheit sind entscheidende Aspekte des Erfolges von Steve Jobs. Über diesen Umweg - bei Goethe war es eine ausgeprägte Pedanterie - konnte ihre Leichtigkeit und Lust auf die Welt wieder neu entdeckt werden. Was sie hinterlassen haben, ist sichtbar gemachte Liebe. Und Liebe ist alles.

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