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Wachsende Hoffnung: Wie geflüchtete Menschen in Seelengärten Frieden finden

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GARDEN
Klaus Vedfelt via Getty Images
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Gastbeitrag von Keya Choudhury

Mehr als „nur" ein Trend

Mit der Bewegung des Urbanen Gärtnerns ist eine Vielzahl interessanter Gartenformen entstanden. Sie unterscheiden sich in ihrer Größe und Organisationsform sowie hinsichtlich der Motivation und der Möglichkeiten, sich aktiv einzubringen. In Gemeinschafts- oder Stadtteilgärten gelingen nachbarschaftliches Engagement und die Teilhabe unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen.

Privatpersonen, Kindergartenkinder, Schulklassen, Jugendliche, Frauen, Menschen mit Einschränkungen und Seniorengruppen begrünen ein Stück Fläche und nutzen sie. Austauschen, gestalten, voneinander lernen, gemeinsam wachsen und etwas wachsen lassen stehen dabei im Mittelpunkt - sowohl beim eigenen Gartenprojekt als auch bei der Vernetzung mit bereits vorhandenen Gärten im Sozialraum.

Die ersten Schritte sind schwer

Als Fundraiserin für einen Gemeinschaftsgarten in Berlin habe ich die Erfahrung gemacht, dass es nicht reicht, Menschen, die gerade in Deutschland angekommen sind, einzuladen, Hochbeete mit zu bewirtschaften. Wir dachten, wir machen ein attraktives Angebot - doch die Resonanz war geringer, als wir uns erhofft hatten. Nach Gesprächen mit den Sozialteams unterschiedlicher Wohnheime wurde sehr schnell klar: Noch kommen die Menschen nicht in unsere Gärten, wir müssen die Gärten zu den Menschen bringen. Dies war der Beginn der Seelengärten.

Was tun wir?

soulgardenberlin entwickelt urbane Gärten als Orte des persönlichen Wachstums für und mit Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Förderung einer aktiven Mitgestaltung seitens der Angekommenen. Dahinter steckt der Gedanke, dass Menschen, die ihr Land und ihre gewohnte Umgebung verlassen mussten, in mehrfacher Hinsicht von solchen Oasen profitieren:

1. Indem sie einen Garten aktiv mitgestalten, aufbauen und pflegen erhalten sie eine Aufgabe, die sie für einen Moment über ihre aktuelle unsichere Situation hinwegtröstet.

2. Sich gemeinsam der Gartenarbeit zu widmen schafft Raum, um sich aus der Isolation zu bewegen und sich auszutauschen.

3. Menschen, die noch keinen festen Aufenthaltsstatus und -ort besitzen, erhalten die Möglichkeit, Verantwortung zu für sich und die Gemeinschaft zu übernehmen.

4. Der biologische Anbau von Kräutern, Obst und Gemüse liefert gleichzeitig einen wertvollen Beitrag zur gesunden Ernährung.

Soulgardenberlin hat mittlerweile drei Standorte in Berlin aufgebaut und einen Ableger in Hessen gegründet. Inzwischen erhalten wir auch Anfragen aus anderen Bundesländern. Da wir nur eine begrenzte Anzahl von Gärten selbst bewirtschaften können, sind wir dazu übergegangen, unser Wissen und unsere Erfahrung zu teilen und Interessierte und Ehrenamtliche zu schulen.

Diese Schulungen richten sich an Menschen mit und ohne grünen Daumen, die urbanes Gärtnern in ihre Einrichtung tragen und praktisch erproben möchten. Zum anderen sind alle Interessierten willkommen, die vorhandene Gärten in sozialen Einrichtungen mitnutzen, Kooperationen initiieren und Urbanes Gärtnern im Sozialraum stärken möchten.

Wie arbeiten wir?

Mit einer regelmäßigen, psychosozialen Begleitung machen wir ein niedrigschwelliges Angebot für Geflüchtete, das ihrem Bedürfnis nach Wohlbefinden, Gesundheit und Stressabbau gerecht wird. Über den Ansatz des partizipativen, inklusiven Gartenbaus werden Menschen ermuntert, selbst aktiv zu werden und an unserer Gesellschaft teilzuhaben.

Geflüchtete Menschen profitieren in vielerlei Hinsicht:

• Belebung der Eigeninitiative und der Eigenarbeit

• Sinngebung durch produktive Beschäftigung bei Arbeitslosigkeit und Einsamkeit

• Teilweise Selbstversorgung mit Gemüse und Kräutern

• Stärkung des Demokratiegedankens über Beteiligung der Zielgruppe bei Entscheidungen betreffend der Gartengestaltung und Umsetzung

• Stärkung des psychosozialen Wohlbefindens

Planung, Gestaltung und Aufbau der Seelengärten erfolgt nach folgenden Leitlinien:

1. Wertschätzende Atmosphäre

2. Aktives Mitwirken aller Beteiligten und Interessierten bei der Ideenfindung und Planung (Ideenwerkstatt)

3. Einbringen unterschiedlicher Kenntnisse, Fähigkeiten und Interessen bei der Umsetzung (Holzarbeiten, Bau von Sitzgelegenheiten, gärtnerische Tätigkeiten, Gestaltung)

4. Berücksichtigung unterschiedlicher Bedürfnisse und Wünsche bei der Nutzung, Vorbeugen von Nutzungskonflikten

5. Erfahrungsaustausch vor dem Hintergrund unterschiedlicher kultureller Herkunft zur Förderung des interkulturellen Dialogs

6. Stärkung der Beteiligten, um den Garten auch nach dem Ende des Projektes weiterzuführen (Nachhaltigkeit)

Zur Person:

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Foto: Keya Choudhury

Keya Choudhury ist Geschäftsführerin der soulgardenberlin gUG, die sie 2016 gegründet hat. Die gemeinnützige Organisation entwickelt sogenannte Seelengärten - Entwicklungsräume gemeinsam mit unterschiedlichen Zielgruppen. Hier können Menschen - je nach Bedarf und Lebenssituation - Ruhe finden, sich austauschen, aktiv und selbstwirksam werden.

Die Diplom-Ingenieurin ist auch Inhaberin der Agentur Choudhury, die im Jahr 2003 gegründet wurde. Unterstützt werden Bildungsträger, Regierungsorganisationen und Nichtregierungsorganisationen bei der Vorbereitung, Durchführung und Evaluierung von Umwelt- und Bildungsprojekten auf internationaler Ebene sowie auf Bundesebene. Die laufende Arbeit schließt auch die Erstellung von Konzepten sowie die Beschaffung von Fördermitteln ein.

Im Auftrag verschiedener Bundesministerien führt sie Trainings zur interkulturellen Kommunikation und Verhandlungsführung für ausreisende Experten durch.

Keya Choudhury war mehrere Jahre bei der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in Rom tätig. Als Projektleiterin bei einem Think Tank für angewandte Umweltforschung hat sie sich intensiv mit Fragen des Europäischen Naturschutzes beschäftigt. Keya Choudhury hat von 1987 bis 1992 Gartenbauwissenschaften an der TU München studiert sowie einen Aufbaustudiengang Gewässermanagement an der TU Braunschweig abgeschlossen.

Weitere Informationen:

soulgardenberlin. Lernen. Wachsen. Teilhaben.

Unterwegs Wurzeln schlagen: Mobile Seelengärten für Geflüchtete