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Vorbereitung auf die VUKA-Welt: Warum die Zukunft der Arbeit heute anfängt

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In den vergangenen Jahren hat sich die Art und Weise, wie wir heute leben und arbeiten durch digitale Transformation und disruptive Technologien rasant verändert. Heute wird von einer Welt der Unbeständigkeit, der Ungewissheit, der Komplexität und der Mehrdeutigkeiten gesprochen. Doch was braucht es, um sich auf diese VUKA-Welt vorzubereiten und die Zukunft erfolgreich zu gestalten? Immer mehr Menschen werden künftig in der „digitalen Wirtschaft" arbeiten, die keinen festen Arbeitsplatz, keinen festen Arbeitgeber und keine festen Arbeitszeiten haben. Was das für den Einzelnen und die Gesellschaft bedeutet, erläutert Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Leiterin des Fraunhofer-Instituts ISI sowie Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und Technologie-Management am EnTechnon im Karlsruher Institut für Technologie (KIT), im folgenden Interview.

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Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl (Foto: Franz Wamhof)

Wie wird Arbeit künftig gestaltet sein?

Die Arbeitswelt der Zukunft wird sich deutlich von jener unterscheiden, die wir heute kennen - das ist zumindest eine Erkenntnis einer neuen Studie, die sich mit dem digitalen Wandel der Arbeitswelt befasst und die das Fraunhofer ISI im Auftrag der Vodafone-Stiftung realisiert hat: Die heutige Arbeitswelt ist geprägt durch relativ feste Berufsstrukturen sowie fachspezifische Aus- und Weiterbildung.

Im Gegensatz dazu werden sich in der zukünftigen Arbeitswelt viele Tätigkeitsprofile an der Mensch-Maschine-Schnittstelle ähneln, auf lange Sicht werden sich Berufsbilder mehr und mehr von Branchengrenzen lösen.

Welche Voraussetzungen braucht es dafür?

Es muss und wird quer über Branchen hinweg mehr fachübergreifende und fachunabhängige Qualifizierungsanforderungen geben, wozu auch digitale Grundkompetenzen sowie universelle Fähigkeiten gehören. Fachbezogenes Wissen hingegen rückt zunehmend in den Hintergrund.

Was müssen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vor allem (neu) lernen?

Besonders wichtig ist, dass sie sich in einer projektbasierten Arbeitswelt noch besser vermarkten und ihre Selbstorganisation und Vernetzungsfähigkeit stärken. Im Zusammenhang damit muss sich auch die Führungskultur ändern - weg von starren Hierarchien und hin zu mehr Verantwortung für den einzelnen Mitarbeiter beziehungsweise die einzelne Mitarbeiterin. Aufgrund der vielen atypischen Beschäftigungsverhältnisse und der Teilzeitarbeit gewinnen Koordinationsaufgaben stark an Bedeutung.

An welchen Orten wird gearbeitet werden?

Die digitale Revolution wird es Unternehmen und Arbeitnehmern erlauben, noch flexibler zu agieren - aber sie wird es auch erfordern. Ich gehe davon aus, dass feste Arbeitszeiten und -orte in Zukunft immer unattraktiver werden. Dies hängt vor allem mit dem Trend zu individualisierten Lebensstilen und Familienstrukturen zusammen. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels besteht für Unternehmen deshalb die Notwendigkeit, qualifizierte Fachkräfte stärker und länger an sich zu binden. Beispielsweise könnten sie ihren Mitarbeitern vermehrt Flexibilisierungsmöglichkeiten wie Arbeiten von daheim oder individuelle Teilzeitlösungen anbieten.

Welche Änderungen sind in Produktionsumgebungen zu erwarten?

Vor allem im Industriebereich und bei Routinearbeiten wird die Automatisierung und Vernetzung von Maschinen und Prozessen die Zukunft prägen. Zum Einsatz kommen etwa sensorgesteuerte Maschinen und Roboter in Produktionsstraßen, On-demand-Logistik mit automatisierter Lagerverwaltung und Lieferdrohnen oder Roboter in Arbeitsumgebungen und -situationen, die für Menschen gefährlich wären. Vor allem solche gefährlichen Orte werden also seltener Arbeitsplätze sein.

Laut einer Studie des Fraunhofer ISI zum Thema Robotik, die für die EU-Kommission erstellt wurde, wird der Einsatz von Industrierobotern voraussichtlich zu mehr Effizienz und Produktivität bei Arbeits- und Produktionsprozessen führen und die Wettbewerbsfähigkeit steigern. Wichtig ist dabei zu wissen, dass Unternehmen mit Industrierobotern weitaus seltener Produktionskapazitäten auslagern - Automatisierung und Digitalisierung können also dazu beitragen, Produktionskapazitäten sowie Kompetenzen und damit Arbeitsplätze in Deutschland und Europa zu halten.

Welche persönlichen und gesellschaftlichen Veränderungen sind mit dem digitalen Wandel verbunden?

Für diese Frage spielen die gesellschaftlichen Werte eine wichtige Rolle. Schon jetzt ist ein Sinnes- und Wertewandel in Richtung Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung, Kreativität und Schaffung von Freiräumen zu erkennen, der sich vermutlich verstärken wird. Politik und Arbeitgeber sollten berücksichtigen, dass viele Menschen eher arbeiten um zu leben statt leben um zu arbeiten. Zudem werden die Lebensstile immer individueller - ob im Hinblick auf den unterschiedlichen Umgang mit dem demografischen Wandel oder im Hinblick auf neue Familienstrukturen. In diesem Zusammenhang werden auch digitale Dienstleistungen sowie die Vernetzungsmöglichkeiten für Kundinnen und Kunden immer wichtiger, wie schon jetzt viele Unternehmen im Bereich der Sharing Economy zeigen, ob nun Airbnb, BlaBlaCar oder Uber.

Was ist Ihrer Meinung nach positiv zu sehen?

... dass Arbeit - beispielsweise durch die Möglichkeit, von daheim zu arbeiten - nicht immer an einen festen Ort gebunden ist, was die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben fördert. Durch die ständig mögliche Erreichbarkeit im Privatleben besteht jedoch auch das Risiko, dass die notwendige Distanz zwischen Beruflichem und Privatem fehlt. Hier müssen Lösungen ausgehandelt werden, um die Technik positiv zu nutzen, sich aber nicht benutzen zu lassen und sich den technischen Möglichkeiten unterzuordnen.

Im Kontext der Digitalisierung steigen auch die gesellschaftlichen Anforderungen an Produkte und deren Herstellung. Welche sind das?

Wenn Produkte in Zukunft komplexer, Qualitätsanforderungen höher und Unternehmen flexibler werden müssen, kann dies nur mit einem entsprechend geschulten und erfahrenen Fachpersonal gelingen. Dessen Arbeitsinhalte werden sich aufgrund neuer Aufgaben wandeln - und ebenso die Anforderungen.

Da beispielsweise Routinearbeiten vermehrt von Robotern übernommen werden, geht der Trend hin zur Wissensgesellschaft. Hier ist es wichtig, frühzeitig die richtige Bildungspolitik zu etablieren, um das Risiko für zunehmende gesellschaftliche Ungleichheit und für große Konflikte zwischen „Digitalisierungsgewinnern" und „Digitalisierungsverlierern" zu verringern: Eine wichtige Erkenntnis der bereits zu Beginn erwähnten Studie für die Vodafone-Stiftung zur Digitalisierung der Arbeitswelt ist, dass es in Zukunft neben einer fachspezifischen Ausbildung auch immer mehr auf die Vermittlung universeller Fähigkeiten und digitalen Kompetenzen ankommen wird. Zudem sollten Möglichkeiten, Chancen und Risiken beruflicher Selbstständigkeit sowie der Selbstorganisation und -vermarktung Bestandteil zukünftiger Lehrpläne sein. Gut wären auch zentrale Zertifizierungsinstanzen für die branchen-übergreifende Gültigkeit von Zertifikaten.

Wie werden Arbeit und Leben in einer digitalisierten Welt künftig organisiert sein?

Die Arbeit wird flexibler und individueller sein. Die Digitalisierung wird atypische Beschäftigungsmodelle wie flexible Teilzeitarbeit oder Heimarbeit begünstigen. Zudem wird es neue Arbeitsformen wie Crowdsourcing und Clickworking geben: In immer mehr Unternehmen werden Menschen in häufig wechselnden Teams und Projekten sowie auf teilweise freiberuflicher Basis zusammenarbeiten.

Sowohl Hoch- als auch Geringqualifizierte müssen sich und ihre Arbeitskraft stärker selbst vermarkten, um auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft bessere Chancen zu haben, für interessierte Unternehmen tätig zu werden. Neben einer guten Selbstvermarktung werden auch eine effiziente Selbstorganisation, die „digitale Reputation", Praxiserfahrungen und die Fähigkeit zur Vernetzung immer wichtiger für den beruflichen Erfolg. Dann gilt es, die eigenen Kompetenzen vermehrt durch branchen-übergreifend gültige Zertifikate nachzuweisen und diese zusammen mit anderen Lern- und Leistungsdaten beispielsweise in Online-Berufsnetzwerken einzusetzen und Unternehmen zur Verfügung zu stellen.

Wie werden sich Unternehmen in den nächsten Jahren organisieren (müssen)? Wie sehen Führung und Leadership dann aus?

Gerade im Zuge der Digitalisierung und angetrieben durch die „Sharing Economy" tun sich für Unternehmen in Zukunft neue Möglichkeiten auf: So zeigte eine Studie des Fraunhofer ISI, in der die Potenziale kollaborativer Wirtschaftsformen in der Industrie untersucht wurden, dass Industriebetriebe untereinander beispielsweise Tauschbeziehungen eingehen und davon profitieren können. In einer industriell-kollaborativen Wirtschaft gehen die Produkte nicht mehr automatisch in den Besitz von Kunden über, sondern werden lediglich temporär genutzt. Dabei spielen intermediäre dritte Akteure wie etwa Betreiber von Online-Plattformen eine besondere Rolle. Beispiele sind mobile Vor-Ort-Produktionsanlagen von Herstellern für ihre Kunden oder neue industrielle Online-Leasingbörsen, auf denen Betriebe ihre eigenen Maschinen und Werkzeuge oder ganze Produktionsanlagen anderen Unternehmen zur entgeltlichen Nutzung anbieten.

Wodurch wird die industriell-kollaborative Digitalwirtschaft noch begünstigt?

Bei der Entwicklung von Produkten und Services wird immer stärker auf Big Data, also die Analyse großer und kumulierter Datenmengen, zurückgegriffen, um etwa das künftige Konsumverhalten und neu entstehende Kundenbedürfnisse besser abzuschätzen. Langfristig könnte dies dazu führen, dass Wertschöpfungsprozesse aufgrund der digitalen Vernetzung der einzelnen Wertschöpfungsstufen immer kleinteiliger, feingliedriger und ausdifferenzierter werden.

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels müssen Unternehmen ihre Personalpolitik altersgerechter gestalten sowie eine differenzierte Personalentwicklung umsetzen, um gute Mitarbeiter an sich zu binden. Führungskräfte müssen mit atypischen Beschäftigungsmodellen wie flexibler Teilzeitarbeit umgehen können und sie im besten Fall sogar fördern. Durch häufig wechselnde Teams gibt es auch mehr horizontale (Selbst-)Organisation und weniger Bedarf nach vertikalen Hierarchien. Statt auf ihrer übergeordneten Position zu beharren, müssen Führungskräfte Eigeninitiative und Verantwortung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fördern, dabei aber nicht den hohen Koordinationsaufwand unterschätzen.

Welche Ansprüche an Führung hat der Mensch in den nächsten Jahrzehnten?

Wenn die Babyboomer in Rente gehen, wird die Zahl der Erwerbstätigen stark sinken - von derzeit über 49 Millionen auf etwa 44 bis 45 Millionen. In solchen schrumpfenden Gesellschaften, die das Fraunhofer ISI kürzlich in einer Studie erforscht hat, ist für Unternehmen insbesondere die Sicherung von Fachkräften wichtig - und dies geschieht auch durch gute Führung. Die Menschen werden erwarten, dass ihre Führungskräfte die individualisierten Lebensstile und den Wertewandel verstehen und bestenfalls mittragen: Ohne flexible Arbeitsmöglichkeiten sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben wird es kaum gelingen, in Zeiten zunehmender Konkurrenz gute Fachkräfte zu gewinnen und zu halten.

Vielen Dank für das Gespräch.

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