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Von Lebensdingen: Was bleibt von uns?

26/02/2017 15:50 CET | Aktualisiert 26/02/2017 15:50 CET
lena obst

Was uns Dinge erzählen

Viele Dinge haben für uns eine tiefere Bedeutung, weil sie mit Geschichten und Emotionen aufgeladen sind und die menschliche Seele berühren. Wer fähig ist, sie zu hören, zu dem sprechen sie. Das Thema Dinge beschäftigt uns im Digitalisierungszeitalter deshalb verstärkt, weil wir häufig viele Aspekte unseres Lebens nicht mehr „im Griff" haben. Dinge aber lassen sich greifen und tragen dazu bei, die Welt im Kleinen buchstäblich zu be-greifen.

Die Faszination und Vorliebe für kleine Dinge und Details sind heute ein letzter Rest, der eine Gegenmacht zur Rationalisierung der Gesellschaft darstellt. Das ist auch in der Kultursoziologie zu beobachten:

„Der Versuch, Alltagsgegenstände in Museen und Ausstellungen zum Sprechen zu bringen, und das Bestreben, museale und/oder handgemachte Objekte gleichsam artifiziell in den Alltag zu (re)-integrieren, um diesem eine Stimme und ein Gesicht zu geben, könnten zwei Weisen des gleichen Bemühens sein, der erstarrten Dingwelt der (Spät-)Moderne wieder Resonanzqualitäten zu verleihen", sagt der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa.

Das Interesse an diesem Thema zeigt sich auch an der steigenden Zahl von Dingausstellungen, -geschichten und -forschungen. Vom 14. Oktober 2016 bis 26. Februar 2017 war beispielsweise im Münchener Literaturhaus die Ausstellung „'Der ewige Stenz'.

Helmut Dietl und sein München" zu sehen. Die Witwe des Regisseurs, Tamara Dietl, entdeckte im Nachlass ihres Mannes etliche persönliche Dinge wie Briefe, Notizbücher, Korken von Weinflaschen, Flugtickets und Koffer. Aber auch die beiden mechanischen Schreibmaschinen, auf denen er geschrieben hat, sowie runtergespitzte Bleistifte.

Zu leben habe Helmut Dietl bedeutet: „den Rohstoff zu sammeln, aus dem man Filme und Fernsehserien macht" (Ausstellungskatalog). Das gute Leben war ihm Auftrag, Anspruch und Herausforderung, verbunden mit der Erkenntnis: „die Lust und der Tod sind Geschwister, im Glanz des Luxus und der Feiern spiegeln sich die Zeichen der Vergänglichkeit".

Aber auch generell gilt: Die kleinen „Mode- und Luxussachen" sind nicht bloß „Tand und Kitsch" und eine „Erfindung geldgieriger Fabrikanten und Händler", sondern „eine Welt von Dingen, welche alle den einzigen Zweck haben, der Liebe zu dienen, die Sinne zu verfeinern, die tote Umwelt zu beleben", schreibt Hermann Hesse in seinem Roman „Der Steppenwolf".

Das war vor 90 Jahren. Die Liebe zu den Dingen ist geblieben. Sie ist allumfassend und trennt nicht zwischen Lebensaltern, Menschen des Alltags, Handwerkern, Intellektuellen, Künstlern oder Wissenschaftlern.

In ihrem Beitrag „Luxus. Positionen und Konzepte", der im transcript-Sammelband „Über Schuhe" von Anna-Brigitte Schlittler und Katharina Tietze erschien, erläutert Gertrud Lehnert, Modeexpertin und Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Potsdam, dass viele Anthropologinnen und Anthropologen die Macht und Magie betonen, die den Dingen grundsätzlich eigen sind oder durch ihren Gebrauch entstehen: „Dinge zirkulieren. Sie werden hergestellt, in Besitz genommen, verschenkt, verkauft, weggeworfen."

Das Thema reicht aber noch weiter: Was von den 150 verstorbenen Menschen bleibt, die 2015 in jener Germanwings-Maschine saßen, die Andreas Lubitz absichtlich gegen einen Berg schleuderte, sind Dinge: In den Trümmern fanden Helfer alltägliche Dinge wie Kleider, Armbänder, Ausweise, Schlüssel, Gürtelschnallen und Fotos - für Angehörige und Freunde sind es Symbole des Gedenkens. All die kleinen Dinge des Lebens hängen mit der großen Geschichte zusammen - das wird in der Kindle Edition „Von Lebensdingen" gezeigt.

Dinge in Bewegung

In den vergangenen Jahren wurde hier im HuffBlog das Thema Lebens- und Lieblingsdinge von der Nachhaltigkeits- und Kommunikationsexpertin Claudia Silber und mir in unterschiedlichsten Kontexten gezeigt. In der Kindle Edition wurden sie um nachhaltige Produktalternativen und aktuelle Entwicklungen ergänzt, denn es soll auch für einen achtsamen Umgang mit nebensächlichen Details und Dingen plädiert und gezeigt werden, dass sich die Dinge, die wir heute tun, nicht ausschließen müssen mit denen, die wir haben.

Nebenbei wird auf unterhaltsame und nicht belehrende Weise erklärt, was nachhaltige Produkte ausmachen, wo sie zu finden sind und was jeder tun kann, um das Leben mit der Auswahl der richtigen Dinge etwas besser zu machen.

Die hier vorgestellten Lebens- und Lieblingsdinge erzählen etwas über ihre Besitzer und ihre Erinnerungen, dienen dem Überleben, bilden eine Brücke zur Vergangenheit, vermitteln ein Gefühl von Heimat oder bieten einfach nur Trost in schwierigen Zeiten. Vorgestellt werden aber auch ausgewählte Publikationen wie die Bücher von Teju Cole („Vertraute Dinge, fremde Dinge. Hanser Verlag, 2016), Anamaria Depner („Dinge in Bewegung", Transcript Verlag 2015) oder Wolfgang Schmidbauer („Enzyklopädie der Dummen Dinge", Oekom Verlag 2015).

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Copyright: Dr. Alexandra Hildebrandt

„Von Lebensdingen" gibt zugleich Auskunft über die Befindlichkeiten und Gefühlslagen unserer Zeit und beschäftigt sich mit der Frage nach dem „Was bleibt". Die hier vorgestellten Lebens- und Lieblingsdinge erzählen etwas über ihre Besitzer und ihre Erinnerungen, dienen dem Überleben, bilden eine Brücke zur Vergangenheit, vermitteln ein Gefühl von Heimat oder bieten einfach nur Trost in schwierigen Zeiten.

Nebenbei wird auf unterhaltsame und nicht belehrende Weise erklärt, was nachhaltige Produkte ausmachen, wo sie zu finden sind und was jeder tun kann, um das Leben mit der Auswahl der richtigen Dinge etwas besser zu machen.

Der vollständige Erlös kommt HORIZONT e.V. zugute. Der gemeinnützige Verein wurde 1997 von der Schauspielerin Jutta Speidel gegründet und hilft wohnungslosen Müttern und deren Kindern schnell und unbürokratisch. Im HORIZONT-Haus finden sie so lange eine Heimstatt, bis sie ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen können.

Zu den Dingen die Frauen und Familien mitbringen, wenn sie ins HORIZONT-Haus kommen, gehören: Ausweise/Pässe (Existenznachweise), Einweisungen vom Amt (Jugendamt, Jobcenter, Wohnungsamt), ihre Kleider am Leib, zwei Koffer mit Kleidung, Hausstand, Papiere, eine Handtasche mit etwas Geld.

Zu den Dingen, die ins HORIZONT-Haus gespendet werden, gehören: Second Hand-Kleidung, Möbel, Schulsachen, Spielsachen, elektronische Geräte, Haushaltswaren zur Ausstattung von Wohnungen, Bilder, Kosmetik, Lebensmittel, Hygieneartikel, Babyartikel, Bücher, Gartenprodukte. Dinge des Lebens.

Was bleibt

Dinge sind auch das, was wir am Ende unseres Lebens hinterlassen. In seinem Buch „Letzte Lieder - Sterbende erzählen von der Musik ihres Lebens" befragt Stefan Weiller Menschen in der letzten Lebensphase zur Musik ihres Lebens - und erhält dabei Antworten zu großen Lebensfragen.

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Stefan Weiller (Copyright: Lena Obst)

Am Ende eines Interviews schenkte ihm eine Frau auf einem winzigen Notizzettel eine völlig unleserliche Komposition des Liedes ihres Lebens. Eine andere überließ ihm ein Rezept für einen hessischen „Handkäs' mit Musik". Außerdem erhielt Stefan Weiller die Frucht einer Platane und ein Mini-Dromedar aus Kunstfell, das aus Ägypten stammt. Die Schenkerin war für Grabbeigaben:

„Denn eigentlich bräuchte ich eine Gruft, ein Mausoleum, einen Schrein, am besten eine Pyramide. Dann könnte ich all das mitnehmen, was für andere nur kleine Scheußlichkeiten sind, für mich aber erlesene Lebensstationen markieren. Mit diesem Dromedar in der Hand kriegt die Erinnerung eine Körperlichkeit."

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Auf einige Dinge schrieb sie ihren Namen, beispielsweise auf die Rückseite eines alten Bauernschranks oder auf die Innenseite von Schallplattenhüllen. Für sie ist am Ende nicht so sehr die Frage entscheidend, wie wir sterben, sondern wie wir leben. Wenn ihre Besucher aus der Tür gingen, wurden sie mit einem alten Gruß verabschiedet: „Lebt wohl, ihr Lieben."

Sich mit diesen „Dingen" zu beschäftigen macht deshalb Sinn, weil sie uns vor Augen führen, was wirklich wichtig ist. Das Buch von Stefan Weiller ist dabei ein wichtiger Begleiter, der auch in der digitalen Welt einer verantwortungsvollen Auswahl nicht fehlen darf.

Weiterführende Informationen:

Alexandra Hildebrandt und Claudia Silber: Von Lebensdingen: Eine verantwortungsvolle Auswahl. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2016.

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