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Vom Baggersee zur Huffington Post: Was unter der Oberfl├Ąche liegt

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Das Wesentliche

Kurz vor seinem Tod im Herbst 2011 sprach der Medientheoretiker Friedrich Kittler ├╝ber das Wesentliche im Leben: ÔÇ×Die Liebe und der Tod. Alles andere interessiert doch kein Schwein."

Er faszinierte Generationen von Studierenden und war schon in jungen Jahren ein Universit├Ątsereignis. Schon w├Ąhrend seines Philosophie- und Literaturstudiums in Freiburg Ende der sechziger Jahre kritisierte er, dass das Denken hier recht "├Ątherisch" daherkam.

Gedanken brauchen W├Ârter, W├Ârter brauchen Buchstaben, und Buchstaben brauchen Medien, in denen sie erscheinen. Denn Medien w├╝rden nach Ansicht Kittlers an unserem Denken (das bei ihm immer eine ÔÇ×Spur der Verw├╝stung" hinterlie├č, wie ein Sch├╝ler von ihm sagte) mitschreiben.

ÔÇ×Medien bestimmen unsere Lage", hei├čt es im Vorwort zu "Film Grammophon Typewriter". Die sogenannte deutsche Medientheorie, von der heute immer wieder im Internet die Rede ist, geht wesentlich auf sein Werk zur├╝ck.

Kittlers Habilitationsschrift ÔÇ×Aufschreibsysteme 1800/1900" (1985), dessen Wissenschaftlichkeit 1982 bezweifelt wurde, ist inzwischen ein Klassiker der literatur- und medienwissenschaftlichen Methodengeschichte.

Elf Gutachten waren damals offenbar n├Âtig, um dar├╝ber zu befinden, ob dieser Autor auf die studierende Menschheit ÔÇ×losgelassen" werden k├Ânne.

Was aber macht ihn auch heute noch so interessant? Wohl zuerst sein eigent├╝mliches Genie, verstanden im urspr├╝nglichen romantischen Sinn ÔÇ×eines Menschen, der von h├Âheren Kr├Ąften beseelt schien".

In seiner Berliner Trauerrede sprach sein Freund und Verleger Raimar Zons auch liebevoll von jener Weltfremdheit, ÔÇ×die Genies gemeinhin zugesprochen wird": etwa, dass Kittler zwar ÔÇ×in elegantestem C programmieren, aber nicht Auto fahren konnte, dass er im ICE oder selbst auf der Intensivstation das Rauchen nicht lassen wollte und dass er in allen Dingen des praktischen Lebens auf jede Art von Unterst├╝tzung rechnen zu d├╝rfen glaubte".

Aber nur weil er so war, konnte er vielleicht dieser gro├čartige Denker, Grenzg├Ąnger des Lebens und der Wissenschaft sein: So setzte er sich daf├╝r ein, dass sich die Geisteswissenschaften auch mit Technik und Medien besch├Ąftigen und die Erkl├Ąrungen konkret sein sollten.

Noch in seinen sp├Ąten Lebensjahren hatte er in seinem Wohnzimmer eine Ecke, wo Schaltplatinen und L├Âtkolben herumlagen:

ÔÇ×Programmieren wurde zur Obsession, Maschinen, Formeln und Maschinencode wurden mit derselben Genauigkeit gelesen wie Texte."

Alphabete, Computer, Haare und Geistesblitze

Eine Sammlung seiner im Nachlass entdeckten, zwischen 1963 bis 1972 entstandenen Jugendschriften, ist 2015 unter dem Titel "Baggersee" erschienen. Auf ├╝ber zweihundert Druckseiten finden sich 112 Notizen und kurze Texte aus einem Konvolut von ├╝ber tausend maschinengeschriebenen Seiten, die mit einer Schreibmaschine getippt wurden.

Am titelgebenden Baggersee, einer Kiesgrube bei Niederrimsingen in der N├Ąhe Freiburgs, verbrachte Kittler lange Sommer mit Schwimmen, Sonnen, Denken, Lesen, Diskutieren, Lieben und einigen Grenz- bzw. ÔÇ×Rauscherfahrungen", die nach Ansicht von Raimar Zons allerdings ÔÇ×eher sp├Ąrlich und furchtsam" waren.

Die Essays, von denen einige an Notizen erinnern, widmen sich Gegenst├Ąnden des Alltags, Lekt├╝ren, Reisebeobachtungen, Naturph├Ąnomenen, Sinneswahrnehmungen, K├Ârperfunktionen, Natur und Kultur, der Liebe und dem Tod.

Kittlers Geistesblitze, die u. a. von Essayisten wie St├ęphane Mallarm├ę und Paul Valer├Ż inspiriert sind, schlagen ein zwischen Haaren, Tieren, Filmen, Spielautomaten, Kreuzwortr├Ątseln, Verst├Ąrkeranlagen, Spiegeln, Popmusik, Technik und Mode.

In Absprache mit dem langj├Ąhrigen Verleger Raimar Zons und der Kittler-Erbin Susanne Holl wurden die Texte alphabetisch angeordnet: von A wie Alkohol bis Z wie Zwerge.

Das Alphabet faszinierte Kittler, der am Herrmann von Helmholtz-Zentrum f├╝r Kulturtechnik Seminare zu Alphabeten der Neuzeit abhielt und Alphabete als Medien untersuchte, ÔÇ×die ÔÇ×Informationen speichern, prozessieren und ├╝bertragen".

Aufbruch zu einem neuen Denken

Ich wei├č nicht, ob es nur ein Zufall ist (der ja immer auch auf den vorbereiteten Geist trifft) oder einfach nur ein Gl├╝cksfall: Jedenfalls wusste ich nach der Lekt├╝re von ÔÇ×Baggersee" pl├Âtzlich, dass alles, was ich seit 2013 im HuffBlog publizierte, eine innere Verbindung zu etwas Gr├Â├čerem hat, und dass ich durch dieses Medium besser verstehe, WIE ich denke.

Die Lekt├╝re hat aber noch etwas anderes in mir ausgel├Âst: Dankbarkeit gegen├╝ber Raimar Zons. Der erste und letzte Kontakt zu ihm liegt inzwischen ein halbes Leben zur├╝ck.

Das Studium der Literaturwissenschaft Anfang der 1990er Jahre war f├╝r mich zun├Ąchst eine Qual. Reines Memorierwissen war mir stets zuwider, auch habe ich in der Germanistik damals die unmittelbaren Lebensbez├╝ge zur Gegenwart vermisst. Meine sich st├Ąndig bewegenden Gedanken fanden bis zu meiner Bamberger Promotionszeit nirgendwo Halt.

Als mein ├ärger ├╝ber einige Erlanger Germanisten nicht mehr zu ÔÇ×b├Ąndigen" war, hatte ich das Bed├╝rfnis, ihn zusammen mit meinen Gedanken in eine Form zu bringen und in einem Medium zu publizieren, an dem sie nicht vorbeikamen.

Dazu geh├Ârte damals das ÔÇ×Athen├Ąum. Jahrbuch f├╝r Romantik". Hierhin schickte ich einen Aufsatz, der sich mit Liebesunf├Ąhigkeit und Darmverstopfung (Obstipation), Mond und Wahnsinn in der Romantik besch├Ąftigte.

Das war 1993. Ich erhielt ein sehr freundliches Schreiben von Raimar Zons (damals Verlag Ferdinand Sch├Âningh), in dem er mir mitteilte, dass er alles an die Herausgeber weitergereicht hat. Ich war es bis dahin gew├Âhnt, dass meine Seminararbeiten zerrissen werden und die Unordnung des Denkens bestraft wird.

Aber hier war pl├Âtzlich jemand, der es ernst nahm. Der Beitrag erschien zwischen Texten gestandener Professoren, was mich damals als junge Studentin sehr gl├╝cklich machte, weil der Inhalt im Vordergrund einer Publikation stand und keine Funktionen und Hierarchien. Die Zukunft des Denkens war nun offen.

Als ich 20 Jahre sp├Ąter mit dem HuffBlog begann, erlebte ich ein ├Ąhnliches bewegendes Gef├╝hl beim Schreiben und Vernetzen ├╝bergreifender Themen: Es war wie ein Sog, dem ich nur folgen musste.

Friedrich Kittlers Nachhaltigkeit

Als der ÔÇ×Baggersee" nun vor mir lag, war mir sofort klar, dass sich der HuffBlog aber auch nutzen l├Ąsst, um an Kittlers Gedanken weiterzuschreiben und sie f├╝r die Gegenwart des Netzes fruchtbar zu machen.

So besch├Ąftigt er sich im Abschnitt ÔÇ×Autos und Tiere" mit Auto-Innerereien und modischem Design, das schon damals zu tiergleichen Formen tendierte:

ÔÇ×Es geht eindeutig um eine (aerodynamische wohl funktionslose) Darstellung raubtierhafter Sprungbereitschaft und -Potenz."

Und heute? Es fahren fast nur noch ÔÇ×Kampfunde aus Blech", Modelle mit furchterregenden Tierfratzen. Der SPIEGEL konstatierte 2015, dass sich fast alle Modelle, darunter Renault M├ęgane, VW Golf, Toyota Yaris und Hyndrai i20 mit dem ÔÇ×b├Âsen Blick" infiziert haben.

Die Mehrheit w├╝rde den Bestienlook sogar kultivieren: ÔÇ×die scharfen Augen der Greifv├Âgel, das Bei├čermaul der Haie, dazu K├╝hlrippen wie gebleckte Fangz├Ąhne und seitliche Luftschlitze, die an Lefzen erinnern." (DER SPIEGEL 39/2015, S. 121) Diese aktuellen Bez├╝ge lassen sich fast jedem Thema von Kittler zuordnen.

Die Begriffe aus dem Nachlassbuch ÔÇ×Baggersee", das von der Hubert Burda Stiftung gef├Ârdert wurde, schwimmen auch im Meer meines HuffBlogs, mit dem zugleich gezeigt werden soll, was es bedeutet, auf kleinem Raum gro├č zu denken.

Alles geh├Ârt (alphabetisch) mit allem zusammen:

Alkohol

Arbeit

Essen

Feuerzeug

Gesichter

Gl├╝ck

Haut

Liebe

Ohren

Ordnung

Meer

Notizb├╝cher

Reinigungsmittel

Schatten

Schlaf

Schreibmaschine

Schrift

Schmutz

Uhren

Umweltverschmutzung

Zahlen

Auch Sisyphos geh├Ârt dazu - sowie Camus' Satz, dass wir uns ihn als gl├╝cklichen Menschen vorstellen sollen. Kittler verstand ihn eher als eine Ermahnung:

ÔÇ×Also nicht Sisyphos ist per se gl├╝cklich, sondern: Du musst die Sinnlosigkeit erkennen und ertragen, und du darfst daraus keine Trag├Âdie machen."

Es geht darum, zugleich zu erfahren und zu wissen. Das sei n├Ąmlich das Versprechen, das die Sirenen dem Odysseus gegeben haben: "Wenn du landest, dann wirst du mehr Lust erfahren und mehr wissen."

Literaturempfehlung:

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Friedrich Kittler: Baggersee. Fr├╝he Schriften aus dem Nachlass. Hg. Tania Hron, Sandrina Khaled. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2015.

Hier k├Ânnt ihr das Buch kaufen.

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