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Die sanfte Gewalt der Vernunft

Veröffentlicht: Aktualisiert:
JEAN ZIEGLER
Claudia Daut / Reuters
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Seit vielen Jahren setzt sich Jean Ziegler, der 1964 für zwölf Tage der Chauffeur von Che Guevara in Genf war, im Auftrag der Vereinten Nationen für Menschen ein, die Frantz Fanon „die Verdammten der Erde" genannt hat - zunächst als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, dann als Vize-Präsident des Beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrats kämpft er gegen Hunger und Unterernährung, für Menschenrechte und für Frieden.

Am meisten liegt ihm die Arbeit des Welternährungsprogramms am Herzen. Dank des World Food Programme (WEP) konnten 2015 91 Millionen Menschen weltweit mit Nahrung versorgt werden.

Jean Ziegler, geboren 1934, lehrte Soziologie in Genf und an der Sorbonne, war bis 1999 Nationalrat im eidgenössischen Parlament und von 2000 bis 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Außerdem ist er Mitglied im Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats und im Beirat von »Business Crime Control«. Zieglers Publikationen wie „Die Schweiz wäscht weißer" haben erbitterte Kontroversen ausgelöst. Zuletzt erschien der Bestseller „Ändere die Welt!" (2015).

Sein UNO-Mandat, seine Reden, Vorlesungen und Bücher waren und sind starke Multiplikatoren seines Engagements. Von seinen unmittelbaren Erfahrungen berichtet er in seinem aktuellen Buch „Der schmale Grat der Hoffnung". Darin widmet er sich auch den dunklen Vorgängen hinter den demokratischen Kulissen und den Strategien der „Beutejäger des globalisierten Finanzkapitals". Und er fragt:

Was können wir tun, damit die von Roosevelt und Churchill inspirierte Vision einer Weltorganisation politische Praxis wird, und die Vereinten Nationen „instand gesetzt" werden, den Frieden, die Menschenrechte und den Völkern der Welt ein Existenzminimum zu sichern?

Er beklagt, dass es der Menschheit bis heute nicht gelungen ist, den Krieg abzuschaffen: „Und jede neue Errungenschaft macht die Pathologie des Krieges nur noch effizienter und mörderischer." Die Vereinten Nationen verkörpern für Ziegler die „sanfte Gewalt der Vernunft" (Bertolt Brecht), die er auf eine Weise beschreibt, die das Buch zu einem versöhnlichen und hoffungsvollen Zeitdokument machen, in dem es nicht um Rhetorik, sondern um scharfe Analyse und die Suche nach dem Sinn der Gesellschaft und Wahrheit geht.

Das ist allerdings nur gemeinschaftlich möglich. Getragen wird auch dieses Buch von seiner Überzeugung, dass jedem Menschen ein reflektierendes Bewusstsein innewohnt. Kants kategorischer Imperativ ist der Motor der weltweiten Zivilgesellschaft ist: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Der moralische Imperativ ist der Antrieb der neuen weltweiten Zivilgesellschaft.

Bereits in seinem Vorgängerbuch „Ändere die Welt!" nimmt der Intellektuelle eine wichtige Rolle ein: Er muss laut Ziegler aufdecken, was nicht in der „Selbsthervorbringung der Gesellschaft auftaucht". An sich ist ein Intellektueller, der Bewusstseinsinhalte produziert, nichts. Vielmehr gewinnt er historische Existenz erst dann, wenn er sich konkreten sozialen Handlungen anschließt, indem er „ein organisches Element der Volkskräfte wird".

In dem Maße, wie seine Begriffe, Theorien und Analysen ihnen dienen, schafft er etwas Nützliches. Es geht um Dringlichkeit und Tun. Dazu führt er das Beispiel von Hoederer an, eine der Hauptfiguren in Jean-Paul Sartres Stück „Die schmutzigen Hände". Dieser sagt zu einem von Zweifeln geplagten Humanisten in Bezug auf dessen Haltung: „Nichts zu tun, euch nicht von der Stelle zu rühren, die Arme hängen zu lassen und Handschuhe zu tragen. Ich habe schmutzige Hände." Die Alternative dazu ist Untätigkeit, die sich Reinheit manifestiert und für die passive Betrachtung der Geschichte steht, die vor unseren Augen stattfindet.

Während der Lektüre erscheint einem unwillkürlich „Der Denker" des Bildhauers Auguste Rodin vor Augen, der eigentlich nicht denken, sondern unbedingt zur Tat schreiten will. Das zeigt sich im Ausdruck seiner rechten Hand, die weit zwischen die Zähne geschoben ist. Auch seine Füße sind so an den Sockel, als würde er im nächsten Moment loslaufen. Auch hier manifestiert sich permanente Dringlichkeit. Das Buch ist zugleich ein Ostergeschenk, denn auch ein Christ soll sich nicht separieren, sondern am Leben und Wettlauf beteiligen, sich anstrengen, üben und trainieren (griech. askesis).

Im SPIEGEL bezeichnete sich Ziegler kürzlich als einen privilegierten Kleinbürger aus der Schweiz, „ein Bolschewik, der auch noch an Gott glaubt". Denn er hat in seinem Leben sehr viel Liebe erfahren, so dass es ihm unmöglich ist, nicht an das Werk Gottes zu glauben. Damit ist für ihn die Überzeugung verbunden, dass wir nicht zufällig auf dieser Welt sind - und „der Horizont unserer Geschichte" das Glück aller ist.

Literatur:

Jean Ziegler: Der schmale Grat der Hoffnung. Meine gewonnenen und verlorenen Kämpfe und die, die wir gemeinsam gewinnen werden. Aus dem Französischen von Hainer Kober. C. Bertelsmann Verlag, München 2017.

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