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Warum eine Menschlichkeitsbilanz wichtiger ist als die Vermessung des Menschen

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ullstein bild via Getty Images
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Im Labor der Zeit voraus sein

Viele deutsche Unternehmen und Organisationen geben sich heute fortschrittlich und innovativ, indem sie Labs gründen, ihre Führungskräfte und Mitarbeiter ins Silicon Valley schicken oder die Eliteuniversität Stanford besuchen.

Die Kommunikation darüber ist in den meisten Fällen völlig unkritisch, ja vielfach wirkt sie, als würden die Deutschen einen Mantel überziehen, der ihnen viel zu groß ist:

„Die Zukunft liegt mehr als 6.000 Kilometer weit entfernt. Oder die Gegenwart. Wie man es nimmt", schreibt Arne Leyenberg im seinem Beitrag „Die Vermessung des Fußballs" (DFB JOURNAL, 3/2016).

Den neuesten Trends und technischen Entwicklungen spürt hier Nicolas Jungkind nach, der das Technologie Labor (TechLab) für den DFB aufbaut und an der amerikanischen Ostküste nach der Zukunft „greifen" möchte: „Schließlich sollen der neue DFB und seine Akademie schon bald ihrer Zeit voraus sein."

Zu einer verheißungsvollen Zukunft gehört für Jungkind auch die „Vermessung des Fußballs", an der er arbeitet:

„So sollen Leistungen von Spielern, Trainern, Scouts und Schiedsrichtern gemessen, ausgewertet und vor allem verbessert werden."

Im TechLab geht es um das Finden neuer Algorithmen und Auswertungsfaktoren. Die „Sichtbarkeit, die Analyse und die Weiterverarbeitung von Daten in Echtzeit wird auch das beherrschende Thema im Fußball-Labor der Akademie sein", heißt es im Beitrag.

Algorithmische Formeln können allerdings nur Muster deuten, sie arbeiten schematisch.

Von der Liebe zum Fußballspiel, das auch von Zufällen und Überraschungen lebt, findet sich in diesem DFB-Beitrag kein Wort.

Die Aussagen über den modernen Fußball erinnern an Google Maps, wo eine bis ins Letzte vermessene Welt präsentiert wird.

Das TechLab bildet gemeinsam mit den Modulen „Think Tank" und „Wissensmanagement" den Bereich der Akademie innerhalb des „neuen DFB", der „maßgeblich für die Innovationskraft, den Ausbau und die Sicherstellung zukünftiger Wettbewerbsvorteile verantwortlich ist", sagt Markus Weise, Leiter Konzeptentwicklung der Akademie.

Gewiss wird der Stellenwert von Wissen in Unternehmen und Organisationen künftig immer wichtiger: Wissenschaftler gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte allen Wissens hier verpufft, wenn es nicht systematisch erfasst und organisiert wird. Deshalb ist konsequentes Wissensmanagement von besonderer Bedeutung - ebenso die permanente Anpassung und der Austausch von Informationen.

Wird Wissen allerdings nur unzureichend ausgetauscht, sollte Ursachenforschung betrieben werden.

Zu den Gründen gehören häufig eine hierarchisch strukturierte Organisation, autoritäre Führungsstile sowie eine Unternehmenskultur, die noch im 20.Jahrhundert verwurzelt ist.

Wann immer in den Medien über die künftige DFB-Akademie berichtet wird, wird auf ihr „offenes System" verwiesen, das durch intelligentes Vernetzen interner DFB-Wissensinseln sowie „externer Partner wie Sponsoren, Eliteuniversitäten oder anderer Topverbände" geschaffen wird.

Das Thema einer solchen Vernetzung ist bereits in der DFB-Kommission Nachhaltigkeit (2010-2013) angesprochen worden. Wer sich heute mit Trends und Innovationen beschäftigt, kommt nicht umhin, auch Architekten der Nachhaltigkeit zu integrieren. Gesprochen wird beim DFB aber höchsten von den „Architekten der DFB-Akademie".

Unterm Strich: Warum Zahlen nicht genügen

Nirgendwo findet sich der Blick aufs Gesamtgebilde. Dabei ist der Deutsche Fußball-Bund wie jede Organisation ein lebendiger Organismus mit eigenen Strukturen und eigenen Kulturen, in dem alles mit allem zusammenhängt.

Wenn über die Akademie und das TechLab berichtet wird, mutet es an, als würde es sich um einen zuckenden losgelösten Körperteil handeln. Das Schwergewicht aber liegt unbeweglich am Boden.

Viele Aspekte hat der Sportjournalist Ronny Blaschke in seinem aktuellen Buch "Gesellschaftsspielchen. Fußball zwischen Hilfsbereitschaft und Heuchelei" (Verlag Die Werkstatt) dokumentiert und kommentiert.

Auch wenn der Verband im Zuge der Ermittlungen zur WM-Affäre 2006 mehr Transparenz gezeigt hat (Freshfields-Bericht, Offenlegung der Geschäftszahlen), so sagen diese Fakten und Zahlen allein für sich genommen noch nichts darüber aus, wie die Organisation tatsächlich aufgestellt ist und künftig arbeiten wird.

Menschlichkeit rechnet sich

Am Ende eines Geschäftsjahres können Unternehmen und Organisationen gut dastehen, wenn alle Zahlen erfreulich erscheinen.

„Doch schon wenige Monate später geht es den Bach runter, weil zu kurz gedacht wurde, weil Investitionen länger brauchen, um zu greifen, weil die Zahlen nun mal nur einen Teil der Wirklichkeit widerspiegeln", schreiben Stephan Brockhoff und Klaus Panreck in ihrem Buch „Menschlichkeit rechnet sich. Warum Wertschätzung über den Erfolg von Unternehmen entscheidet" (Campus Verlag).

Wer als Unternehmer und Manager nicht strikt auf Gewinnmaximierung, Rationalisierung und Kurssteigerung setzt, wird auf Dauer nicht am Markt zu bestehen können - dieses Credo vieler Wirtschaftsvertreter wird von den beiden Steuerberatern in ihrem Buch wiederlegt.

Sie zeigen, dass sich Menschlichkeit sogar betriebswirtschaftlich rechnet.

Nur durch gegenseitiges Vertrauen, Wertschätzung und Respekt im Umgang miteinander ist ein nachhaltiger Erfolg möglich. Der ehemalige Adidas-Chef Herbert Hainer sagte dazu in seinem Abschiedsinterview in der Süddeutschen Zeitung (1./2./3.10.2016), dass das Unternehmen zu den nachhaltigsten der Welt gehört: „Erfolg ist mehr als nur Kennzahlen und schiere Größe."

Was funktionierende Organisationen heute brauchen, ist eine menschenfreundliche Unternehmenskultur.

Wo nur Zahlen präsentiert werden und vermessen wird, gibt es lediglich eine Komplexitätsreduktion - „ein vereinfachendes Hilfsmittel, um sich der Realität anzunähern", aber nicht, um sie abzubilden.

Mit Menschlichkeit kann genau das erreicht werden, was Zahlen und Computer nicht leisten können.

Der Managementvordenker Hermann Scherer betreut die beiden Autoren, für die er auch das Vorwort geschrieben hat.

Eine Menschlichkeitsbilanz ist möglich

Eine Menschlichkeitsbilanz ist laut Scherer möglich, wenn Unternehmen aus einer ganzheitlichen Perspektive betrachtet und geführt werden (dazu gehört auch ein übergreifendes Nachhaltigkeitsmanagement):

„Wer es schafft, jeder Sekunde, jedem aktuellen Gegenüber, jeder Sache und jeder Tätigkeit mit ein wenig Aufmerksamkeit und Achtsamkeit entgegenzutreten, der hat seinen ganz persönlichen Menschlichkeitsindex entwickelt. Der ist menschlich und muss nicht mehr den Eindruck erwecken menschlich zu sein."

In seinem parallel erschienenen Buch „Fokus! Provokative Ideen für Menschen, die was erreichen wollen" (Campus Verlag) nimmt er ebenfalls darauf Bezug:

Alle in der Wirtschaft Tätigen sollen schon deshalb „die Spiritualität für sich entdecken und zu eigen machen, weil sie die Menschen dazu bringt, über die Zahlen, die Rendite und den Profit hinauszudenken und das Menschliche, das Miteinander, die langfristige Orientierung ihrer Unternehmung zu erkennen."

Die Brüche, die wir heute im Kontext von Organisationen wie dem DFB wahrnehmen, zeigen sich wie eine offene Wunde, die keinen Architekten, sondern einen Arzt braucht, der dem Organismus hilft, wieder gesund zu werden und richtig zu funktionieren. Einen Arzt, der einen klaren Verstand hat, der richtige Diagnosen stellt, mit Zahlen, Daten und Fakten umgehen kann, aber auch menschlich ist.

Dafür braucht es eine Einstellung und Haltung, die sich durchaus auch im Silicon Valley findet, aber nur gesehen wird, wenn aktuelle Trends und Entwicklungen nicht oberflächlich betrachtet und reflektiert werden.

Warum wir auf Romantik nicht verzichten können

Das Bild des Arztes, der Diagnosen der Gegenwart erstellt und interpretiert, passt auch zum internationalen Management- und Marketingexperten Tim Leberecht, der seit vielen Jahren im Silicon Valley lebt und arbeitet.

In der Geschäftswelt gibt es heute kaum mehr Platz für Unerklärliches, schreibt er in seinem Bestseller „Business-Romantiker" (Droemer Verlag), in dem er sich mit der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben beschäftigt.

Wissen, sagt Leberecht, wird heute „oft mit exakten Messwerten gleichgesetzt, und das herrschende Mantra lautet: ‚Man kann nur managen, was man misst.'"

Dazu ein aktuelles Beispiel des Finanzinvestors Bridgewater Associates: Der Gründer Ray Dalio besteht darauf, dass alle Meetings und fast jedes Gespräch aufgezeichnet und für jeden Mitarbeiter zugänglich ins Intranet gestellt wird. Zudem muss jeder Mitarbeiter Dalios 106-seitiges Konvolut „Principles" lesen:

„Wer nicht passt und nicht performt, wer die Kritik nicht verträgt oder sich nicht traut, sie zu äußern, verliert seinen Job schnell." (Capital, 10/2016)

Aber Menschen sind keine Arbeitsmaschinen. Leberecht ist davon überzeugt, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn es mehr Romantik in unserem Leben gäbe.

Immer mehr Menschen wollen sich mit der Vermessung der Arbeitswelt und einem enträtselten Planeten nicht abfinden.

Dazu gehört auch die deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke („Tintenherz"), die inzwischen in Malibu lebt. Englische Journalisten sagen ihr häufig, dass sie ihre Bücher, die in der Tradition des fantastischen Erzählens wurzeln, an E.T.A. Hoffmann oder die Gebrüder Grimm erinnern.

Cornelia Funke beschränkt sich nicht auf das, was unsere Augen sehen, sondern auch auf das, was in uns ist und uns Menschen ausmacht: Kreativität, Gefühl und Phantasie.

Wenn uns diese Gaben und Fähigkeiten durch die Vermessung der Welt verlorengehen, werden wir uns auch keine andere Realität vorstellen und die Welt nicht nachhaltig verändern können.

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