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Unter Komplizen: Darum werden andere Begriffe fĂŒr kollektive Arbeits- und Lebenswelten gebraucht

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CONSPIRACY
Hans Neleman via Getty Images
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Die neue Verschwörung

In den letzten Jahren ist in der Gesellschaft viel von „Verschwörung" die Rede. Zuletzt im Zusammenhang mit dem Tod von Roger Willemsen. „Zusammenarbeit begriff er prinzipiell als eine ‚Verschwörung'. Als eine Mitarbeit an einem Engagement, bei dem auch er nur Mitarbeiter war." Schrieb Jörg Bong, Chef des S. Fischer Verlages, in dem die BĂŒcher von Roger Willemsen erscheinen sind, in seinem Nachruf „Jörg, hier ist Frohsinn" (DIE ZEIT, 11.2.2016)

Sich an den Intellektuellen zu erinnern, bedeutet fĂŒr Jörg Bong auch:

‱ sich seiner Haltung und seines dezidierten Engagement in dieser Welt bewusst zu sein und ihm darin zu folgen
‱ konkret die Welt zu verĂ€ndern
‱ nachhaltig Einfluss zu nehmen auf das Politische und Gesellschaftliche.

Der Begriff „Komplize" gehörte zum festen Wortschatz des Publizisten, fĂŒr den der Kabarettist Dieter Hildebrandt „der klarste Komplize im öffentlichen Leben" gewesen ist, weil er mit ihm in sĂ€mtlichen Gesinnungsfragen eine „Deckungsgleichheit" empfand. Und auch der großherzige Mentor Hildebrandt sei immer auf der Suche nach Komplizen gewesen, dessen „Wirklichkeitshunger" nie nachließ.

Im Herausgeberband von Insa Wilke zum Werk von Roger Willemsen ist noch ein weiteres FundstĂŒck verborgen - im Text des Publizisten Manfred Bissinger:

„Lieber Freund, die Literaturkritik pflegt gerne die Debatte um den ersten Satz eines Manuskriptes. Wenn ich einen solchen ĂŒber uns zu schreiben hĂ€tte, dann wĂŒrde er lauten: 'Es war Komplizenschaft auf den ersten Blick.'"

Was ist damit gemeint? Und warum begegnen uns Komplizen, die „miteinander Verbundenen", vor allem verstĂ€rkt seit 2013 in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Kontexten?

Das Jahr der Komplizen

2015 erschien das Buch „Freundschaft" von Katja Kraus, in dem sich der Begriff ebenfalls wie ein roter Faden durchzieht: Wenn adidas-Chef Herbert Hainer davon spricht, dass aus mancher langjĂ€hrigen Freundschaft eine berufliche Komplizenschaft geworden ist, und der Literatur-, Kultur- und Medienwissenschafter Joseph Vogl in Bezug auf Willemsen auf eine gegenseitige und geheimnisvolle Inspiration und „Komplizenschaft" verweist. Oder Manfred Bissinger ĂŒber die „liebgewonnenen Schrulligkeiten seines Lebenskomplizen" schmunzelt.

Was alle miteinander verbindet, ist das, was Willemsen als „Idee von der Komplizenschaft des verwandten Blickes" bezeichnete.

MerkwĂŒrdig ist allerdings, dass der Begriff hier so hĂ€ufig im Zusammenhang mit Freundschaft fĂ€llt, manchmal sogar Freundschaft meint, aber eben nicht „ist", denn Komplizenschaften sind projektorientierte Gemeinschaften, die etwas zusammen tun, aber wieder auseinandergehen, wenn sie ihr Ziel erreicht haben. Zur Freundschaft gehört neben hoher EmotionalitĂ€t auch Dissenz, der zu langer Dauer fĂŒhrt.

Das hat die Professorin fĂŒr Kulturtheorie Gesa Ziemer in ihrem Buch „Komplizenschaft", erschienen 2013, auf eindrucksvolle Weise gezeigt.

Sie untersucht das Konzept der Komplizenschaft als Form gemeinschaftlichen Handelns und hat den Begriff aus dem strafrechtlichen auf den kreativen Kontext ĂŒbertragen - und fragt, ob wir nicht dort auch komplizitĂ€r agieren, ohne ein kriminelles Ziel zu verfolgen.

Komplizenschaft, so ihre These, ist eine spezifische Arbeitsform, die von einer destruktiven in eine konstruktive, lustvolle Arbeitsweise umgedeutet werden kann und dazu fĂŒhrt, dass alternative Strukturen entwickelt werden, die zu Innovationen fĂŒhren können.

Was sind Komplizen?

‱ Sie sind VerbĂŒndete (im positiven wie im negativen Sinne).
‱ Sie kreieren ein gemeinsames Ziel und schreiten koordiniert und konzentriert zur Tat.
‱ Sie sind fĂŒr sich selbst genauso wie fĂŒr den anderen verantwortlich.
‱ Sie fordern das „Unerwartbare" heraus und treten in gesellschaftlichen Kontexten auf, in denen es nicht verhindert wird, sondern aktiv provoziert werden soll.

Was Komplizenschaft ausmacht:

‱ Sie basiert auf Freiwilligkeit oder kollektive Gegenwehr der Schwachen gegen die Starken.
‱ Sie kann als intensive BĂŒndnisform innerhalb von Netzwerken auftreten und spĂ€ter in ein Netzwerk ĂŒbergehen.
‱ Sie ist gekennzeichnet durch Energie, Fantasie und eine subversive Kraft.
‱ Sie bedeutet Regelbruch und „MittĂ€terschaft".
‱ Sie ist entgrenzt und entfaltet sich in der AktivitĂ€t und der gemeinsamen Begeisterung fĂŒr eine Sache.
‱ Sie ist schnell und zielorientiert.
‱ Sie ist immer temporĂ€r und endet, wenn die Tat „vollzogen" ist.

Komplizenschaft ist einer der wichtigsten Begriffe fĂŒr die Generation Y

Die Bedeutung der Komplizenschaft fĂŒr die Generation Y zeigt sich beispielhaft in den BĂŒchern von Joshua Groß (Jahrgang 1989). Bekannt geworden ist er durch seine bemerkenswerten Buchpublikationen bei starfruit publikations: „Der Trost von Telefonzellen" (das ebenfalls im Jahr der Freundschafts- und KomplizenbĂŒcher, 2013, erschien!) und „Magische Magische Rosinen. Die Geschichte von Mascarpone und Sahra Wagenknecht. Novelle aus dem SpĂ€tkapitalismus" (2014).

Seine Generation bezeichnet er in „Der Trost von Telefonzellen" als „Komplizen ohne Alibis". Die Komplizenschaft findet hier ihren Ausdruck beispielsweisel im gemeinsamen Rauchen, was aber nichts an der „grundsĂ€tzlichen Abgeschiedenheit" Ă€ndert

FĂŒr Joshua Groß sind Komplizen Menschen, denen es um Auseinandersetzung geht, und die keine ErklĂ€rung brauchen. Im Idealfall sind sie fĂŒr ihn ineinander Eingeweihte, die sich aufrichtig begegnen, zwischen denen Akzeptanz und VerstĂ€ndnis wĂ€chst, die sich im Prozess immer weiter kennen lernen.

Am Ende seines Buches sind die beiden Hauptfiguren denn auch keine Komplizen mehr, sondern Freunde und Detektive.

Auch in „Magische Rosinen" muss der Leser mehr Detektiv sein und weniger Komplize. Durch inhaltliche Überspitzung werden die Bedingungen gesellschaftlicher Veränderungen ebenfalls hinterfragt.

Der kleinkriminelle Musikfetischist Mascarpone wehrt den Wunsch seines Freundes Sergio ab, mit dem Longboard „einfach komplizenhaft zu rollen". Er verfĂ€llt der „schlau-biederen" Sahra Wagenknecht, einer Verfechterin einer radikalen gesellschaftlichen Sehnsucht.

Beide erkennen, dass Utopien durchaus real werden können. Am Ende zĂ€hlt auch hier wie im DebĂŒtroman von Joshua Groß nur das, "was wir machen". Beim Handeln gibt es keine Phrasen. Der Begriff der Komplizenschaft verbindet sich hier mit praktischer Nachhaltigkeit.

Komplizen der Nachhaltigkeit

Noch kaum wahrnehmbar bewegt sich der „Komplize" heute immer mehr ins weite Feld der Nachhaltigkeit. Zuweilen scheint er dort auf, wo sich Neues entwickelt und mit anderen Bereichen verbindet.

Der Wirtschaftsvordenker Lars Vollmer, BegrĂŒnder von intrinsify.me, nach eigenen Angaben dem grĂ¶ĂŸten offenen Thinktank fĂŒr die neue Arbeitswelt und moderne UnternehmensfĂŒhrung, widmet den Komplizen sogar ein Unterkapitel in seinem aktuellen Buch „ZurĂŒck an die Arbeit", in dem es um die freiheitliche Zusammenarbeit von Menschen geht.

Vor einiger Zeit fĂŒhrte Prof. Kai-Uwe Hellmann, GeschĂ€ftsfĂŒhrer des CSRcamp, ein Interview zum Thema unternehmerische Verantwortung mit Daniela Röcker, die sich „Kultur-Komplizin" (!) nennt und Impulsgeberin der „Initiative EnjoyWork - Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft" ist.

Sie ist Komplizin einer nachhaltigen und zukunftsfĂ€higen Unternehmenskultur sowie nachhaltigem Wirtschaften im Sinne von Corporate Social Responsibility und Cradle-to-Cradle. CSR ist fĂŒr sie ein offenes System, in dem „gutes Wirtschaften" stattfindet. Darunter versteht sie den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen, Umwelt und Stakeholdern.

„In Unternehmen, in denen Mitarbeiter selbstbestimmt arbeiten und FĂŒhrung als agil und moderativ verstanden wird, kann CSR noch mehr Gewicht bekommen. Denn hier gibt es keine CSR-Abteilungen oder CSR-ManagerInnen. CSR wĂ€re hier eine Strategie, die alle Mitarbeitenden gleich fordert. Alle hĂ€tten die Möglichkeit, CSR-Maßnahmen zu initiieren und verantwortlich umzusetzen.

Dies wĂŒrde sowohl die Vielfalt der AktivitĂ€ten fördern, als auch ein verstĂ€rktes Bewusstsein dafĂŒr schaffen, wo ĂŒberall CSR drinstecken kann. Ein angenehmer Nebeneffekt wĂ€re dann die Motivation des Einzelnen, weil sich jeder fĂŒr ein CSR-Thema engagieren könnte, das seiner persönlichen Lebenswelt am nĂ€chsten steht."

Vor diesem Hintergrund braucht es ein ausgeprĂ€gtes VerstĂ€ndnis darĂŒber, was Komplizenschaft heute ausmacht und warum wir andere Begriffe fĂŒr kollektive Arbeits- und Lebenswelten benötigen.

Literaturhinweise:

Joshua Groß / Philippe Gerlach: Der Trost von Telefonzellen. starfruit publications, FĂŒrth 2013.

Joshua Groß / Philippe Gerlach: Magische Rosinen. Die Geschichte von Mascarpone und Sahra Wagenknecht. Novelle aus dem SpĂ€tkapitalismus. starfruit publications, FĂŒrth 2014.

Katja Kraus: Freundschaft. Geschichten von NĂ€he und Distanz. S. Fischer Verlag 2014.

Lars Vollmer: ZurĂŒck an die Arbeit! Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden. Linde Verlag, Wien 2016.

Insa Wilke (Hg.): Der leidenschaftliche Zeitgenosse. Zum Werk von Roger Willemsen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015.

Gesa Ziemer: Komplizenschaft. Neue Perspektiven auf KollektivitÀt. transcript Verlag, Bielefeld 2013.

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