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"Uns Förstern ist klar, dass wir Nachhaltigkeit im Blut haben..." Interview mit Sabrina Müller

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Sabrina Müller ist Forstwissenschaftlerin und Nachhaltigkeitsmanagerin aus Leidenschaft. Sie studierte Forstwissenschaften an der TU München und entwickelte für den NABU-Bundesverband im Rahmen eines Projektes über die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland neuartige Informations- und Bildungsmaterialien. Sie war außerdem als freiberufliche Projektmanagerin für einen Naturpark und die FSC-Arbeitsgruppe Deutschland e.V. tätig. Der Wunsch, ihren beruflichen Fokus noch mehr auf das Thema Nachhaltigkeit zu legen, ließ sie jedoch nicht los. Deshalb nutzte sie die Gelegenheit, als Vertriebs- und Projektmitarbeiterin in der Nutzfahrzeugbranche wertvolle Einblicke in Struktur und Abläufe eines Unternehmens zu erhalten. Heute arbeitet Sabrina Müller daran, sich ihren größten Wunsch zu erfüllen: Sie möchte ihre Fähigkeiten und Erfahrungen in ein Unternehmen einbringen, das den Nachhaltigkeitsgedanken ebenso lebt wie sie es tut.

Frau Müller, wie kamen Sie zum Thema Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit ist meine Leidenschaft, seit ich vor etwa 20 Jahren auf einer Urlaubsreise zum ersten Mal in die ursprünglichen und wildtierreichen Wälder Kanadas eingetaucht bin. Ich war sofort fasziniert von den atemberaubenden Wildnisgebieten. Jedoch erlebte ich auch hautnah, dass die faszinierenden Orte, die ich besuchen durfte, durch den Einfluss der Menschen und insbesondere durch die Holz- und Ölindustrie von der Zerstörung betroffen sind.

Ich wollte mehr über die verantwortliche Nutzung von Ressourcen und über ökologische Zusammenhänge lernen und stürzte mich voller Begeisterung und Neugier in mein Studium der Forstwissenschaften an der TU München.

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Foto und Copyright: Sabrina Müller

Sie haben an der TU München (Wissenschaftszentrum Weihenstephan) Forstwissenschaften studiert. Welche Rolle spielte hier das Thema Nachhaltigkeit? Gab es Aspekte, die Sie vermisst haben?

Nachhaltigkeit ist in der Forstwissenschaft ein ganz elementares Thema. Es gehört zum Selbstverständnis eines Förster, dass er nicht mehr Holz aus dem Wald entnimmt als nachwächst. Ich habe während des Studiums viel über die Bedeutung und Funktion komplexer Waldökosysteme gelernt, darüber wie alles voneinander abhängt und natürlich auch über die verantwortliche Nutzung von Ressourcen. Waldökosysteme müssen einer Vielzahl wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und naturwissenschaftlicher Ansprüche genügen, die oft auch gegenläufig sind. Das erfordert nicht nur einen ganzheitlichen Managementansatz sondern auch persönliche Kompetenzen, wie Konfliktmanagement. Zu meiner Zeit war die Nachhaltigkeit inhaltlich im Studium allgegenwärtig. Allerdings wurde dies nicht übermäßig kommuniziert. Uns Förstern ist klar, dass wir Nachhaltigkeit im Blut haben. Aber vielleicht könnte es nicht schaden, dies mehr nach außen zu kommunizieren.

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Foto und Copyright: Sabrina Müller

Welche Bedeutung spielt für Sie der Artenschutz?

Artenschutz ist für mich eine Art Königsdisziplin des verantwortlichen Handelns. Durch wirtschaftliche, politische oder einfach nur unbedachte Entscheidungen kann im Bruchteil einer Sekunde das Überleben unzähliger Arten auf's Spiel gesetzt werden. Dabei scheint es vielen von uns immer noch nicht bewusst oder einfach nur egal zu sein, welche Auswirkungen unser Handeln langfristig hat. Am Ende läuft es wieder darauf hinaus, dass es ohne Wissen und Bildung bzw. Information kein nachhaltiges Handeln und keinen Artenschutz geben kann. Denn nur durch Wissen kann sich ein Bewusstsein für eine Sache entwickeln. Während meiner Tätigkeit bei Bären- und Wolfsprojekten in Nordamerika und Schweden habe ich gelernt, dass es zusätzlich insbesondere beim Artenschutz wichtig ist, den Dialog mit betroffenen Interessensgruppen zu suchen, deren Ängste und Sorgen ernst zu nehmen und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.

Es gibt ein Zitat von Chief Dan George, das erschreckend aktuell und nicht nur für den Artenschutz zutreffend ist: „... what you do not know you will fear. What one fears one destroys." Meine persönliche erste Erfahrung mit diesem Zitat mag etwas seltsam anmuten, zeigt aber deutlich, worum es mir geht.

Ich hatte früher fürchterliche Angst vor Spinnen. Jede Begegnung mit einer Spinne endete mit 15 Sekunden Hysterie und anschließender Ermordung der Bestie. Im Studium belegte ich einen Insektenkurs. Schon wenn ich tote Spinnen unter dem Binokular betrachten musste, brach mir der Angstschweiß aus. Unser Dozent gab jedoch alles, um uns die Lebensweise der Spinnen und ihre Funktion im Ökosystem näherzubringen. Es setzte uns sogar lebendige Exemplare direkt unter die Nase. Nachdem ich mich über die „Biester" informiert hatte, lernte ich, sie zu akzeptieren. Ich bin kein Spinnenfreund. Aber ich verstehe, dass sie eine Rolle im Ökosystem erfüllen und ich mich mit ihnen arrangieren muss. Dieser Ansatz gilt natürlich nicht nur für Spinnen...

Was tun Sie persönlich für den Klimaschutz?

Ich fülle meinen Kühlschrank mit regionalen Produkten. Als Forstwissenschaftlerin stehen bei mir außerdem Holzprodukte als Klimaschutzmaßnahme ganz oben auf der Liste. Wo immer ich Holzprodukte anstelle von energieintensiv hergestellten Materialien einsetzten kann, tue ich das. Meine Wohnung wird dadurch nicht nur gemütlicher, sondern auch zum Kohlenstoffspeicher.

Wie erklären Sie sich den Erfolg der Bücher des Försters Peter Wohlleben?

Wenn ich im Wald stehe, überkommt mich sofort ein friedliches, geerdetes Gefühl. Ich höre das Zwitschern der Vögel, das Rascheln im Laub, das Rauschen der Blätter. Die Gerüche des Waldes steigen mir in die Nase. Alles ist friedlich und die Zeit scheint still zu stehen. Zwei Stunden im Wald sind für mich wie zwei Wochen Urlaub vom hektischen Alltag. Ich vermute, dass die Leute genau dieses Gefühl in Wohllebens Büchern suchen. Sie wollen im hektischen, digitalisierten Alltag wieder die Verbindung zur Natur spüren. Und genau diese Verbindung, dieses Naturgefühl scheint Wohlleben seinen Lesern zu geben.

Weshalb sind Nachhaltigkeit und Selbstverantwortung untrennbar miteinander verbunden?

Nachhaltigkeit bedeutet für mich, dass ich mir bei allem was ich tue, die Auswirkungen meines Handelns bewusst mache. Für diese Auswirkungen bin ich selbst verantwortlich, kann bewusst eine Entscheidung hin zu verantwortlichem Handeln treffen. Ich weiß, dass die ständige und oft unnötige Nutzung eines Autos nicht gut für das Klima ist. Aber erst, wenn ich mir die Folgen meines Handelns für mich selbst und alle Lebewesen auf diesem wunderbaren Planeten bewusst mache, werde ich langfristig etwas an meinem Verhalten ändern.

Was macht für Sie das ideale Unternehmen heute aus?

Es mag vielleicht etwas idealistisch klingen, aber meiner Meinung nach nutzt das ideale Unternehmen seinen Einfluss dazu, etwas Gutes für Umwelt und Gesellschaft zu tun. Auf diesem Weg sollten die Mitarbeiter mitgenommen und für das Thema Nachhaltigkeit begeistert werden. Denn Nachhaltigkeit kann im Unternehmen nur dann funktionieren, wenn sie das Bewusstsein der Mitarbeiter erreicht und von jedem Einzelnen gelebt wird. Ein Unternehmen sollte sich außerdem bewusst sein, dass die Mitarbeiter seine wichtigste Ressource sind. Der Schutz von Ressourcen bedeutet für mich daher auch, die Mitarbeiter zu schützen und ihnen bestmögliche Arbeitsbedingungen und Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen: Alexandra Hildebrandt: CSR-Manager gesucht! Ein Berufsbild zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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