BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Unbemerkt und gefährlich: Genmanipulierte Lebensmittel im Essen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
VEGETABLES
AlexRaths via Getty Images
Drucken

"Dank Kunstdünger, Insektiziden und gentechnisch veränderten Pflanzen übertrifft die landwirtschaftliche Produktion heute bei Weitem die kühnsten Erwartungen, die antike Bauern an ihre Götter hatten." (Yuval Noah Harari)

Das Bundeskanzleramt hat nach Angaben des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL (39/2017) Mitte September ein Schreiben von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks an 13 EU-Umweltminister gestoppt, in dem sie ihre EU-Kollegen aufforderte, bei der Kommission auf ein Zulassungsverbot von drei gentechnisch veränderten Maissorten hinzuwirken. Mehr als die Hälfte der Mitgliedsstaaten hatte sich gegen den Anbau ausgesprochen. Hendricks setzte sich dafür ein, die Genmaiskritiker in Europa zusammenzubringen, denn die grüne Gentechnik auf den Feldern sei „mit unabsehbaren Folgen für die Umwelt verbunden." Sie hält es für falsch, „dass Deutschland sich immer wieder auf europäischer Ebene bei Abstimmungen enthalten muss, weil die Gentechnikbefürworter in der Union am Ende stets die Überhand haben." Es ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar, wann die Kommission eine Entscheidung trifft.

Diese Randnotiz ist im Wahlkampf fast untergegangen - dabei betrifft das Thema jeden von uns. Ein großflächiger Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen in Deutschland würde mit großen Problemen für unsere Gesundheit verbunden sein. Zudem greift die Resistenz gegen Glyphosat um sich und verleitet immer mehr Landwirte und Laien dazu, immer mehr davon zu spritzen.

Auch wenn die Vorschriften in Deutschland strenger sind als in den USA, wo in „Bio"-Lebensmitteln mehr als 250 nicht biologisch erzeugte Stoffe erlaubt sind, darunter häufig Chemikalien, die aus gentechnisch verändertem Mais gewonnen werden und bislang nicht gekennzeichnet werden müssen, lohnt sich die Lektüre des Buches „Genbombe" von Caitlin Shetterly, die sich als „unfreiwillige Autodidaktin" bezeichnet. Fast vier Jahre lang hat sie an einer unsichtbaren Krankheit gelitten, die sich niemand erklären konnte. Sie überschattete bereits das erste Jahr ihrer Ehe und die ersten beiden Lebensjahre ihres Sohnes:

Sie hatte ständige Kopfschmerzen, Dauerschnupfen, Kribbeln und Taubheit in Füßen, Beinen und Armen und einen Ausschlag im Gesicht. Theorien und Therapien halfen nicht - weder Hormonbehandlungen, Vitaminspritzen, Jodtabletten, Ausschlussdiäten und Antibiotika. Alles schien sie noch kränker zu machen.

Unweit ihrer Heimatstadt Portland, in der Kleinstadt Yarmouth in Maine, lebt der Allergologe und Immunologe Dr. Paris Mansmann lebt, der vermutete, dass sie eine Überempfindlichkeit gegen Proteine entwickelt hatte, die durch das Einbringen fremder DNA-Sequenzen in Mais entstehen. Diese Genveränderungen des sogenannten „GV-Mais" (gentechnisch veränderte Mais) sollen die Pflanze resistent gegen Herbizide machen und ihr ein eigenes Pestizid mit auf den Weg geben. Dagegen lief ihr Immunsystem Amok, so Mansmann.

Nach seiner Diagnose begann sie, intensiver zu lesen - sie wollte mehr über GVO, Mais, Pestizide und die Agroindustrie erfahren. Dabei stellte sie fest, dass Menschen eine Art chronische Allergie entwickeln können, die nicht vom Mais selbst ausgelöst würde. Ursache seien die Proteine, die von den für die Schädlingsresistenz in den Mais hineingezüchteten Enterotoxinen gebildet werden, sowie die Proteine, die den „Roundup Ready" machen (unempfindlich gegen das Herbizid Glyphosat, das von Monsanto unter dem Markennamen Roundup vermarktet wird).

Leider musste sie ebenfalls feststellen, dass Mais überall enthalten ist: im Backpulver, im Käse, in Vitaminpräparaten und Medikamenten, in Teebeuteln, Saft, Zahnpasta, Geschirrspülmittel, in Kondomen, der Beschichtung von Pappbechern und der Wachsummantelung von Obst aus dem Supermarkt. Häufig tarnen sich die Stoffe mit Namen wie „Xanthangummi", „pflanzliche Stärke", „modifizierte Speisestärke", „Zitronensäure", „natürliche Aromen" oder „Vitamin C".

Ihre Erkenntnisse über gentechnisch veränderte Nahrungsmittel hat sie in ihrem Buch „Genbombe" dargestellt. Darin beschreibt sie, dass wir nicht nur dauerhaft das Klima verändert haben, sondern auch blind auf die Monokultur einiger weniger Nutzpflanzen, vor allem Mais, Soja und Baumwolle verlegt haben, „in der unersättlichen Gier, immer und immer mehr zu produzieren, dass wir dafür die wertvolle ökologische Vielfalt verlieren, die unser Planet braucht." Mehrmals versuchte sie, mit Monsanto in Kontakt zu treten, wurde aber immer abgewiesen, weil ihre Fragen ein Interview angeblich nicht wert seien.

Anhand zahlreicher Studien weist sie eine gigantische Krebsepidemie in den USA nach: Jeder zweite Mann und jede dritte Frau sowie viele Kinder erkranken an Krebs. Derzeit gelten 55 Prozent der erwachsenen Amerikaner als „allergisch". Aktuell werden 85000 Chemikalien kommerziell von der Industrie eingesetzt, mehr als vier Milliarden Tonnen toxischer Chemikalien werden in den USA jährlich in die Umwelt ausgebracht. 32000 Tonnen dieser vier Milliarden Tonnen sind erwiesenermaßen krebserregend.

Caitlin Shetterly fand heraus, dass chemische Flammschutzmittel in Babyschlafanzügen, Schlafsäcken und Hüpfschaukeln eingearbeitet oder in Schaumstoffkissen von Sofas und Stühlen zu finden sind - Eltern können dies allerdings nicht erkennen, denn die Chemikalien, die unseren Hormonhaushalt stören, sind unsichtbar. Sie kommen beispielsweise auch bei der Herstellung von Plastikboxen zum Einsatz, in denen Kinderbekleidung gelagert wird. Sie sind aber auch nicht im Vinyl zu sehen, das bei Fensterreparaturen verwendet wird, sich abreibt und einen feinen Dunst auf der Fensterbank hinterlässt, „der sich perfekt an kleine Hände heftet, die wiederum beunruhigenderweise direkt in kleine Münder wandern."

Auch ihr Sohn litt an einem Ekzem, das allerdings vollständig verschwand, als die Familie den Mais konsequent aus ihrem Lebensalltag eliminiert hatte. Auch ihre scheinbar nicht behandelbaren Hautausschläge gingen zurück.

In ihrem Buch zeigt sie, dass die Verantwortung auch bei uns selbst liegt, und was sie und ihre Familie selbst verändert haben:

• Ein Großteil der eigenen Einkünfte wird in die gesunde Ernährung gesteckt - dafür wird an Ski-Wochenenden, Unterhaltungselektronik und schönen Outdoorwesten gespart.

• Das Essen wird selbst zubereitet und die Zutaten auf dem örtlichen Bauernmarkt gekauft, z.B. saisonale Gemüsesorten.

• Es wird auf verborgenen Mais in Vitaminpräparaten geachtet.

• Fisch aus Aquakultur wird nicht mehr gekauft, weil er häufig mit gentechnisch verändertem Soja und Mai gefüttert wird.

• Selbstgemachte Marmeladen, Gurken und Saucen werden an den Feiertagen im Familien- und Freundeskreis verschenkt.

• Unterwegs werden Wasserflaschen und Kaffeetassen aus Edelstahl Sinn genutzt, um Pappbecher zu vermeiden, die mit einer Maisbeschichtung versehen sind.

Hippokrates' Worte „Eure Lebensmittel sollen eure Heilmittel sein" versteht die Familie als Lebensdevise und hält sich daran fest wie an einem Rettungsanker.

Literatur:

Caitlin Shetterly: Genbombe. Wie sich genmanipulierte Lebensmittel unbemerkt in unser Essen schleichen. Wilhelm Heyne Verlag, München 2017.

Weitere Informationen zum Thema nachhaltige Ernährung in: Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Gut zu wissen... wie es grüner geht: Die wichtigsten Tipps für ein bewusstes Leben Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

googletag.pubads().setTargeting('[cnd=cld]').display('/7646/mobile_smart_us', [300, 251],'wxwidget-ad');