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CSR-Check: Worauf Handelsunternehmen heute Antwort geben müssen

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Die öffentliche Aufmerksamkeit für Themen wie Klimawandel, Umweltschutz und Kinderarbeit verstärkt den Anlass für Unternehmen, ihre gesellschaftliche Verantwortung als Managementauftrag zu verstehen. Zudem stehen in einer globalen Wirtschaft Unternehmen zunehmend unter Beobachtung.

Der scharfe Blick einer kritischen Öffentlichkeit verfolgt die tägliche Unternehmenspraxis und fordert von ihnen, einen nachhaltigen Beitrag zu einer ökologischen und sozialen Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft zu leisten. Die Kindle Edition „CSR-Check für Handelsunternehmen" widmet sich den wichtigsten Fragen und Antworten.


Weshalb wird heute vorwiegend nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Handelsunternehmen gefragt?

Durch die enge Verflechtung der internationalen Wirtschaft und die globalen Lieferketten sind für Handelshäuser neue unternehmerische, politische und gesellschaftliche Risiken entstanden. Probleme werden „importiert". Werden bei Markenartiklern einzelne Produkte kritisch betrachtet, steht bei Handelshäusern das gesamte Sortiment im Fokus einer kritischen Öffentlichkeit. Verbraucher fordern nicht nur sichere Produkte und hochwertige Verarbeitung, sondern wollen mit gutem Gewissen kaufen.


Weshalb liegen die zentralen Nachhaltigkeitsherausforderungen für den Handel in der vorgelagerten Produktion?

Zum einen stammt ca. ein Drittel aller Importe von Gütern aus Herkunftsländern mit nur unzureichenden arbeitsrechtlichen Mindeststandards. Dies betrifft in besonderem Maße die Produktgruppen Textilien, Spielzeug und Elektronikgüter.

Zum anderen entstehen je nach Produktgruppe unterschiedliche ökologische Belastungen auf den vorgelagerten Wertschöpfungsstufen: In der Textilindustrie sind es beispielsweise vor allem chemische Hilfsmittel und Schwermetalle in den Veredelungsprozessen sowie der Wasserverbrauch und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln im Baumwollanbau.

Ein großer Teil der Handelsunternehmen ist heute für soziale Aspekte in der Lieferkette sensibilisiert. Allerdings schwankt das Engagement zwischen der Einhaltung minimaler Anforderungen (z. B. Ausschluss von Kinder- und Zwangsarbeit) bis hin zur Aufstellung eigener Lieferantenkodizes mit höheren Mindestanforderungen und strengen Kontrollsystemen.


Warum eignet sich die Textilindustrie besonders gut als Beispiel einer Branche, die sich dem Thema der unternehmerischen Verantwortung im Zuge einer nachhaltigen Entwicklung stellen muss?

Das lässt sich darauf zurückführen, dass es insbesondere in den 90er Jahren zu Skandalen kam, die ein schlechtes Licht auf die Textilindustrie warfen und vermehrt zu Konfrontationen mit Nichtregierungsorganisationen führten, wie zum Beispiel durch die Kampagne für saubere Kleidung. Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) haben sich verstärkt darauf spezialisiert, Missstände in der Bekleidungsherstellung aufzudecken und diese publik zu machen.

Nicht nur auf Kinderarbeit wird aufmerksam gemacht, sondern auch auf ökologische Problematiken im Produktionsprozess der Textil- und Bekleidungsindustrie, etwa durch den Einsatz von Pestiziden beim Baumwollanbau oder den Einsatz von chemischen Färbemitteln.


Wozu trägt die Verbesserung der Sozialstandards in Produktions- und Lieferländern bei?

Sie hilft, dass die Lieferanten für die Erfordernisse der bestehenden und künftigen Märkte und die gesetzlichen Anforderungen gut gerüstet sind. Die Sozialstandards der Lieferanten können im Laufe der Zeit systematisch verbessert werden, ohne dass sie das Risiko von Boykottmaßnahmen eingehen.

Die wirtschaftliche Entwicklung und der soziale Fortschritt in Schwellen- und Entwicklungsländern können nur verwirklicht werden, wenn die grundlegenden Lebensbedingungen erhalten und verbessert werden.


Welche Elemente sind zu empfehlen, wenn ein Unternehmen seine Beschaffung systematisch nach ökologischen und sozialen Kriterien ausrichten und alle Beschäftigten dazu motivieren und verpflichten möchte?

Zu den Grundlagen eines ökosozialen Beschaffungsmanagements gehören neben einer Beschaffungsordnung eine Beschaffungsorganisation, Produktbewertungen und Informationen sowie Lieferantenbefragungen und -bewertungen.


Was kann von Unternehmensseite getan werden, um die Arbeitsbedingungen in den Beschaffungsmärkten zu verbessern?

Mithilfe von Schulungen und Einzelgesprächen können Probleme auf Seiten der Lieferanten wie mangelnde Lieferzeiten, spezifische Beschaffungsanforderungen und mangelndes Umweltbewusstsein schrittweise beseitigt werden. Zudem verbessern die Lieferanten dadurch ihr Image und steigern ihre Wettbewerbsposition gegenüber Abnehmern.

Durch die Prozessoptimierungen auf Seiten der Lieferanten verbessern sich nicht nur die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmer/innen in den Zulieferbetrieben, sondern es zeichnen sich durch die Optimierung von Produktionsabläufen und die damit verbundene Reduktion von Arbeitszeiten sowie durch sinkende Unfall- und Krankheitszahlen auch klare (Kosten-)Vorteile in der Zusammenarbeit ab.

Durch Information, Schulung und Beratung der Zulieferer (z.B. Awareness-Rising-Workshops) sowie durch unabhängige Auditierung seiner Lieferanten wird der hohe Qualitätsmaßstab des Unternehmens durch die Wertschöpfungskette getragen.

Angestrebt werden sollte ein nachhaltiger Verbesserungsprozess, in dem die Lieferanten schrittweise qualifiziert werden - allerdings sind diese Maßnahmen nur dann wirksam, wenn die Lieferanten das Angebot als Baustein ihres eigenen Konzeptes betrachten.


Weshalb sollten Unternehmen nur ihre Mitarbeiter, sondern auch ihre Lieferanten schulen?

Handelsunternehmen stehen vor der Herausforderung, dass in einigen Schwellen- und Entwicklungsländer die Warenqualität häufig nicht mit westlichen Standards zu vergleichen ist und darüber hinaus grundlegenden Arbeits- und Sozialstandards nicht konsistent umgesetzt werden.

Deshalb sollten sich Unternehmen dafür einsetzen, dass das Lieferantenmanagement und die Qualitätssicherung bereits beim Erzeuger beginnen. Ziel dieser Nachhaltigkeitsmaßnahmen ist es, lokale Zulieferer zu stärken, die Infrastruktur vor Ort zu unterstützen, die Kooperationspartner wettbewerbsfähiger zu machen und ihnen auf diese Weise Zugang zum Markt zu verschaffen.


Wie kann garantiert werden, dass bei Lieferanten und in ausländischen Produktionsstätten Sozial- und Umweltstandards eingehalten werden?

Die Standards sollten in den jeweiligen Einkaufsbedingungen verankert ein. Der "Code of Conduct" definiert soziale und ökologische Regeln, die sich an den Arbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), den weltweit anerkannten Sozialstandards Social Accountibility 8000 (SA8000) sowie den Deklarationen der Vereinten Nationen zu Menschen- und Kinderrechten und den OECD-Guidelines orientieren.

Welche Folgen haben Verstöße gegen den Code of Conduct?

Die Konsequenzen können unterschiedlich sein: Voraussetzung für eine Sanktion ist immer, dass derjenige, der wegen einer Verletzung der Grundsätze bestraft werden soll, zuvor rechtlich wirksam an deren Geltung gebunden war. Verstößt z.B. ein Gesellschafter gegen durch die Satzung zwischen den Gesellschaftern vereinbarte Regelungen, können die anderen Gesellschafter Unterlassung oder Schadensersatz verlangen, ggf. wäre sogar ein Ausschluss aus der Gesellschaft möglich.

Verstößt ein Geschäftsführer gegen die Unternehmensgrundsätze, kann er von den Gesellschaftern abgemahnt oder von ihnen gekündigt werden. Gleiches gilt für Arbeitnehmer. Verletzen Lieferanten oder Kunden vertraglich vereinbarte Standards, berechtigt dies unter Umständen zur Vertragskündigung und zur Geltendmachung von Schadensersatz.

Weshalb kommt dem Einzelhandel eine Schlüsselposition zwischen Produzent und Konsument zu?

Er kann durch seine Einkaufsmacht wesentlich auf die Umwelt- und
Sozialbedingungen bei der Herstellung der Konsumgüter einwirken. Andererseits kann er über eine nachhaltige Sortimentsgestaltung sowie Verbraucherinformation und -beratung das Kaufverhalten der Konsumenten beeinflussen.

Verbreitet umgesetzt werden Einzelaspekte nachhaltigen Handelns, die mit direkten Kostenvorteilen verbunden sind, wie der Einsatz energiesparender Kühl- und Elektrogeräte auf den Handelsflächen.

Welche Rolle spielen Gütesiegel im Rahmen der unternehmerischen Verantwortung?

Sie stiften einen großen Nutzen, da nicht nur Dritte, sondern auch die Unternehmen selbst von ihnen profitieren können. Labels können das Vertrauen bei allen Anspruchsgruppen stärken und somit gegen Risiken, die aus Forderungen verschiedenen Anspruchsgruppen resultieren können, vorbeugen.

Verbessertes Risikomanagement wiederum kann zur Gewinnung von ethisch motivierten Kapitalgebern führen. Der indirekte Nutzen von Gütesiegeln liegt jedoch in einer verbesserten Wettbewerbsposition, indem Kunden ein gekennzeichnetes Produkt mit entsprechendem Zusatznutzen einem nicht gekennzeichneten Produkt beim Kauf vorziehen. Es ist wichtig, auf bekannte Siegel zu setzen wie das Bio-Siegel, EU-Bio-Siegel oder die Warenzeichen der Öko-Anbauverbände.

Weitere Informationen:

Alexandra Hildebrandt: CSR-Check für Handelsunternehmen: Die wichtigsten Fragen und Antworten aus der Praxis für die Praxis. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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