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Umdenken und umsetzen: Auf der Suche nach einem neuen Bildungsbegriff

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Interview mit Karen Wendt

Karen Wendt ist Gründerin von Responsible Investment Banking und Positive Impacts Investing sowie Herausgeberin von zahlreichen Fachpublikationen zu diesen Themen. Sie hat einen MBA der University of Liverpool und sammelte 19 Jahre Erfahrung im Bankenbereich in wechselnden Positionen, davon 17 Jahre im Investment Banking. Sie begleitete seit 2003 und damit seit ihrer Gründung die Einführung und Umsetzung der Äquatorprinzipien und der damit verbundenen Risikomanagementprozesse. Karen Wendt ist u.a. Mitglied im Steuerungskomitee und Leitungsorgan der Equator Principles Financial Institutions Association, dem Steuerorgan der Äquatorprinzipien und hält den Vorsitz mehrerer Arbeitsgruppen. Außerdem war sie 1993 als Gastprofessorin in Minsk und Moskau tätig.

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Foto und Copyright: Karen Wendt

Was verbinden Sie mit dem Begriff "Bildung" im Kontext der Nachhaltigkeit?

Nachhaltig ist etwas, wenn es sich in unterschiedlichen Kontexten bewährt und die entsprechende Anpassungsfähigkeit besitzt. Das gilt für Produkte, Bildungseinrichtungen und für jeden einzelnen Menschen an sich. Wir fassen den Bildungsbegriff momentan zu eng. Wir verstehen nur zu oft darunter die Vermittlung von Wissen anstatt Herausbildung von Fähigkeiten und Handlungskompetenzen, die einen kontinuierlichen Lernprozess erlauben. Es geht jetzt um die Fähigkeit des Menschen, etwas umsetzen zu können, in einem Lernprozess auf den man sich einlässt, gekoppelt an die persönliche Resonanz. Welche Herausforderungen gibt es? Wo will ich einen Unterschied machen? Wo ist meine persönliche Resonanz? Bildung ist ja ein Lebensentwurf, in dem Menschen mit ihren Projekten wachsen können. Es geht um diesen Lebensentwurf im Bildungskontext, darum dass sich Bildung reformieren muss und sich weiterentwickeln muss: Das gute alte jesuitische Konzept: Schule als Lebensraum, nicht Wissensvermittlungsanstalt mit abnehmender Halbwertszeit.

Wo muss Bildung für nachhaltige Entwicklung ansetzen?

Sie muss beim Menschen ansetzen. Dabei geht es um die Fragen: Wie können wir dir helfen, da wo du Resonanz zu globalen Herausforderungen spürst, und wie können wir dich enablen mit allen dazu gehörigen Kompetenzen, dir für Deinen persönlichen Lebensentwurf das sinnstiftende Projekt zur Lösung an die Hand zu geben. So entsteht Nachhaltigkeit des Bildungsansatzes, im Lernprozess und der Rückkoppelung mit sich selbst, gespeist aus der persönlichen Nachhaltigkeit, die erst einmal entstehen muss. Die ist Voraussetzung für alles anderes. Es ist wie bei einer Hochzeitstorte: Wenn das Fundament nicht stimmt, sinkt die Torte ein. Ganz viele Trends machen aufbereitetes Wissen sehr viel zugänglicher.

Bildung ist die Integration des Wissens und die Fähigkeit, damit zu wachsen, zu experimentieren, zu reflektieren. Wir müssen die kontinuierliche Fähigkeit des Lernens wieder aufzubauen, Selbstwirksamkeit und Selbstbewusstsein aufbauen, die Hoffnung mit seiner eigenen Entwicklung zu wachsen. Nur so führt der Weg aus der Überreizung und der Gleichgültigkeit, die ja das Gegenteil von Liebe ist.

Die persönliche Nachhaltigkeit, von der Sie gerade sprachen, wirkt der um sich greifenden Gleichgültigkeit und der funktionellen Dummheit entgegen. „Funktionelle Dummheit" nennt der schwedische Organisationsforscher Alvesson die Abschaltung von Kritik- und Reflexionsfähigkeit bei an sich gebildeten Menschen in Unternehmen. Was ist darunter zu verstehen?

Zunächst die Weigerung, Prozesse intellektuell zu durchdringen, dann auch der Verzicht auf ein eigenes Urteil, insgesamt eine positiv auf das Produkt gerichtete Kurzsichtigkeit. Die positive Kurzsichtigkeit, die alles andere ausblendet, unterstützt das lineare Denken, das in immer kürzeren Abständen zu institutionellen Krisen führt. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Teams in Krisensituationen umso besser performen, je mehr unterschiedliche Standpunkte sie einnehmen können. Das ist genau das Gegenteil von linearer Kurzsichtigkeit und von funktioneller Dummheit. Unternehmen die in Krisen linear denken, gehen unter.

Welchen besonderen Wert und welche Rolle hat in diesem Zusammenhang die Jugend?

Ich habe selbst drei Söhne. Und die haben das Schulsystem über sich ergehen lassen, was umso schwieriger ist, je kreativer man selbst ist. Schule muss wieder Lebensraum, Lebensentwurf sein, nicht nur Wissensvermittlung mit dem Nürnberger Trichter. Das wichtigste ist dieser unbedingte Wille, den eigenen Lebensentwurf zu gestalten. Bildung, gut gemacht, verändert die Persönlichkeit. Am schönsten ist es für mich, wenn ich sehe, wie jugendliche Unternehmer durch persönliche Transformation die Kollaboration, Win-Win über Konkurrenzdenken stellen und über Zusammenarbeit sogar hinausgehen in die Ebenen der Co-Creation und World Making.

Welche Bedeutung hat das Thema für Ihre Arbeit?

Die Weltgemeinschaft hat gerade die 17 Sustainable Development Goals (SDGs) und das Pariser Klimaabkommen für sich für gültig erklärt. Damit gibt es zum ersten Mal eine gemeinsame Basis der Weltgemeinschaft, wohin die Entwicklung gehen soll. Eine Konsequenz des linearen Denkens, das sich nur an Profit, selten am Risiko, manchmal an der Liquidität, aber sonst nichts orientiert ist, dass jetzt keiner so eine wirkliche Idee hat, wie man die denn umsetzen kann und in den jetzt geschaffenen Systemen unterbringen kann. Es wird nach dem Staat und nach Regulierung gerufen. Auch die Wissenschaft ist gefragt. Dabei ist das nur die eine Seite der Medaille.

Viele Regionen leiden unter einer zunehmenden Entkopplung von den Wirtschaftszentren. Gleichzeitig ist der Mittelstand, der regional und lokal verwurzelt ist, jedoch global agieren können muss, das Rückgrat der nationalen und lokalen Wertschöpfungssysteme und muss gefördert und erhalten bleiben. Er hat sich als Innovationstreiber bewährt. Dies gilt in fast allen Ländern der Welt.

Vor welchen Herausforderungen stehen Großkonzerne?

Auch sie stehen vor der Frage, wie sie den Wandel und die Transformation hin zu einer karbonarmen Gesellschaft und Erhaltung regionalen Lebensräumen gestalten können. Bildung, Ausbildung in neuen Berufsbildern, Weiterbildung und Hilfestellung für Social Entrepreneurship sowie das Impact Investing und Sustainable Finance können Unterstützung sein, den Wandel zu gestalten und echte Entwicklungspotenziale zu schaffen. Digitale Technologien und die Fähigkeit der Nutzung dieser Technologien können hier ebenfalls wertvolle Unterstützung leisten.

Die Weltgemeinschaft hat diese Problematik erkannt und sich mit den SDGs bis 2030 universelle und klare Ziele für alle 193 ratifizierenden Nationen gesetzt. Die Vereinten Nationen haben alle Länder dazu aufgerufen, an dieser Entwicklung auf der Basis der Eigeninitiative und der Selbstverantwortung mitzuwirken. Wir wollen mit EccoScience e.V. handeln und ganz konkret in der D.A.CH Region aktiv werden und die SDG- Ziele nutzen, um Bildung, Ausbildung und Wissenschaft und Forschung rund um die Themen Impact Investing, Social Entrepreneurship, SDG Implementation, Sustainable Finance, Digitalisierung und Innovation, voranzutreiben und Chancengleichheit sowie regionale Entwicklung zu fördern.

Welche ersten Schritte sollten Organisationen gehen?

Erst einmal sollten Organisationen einen ehrlichen Kassensturz machen, wo sie wirklich stehen. Dazu gehört auch, dass man Fallen wie die funktionelle Dummheit, das Hochloben der eigenen Aktivitäten unterlässt und ganz konkret schaut, wo sind wir, zu welchen SDGs wollen und können wir beitragen, zu welchen müssen wir beitragen, wie können wir die Leute dafür gewinnen, wo ist die persönliche Resonanz der Mitarbeiter, die es für sie attraktiv macht - an diesen Zielen mitzuwirken. Dazu muss man zunächst wissen. Welche Interessen und Bedürfnisse hat das Unternehmen, der Kunde, die Stakeholder, die Mitarbeiter? Wer will sich für was engagieren? Wäre Co-Creation mit Start -Ups oder mit Stakeholdern eine gangbare Option?

Welche Empfehlungen können Sie geben?

Dafür gibt es ganz gute Tools und Modelle, ich würde zum Beispiel das EFQM der europäischen Federation für Qualitätsmanagement zur Analyse empfehlen, es ist ein Wachstumsmodell und durch eine Fragenkatalog ergänzen wollen. Am wichtigsten aber ist: Aller Wandel geht von der Führung des Unternehmens aus. Bottom-Up-Ansätze alleine greifen nicht. Daher ist der erste und wichtigste Schritt die Führung des Unternehmens aus ihrem gewohnten Kontext herauszuholen, Raum für neue Gedanken zu schaffen, Perspektiven und Perspektivenwechsel in einer Workshop Serie zu ermöglichen. So entsteht Raum und Attraktivität für neue Projekte, Ziele, die umgesetzt werden wollen und nicht nur sollen.

Wir bei EccoScience e.V. gehen davon aus, dass Menschen, die mit sich selbst in Verbindung sind, die Kapazität haben, mit anderen in Verbindung zu treten. Sie wollen etwas für das Große Ganze tun, das World Making, etwas in den Prozess bringen, in Co-Creation. Es muss attraktiv sein, Raum schaffen, Beyond Innovation und Beyond Desgn Thinking gehen, um Zugkraft zu entfalten.
Dafür gestalten wir Workshops mit post-heroischen und mediativen Ansätzen für Führungskräfte. Wir gehen von der Definition von Yunus weg, wir geben nicht vor, was die Leute machen sollen - die Menschen bringen ein, was für sie wichtig ist. Damit arbeiten wir. Wir selbst sind natürlich Social Entrepreneurs.

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