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Übung in Lebenskunst. Warum Philosophie und Nachhaltigkeit keine akademische Angelegenheit sind

05/04/2015 08:31 CEST | Aktualisiert 05/06/2015 11:12 CEST

Was Erfolg „gedeihen" lässt

Der britische Thronfolger Charles fragte vor einigen Jahren, „ob nicht tief in unserem menschlichen Geist die Fähigkeit schlummere, nachhaltig im Einklang mit der Natur zu leben." Um den vielfach inflationär verwendeten Begriff Nachhaltigkeit umfassend zu verstehen, braucht es vor allem kulturelle Ein-Sicht. Denn die Pflege des Geistes (cultura animi) und die Pflege der Landwirtschaft (cultura agri) gehören zusammen.

Damit verbunden ist die Frage nach dem guten Leben, die schon die alten Griechen beschäftigte. Arianna Huffington greift sie in ihrem aktuellen Buch „Die Neuerfindung des Erfolgs" auf: Irgendwann, schreibt sie, haben wir sie aus den Augen verloren. Stattdessen haben wir uns darauf konzentriert, „wie man möglichst viel Geld macht, ein möglichst großes Haus kauft und möglichst hoch auf der Karriereleiter kommt".

Es ist ihr deshalb ein wichtiges Anliegen, dass in der Huffington Post Wege vorgestellt werden, die zeigen, „wie man sich um sich selbst kümmert und ein ausgewogenes zentriertes Leben führt, während man gleichzeitig positiv auf die eigene Umwelt einwirkt."

Leider hat ihrer Meinung nach der Begriff Erfolg in unserer Gesellschaft im Laufe der Zeit auf Geld und Macht verengt. Im Alltag ist es deshalb kaum mehr möglich zu erkennen, dass es neben äußerem Erfolg und der damit verbundenen negativen Form von Anstrengung etwas Wichtigeres gibt: das persönliche „Gedeihen", das auch mit einer inneren Leichtigkeit verbunden ist.

Um das zuzulassen und anderes loszulassen, „erfordert es Übung und Entschlossenheit", die wir nach Arianna Huffington selbst in der Hand haben. Der Weg dorthin ist für sie mit Dankbarkeit verbunden. Sie verweist auf Grace und gratitude, die englischen Ausdrücke für Leichtigkeit und Dankbarkeit, die dieselbe lateinische Wurzel gratus haben.

Viele Managementberater integrieren Grabreden in ihre Seminare und Publikationen. Leider fehlt es den meisten an einer inneren Anschlussfähigkeit, weil ihre Kernaussagen dann doch wieder nur auf äußere Erfolgsfaktoren setzen.

Wenn Huffington in ihrem Buch auf Grabreden verweist, ist das eine logische und sinnhafte Folge zu ihren anderen Aussagen. Es geht ihr um die Fragen, was wir anderen gegeben haben, wie wir mit ihnen im Leben umgegangen sind, oder was wir unserer Familie und unseren Freunden bedeutet haben. Warum, fragt sie zu Recht, „verwenden wir so viel von unserer begrenzten Lebenszeit auf all die Dinge, die in unserer Grabrede bestimmt nicht vorkommen werden?"

Die Eintragungen im tabellarischen Lebenslauf, auf die so viel Zeit und Mühe verwendet wird, verlieren angesichts des Todes wie jeder bewundernswerte Wikipedia-Eintrag ihre Bedeutung. Wessen „Leben für Leistung und Erfolg steht, wird in seiner Grabrede fast nur für das gelobt, was er getan hat, wenn er nicht gerade auf Leistung und Erfolg fixiert war". Sie unterliegt nicht den Zwängen einer verzerrten Erfolgsdefinition.

Ja, wir sollen nach Erfolg streben und Ziele haben, uns messen und üben, um das Leben „athletisch" zu meistern. Gemeint ist allerdings ein anderes Verständnis von Erfolg, das sich schon in der Bibel findet, in ihren Geschichten von Aufbrüchen und Veränderungen, die den Blick für die eigenen Möglichkeiten schärfen. Im berühmten Zitat des Apostels Paulus aus dem 1. Korintherbrief (9, 24-27) heißt es:

„Ihr wisst doch, dass an einem Wettlauf viele Läufer teilnehmen; aber nur einer bekommt den Preis. Darum lauft so, dass ihr den Preis gewinnt. Jeder, der an einem Wettlauf teilnehmen will, nimmt harte Einschränkungen auf sich. Er tut es für einen Siegeskranz, der verwelkt. Aber auf uns wartet ein Siegeskranz, der niemals verwelkt. Darum laufe ich wie einer, der ein Ziel hat. Darum kämpfe ich wie einer, der nicht in die Luft schlägt. Ich treffe mit meinen Schlägen den eigenen Körper, so dass ich ihn ganz in die Gewalt bekomme. Ich möchte nicht andere zum Wettkampf auffordern und selbst als untauglich ausscheiden."

Zu Lebzeiten Jesu war jedem Bewohner des Mittelmeerraums bewusst, was ein Wettlauf ist, und dass es durchaus etwas Erfüllendes hat zu siegen. Christus und seine „Jünger" werden als „Athleten des Evangeliums" betrachtet, wie die Theologin Prof. Uta Poplutz ihre motivgeschichtliche Studie zur Wettkampfmetaphorik (2004) bei Paulus betitelte.

Die frühchristlichen Mönche in Griechenland nannten sich ebenfalls „Athleten Christi". Es war ihnen wichtig, nicht abseits zu stehen, sich am Leben zu beteiligen, am Wettlauf teilzunehmen, sich anzustrengen, zu üben und zu trainieren (griech. askesis).

Nachhaltigkeit braucht keine Belehrungskultur

Doch wie können diese Themen im Kontext der Nachhaltigkeit heute so vermittelt werden, dass sie keinen Schulcharakter haben und möglichst viele Menschen angehen? Nachhaltigkeit wird häufig entweder nur im akademischen Kontext oder im werblichen vermittelt.

Was fehlt, ist eine Brücke, um persönliche Zugänge zu schaffen ohne auf kulturellen Tiefgang verzichten zu müssen. Die Philosophie als Lebenskunst kann hier ein wichtiger Wegweiser sein.

Vor diesem Hintergrund bietet „Street Philosophy" in München eine neuartige Workshop‐Reihe an. Zu aktuellen und herausfordernden Themen werden in kleinen Gruppen und mit ausgewiesenen Experten konkrete Lösungsansätze und Werkzeuge für die jeweiligen Fragestellungen erarbeitet - philosophisch fundiert und lebensnah in der Umsetzung.

Bereits seit 2013 gibt es „Street Philosophy" als offenen philosophischen Salon in der Münchener Josef Bar, ein Konzept, für das sich die Gründerin Julia Kalmund in England inspirieren ließ: „In Deutschland wird Philosophie immer noch als elitär und lebensfremd wahrgenommen", sagt sie.

„Die Salon‐Kultur ist in England wesentlich verbreiteter ‐ und nicht mit Schwellenangst verbunden. Die Devise von ‚Street Philosophy' heißt deshalb ‚Raus aus dem Elfenbeinturm'. Wir bieten Philosophie für jedermann und verstehen uns auch als Lebens‐ und Orientierungshilfe. Wir diskutieren über Fragen, die uns alle bewegen und suchen mit Hilfe der Philosophie gemeinsam nach Antworten."

Mit den Workshops soll der Blick vom „Suchen" auf das „Finden" eigener Lösungen gelenkt werden. Für 2015 sind sechs Veranstaltungen geplant, u.a. zu Themen wie „Glück und Geld", „Beruf und Berufung" oder „Profit und Moral". Den Auftakt der Veranstaltungsserie bildet am 21. April 2015 der Workshop „Nachhaltigkeit - endlich anfangen!".

Dabei stehen Themen wie Integration von Nachhaltigkeit in den Alltag, nachhaltige Unternehmenskultur, Transparenz statt Greenwashing, Menschen und Unternehmen als gute Nachbarn im Mittelpunkt. Und Senecas Erkenntnis: „Lang ist der Weg durch Lehren, kurz und erfolgreich durch Beispiele."

Statt fertiger Antworten oder Verhaltens- und Handlungsanweisungen wird auf die Kunst des Herausfindens gesetzt, unter welchen Bedingungen das Nachdenken über Nachhaltigkeit Funken schlägt, denn das Thema braucht den lebendigen Dialog und Verständlichkeit.

Erst dann gewinnt es in der Lebenswirklichkeit des Einzelnen an Bedeutung und wird im Zusammenhang mit reflektierter Lebenskunst wahrgenommen.

Damit Nachhaltigkeit wirksam werden kann, braucht es diese dynamische Balance aus Für- und Selbstsorge sowie Hingabe an das Ganze. Es gibt wenig Begriffe, die auf das große Ganze einer Transformation zielen, die imstande sind, das Wesen unserer Industrie-Konsum-Zivilisation von Grund auf umzukrempeln. Das Wort Nachhaltigkeit „enthält alles, worauf es ankommt" (Ulrich Grober).

Street Philosophy - gemeinsam suchen


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