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Üben und Überleben: Warum die Zukunft meisterlich gestaltet werden sollte

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Übung macht den Meister

Der Managementautor Reinhard K. Sprenger widmet sich in seiner „Ode an die Vorfreude" einem der wichtigsten Themen der Nachhaltigkeit: dem Üben. Er reflektiert in der WirtschaftsWoche (19.8.2016) den Satz, der ihn seit frühen Jugendtagen begleitet hat: „Ein Meister ist, der übt."

Das zeichnet die wirklich „Großen" aus: Sie sagen niemals, dass sie etwas vollkommen beherrschen, sie bereiten sich ein Leben lang vor, wollen sich ständig verbessern und ruhen sich nicht auf vergangenen Erfolgen aus.

Der Dünkel der Hierarchie, dass es die anderen sind, die lernen und üben müssen, ist ihnen fremd. Was immer nachhaltig gelingen soll, braucht Disziplin und Übung. Doch ohne Freude ist beides nichts. Das gilt auch für die Zukunft.

„Sprengers Spitzen" sind nicht losgelöst von den Themen dieses HuffBlogs zu lesen, in dem sich das Allgemeine im Besonderen spiegelt und das Üben eine besondere Rolle spielt.

Auch das Bloggen selbst ist ein öffentliches Denk- und Schreibtraining, das fortwährend aktuelle Entwicklungen und Dinge umkreist. Mit jedem neuen Text wird die Denkposition verändert, wird Neues mit Altem verknüpft, werden Themen wiederholt getestet - eine Geduldsarbeit in unruhigen Zeiten.

Der Blog soll zusammenführen, was getrennt ist, aber doch innerlich zusammengehört. So bleiben Wirtschaftsthemen blutlos, wenn sie nicht mit ähnlichen Schwerpunkten aus anderen Bereichen verbunden werden. Das zeigt sich an einem Thema wie Wissen und Können besonders gut, weil hier ihre Anschlussfähigkeit schon oft gezeigt wurde:

Auch der Managementvordenker Niels Pfläging plädiert in seinen Publikationen über Komplexithoden für eine reflektierte Erfahrung in Form von Üben bzw. disziplinierter Praxis. Oft sei dazu ein Meister erforderlich, „also jemand, der bereits ein Könner ist und in der Lage, Schüler anzuleiten".

Über viele Generationen wurde vermittelt, dass Wissen Macht sei, dass es mit beglückenden Erfahrungen verbunden ist - auch materiell.

Heute bedeutet Wissen laut Pfläging „Sinn machen" und Können „Wissen machen". Werkzeuge zum Lernen sind für ihn Studieren, Erfahrung oder etwas beigebracht zu bekommen.

Pfläging weist zudem nach, dass zur Lösung komplexer Probleme Wissen heute oft nicht mehr ausreicht. Denn es ist „ein Kind der Vergangenheit", das einer sich ständig wandelnden Welt die Zukunft nicht sichern kann.

Zukunft gibt es nicht ohne Könner (geübte Menschen mit Ideen). Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie bisher unbekannte Probleme lösen können und auf ihre Weise Lebenskünstler sind.

Die Kunst des Denkens

Es ist kein Zufall, dass die Idee der Gymnastik, in der die Philosophie von Paul Valéry (1871-1945) gründet, heute eine Renaissance erlebt. Ziel ist die Steigerung der Möglichkeiten, „das Kapital an Genauigkeit, an Kraft, an sicheren und raschen Reaktionen".

Jeden Morgen widmete er sich in einem strengen Ritual mehr als fünfzig Jahre lang seinen „Cahiers" (Notizhefte) und setzte der Unsicherheit seiner Zeit diszipliniert und in individueller Höchstleistung die Arbeit des Denkens entgegen.

Was auch immer geschah: Täglich rauchte der Schornstein seiner „kleinen Fabrik". Er eignete sich die Gedanken anderer an und listete diese Anregungen in Fußnoten auf. Ihn interessierte alles.

Am liebsten dachte er allerdings über das Denken selbst nach: Was heißt es zu denken, was kann und woran scheitert es?

Er präzisierte in seinen Cahiers auch das „Können": „Ich KANN tun, handeln, ändern - das ist die Bedeutung von Fähigkeit - und der Aspekt des Handelns."

Das Können (sein Zentralgedanke) hat für ihn Vorrang vor dem Wissen:

„Leonardo sah, daß man A nur dann wirklich kennt, wenn man es macht, und daß, wenn man A machen kann, dies bedeutet, daß man nicht nur A machen kann, sondern auch A', A" - also Verwandte von A."

Das wirkliche (wirksame) Wissen ist für ihn Können. Jede Ausbildung, „die ohne Training auskommen will, das heißt ohne eine Methode zur Entfaltung der Kräfte des Individuums", züchtet nach Valéry nur „redende Tiere" heran.

Es sollte verboten werden, von etwas zu sprechen, was man nicht gesehen oder selbst erfahren hat.

Warum sollte man Valéry heute lesen? - Weil seine Kunst des Denkens uns lehrt, wie wir richtig unterscheiden, bewerten, die Kräfte unseres Könnens entfalten und den Panoramablick im Digitalisierungs- und Innovationszeitalter schulen können. Dazu sollte vor keiner Fachgrenze haltgemacht werden:

„Seien Sie zugleich Dichter, Ingenieur, Philologe, Geometer, Soldat, Physiologe ... Dann werden Sie von hundert Einfällen, die Ihrem Geist entspringen, 60 gebrauchen können. - ein einziger Eindruck wird Ihnen zehn lebende Sorten von Gedanken zuführen. - Sie werden die Zahl der intellektuellen Fehlgeburten, der vergeudeten Funken unvergleichlich verringern."

Dabei geht es nicht darum, alles zu wissen, sondern darum, das Wissen besser zu nutzen, nicht „schlau" zu werden (wie es in der heutigen Managementliteratur oft suggeriert wird), sondern weise. Aber das gelingt nur jenen, die ihren Geist richtig zu gebrauchen wissen.

Literaturhinweis: Ich grase meine Gehirnwiese ab. Paul Valéry und seine verborgenen Cahiers. Ausgewählt und mit einem Essay von Thomas Stölzel. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2016.

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