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Überleben im Anthropozän: Warum es für uns keinen Notausgang gibt

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HUMAN DA VINCI
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Was ist der Mensch?

Wir leben erstmals in einer Epoche der Weltgeschichte, in dem der Mensch als Spezies die geologischen Zusammenhänge für die Zukunft kausal bestimmt. Bereits 1979 setzte sich Max Frisch in seiner Erzählung „Der Mensch erscheint im Holozän" literarisch mit der Stellung des Menschen im geologischen Zeitmaß der Natur auseinander. Er wirft dabei Fragen auf, die heute unter der Überschrift Anthropozän diskutiert werden:

• Was ist der Mensch?
• Wie ist das Verhältnis der Menschheitsgeschichte und der Naturgeschichte?
• Wie schlagen die Folgen des menschlichen Tuns in der Natur auf ihn selbst zurück?

Im Jahre 2000 prägte der niederländische Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen dafür den Begriff Anthropozän (von ánthropos = Mensch und kainós = neu). Er soll den Zeitabschnitt der ca. letzten 60 Jahre in der Erdgeschichte umfassen, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist.

Dieser menschliche Eingriff wird über viele Generationen hinweg eine Veränderung in der geo-ökologischen Zusammensetzung der Erde hinterlassen, welcher für die Erde selbst und für den Menschen als Gattung erhebliche Auswirkungen hat. Dabei entstehen immense Rückkopplungsschleifen zwischen Mensch und Erde, die sich selbst verstärken.

„Es gibt von nun an keinen Exit, keine privilegierten Rettungsboote und keinen wirkliche externen Notausgang mehr." Sagt der Wirtschaftssoziologe und Psychiater Professor Stefan Brunnhuber, für den das neue Zeitalter des Menschen keine beliebige Epoche ist, sondern jene, die uns innerhalb von weniger als zehn Generationen die planetarischen Grenzen aufgezeigt hat.

Dabei geht es um eine „evolutionäre Reifeprüfung", ohne dass uns die Möglichkeit der Wiederholung offen steht.

In seinem fofgenden Gastbeitrag zeigt er, wie wir ein „richtiges" Leben im Anthropozän führen können und welchen Beitrag die Lebenswissenschaften durch ein besseres Verständnis unserer gedanklichen Abläufe leisten.

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Der Mensch im Anthropozän

Gastbeitrag von Prof. Stefan Brunnhuber

Im Anthropozän wird die Frage, was wir eigentlich meinen, wenn wir Mensch sagen, zu einer zentralen gesellschaftspolitischen, lebens- und forschungspraktischen Frage: Sie entscheidet darüber, ob wir uns richtig verstehen, einordnen und wahrnehmen, und wie wir miteinander umgehen.

Diese acht Erkenntnisse sind dabei zu beachten und werden nachfolgend erläutert:

1. Frames statt Fakten
2. Kognitive Dissonanz und Bestätigungseffekt
3. Paralleles und lineares Denken
4. Kooperation statt Kompetition
5. Demut und Größenwahn
6. Wahrnehmungsillusionen
7. Knappheit und Überfluss
8. Weniger ist mehr, aber anders.

Im Anthropozän geht es um die Wahrnehmung, den Respekt und den konstruktiven Umgang mit Grenzen. So stellen Initiativen wie Nachbarschaftshilfen, Car-Sharing, Ehrenamt, Zeitkonten, die Entkopplung von Nutzung und Eigentum, Reparaturkultur, neue Mobilitätsformen, Komplementärwährungen, Re-regionalisierung mit mehr Subsistenz und Suffizienzstrategien usw. keine Fehler im System, krankhafte Entwicklungen oder Lebensstile von Sonderlingen und Minderheiten dar.

Vielmehr sind es sozial-psychologische Praktiken, die die kommende gesellschaftliche Entwicklung im Kleinen bereits vorwegnehmen.

Psychologisch bedeutet Anthropozän jedoch eine Auseinandersetzung mit zwei Grenzerfahrungen: einmal mit den geo-ökologischen Grenzen des Planeten (gleichsam nach außen) und zum anderen eine Auseinandersetzung mit den Grenzen unseres Denkens, unserer Wahrnehmung und unseres Handelns (nach innen).

Nachhaltigkeit im Anthropozän heißt deshalb ein bewusstes Leben zwischen äußeren und inneren Grenzen:

Die äußeren (geo-ökologischen) Grenzen sind uns durch den Planeten vorgegeben, die inneren (psychologischen) werden durch den Diskussionsstand der empirischen Psychologie, Neurowissenschaften und Medizin vorgezeichnet.

In Bezug auf die inneren Grenzen geht es um die Frage, wie wir mit Fehlern im Denken und den Begrenzungen unserer Wahrnehmung umgehen, wie wir Risiken richtig einschätzen und mit Ungewissheiten zurechtkommen, und wie wir miteinander und der Natur umgehen:

Welche psychologischen Mechanismen kennen wir, die uns zeigen, wie wir mit Tod, Endlichkeit, Krankheiten, Alter, Leiden und Knappheit zurechtkommen?

„Wir sind gegenüber Unsicherheiten psychologisch intolerant ..."

Nachhaltigkeit hängt von vier Faktoren ab:

1. von der demografischen Entwicklung,
2. von der Technologie oder dem gewählten Energieträger,
3. von den Institutionen und
4. von Wertstrukturen.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass es bei der Verarbeitung und Problemlösung von Nachhaltigkeitszielen im Anthropozän gar nicht um Fragen der Technologie, der ökonomischen Rationalität, des Intelligenzquotienten oder auch des Parteiprogramms geht, sondern vielmehr um die Klärung eines kollektiven Mechanismus, den Leon Festinger bereits 1936 beschrieben hat:

Wenn Menschen in Situationen geraten, die zu komplex, zu traumatisierend, zu unübersichtlich oder zu widersprüchlich sind, dann setzt beim Einzelnen wie beim Kollektiv ein Verarbeitungsmechanismus ein, der „kognitive Dissonanz" genannt wird:

Die äußere Realität wird durch ein inneres Narrativ so lange mental umgeschrieben und gegenseitig kollektiv-öffentlich bestätigt, bis die dissonanten, dysfunktionalen, unerträglichen Anteile, dann doch irgendwie fassbar, tragbar, erklärbar oder zumindest quasi-verstehbar werden.

Wir sind gegenüber Unsicherheiten psychologisch intolerant und schaffen uns ständig Geschichten, die uns stabilisieren. Das innere Bild, das wir uns von der Welt machen, fällt damit immer stärker mit der äußeren Realität auseinander.

Wenn wir die Fakten in unserer Gesellschaft betrachten, ist die Realität für uns nahezu unerträglich. Klimawandel und damit verbunden die Verschwendung der Ressourcen, Finanzkrisen oder Kinderarbeit - das innere Bild, was wir von der Wirklichkeit haben und die reale Welt fallen immer weiter auseinander.

Um die Unsicherheiten, unbequemen Wahrheiten und Widersprüche auszuhalten, erzählen wir Geschichten, die unser Gewissen beruhigen.

Sie handeln dann vom Fortschritt und Wachstum, von der Umverteilung, von erneuerbaren Energien. Sie sind durch das westliche Wohlstandmodell geprägt, das die mediale und parteipolitische Aufmerksamkeit tagtäglich bestimmt.

Nahezu alle Erzählungen, die von einem nachhaltigen Zusammenleben im Anthropozän berichten, folgen dem vierteiligen Narrativ von Demographie - Wachstum - Technik - Governance.

Keiner der vier Strategien ist freilich falsch, und alle vier sind wichtig, aber sie zeigen, dass die Deutungshoheit über unsere Zukunft vor allem durch die Ergebnisse der Ökonomie, der Epidemiologie, den Ingenieurwissenschaften und der Rechtswissenschaften hinreichend bestimmt wird.

Wenn wir wirklich nur diesem Viererschritt folgen, schaffen wir uns ein gesellschaftliches Narrativ, welchem vielmehr die Funktion zukommt, eine unübersichtliche, aus der Kontrolle geratene und überkomplexe Realität mental zu kompensieren.

Zur Person:

Prof. Stefan Brunnhuber stefan-brunnhuber.de ist Wirtschaftssoziologe und Psychiater und arbeitet als ärztlicher Direktor einer Diakonie-Klinik für Integrative Psychiatrie. Er hat Medizin, Sozialwissenschaften und Wirtschaft studiert. Er romovierte bei dem deutsch-britischen Soziologen Ralf Dahrendorf. Am C. G. Jung Institut in Küsnacht (Schweiz) absolvierte er eine Ausbildung in Psychotherapie bei Helmut Barz. Seine beiden Schwerpunkte, die Medizin einerseits und die sozialen Aspekte der Wirtschaft andererseits, prägen heute sein Tätigkeitsfeld. Er ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste und Mitglied des Club of Rome (Austrian Chapter) und Sprecher einer Gruppe um Bernard Lietaer, die sich intensiv mit der Beziehung der internationalen Finanzmärkte und der Nachhaltigkeit beschäftigt. In seinem aktuellem Buch „Die Kunst der Transformation - Wie wir lernen die Welt zu verändern" (Herder Verlag) analysiert er erstmals, welche (sozial-)psychologischen Mechanismen diese Transformation verhindern und welche sie fördern.

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Foto: Prof. Stefan Brunnhuber

Literatur:

Stefan Brunnhuber: Die Kunst der Transformation. Wie wir lernen, die Welt zu verändern. Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016.

Wolfgang Haber, Martin Held, Markus Vogt (Hgg.): Die Welt im Anthropozän. Erkundungen im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Humanität. Oekom Verlag, München 2016.

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