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Traktoren und Touchscreen: Die digitale Zukunft der Landwirtschaft

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Digitalisierung braucht Realitätssinn, denn Alarmismus und Panik bringen uns heute nicht weiter. Der Herausgeberband „CSR und Digitalisierung" zeigt deshalb vor allem die Vielfalt, die mit dem digitalen Wandel verbunden ist und möchte dazu beitragen, nicht nur in Kategorien von schwarz (digitale Abstinenz) und weiß (vollmundige Verheißungen der schönen neuen Welt) zu denken. Das Neue soll buchstäblich weiter werden - gleichzeitig wird es heute aber gefürchtet und gefährlicher als das Alte wahrgenommen. Die kritischen Erörterungen zur Digitalisierung sind ernst zu nehmen (die Akkumulation der Daten, die Manipulation des Konsumverhaltens etc.), aber sie muss nicht gefürchtet werden. Das setzt voraus, dass wir in der Lage sind, ihre Rolle zu verstehen, um sie mit entsprechenden Grundkompetenzen richtig zu gestalten und die Dinge zum Besseren zu verändern.

Am Beispiel der Agrarwirtschaft zeigt sich die gesamte Tragweite des Themas: Zur Folge des agrarökonomischen Wandels gehört, dass die großen Betriebe immer weiter expandieren - und die Kleinen verschwinden: 1970 gab es in Deutschland noch mehr als 1 Mio. Höfe, heute sind es ein Viertel davon (Statistisches Jahrbuch über Ernährung, Landwirtschaft und Forsten). Ein Landwirt ernährt heute fast 150 Menschen mit seinen Produkten - Mitte des 20. Jahrhunderts waren es zehn (BMELV).

Gleichzeitig spezialisieren sich die Bauern: Entweder halten sie Vieh und bauen Futtermittel an, oder sie setzen auf Getreide oder andere Feldfrüchte. Statt vieler kleiner entwickelten sich in den vergangenen Jahrzehnten in den Industrienationen weniger, aber dafür deutlich größere Betriebe.

Klaus Josef Lutz, seit Juli 2008 Vorstandsvorsitzender des internationalen Agrarhandels- und Dienstleistungskonzerns Baywa in München, gibt im Buch einen Überblick über die Gegenwart und Zukunft der Digitalisierung in der Landwirtschaft. Er wirft einen Blick auf die Entwicklung der Bevölkerung weltweit und die damit verbundenen Herausforderungen für den Agrarsektor, gibt den Stand der Digitalisierung wieder, erklärt heute eingesetzte Techniken, skizziert ausgewählte Projekte und wirft einen Blick auf das Thema Datenschutz und -sicherheit.

Er ist davon überzeugt, dass den meisten Bauern der Wechsel hin zu einer smarten Landwirtschaft gelingen wird, denn sie können als Handwerker 21.0 mit dem Schraubenschlüssel genauso professionell umgehen wie mit komplexer Maschinensteuerung. Nach Klaus Josef Lutz gäbe es in der Landwirtschaft einen großen Bedarf an intelligenten Lösungen, um die Produktivität zu steigern und die Kosten zu senken.

Mit Smart Farming verbindet er allerdings nicht nur mehr Wirtschaftlichkeit, sondern auch die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie in der Landwirtschaft: „Die Digitalisierung ist ein mächtiges Werkzeug, das helfen kann, beide Sichtweisen zu einem neuartigen und nachhaltigen Farmmanagement zu verschmelzen."

Die cleversten Features im Bereich von Big Data und dem Internet der Dinge haben jedoch keinen nachhaltigen Nutzen, wenn die digitale Infrastruktur im ländlichen Raum nicht eine „rasante Aufwertung" erfährt. Die Politik sei deshalb gefordert, überall schnelles Internet zur Verfügung zu stellen - auch und gerade auch im nichtstädtischen Umfeld. Das, was bislang getan wurde, sei bislang noch zu wenig. Dazu gehört auch die Forderung, dass Deutschland und seine Landwirte den digitalen Anschluss nicht verlieren dürfen.

Es müssen vielmehr Voraussetzungen geschaffen werden, um den digitalen Wandel mit eigenen Innovationen zu forcieren und zu prägen.

Die Digitalisierung ist aus dem Agraralltag der Industrienationen kaum mehr wegzudenken: vollautomatische Fütterungssysteme füttern das Vieh, Kühe finden selbstständig den Weg zum nächsten Melkroboter, Traktoren bewegen sich dank GPS-Steuerung über die Felder, Maschinen lassen sich von Algorithmen lenken, Landwirte nutzen Softwares und Apps, um sich bei der Preisgestaltung, Verkaufsentscheidung für Getreide oder generell dem Managen ihres Betriebes unterstützen zu lassen, Bodensensoren messen den Nährstoffgehalt, Drohnen und Sensoren bestimmen die optimalen Zeitpunkte und Mengen von Dünger und Pestiziden.

Der globale ökonomische Nutzen der digitalen Transformation des Agrarsektors wird bis zum Jahr 2025 auf bis zu 330 Milliarden US-Dollar geschätzt. Allerdings, bemerkt Gert Rürup, Chefökonom des Handelsblatts und Präsident des Handelsblatt Research Institute (der mit dem Beitrag „Digitalisierung: Chancen auf neues Wachstum" im CSR-Band vertreten ist), dass der Großteil dieser Rendite allerdings in den Industriestaaten zu verzeichnen ist - „die Probleme der Millionen Kleinbauern in Asien und Afrika bleiben ungelöst" (Handelsblatt, 30.10.2017, S. 16).

Am Beispiel der Agrarwirtschaft zeigt sich besonders deutlich, wie nah Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung beieinander liegen, denn die Agrokonzerne wittern Milliardengeschäfte und versuchen beispielsweise, nicht nur Landmaschinen zu verkaufen, sondern auch Softwareplattformen zu entwickeln. Hofmanagement 21.0 heißt in diesem Fall: Je mehr Informationen über Böden, Wetter, Unkrautaufkommen etc. gesammelt werden, desto zielgerichteter können sie ihnen ihre Produkte verkaufen. Dies erzeugt zu Recht Bedenken. Auch wird im Agrarbereich bisweilen das Bild eines „gläsernen Landwirts" gezeichnet, dessen betriebliche und persönliche Daten in Zukunft zum Spielball fremder Interessen und internationaler Großkonzerne werden, dass er anonymer, privater Entscheidungen nahezu beraubt ist.

Diese noch offenen Fragen rund um das Sammeln, Auswerten und Nutzen von Daten im Agrarbereich müssen ernst genommen werden: Wem gehören sie? Wer darf sie wofür nutzen? Wo liegen die Urheberrechte? Wie kann eine sichere Datenerhebung und Weitergabe garantiert werden?

Fragen bilden auch den Auftakt des Herausgeberbandes zur Digitalisierung, denn sie sind Motor, Triebkraft und Impulsquelle für neue Entwicklungen. „Sie motivieren uns, den Dingen auf den Grund zu gehen." (Antje Hinz)

WeiterfĂĽhrende Informationen:

Klaus Josef Lutz: Digitalisierung der Landwirtschaft: Revolution mit evolutionärem Charakter. In: CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag, Heidelberg Berlin 2017, S. 429-442.

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