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Warum die Touch-Generation berĂŒhrende Erfahrungen braucht

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TOUCHPAD
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Das haptische Unternehmen

Wer sein Unternehmen haptisch prĂ€gt, befindet sich auf dem besten Weg zu einem sinnlichen Unternehmen, sagt der „Erfinder des haptischen Marketings" und Autor Karl Werner Schmitz.

Ein Beispiel dafĂŒr ist die aktuelle Europa-Kampagne der Deutschen Telekom mit dem Star-Tenor Andrea Bocelli. Die lĂ€nderĂŒbergreifende Idee eines vernetzten Europas soll durch den Kampagnenclaim unterstĂŒtzt werden: „FĂŒhl dich verbunden in ganz Europa. Im besten Netz."

Es ist nicht sichtbar, sondern wird ĂŒber ein gemeinsames GefĂŒhl vermittelt, das ĂŒber Andrea Bocelli transportiert wird, der im Alter von zwölf Jahren erblindete. Begleitet von emotionalen Bildern und Musik erklĂ€rt er mit weit ausgebreiteten Armen die Bedeutung der grenzĂŒberschreitenden Kraft des Netzes:

„Wie fĂŒr die Musik gilt auch fĂŒr das Netz: Was uns verbindet, sieht man nicht - man fĂŒhlt es."

Die Sinne, allen voran der Tastsinn, sind bei Blinden besonders ausgeprĂ€gt. Indem die Telekom darauf setzt, macht sie Digitalisierung greifbar - und sich selbst zu einem haptischen Unternehmen, deren Ziel es ist, Menschen berĂŒhrende Erfahrungen zu verschaffen, durch die sie Dinge aufnehmen, erleben und begreifen können.

BerĂŒhren - begreifen - bewegen: Das sind fĂŒr Hans Werner Schmitz haptische Kernelemente, die auch zum haptischen Verkaufen gehören.

In seinem Buch „Die Strategie der 5 Sinne" wird durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt, dass der Tastsinn, dessen Wahrnehmung ĂŒber die Haut geht, der wichtigste unserer Sinne ist, den wir nicht „verlieren" können und der den grĂ¶ĂŸten Einfluss auf unser Empfinden, Denken und Handeln ausĂŒbt.

Ohne BerĂŒhrung können Menschen nicht leben. Seit der Geburt trĂ€gt sie zum Aufbau des Immunsystems und zum Entstehen von Bindung und Geborgenheit bei. Am Ende des Lebens haben Sterbende oft das BedĂŒrfnis, dass ihre Hand gehalten wird. Der Tastsinn macht Leben und Tod erst wirklich greifbar.

Die Hierarchie der Sinne

Die Debatte um die Hierarchie der Sinne reicht bis in die Antike zurĂŒck. Bei der im 18. Jahrhundert gefĂŒhrten Diskussion um die Hierarchie der Sinne handelte es sich um eine Kritik an der Erkenntnisleistung des Auges und eine Umwertung der einzelnen Sinne in ihrer Bedeutung fĂŒr die Erkenntnis der wahrnehmbaren Welt.

Das zunehmende Interesse an der Aufwertung des Tastsinns zum Wirklichkeit konstituierenden Sinn seit der frĂŒhen Neuzeit bis 1800 dokumentieren die in den letzten Jahren erschienenen kulturwissenschaftlichen Studien ĂŒber die Neukonzipierung der Sinneshierarchie und Anthropologie im 18. Jahrhundert.

Ein neues Interesse an Johann Gottfried Herder (1744-1803), dem VorlÀufer postmoderner Leiblichkeit, ist seit den 1980er Jahren erkennbar.

Bei ihm wird der ursprĂŒngliche, unverfĂ€lschte Tastsinn nicht nur zum Augenersatz, sondern zum privilegierten Sinn und Mittelpunkt des Ästhetischen: Die antiken Statuen und die Wirklichkeit der Dinge sollten mit der Hand bzw. Haut be-griffen werden.

Analog und digital: Verantwortungsvoll handeln

Auch Karl Werner Schmitz formuliert in seinem Buch, dass auch er mit den HĂ€nden sieht. Und auch die Industrie reagiert nach Ansicht des Verkaufs- und Marketingexperten immer mehr in Touch:

„Die Zukunftsvision vom Point of Sale zum Point of Touch hat schon lĂ€ngst begonnen."

Er verweist in diesem Zusammenhang auf das Smartphone mit dem Touchscreen-Display. Doch es reicht fĂŒr den menschlichen Erkenntnisprozess und die Urteilskraft nicht aus, nur eine flache Bildtafel zu berĂŒhren. Worauf es ankommt, ist, von einer abstrakten Ebene auf eine gegenstĂ€ndlich-konkrete Ebene zu kommen. Dass sich beides nachhaltig miteinander verbinden lĂ€sst, zeigen die folgenden Beispiele:

Sebastian Diehl und Benjamin BrĂŒser, die beiden GrĂŒnder von Emmas Enkel, wollten als Kunden nicht lĂ€nger durch anonyme SupermarktgĂ€nge wandern, unfreundlichen Service akzeptieren, hastig einkaufen und gehetzt bezahlen. Sie wollten eine perfekte Symbiose aus stationĂ€rem Tante-Emma-Laden und Onlineshop zu sein, die zusĂ€tzlich das Angebot eines Supermarkts mit Lieferservice zur VerfĂŒgung stellt.

Das 2011 gegrĂŒndete Start-up möchte das Beste aus der „guten alten Zeit" mit der modernen Technik des Internetzeitalters verbinden:

„Im nostalgischen kleinen Laden um die Ecke packt der freundlich lĂ€chelnde VerkĂ€ufer Artikel aus den Holzregalen in braune PapiertĂŒten. Ein SchwĂ€tzchen an der Ladentheke, frische Lebensmittel, Drogerie- und Haushaltsartikel einkaufen und ein kleiner Kaffee oder Snack mit dem Nachbarn auf den 50er-Jahre-StĂŒhlen an kleinen Tischchen in der ‚Guten Stube'..."

AusfĂŒhrliche Informationen dazu finden sich im Beitrag von Nicole Schreiber-Mansmann „Emmas Enkel" (in: N-Kompass magazin. Nachhaltig wirtschaften im Mittelstand. 3 (2016), S. 8-11).

Eine der wichtigsten Aussagen stammt von Sebastian Diehl, der dafĂŒr plĂ€diert, endlich aufzuhören, „sich immer nur ĂŒber den Onlineversand zu beschweren". Es geht vor allem darum, neue Wege zu wagen, die den Menschen mit „ins Boot" holen.

Auch reine Onlineversender binden ihn aktiv ein. Das haptische Zauberwort lautet „Mit-Mach-Marketing" (Schmitz): Der Kunde wird zum Mit-Arbeiter und in den Produktionsprozess integriert, „selbst Hand anzulegen" und dabei fĂŒr „Nachhaltigkeit zu sorgen".

Auf der Nachhaltigkeitsplattform memolife finden sich Beispiele aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen - auch fĂŒr Kinder, die gerade anfangen, die Welt zu begreifen. Bastelsets sind dabei eine erste Handreichung - etwa ein Bausatz Mini-Flugdrachen mit einem Bastelbogen aus Recyclingpapier, ein Solar-Bausatz fĂŒr eine solarbetriebene WindmĂŒhle oder ein Solar-Bausatz "Windgenerator".

Auch Gartenzubehör wie VogelhÀuser oder Insektenhotels können selbst zusammengebaut werden:

„Und weil selbst gebastelt immer noch am schönsten ist, wird das Set als unbehandelter Bausatz geliefert", heißt es auf der Website, auf der auch handbemalte Varianten zu finden sind. Die Herstellung erfolgt komplett in Deutschland. Das unbehandelte Fichtenholz stammt aus regionaler Forstwirtschaft.

Der Nachhaltigkeitsaspekt soll auch bei den „nebensĂ€chlichen" Dingen nicht vernachlĂ€ssigt werden - es ist wichtig, „auch bei Nischenprodukten wie diesen auf QualitĂ€tsstandards in der gesamten Wertschöpfungskette zu achten", sagt Claudia Silber, Leiterin Unternehmenskommunikation bei der memo AG, die auch zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit gehört.

Anhand zahlreicher Beispiele, die sie als Expertin kommentiert und reflektiert, zeigt der Beitrag „Dinge des Lebens im Zeitalter der Digitalisierung" im Band „CSR und Digitalisierung" (hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner LandhĂ€ußer), das Anfang 2017 im Fachverlag SpringerGabler erscheint, dass es fĂŒr eine „fassbare" Wirklichkeit auch ein greifbares Erleben braucht - echte Dinge und die RĂŒckbesinnung auf deren ResonanzqualitĂ€ten.

Die Faszination und Vorliebe fĂŒr kleine Dinge und Details sind heute ein letzter Rest, der eine Gegenmacht zur Rationalisierung der Gesellschaft darstellt.

Ein haptisches und nachhaltiges Unternehmen bezieht allerdings nicht nur den Kunden in den Herstellungsprozess ein, sondern legt vor allem auch Wert auf handgefertigte Produkte im Sortiment.

So sind beim Ökoversender auch handgeflochtene Körbe aus Robinien- und Weidenruten zu finden, dessen Flechtmaterial ebenfalls ausschließlich aus europĂ€ischen Korbweiden aus nachhaltigem Anbau stammt und naturbelassen verarbeitet wurde.

Natursteine, die per Hand an den Ufern des Bodensees und seinen ZuflĂŒssen gesammelt wurden, finden sich hier als Kerzen- oder Teelichthalter, als Windlicht oder Duftlampe. Die Verarbeitung erfolgt ebenfalls in Handarbeit und reduziert sich auf das „Wesentliche".

All diese Dinge sind zugleich ein Ausdruck davon, wie wir unsere Welt begreifen und welchen Wert wir ihr verleihen, indem wir uns fĂŒr oder gegen etwas entscheiden: fĂŒr ein wahrhaftes, nachhaltiges Produkt oder eines, das uns zu tĂ€uschen versucht, indem es vorgibt, etwas zu sein, was es nicht ist.

Wer sich ernsthaft mit Nachhaltigkeit beschĂ€ftigt, wird die Bedeutung der HĂ€nde und des Haptischen niemals unberĂŒcksichtigt lassen: Denn sie vollziehen Handlungen, die verantwortungsvoll auf die Welt zugreifen. Ihr erstes Merkmal ist ihre Offenheit gegenĂŒber der Welt. Augen lassen sich tĂ€uschen, HĂ€nde nicht.

Auch in modernen Unternehmenskulturen zeigen sich AusprĂ€gungen des Themas. So empfiehlt der internationale Marketingexperte Tim Leberecht in seinem Buch „Business-Romantiker", auch mal ein Meeting im Dunkeln abzuhalten: Dadurch werden "soziale Vorurteile zwischen Mitarbeitern und Chefs vollstĂ€ndig ĂŒber Bord geworfen. Man weiß nicht, wer gerade neben einem sitzt, welchen Status die Leute in der Gruppe haben und so weiter. Das kann ziemlich befruchtend sein. Vor allem aber ist es dieser Kick, einfach mal was Neues auszuprobieren." Denn Ziele brauchen auch Spiele, weil sie auf angenehme Weise begreifbar machen, was uns allein und zusammen ergreift.

Weitere Informationen:

12 Richtige: Dinge, die auch im digitalen Zeitalter ein haptischer Gewinn sind


Wie Handwerk und Upcycling unser Leben verÀndern
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Die einfachen Dinge: Warum sie nie so wertvoll waren wie heute

Möblierte Zukunft. Warum Holz und Handwerk heute immer wichtiger werden


Warum Manufakturen in Zukunft noch wichtiger werden - und wie uns die echten Dinge des Lebens verÀndern

Literatur:

Karl Werner Schmitz: Die Strategie der 5 Sinne. Wie Sie mit Haptik Ihren Unternehmenserfolg nachhaltig steigern. Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim 2015.

Alexandra Hildebrandt: Lebwohl, du heiterer Schein! - Blindheit im Kontext der Romantik. Königshausen & Neumann (Epistemata Literaturwissenschaft), WĂŒrzburg 2012.

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