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Top Achtsamkeits-Trends 2016: Warum Meditation (nicht nur) Sinn macht

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MEDITATION
VisualCommunications via Getty Images
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Annette Coumont gehört zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit. Sie arbeitet seit Jahren als freiberufliche Redakteurin, Autorin und Managerin für Projekte und Partner im Bereich Nachhaltigkeit.

Nach ihrer Laufbahn im Medienbereich (ARD, WDR, Bauer Verlag, RTL), zuletzt bei n-tv Der Nachrichtensender, half sie, das ehemalige Online-Nachhaltigkeitsportal evidero in ein benutzerorientiertes Lifestyle Magazin für einen gesunden bewussten Lebensstil umzuwandeln.

Als freie Redakteurin/Autorin konzentriert sie sich auf Themen rund um Achtsamkeit, besonders unter dem Aspekt des gesellschaftlichen Wandels. Ende November war sie deshalb beim Kongress "Meditation & Achtsamkeit" in Berlin, bei dem Top-Speaker aus dem Bereich auf Wissenschaftler trafen.

In einem Panel wurden auch die Achtsamkeitsstrategien von SAP, Google, RWE/Innogy und DM vertieft. Darüber schreibt sie in ihrem folgenden Gastbeitrag, der eine modifizierte Version aus ihrem Achtsamkeitsblog ist und mit freundlicher Genehmigung der Autorin hier übernommen wird.

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Foto: Annette Coumont

Annette Coumont: Meditieren um gesund zu bleiben oder mental fit zu sein - Macht Zweck Sinn?

Die neuesten Trends vom Top-Kongress "Meditation & Wissenschaft" in Berlin: Warum Achtsamkeitsmeditation so wichtig für uns ist.

Ein Leben im Hamsterrad der Zeit: Überforderung, Stress und Burnout - unsere Arbeits- und Leistungskultur fordert uns am laufenden Band. Ein Entkommen scheint nahezu unmöglich. Oder doch? - Jeder vierte Deutsche interessiert laut einer Studie der GfK für Achtsamkeit und Meditation, meist um der Stressfalle zu entgehen oder mehr Sinn im Leben zu finden.

Menschen, die regelmäßig meditieren sind in Folge meist "bewusster" - sie leben achtsamer und gesünder, was auch positive Folgen für das soziale Miteinander und den nachhaltigen Umgang mit unserer Umwelt nach sich zieht . Forscher beobachten eingehend die vielen positiven Aspekte von achtsamer Haltung und Verhalten, denn sie bergen ein großes Potenzial, unsere Gesellschaft aus sich selbst heraus zu verbessern.

Täglich eine Dosis Achtsamkeit - Risiko und Nebenwirkungen inbegriffen

Geh es uns schlecht, greifen wir symptomorientiert häufig erstmal zur Pille. Aber jedes Medikament, welches uns hilft oder Schmerzen lindern soll, wird vorher wissenschaftlich auf seine Wirksamkeit sowie Risiken und Nebenwirkungen untersucht.

Nun gibt es erste wissenschaftliche Erkenntnisse über eine Art von Therapie, die ursächlich und ganzheitlich wirkt, erstaunliche Heilkraft besitzt und für jeden geeignet ist, ganz ohne Risiko: Die Meditation. Und das umsonst!

Allerdings ist auch diese Therapie nicht frei von Nebenwirkungen. Sie ist sogar geradezu voll davon. Denn behandelt man mit ihr ein Stressleiden, stellt sich als Nebenwirkung häufig auch eine sozialere Haltung den Mitmenschen gegenüber ein. Werden Führungskräften in Unternehmen mit Meditation geschult, verändert sich sogar die Haltung der Unternehmenslenker in Puncto Nachhaltigkeit.

So widerfuhr es beispielsweise dem Konzern RWE, der die Transformation in einen modernen Energiedienstleister vollzogen hat, um den Ansprüchen des Klimawandels gerechter zu werden. Peter Terium, CEO der neue gegründeten innogy S.E., berichtete auf dem Kongress Meditation & Achtsamkeit in Berlin von der wundersamen Kulturwandels des Konzerns RWE durch eine gezieltes Achtsamkeitstraining seiner Führungsmannschaft.

Wieviel Business verträgt die Meditation - und wieviel Meditation das Business?

Aber nicht nur der Vorsitzende der innogy S.E., Peter Terium, bekannte sich auf dem Kongress eigens zur seiner täglichen Meditationspraxis. Auch die anderen eingeladenen Unternehmensvertreter in der Diskussionsrunde "Macht Zweck Sinn?!" vertraten die Auffassung, dass Achtsamkeit grundlegend ihre Unternehmenskultur und damit das gesamte Unternehmen verändert hat, darunter auch Erich Harsch, Vorsitzender der Geschäftsführung von dm, Mounira Latrache von Google sowie Peter Bostelmann von SAP Global.

Man könnte glauben, Achtsamkeit sei auf dem Weg eine Art Geheimwaffe im Business zu werden. Immer mehr Unternehmen setzen auf Meditation zur Förderung von Resilienz, Kreativität, Leadership. Studien scheinen nahezulegen, dass das funktioniert. Wie sich allerdings die Freiheitsdimension in der Meditation tatsächlich mit der Effizienz- und Zielorientierung grosser Konzerne verträgt, konnte in der von Paul J. Kohtes, Zen Lehrer und ehemaliger PR-Agenturinhaber, moderierten Diskussionsrund mit den Konzernvertretern nicht abschließend geklärt werden. Denn der Prozess der unternehmerischen Transformation durch Meditationsmethoden steht immer noch ganz am Anfang.

Dass Meditation im ursprünglichen Kontext eine Dimension innerer Freiheit beinhaltet, die wahrlich nichts mit dem Unternehmen zu tun hat, in dem man arbeitet, betonten Mounira Latrache, Leiterin des Search Inside Yourself Programms bei Google, und Peter Borstelmann, Leiter bei SAP Global für mindfulness practice, immer wieder. Selbstverständlich seien die Achtsamkeitsprogramme immer freiwillig für alle Mitarbeiter. Nur Peter Terium bekannte sich offen zu der Zwangsbeglückung seiner Führungskräfte durch Achtsamkeitstraining, denn RWE hätte ohne den kulturellen Wandel von innen wohl kaum länger in der ursprünglichen Form auf dem deutschen Markt existieren können.

Mit Meditation den Planeten retten - von Bildung zu nachhaltigem Konsum durch Mitgefühl

So wie tägliche Meditation die Kultur ganzer Unternehmen ändern kann, ändert sie auch jedem Einzelnen von uns. Weil es so wichtig und wirksam ist, für welche Art von Konsum wir uns jeden Tag mit unserem Geldbeutel entscheiden, gibt es eine Reihe von Ansätzen kreativer Forschung, die den Zusammenhang von Achtsamkeit und nachhaltigen Konsum nachweisen wollen.

So beispielsweise in dem Projekt "Bildung für nachhaltigen Konsum durch Achtsamkeitstraining" (kurz: BINKA), welches darauf abzielt, die Lücke zwischen vorhandenem Umweltbewusstsein und tatsächlichem Handeln zu schliessen und die Menschen konkret zu einem nachhaltigen Konsum zu bemächtigen. Das Projekt wird von Forschern der TU Berlin unterstützt, die die genauen Zusammenhänge zwischen Meditation und Konsum transparent machen wollen.

Leider stehen eindeutige Forschungsergebnisse über einen konkreten Zusammenhang noch aus. Eines aber steht bereits heute fest: Wer Ethik und Mitgefühl in seine Meditationspraxis integriert, scheint eher ein tiefgreifendes Bewusstsein für die Lage unseres Planeten, für die Umwelt, die Tiere und seine Mitmenschen zu entwickeln.

Von Stressreduktion zu mehr Mitgefühl und Kooperation - Training des Sozialen Gehirns

Die Wichtigkeit, einer ganzheitlichen Achtsamkeitsmeditation, die auch das Mitgefühl beinhaltet, hat besonders Dr. Paul Grossmann, Direktor Forschung in der Psychosomatischen Medizin Universität Basel sowie Gründer des Europäischen Zentrums für Achtsamkeit, betont. In seinem umfassenden Therapie-Ansatz, der ursprünglich im Buddhismus verankerten "mindfulness", spielen ethische Einstellungen, wie Mitgefühl, Freundlichkeit, Toleranz, Geduld und Großzügigkeit, die wesentliche Rolle zur ganzheitlichen Genesung des Menschen.

Bestärkt wurde diese These durch Prof. Dr. Tania Singer, Leiterin der Abteilung für Soziale Neurowissenschaft des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften. Sie stellte auf dem Kongress das ReSource Projekt vor, in dem sie zeigen möchte, wie die verschiedenen Meditationsformen (Aufmerksamkeitsschulung, Mitgefühlsmeditation und kognitive Meditation) auf das subjektive Erleben, das Gehirn, das Verhalten sowie auf Gesundheit und Stress wirken.

Dabei ist es auch ein Anliegen herauszufinden, welche Meditationsform ganz besonders dazu beiträgt, soziale und bewusst nachhaltige Einstellungen zu fördern. Erste Ergebnisse des engagierten Forschungsprojekts zeigen bereits, dass uns Meditationsformen, die das Mitgefühl betonen, zu besseren (Mit-)Menschen machen - eine elementar wichtige Erkenntnis für die Zukunft unseres Zusammenlebens in unserer auf Leistungsdruck, Wettbewerb, Nutzen- und Gewinnmaximierung getrimmte Gesellschaft.

Meditation und Achtsamkeit in der Traumatherapie und der Behandlung von Depressionen

Auch die Heilung seelischer Krankheiten kann durch Achtsamkeitsmeditation gefördert werden. Durch Achtsamkeit selbstregulierte Aufmerksamkeit auf emotionale und körperliche Vorgänge stärkt die positive Wahrnehmung des Selbstbildes und die emotionale Stabilität.

Das kann Menschen helfen, die depressiv sind oder durch ein erlebtes Trauma psychisch erkrankt sind. Bereits heute werden Achtsamkeitsmethoden bereits erfolgreich in der Psychotherapie und im klinischen Bereich eingesetzt.

In diesem Zusammenhang stellte Prof. Dr. Christine Kühler, die am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und an der Universität Heidelberg forscht, die Ergebnisse ihrer Forschung mit Depressionskranken vor. Das ruminantive Grübeln, die stetige Wiederholung (Wiederkäuen) von negativen Gedanken, spielt eine große Rolle bei der Entstehung von Depressionen. Durch Achtsamkeitstraining können die ständigen Gedankenschleifen unterbrochen und damit die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol wesentlich reduziert werden.

In der Traumatherapie, besonders bei Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), helfen Achtsamkeitsübungen, die negativen Erinnerungen in der Therapie besser zuzulassen. Denn nur, wenn Menschen ihre Erinnerungen zulassen, kann an einer Heilung und Überwindung der Traumata gearbeitet werden. Dr. Meike Müller-Engelmann und Corinna Schreiber, klinische Psychologinnen an der Goethe-Universität, stellten ein im Rahmen der Traumatherapie speziell angepasstes Verfahren der Achtsamkeitstechnik vor, welches klassische Übungen wie Sitzmeditation ebenso beinhaltete, wie den mitfühlenden Umgang mit sich selbst und anderen.

Damit mehr erkrankte Menschen von der Methode der Achtsamkeitsmeditation profitieren können, bedarf es aber weiterer Forschung, die ihre Wirksamkeit nachweist. Nur durch eine Anerkennung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse durch unser Gesundheitssystem können achtsamkeitsbasierte Therapieansätze vielen Menschen zugute kommen.

Dharma - Die Basis von Mindfulness nach Prof. Dr. Jon Kabat-Zinn

Der Begründer der modernen Achtsamkeitsbewegung, Jon Kabat-Zinn, war live auf dem Kongress zugeschaltet. Im moderierten Gespräch betonte Kabat-Zinn die eigentlichen Wurzeln der Achtsamkeit, nämlich die ursprüngliche Lehre des Buddha, genannt Dharma. In seinen Augen müssen alle auf Achtsamkeit basierenden Meditationsmethoden generell im Sinne des Buddhismus verankert sein.

Wobei er vor allem den Aspekt des Mitgefühls betonte: "If we are not hearing "heartfulness" when we are hearing of speaking "mindfulness", we are mis-understanding its essence. So the most important point will be that those to teach mindfulness, wether in medical or corporate or other settings, need to teach out of their own deep personal practice of mindfulness, developed over many years with the best teachers they can find."

Neben der Wichtigkeit des Mitgefühls ist also auch die persönliche langjährige Erfahrung der eigenen Meditation ein wichtiger Punkt, um anderen Menschen überhaupt Achtsamkeit lehren zu können.

Macht Zweck Sinn? - Meditation und Wirklichkeit

Das Motto "Macht Zweck Sinn?!" des diesjährigen Kongress Meditation & Wissenschaft inspiriert und regt weiter zum Nachdenken an. Geht es doch eigentlich bei der Meditation um unsere innere Freiheit.

Diese könnte durch Zweckentfremdung und Aneignung möglicherweise ihrem ursprünglichen Wesen beraubt werden.

Unsere nutzenorientierte Gesellschaft neigt dazu, Meditation, die im ursprünglichen buddhistischen Kontext eigentlich frei von Absicht und Zweck ist, zum gesamtgesellschaftlichen Nutzen zu praktizieren. Ob im medizinisch-therapeutischen, pädagogischen oder wirtschaftlichen Kontext - immer muss es lohnend sein oder einen konkreten Nutzen haben, wenn wir meditieren.

Jon Kabat-Zinn machte in seinem Plädoyer einer rein zweckorientierten Anwendung der Achtsamkeitsmeditation eine eindeutige Absage: "It is not a matter of turning mindfulness into a concept, or an attentional exercise devoid of embodied self-awareness (emotional, cognitive and physical), other-awareness, and world-awareness. Mindfulness is about relationally at any and every level, no different from what might be called a field of embodied wakefulness or "pure awareness"." Dennoch wurden vor allem seine vielen Bücher, Konzepte (MBSR) und Programme zum großen Nutzen aller Menschen in die Welt getragen!

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Copyright: Annette Coumont

Buchtipps:

Jon Kabat-Zinn "Das Abenteuer Achtsamkeit".

Tania Singer, Matthieu Ricard: "Mitgefühl in der Wirtschaft".

Chade-Meng Tan: "Search inside Yourself".

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