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Tief eingegraben. Was wir im Garten des Lebens finden

01/07/2015 17:57 CEST | Aktualisiert 01/07/2016 11:12 CEST
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Die Welt in Ordnung bringen

Für viele ist Gartenzeit die richtige Zeit, um über das Leben nachzudenken und den überschaubaren Raum als Stätte der Pflege, Reflexion und Ordnung zu erfahren. Durch Alleinsein, In-sich-Gehen und Arbeiten im kleinen Maßstab.

Der kluge Gärtner weiß, dass nur etwas werden kann, wer sich dessen bewusst ist. Und dass er keine großen Sprünge machen sollte, denn die Natur macht es auch nicht. Er ist jemand, der das ganze Jahr über kultiviert.

Was für den Boden gilt, gilt ebenso für andere Lebensbereiche, besonders für Freundschaft, weil sie nur so lange hält wie ihre Pflege. Ihr Wert rückt in Zeiten des gesellschaftlichen Zerfalls und sozialer Vereinsamung heute verstärkt in den Blick. Garten- und Freundschaftsbücher erleben einen Boom wie nie zuvor.

Vielfach wird Freundschaft, die für Verlässlichkeit, Geborgenheit und Stabilität steht, auch mit Gartenmetaphern in Verbindung gebracht: Sie zu pflegen ist ein „Langzeitprojekt" (Roger Willemsen) und ein „Element der Lebenskunst" (Wilhelm Schmid). Aber sie kann auch „zuwuchern", wenn sie zur Routine wird.

Das Umgraben, Umwenden, Eingraben, Auflockern und Einebnen ist nicht nur schönes Sinnbild für Freundschaft, sondern auch für das Zusammenspiel von Lebensinhalt und -form. Und das Schreiben, das der Gartenarbeit ähnlich ist, denn beides sind Vorgänge, die die Welt wieder „in Ordnung" bringen:

„Wenn sich nämlich das Rasenmähen so anfühlt, als kopiere man den gleichen Satz wieder und wieder, dann heißt Gartenarbeit neue Sätze schreiben, in einem unendlich variierbaren Prozess des Erfindens und Entdeckens." (Michael Pollan)

Was wir im Verborgenen finden

Schreiben ist vermutlich die einsamste Tätigkeit der Welt. Aber ohne Einsamkeit kann nichts Tiefes und Nachhaltiges gedeihen.

Erst über die Einsamkeit des Gartens, sagt Horaz, der zusammen mit seinem Carpe Diem ein „Lebe im Verborgenen" zur Maxime erhob, ist es möglich, „den Tag zu pflücken", was angesichts der Todesgewissheit und mancher Alltagssorgen elementarstes Prinzip eines glücklichen Lebens ist.

Gärten und gute Literatur haben eines gemeinsam: Sie appellieren an die Menschen, sich mehr um ihren inneren Garten zu kümmern. Bücher können uns das ursprüngliche Prinzip des Gartens näherbringen:

„Bei der Gartenarbeit lernt man viel über die Menschen, deren Psyche und die Philosophie des Lebens. Mit uns Lebewesen ist es wie mit den Pflanzen, man kann sie nicht drängen zu wachsen, sie nehmen ihren Lauf. Wenn man es trotzdem versucht, zeigen sie dir, wie unglücklich sie das macht. Indem sie welken oder einfach nicht gedeihen."

Sagte der Gärtner und Selbstversorger Maurice Hennessy, Erbe des zum Luxuskonzern LVMH gehörenden Cognac-Imperiums, kürzlich im „manager magazin" (Juli 2015)

Seine Aussage deckt sich mit der von Ina Schmid: Die Philosophin verbindet Freundschaft mit einer ganz eigenen geistigen Qualität, die sich im Augenblick einer „sympathischen" Begegnung zeigen kann und dann aber eine Entscheidung von uns fordert, sich um dieses „Potenzial" zu kümmern. Sie vergleicht es mit dem Bild eines Gartens, eines Samens, der aufgehen kann, aber nicht muss.

Wenn sie Freundschaft beschreibt, meint sie immer auch den Garten: Beide sind mögliche Antworten „auf die fragmentarischen Lebensformen und Rollenbilder..., denen wir nach Auflösung vieler traditioneller Lebenszusammenhänge in unserem Leben begegnen, eine Möglichkeit, die auch einen sozialen Brückenschlag von der analogen zur digitalen Wirklichkeit machbar erscheinen lässt."

Empfehlenswerte Literatur:

Jakob Augstein: Die Tage des Gärtners. Vom Glück, im Freien zu sein. Carl Hanser Verlag, München 2012.

Katja Kraus: Freundschaft. Geschichten von Nähe und Distanz. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2015.

Michael Pollan: Meine zweite Natur. Vom Glück, ein Gärtner zu sein. Aus dem Amerikanischen von Eva Leipprand. Oekom Verlag München 2014.

Wilhelm Schmid: Vom Glück der Freundschaft. Insel Verlag Berlin, 2014.

Ina Schmidt: Auf die Freundschaft. Eine philosophische Begegnung oder Was Menschen zu Freunden macht. Ludwig Verlag, München 2014.

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