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Take on me: A-ha-Sänger Morten Harket über Mobbing, Menschenmengen und die Kraft des Einzelnen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MORTEN HARKET
Pilar Olivares / Reuters
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Urgewalt ohne moralischen Kompass

Der Sänger der norwegische Band A-ha hat eine Autobiographie geschrieben, die so leise und schillernd ist wie die Natur, die er darin beschreibt. Seit Kindheitstagen sind Schmetterlinge, Orchideen und Korallen seine Passion. Auf einige Erinnerungen blickt er wie einige Menschen zurück, für die früher alles besser war:

„Was die Riffs angeht, stimmt das allerdings traurigerweise wirklich. Über die Jahre sind sie stark beschädigt worden. Mein allererster Tauchgang war tatsächlich bunter und lebendiger, denn seitdem hat die Vielfalt des Lebens unter Wasser stark abgenommen. Durch den Klimawandel ist das Wetter unberechenbarer geworden..."

Schlägt das große ökologische Pendel einmal zu weit aus, „findet es nicht so schnell wieder in seinen gewohnten Takt zurück".

Vielleicht muss erst alles zusammenbrechen, damit die Menschen begreifen und handeln, bemerkt er resigniert in seinem Buch, das nicht nur eine Autobiographie, sondern auch ein interessantes Nachhaltigkeitsfragment ist und auch zahlreiche Gründe zur Hoffnung enthält.

Sie liegen tief in ihm selbst und seiner richtigen Einstellung zu den Dingen. Das sind zugleich die stärksten Stellen des Buches, in denen er versucht, sich selbst näher zu kommen.

Als er ganz unten ankommt, in den ersten Lebensjahren, ist es besonders schmerzhaft, weil er psychologisches Mobbing erlebt.

Immer, wenn er etwas sagte, lachten ihn einige Mitschüler aus und spielten mit ihm: Wegen seines Zeichentalents zwangen ihn seine Peiniger manchmal, dass er etwas für sie malte.
Und er tat es, weil er akzeptiert werden wollte. Aber als sie erhielten, was sie wollten, begann der Spott von vorn.

Dieses prägende Erlebnis empfand Morten Harket als eine Art Weckruf: Ihm wurde bewusst, dass es in der Welt anders zuging als bei ihm zu Hause - „und dass der Respekt, den meine Eltern anderen gegenüber zeigten, nicht selbstverständlich war".

Diese Erfahrungen gaben ihm innere Festigkeit und Selbstvertrauen - er bildete Widerstandsressourcen aus und erkannte, dass Begriffe wie Resilienz und Nachhaltigkeit für den Einzelnen und die Gesellschaft überlebenswichtig sind.

Diese Erfahrungen vermittelten ihm aber auch einen ersten Einblick in das Verhalten von Gruppen:

„Viele der Kinder, die beim Mobbing mitmachten, waren keine schlechten Menschen. Sie hatten teilweise Angst und wollten selbst nicht zum Außenseiter werden."

Das Bedürfnis nach der Zugehörigkeit zu einer Gruppe wird nebenher in einem weiteren aktuellen Nachhaltigkeitsbuch thematisiert. So verweist Stefan Brunnhuber in „Die Kunst der Transformation" darauf, dass es oft sogar stärker ist als das Bedürfnis, seinen individuellen Überzeugungen zu folgen. Denn dann würden wir uns in die Gefahr, „aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden".

Das deckt sich mit Morten Harkets Erkenntnis, dass es rückblickend vielleicht klüger gewesen wäre, sich mit der Gruppe zusammenzutun, ja Sicherheit in ihr zu suchen. Aber welches Kind denkt schon strategisch?

Heute hat er einen „Heidenrespekt" vor den (teilweise auch destruktiven) Kräften, die von Menschenmengen ausgehen. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit Fans spricht er sogar von einer „Urgewalt ohne moralischen Kompass".

Dennoch weigert er sich, Menschen als Masse zu sehen. Er sieht immer das selbstbestimmte produktive Individuum, das Großes zu tun imstande ist, wenn es entschlossen handelt und - nach Brunnhuber - zur Selbststeuerung, Selbstwahrnehmung und Selbstwirksamkeit fähig ist und eine Beziehung zum anderen und zur Natur aufbaut.

Aber so klar ist das wiederum auch nicht. Denn bei fast allem, was wir tun, würden wir uns wie jedes andere Säugetier auf dem Planeten verhalten:

„Wir setzen unsere enormen Fähigkeiten nicht dafür ein, die Dinge wirklich zu verstehen. Sehr selten trifft man einen erleuchteten Geist."

Das Buch ist ein guter Begleiter, ihn dort zu finden, wo man ihn am wenigsten erwartet: zwischen den Zeilen.

Literatur:

Morten Harket: My Take On Me. Edel Germany GmbH, Hamburg 2016.

Stefan Brunnhuber: Die Kunst der Transformation. Wie wir lernen, die Welt zu verändern. Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016.

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