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Sustainable Transformation Excellence: Nachhaltigkeit und die Kunst, das Gleichgewicht zu managen

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Interview mit Marco Englert

Als Director Strategy & Corporate Development verantwortet Marco Englert (MBA) bei der brainLight GmbH die Modellierung und Umsetzung der nachhaltigen Managementstrategien. Er ist Research- und Consulting-Experte. Zu seinen Spezialgebieten gehört das integrierte Nachhaltigkeitsmanagement, welches alle Managementfunktionen durchdringt.

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Foto und Copyright: Marco Englert

Herr Englert, warum ist Nachhaltigkeit für Sie eine Frage des Gleichgewichts?

Das Leben basiert auf einer immer komplexer werdenden Interaktion zwischen Menschen, Gesellschafts- und Wirtschaftssystemen und der Umwelt. Diese Beziehung beruht von jeher auf einem wechselseitigen Geben und Nehmen. Es gilt, dabei die Lebenssysteme in einem passenden Gleichgewicht zu halten: Wenn der Verbrauch einer Ressource über deren Erneuerungsrate hinausgeht, wird diese immer knapper und letzten Endes ganz verschwinden, was zu Lasten aller Lebewesen und Pflanzen geht, die in Wechselwirkung mit ihr stehen. Deshalb ist die Wahrung des systemimmanenten Gleichgewichts ein essentielles Konzept, das über Fragen des Umweltschutzes weit hinausgeht. Ein Anwendungsaspekt ist beispielsweise das demografische Gleichgewicht in einer Gesellschaft.

Inwiefern beeinflusst die moderne Gesellschaft die positiven Voraussetzungen dafür?

Sie sind durch eine moderne Gesellschaft gegeben, weil sie besser informiert und vernetzt ist sowie bewusster agieren kann als jede andere vor ihr. In der modernen Welt sind die Kommunikationskanäle offener bzw. transparenter geworden. Den Menschen ermöglicht das ein besseres Verständnis von dem, was um sie herum geschieht. Dies setzt allerdings voraus, dass sie den sinnvollen Umgang mit diesen Informationen und Netzwerken lernen sowie ein entsprechendes Verantwortungsbewusstsein entwickeln. Wenn der Verlust von Schlüsselelementen eines Systems das Gleichgewicht zwischen seinen Komponenten stört, kann dies zu langfristigen oder irreversiblen Veränderungen führen. Systeme, die sich in einem angemessenen Gleichgewicht befinden, funktionieren und schaffen selbst die Voraussetzungen für ihre Erneuerung.

Lässt sich diese Erkenntnis auch auf Menschen und ihre Interaktionen miteinander ausweiten?

Ja, man kann sie auch auf Menschen und ihre Interaktionen anwenden. Kinder, die beispielsweise eine gute Ernährung, Schulbildung und Betreuung erleben, können ihr volles Potenzial entfalten. Sie verfügen während ihres ganzen Lebens über die Kapazität, einen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten. Wird ihnen dies nicht ermöglicht, wird das Ergebnis wohl ganz anders aussehen. Das gilt in gleicher Weise auch auf Ebene der Gesellschaft und der Regierungen. Missbrauch, Ungerechtigkeit, Konflikte, Misstrauen oder Deprivation können zum Zusammenbruch ganzer Gemeinwesen führen. Diese Erkenntnis ist ebenfalls auf Wirtschaftssysteme oder Märkte anwendbar.

Was ist nötig, um eine Wende bzw. Transformation erfolgreich einzuleiten?

Allgemein ist es notwendig, das Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu entwickeln sowie die Kunst der persönlichen, organisationalen und gesellschaftlichen Transformation zu lernen, um Veränderungen entlang eines Nachhaltigkeitspfades hin zu einer besseren Welt gestalten zu können. Der erste Schritt in Richtung Nachhaltigkeit passiert im Kopf bzw. im Denken.

Im Mittelpunkt des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung steht die Notwendigkeit, das Zusammenwirken dreier Aspekte bzw. Säulen, der sogenannten Triple Bottom Line, zu betrachten: Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt. Der Grundgedanke, das Menschen, Lebensräume und Wirtschaftssysteme miteinander verbunden sind, bleibt dabei unabhängig vom Kontext derselbe. Der erste Schritt beginnt mit der Erkenntnis, dass Wirtschaftswachstum alleine nicht ausreichend ist. Da gemäß dem Grundgedanken bei einer Berücksichtigung nur eines dieser Aspekte dies zu einseitigen, falschen Urteilen und nicht nachhaltigen Resultaten führen würde.

Die einseitige Fokussierung auf den Gewinn hat in der Vergangenheit beispielsweise soziale und ökologische Schäden hervorgerufen, durch die der Gesellschaft langfristig gesehen hohe Kosten entstanden sind. Zweitens ist es aufgrund der Erkenntnisse der Systemtheorie und des Prinzips der Nachhaltigkeit, das auf dem Zusammenspiel bzw. den Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Elementen basiert, nötig, Grenzen, zum Beispiel institutioneller oder geografischer Art, zu überwinden, um wirksame Strategien aufzustellen, zu koordinieren und sinnvolle, gute Entscheidungen zu treffen sowie Synergien zu nutzen.

Wie wird eine neue transformierte Welt aussehen?

Es scheint sicher, dass sie noch komplexer sein wird und das Managen dieser Komplexität die größte Herausforderung für Führungspersönlichkeiten und Organisationen darstellen wird. Den zentralen Aspekt für das erfolgreiche Funktionieren wird wahrscheinlich die (R)Evolution von Organisationen darstellen. Bleibt man bei den herkömmlichen Methoden des klassischen Managements, welches vor allem zu kurzfristig orientiert ist, wird ein soziale, ökologische und ökonomische Krise oder eine Instabilität wohl unausweichlich sein.

Es ist allerdings ein Paradigmenwechsel in Sichtweite, der die Marktwirtschaft mit ihrem Credo der Gewinnmaximierung und dem Shareholder-Value-Denken über den Wettbewerbsfaktor Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeitsinnovation zum Katalysator für die wirksame und breitflächige Etablierung von Nachhaltigkeit bzw. eines Nachhaltigkeitsbewusstseins macht.

Welchen Beitrag können Wissenschaftler, Unternehmer, Politikern und Bürger transdisziplinär in dieser Debatte leisten?

Sie können nach Möglichkeiten und neuen Alternativen suchen sowie engagiert Position beziehen, um ein Gleichgewicht zwischen den Vorteilen des Wachstums und den Nachteilen herzustellen, die aufkommen können, falls dieses Wachstum nicht harmonisch, intelligent und nachhaltig gesteuert wird. Globale Verbundenheit bzw. multilaterale Zusammenarbeit ist dabei entscheidend, um den großen Herausforderungen dieser neuen Welt zu begegnen und erfolgreich zu navigieren. Die Einbeziehung komplexer, vernetzter und ungewisser Sachverhalte in den Entscheidungsprozess wird Veränderungen der bisherigen Verhaltensweisen erfordern, auf persönlicher wie auch internationaler Ebene. Es gilt hier offen und mutig zu handeln.

Was ist wichtig für eine Transformation von Organisationen, um diese auf ein höheres Level zu bringen?

Für die Bewältigung dieser radikalen Transformation benötigen Organisationen neue, intelligente und nachhaltige Managementsysteme, um ihr Funktionieren fundamental zu ändern. Den Begriff der Transformation prägte der amerikanische Managementberater Peter Drucker bereits im Jahr 1993 in seinem Buch "Post Capitalist Society", in dem er die Entwicklung vom Kapitalismus zur Informations- und Wissensgesellschaft darlegte. Die notwendigen Managementsysteme müssen systemisch und nachhaltig sein. Das bisher zugrundeliegende lineare Denken muss durch vernetzte, intelligente Modelle abgelöst werden.

Weshalb beinhalten die Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung auch die Regeln richtigen Managements?

Die erfolgreiche Umsetzung der Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung beinhaltet effektiv nicht mehr als die Regeln guten, wirksamen Managements systematisch auf alle Ressourcen anzuwenden. Statt potenzielle Konflikte bzw. Wechselwirkungen zu übersehen, kann man vorausplanen und alle entscheidenden Elemente gleich von Anfang an bestmöglich in die Überlegungen einbeziehen. Es sind intelligente, nachhaltige Entscheidungen nötig, um die Bedürfnisse und Ressourcen der Gegenwart und der Zukunft in ein optimales Gleichgewicht zu bringen.

Wie kommen Manager dorthin?

Indem sie verstehen, wie man das Ganze im Blick hat, wie man richtig lernt, warum man achtsam und inspirierend sein sollte, wie man mit Stress und Unsicherheit umgeht und wie Werte, Mitgefühl, Empathie, Wertschätzung, Vertrauen und Toleranz entstehen. Dazu ist es wichtig, sein Denken, seinen Körper und seine Umwelt zu verstehen und achtsam über längere Zeit hinweg zu beobachten. Genau das macht Nachhaltigkeit und ethisches, würdevolles und wertschätzendes Handeln aus. Es gilt Nachhaltigkeit als Sinnstifter, wirtschaftlichen Erfolgsfaktor, ökologischen und gesellschaftlichen Stabilisator zu erkennen. Equilibration, also die Bildung eines Gleichgewichts, oder Ausbalancierung, ist nach Piaget allgemein der Prozess, der durch den Wechsel von Gleichgewicht (Equilibrium) und Ungleichgewicht (Disequilbirum) eine Entwicklung eines komplexeren Denkens und Verständnisses fördert. Equilibrium ist dabei der Zustand, in dem der Lernende Neues mit existierenden Schemata erklären kann.

Steht die Menschheit an einem Wendepunkt?

Der technische Fortschritt hat vieles ermöglicht, doch es gibt zahlreiche Anzeichen dafür, dass die Menschheit an einem Wendepunkt angekommen ist, an dem es sich bei den negativen Folgeerscheinungen dieser Entwicklung nicht mehr lediglich um einfache Unannehmlichkeiten handelt. Viele Menschen realisieren heute, dass auch die moderne, interdependente Welt Anzeichen von Überlastung bzw. Überbelastung zeigt und einige Kernprobleme aufweist, für die Lösungen gefunden werden müssen. Die Fakten sprechen dafür, dass bessere Konzepte und Tools für das erfolgreiche Management der Ressourcen gebraucht werden. Es sind zum einen bessere Methoden und Instrumente nötig, um das zu erhalten, was die Menschen für ihre Entwicklung brauchen, und zum anderen, um gemeinsame Aktionen zu koordinieren, die all das erhalten, wovon das Überleben, die Lebensqualität, das Wohlergehen und der Wohlstand abhängen.

Weiterführende Literatur von Alexandra Hildebrandt:

CSR-Manager gesucht! Ein Berufsbild zwischen Wunsch und Wirklichkeit von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

CSR-Check für Handelsunternehmen: Die wichtigsten Fragen und Antworten aus der Praxis für die Praxis von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

Selfpublishing 21.0: Warum Verlage zu Dienstleistern der Autoren werden sollten. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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