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Starke Gemeinschaft. Warum das lokale Engagement in der Globalisierung boomt

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Resilienz kann dazu beitragen, unserem Leben Stabilität und Sicherheit zu geben, aber auch andere Menschen zu ermutigen, nachhaltige Innovationen, Initiativen und Projekte ins Leben zu rufen und zu fördern. Die „Resilienz einer Gemeinschaft" (Rob Hopkins) wird am besten durch die Handlungs- und Projekt-Möglichkeiten beschrieben, die Gleichgesinnte zur Verfügung haben.

Adrian Vogler ist Senior IT-Architekt Projektmanagement und Gründer des Vereins "Unser Wissen für unsere Region". Er ist Mitglied des Expert Network Horizont 2020 der EU. Aktuell plant er mit Partnern aus Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft eine lokale Initiative im Bereich der Metropolregion Nürnberg.

Zuvor war er als technischer Teilprojektleiter für die Umsetzung eines der zentralen SOA Strategieprojekte der Bundesagentur für Arbeit verantwortlich. Seit der Zeit Servicebereichs- und Teamleiter u.a. für die Themenbereiche „Fachkonzept und fachlicher Test" ist ihm das Thema Wissensmanagement und Know-how-Transfer eine Herzensangelegenheit.

Bis 2003 prägte er als Erster- und Grundsatzsachbearbeiter u.a. das Thema Anwendungsarchitektur innerhalb der Bundesagentur für Arbeit.

Interview mit Adrian Vogler zur Initiative NAWOTUM

_ Herr Vogler, weshalb hat sich der Ruf nach mehr Nachhaltigkeit Ihrer Meinung nach heute institutionalisiert?

Der Ruf nach mehr Nachhaltigkeit wird aus vielen Ecken unserer Umgebung und Gesellschaft gehört. Einige davon setzen wir schon um - von sparsamen Autos oder offenen Verkehrsmitteln über „Kundewerden" von Energieunternehmen, die regenerative Energien versprechen bis zum Supermarktkauf von BIO-Produkten etc.

Festzustellen ist, dass der Nachhaltigkeitsgedanke in verschiedenen Unternehmen einen Weg gefunden hat und dort handfeste Versuche und Programme gestartet werden oder wurden, um längerfristig die Geschäftsfähigkeit dieser Firma zu sichern. Die Motivation ist klar: Wer nachhaltig denkt und handelt, wird länger existieren.

Die meisten der großen Unternehmen haben inzwischen nachhaltigkeits- oder CSR-Manager und eine entsprechende Abteilung. Das ist gut. Aber ist es genug? Oder sind das nur die Feigenblätter an einer ansonsten indifferenten Wirtschaft? Wo stehen wir also bei dem Thema tatsächlich?

_ Was ist das Ziel Ihrer Initiative NAWOTUM?

Wir stimmen zwar alle zu, wenn wir gefragt werden, ob wir Nachhaltigkeit wollen. Doch im Sinne des Konzepts von David Allen ist das "Nachhaltigkeit wollen" oder das "Nachhaltigkeit umsetzen" nur die Beschreibung des Projekts. Und dass das Projekt sinnvoll ist, daran besteht weltweit Einvernehmen auf allen Ebenen - der Bürger, der Forschung, der Wirtschaft und der Politik.

Die Kunst ist es, die Dinge herunter zu brechen in konkrete Aktivitäten, so dass sie problemlos und ohne viel Nachdenken in den Alltag der Menschen integrierbar sind. Genau das ist das Ziel der geplanten Initiative.

_ Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Mit Nachhaltigkeit habe ich mich schon lange beschäftigt. Allerdings eher mit der Nachhaltigkeit von Wissen. Wie gehe ich in einer Großorganisation mit dem dort notwendigen Wissen um? Wie halte ich Wissen nachhaltig verfügbar, wenn Mitarbeiter ausscheiden? Wie gehe ich mit dem Wissenstransfer aus einem Projekt in die Linienorganisation um?

Als ich das Buch von Tim Jackson "Wohlstand ohne Wachstum" las, habe ich erkannt, von welch zentraler Bedeutung das Thema Nachhaltigkeit in dem dort beschriebenen Kontext ist. Dieses Buch war quasi wie der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass in mir zum Überlaufen brachte und in die Konzeption des Vorhabens mündete.

Die Fragestellung, die ich im Rahmen des Vorhabens adressiere, lautet: „Wie sichern wir in einer Welt mit begrenzten Ressourcen nachhaltig unseren Wohlstand?" Denn ein endloses Wirtschaftswachstum kann es bei begrenzten Ressourcen nicht geben!

Insbesondere wenn ich an Dinge denke, wie zum Beispiel die Diskussion um „Industrie 4.0", „Big Data" oder die „Digitalisierung der Arbeit", dann habe ich die Befürchtung, dass man mit den dort verorteten Ideen darauf abzielt, das Wirtschaftswachstum zu fördern. Mit dem Effekt allerdings, dass ggf. begrenzt verfügbare Ressourcen noch schneller verbraucht sind.

Wenn man auf Industrie 4.0 blickt, sieht man, dass man sich die Optimierung der bestehenden Produktionsprozesse zum Ziel gesetzt hat: Wie werde ich effizienter? Wie beseitige ich Reibungsverluste? Wie werde ich schneller? Natürlich verkürzt das Wartezeiten, die im bestehenden Prozess bestehen mögen, wenn Medienbrüche beseitigt werden, wenn standardisiert und digitalisiert wird.

Ich bin mir fast sicher, dass diese Anstrengungen, die hier unternommen werden, auch gelingen. Was aber, wenn mit Industrie 4.0 der Wachstumsmotor noch einmal eine höhere Drehzahl aufnimmt? Um welchen Preis, wenn ich an das Thema Nachhaltigkeit denke? Geraten wir dann nicht vom Regen in die Traufe?

Da ist meine Befürchtung, dass solchermaßen beschleunigte Prozesse, die mit endlichen Ressourcen arbeiten, diese endlichen Ressourcen umso schneller verbrauchen. Oder aber, dass man versucht, auch noch das letzte Vorkommen der endlichen Ressource aufzuspüren und zu nutzen.

Nehmen Sie zum Beispiel die endliche Ressource des Erdöls und betrachten Sie die Versuche der USA durch Erdöl Fracking auch noch an die letzten schwer zugänglichen Reserven dieses Rohstoffs heranzukommen.

Wir müssen einen Weg aus der Tretmühle finden, in die wir durch die Anforderung an ein beständiges Wirtschaftswachstum, das unseren Wohlstand sichert, gekommen sind.

_ Was macht hier Sinn?

Nicht eine Beschleunigung des Wachstums, sondern eher eine Verlangsamung. Und ein Überdenken des Wohlstandsbegriffs. Und es gibt ja gute und schlechte Beispiele. Aus beiden kann man lernen. Die Indianer, die Ureinwohner Nordamerikas gingen, wenn Entscheidungen zu treffen waren, um ein Vielfaches nachhaltiger mit Themen um.

_ Inwiefern?

Sie betrachteten die Auswirkungen einer Entscheidung bis in die 7. nachfolgende Generation. Insofern lebten die Indianer mehr im Einklang mit der Natur und ihren Ressourcen, als wir das heutzutage tun. „Uns" gelang es ganz im Gegenteil, im 19. Jahrhundert in Nordamerika selbst die eigentlich nachwachsende Ressource der Bisons bis an den Rand der Ausrottung zu führen. Und das innerhalb kürzester Zeit, verglichen mit der Zeit, in der die Ureinwohner Nordamerikas diese Ressource nachhaltig für sich nutzen.

_ Welche Risiken sind für Sie noch mit Industrie 4.0 verbunden?

Durch Globalisierung, Technisierung u. a. entsteht ein Abhängigkeitsgeflecht in ungeahnter Größenordnung. Sind wir bereit, mit dieser Komplexität umzugehen? Haben wir dafür die richtigen Lösungen? In dem seinem Buch „Antifragilität" schreibt Nassim Nicholas Taleb, dass durch die Globalisierung die Erde „quasi zum Dorf" werden würde. Doch mit den „Regeln eines Dorfes" lässt sich dieses fragile, von uns geschaffene System ganz sicher nicht beherrschen.

_ Sie sind davon überzeugt, dass wir trotz (oder gerade wegen) der Globalisierung auf lokaler Ebene tätig werden müssen...

Ja, mit vielen kleinen Ideen, die jedoch alle auf dieses eine große Ziel ausgerichtet sind. Ich bin mir sicher, dass die Menschen vor Ort viele Ideen haben, was wir jetzt tun können, um Schritte in die richtige Richtung zu gehen. Und sie werden ja auch schon gegangen.

_ Welche Bedeutung hat in diesem Kontext Ihr Vorhaben?

Es soll ein Katalysator sein, um bestehende Ideen für alle transparent zu machen und einen Rahmen geben, so dass den guten Ideen Umsetzungskonzepte und Umsetzungsprojekte folgen. Ich habe mit David Allen, dem XX der „Getting Things Done" über das Vorhaben gesprochen und er schreibt:

"Adrian Vogler has taken on the noble task of making global sustainability an executable endeavor--taking it from espoused idealism into real projects and actions that will get it done. Getting Things Done (GTD) has always been about creating awareness of and accountability for our commitments, creating space for meaningful focus, and defining doable action steps that create appropriate engagement. His initiative certainly has my support."

Denn darum geht es: Wirksame Projekte mit von uns allen in der Metropolregion einsetzbaren Ergebnissen. Die Einbindung möglichst vieler Bürger in jeder Phase des Vorhabens spielt dabei eine zentrale Rolle.

_ Was bedeutet das konkret?

In der ersten Phase soll all das Wissen zu Themen und Lösungsideen, das in der Region existiert, gesammelt werden. Jeder soll die Möglichkeit erhalten, sich hier einzubringen. Je mehr Ideen, desto besser.

Die Bewertung der Ideen schließt sich dann in Phase 2 des Vorhabens an. Dabei geht es im Rahmen des Vorhabens vor allen Dingen um einen „Proof Of Concept", der erst vollständig ist, wenn wir den kompletten Weg über Ideenfindung, Konzeption und Realisierung gegangen sind.

Wenn wir uns erst einmal Transparenz darüber verschafft haben, welche Ideen es gibt und woran die Umsetzung der einen oder anderen Idee vielleicht noch hapert, dann finden sich ganz sicher auch Lösungen auf dieser Ebene.

_ Was benötigen Sie zur Umsetzung Ihres Vorhabens?

Ich wünsche mir die Unterstützung von denjenigen, die mithelfen können, die organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen auszugestalten, die Beteiligung der Bürger und Unternehmen der Region, aber auch der Kommunen. Und ich wünsche mir, dass jeder den Teil dazu beiträgt, den er in seinem Rahmen beitragen kann.

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