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Stargeigerin Anne-Sophie Mutter: Warum wir Geschichten vom guten Ton brauchen

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Die Violinistin Anne-Sophie Mutter, die S├Ąngerin Shakira und der Schauspieler Forest Whitaker sind im Januar 2016 in Davos mit dem ÔÇ×Crystal Award" des Weltwirtschaftsforums (WEF) ausgezeichnet worden. Der Award wird seit 1995 j├Ąhrlich an K├╝nstler verliehen, die sich f├╝r eine bessere Welt einsetzen. Anne-Sophie Mutter erhielt die Auszeichnung f├╝r ihren Einsatz f├╝r junge K├╝nstler: Durch die Anne-Sophie Mutter Foundation werden junge Musikern unter anderem mit Stipendien unterst├╝tzt. Zus├Ątzlich zu den traditionellen F├Ârderma├čnahmen vergibt die Stiftung Kompositionsauftr├Ąge f├╝r ihre Stipendiaten.

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┬ę Copyrights Monika H├Âfler

In ihrer Davos-Rede appellierte die K├╝nstlerin an die WEF-Teilnehmer, dem ÔÇ×Ruf der Sirenen" zu widerstehen, reicher und m├Ąchtiger zu werden. Stattdessen sollten sie den Weg zu mehr Menschlichkeit w├Ąhlen: "Zusammen k├Ânnen wir die Welt heilen." Daf├╝r brauchen wir allerdings gute Geschichten, die Bedeutung und Gestaltungskraft haben - und Sinn stiften. ÔÇ×Musik ber├╝hrt nur, wenn sie eine Geschichte erz├Ąhlt. Und heranwachsenden Geschichtenerz├Ąhlern bin ich auf der Spur", sagt Anne-Sophie Mutter auf ihrer Website ├╝ber die von ihr ins Leben gerufene Stiftung.

Doch wer Geschichten verstehen will, muss zuh├Âren k├Ânnen. ÔÇ×Zuh├Âren erfordert sehr viel Feingef├╝hl und Offenheit. Es ist auch f├╝r mich als Zuh├Ârer nicht leicht, unvoreingenommen, sozusagen reinen Ohres ins Konzert zu gehen", sagte die Violinistin 2009 in einem Interview mit dem ZEITmagazin.

Daniel Barenboim bezeichnete Zuh├Âren einmal als ÔÇ×H├Âren in Verbindung mit Denken und Konzentration". Das bedeutet, sich nicht nur auf sich selbst einzulassen, sondern auf das, was zu h├Âren und gedanklich nachzuvollziehen ist. Zuh├Âren braucht das vorbehaltlose Einlassen auf Menschen und Momente. Ein reines Ohr erfordert Feingef├╝hl, Offenheit und ein tiefes Empfinden - eine Innigkeit, die aus der Seele gesch├Âpft wird.

Im ZEIT-Interview sagte Mutter, dass sie noch immer ÔÇ×der vielleicht infantilen Meinung" sei, dass sich wahres Talent beim Zuh├Ârer irgendwann durchsetzt, ÔÇ×dass die Ernsthaftigkeit (!) und die Tiefe der Empfindung, die aus der Seele gesch├Âpfte Innigkeit irgendwann doch ihren Platz finden". Allerdings braucht es daf├╝r auch gute Zuh├Ârer und eine Schulung des Geh├Ârs und f├╝r die sch├Ânen K├╝nste.

Anne-Sophie Mutter bezeichnet sich selbst als ├ästhetin in allem, was sie tut - bis zur Gestaltung einer CD, denn der Inhalt bestimmt die Form. Auch kennt sie s├Ąmtliche Details und gestaltet Konzerte und Programme selbst. Nur auf diese Weise kann sie sich ihre k├╝nstlerische Integrit├Ąt und Freiheit bewahren.

Bewahrt hat sie sich auch das Kindliche, den Anf├Ąngergeist, die Suche, das Staunen und die Freude - dennoch oder gerade deshalb ist ihr auch eine ausgepr├Ągte Ernsthaftigkeit eigen, die mit ÔÇ×Bekennen" zu tun hat: Es wird dabei etwas als wichtiger empfunden als etwas anderes. Eine ernsthafte Haltung kennt die Gr├╝nde daf├╝r und ist bereit, sich auch in die Tiefe dieser Sache vorzuarbeiten.

Mit einem oberfl├Ąchlichen Schein geben sich meisterliche Menschen wie sie nicht zufrieden. Meister sind K├Ânner, die Sch├╝ler haben:

Seit 40 Jahren pr├Ągt sie als Mentorin, Solistin und Vision├Ąrin die Klassikszene und ist musikalisch auf den internationalen B├╝hnen der gro├čen Konzerth├Ąuser ÔÇ×zuhause". Die heute 53-j├Ąhrige Stargeigerin wurde im Alter von 13 Jahren von Herbert von Karajan entdeckt und gef├Ârdert. Wie notwendig gezielte und nachhaltige Unterst├╝tzung gerade in den entscheidenden Anfangsjahren ist, hat sie selbst erlebt.

Deshalb gr├╝ndete sie 1997 den "Freundeskreis der Anne-Sophie Mutter Stiftung e.V.", 2008 wurde die gleichnamige gemeinn├╝tzige Stiftung mit Sitz in M├╝nchen errichtet mit dem Ziel, junge, hochbegabte Solisten der F├Ącher Geige, Bratsche, Cello und Kontrabass weltweit zu unterst├╝tzen.

Neben den enormen Ausbildungssummen bereitet auch die Finanzierung eines ad├Ąquaten Streichinstrumentes vielen jungen Menschen gro├če Probleme. Versicherungssummen, Reisen und Begegnungen, die f├╝r die Entwicklung eines jungen Musikers unerl├Ąsslich sind, kommen hinzu.
Die Stipendiaten werden nach ihren individuellen Bed├╝rfnissen unterst├╝tzt. Daf├╝r nimmt sich Anne-Sophie Mutter auch viel Zeit. Sie gibt nicht nur einfach ihren Namen her, sondern sich selbst:

Sie unterrichtet ihre Sch├╝ler und unterst├╝tzt sie bei der Vermittlung des passenden Lehrers sowie bei der Bereitstellung von Instrumenten. Oder sie hilft bei der Vernetzung zu gro├čen Solisten und deren Meisterkursen oder der Vermittlung von Vorspielterminen bei Dirigenten.

"Anstatt festgef├╝gte Regeln aufzustellen, die unflexibel machen, liegt mir daran, jedem das zu geben, was er ben├Âtigt", sagt Anne-Sophie Mutter, die die Stipendiaten pers├Ânlich ausw├Ąhlt.

Am 27. Mai 2017 tritt Anne-Sophie Mutter nach vielen gemeinsamen Projekten und CD-Einspielungen wieder gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern auf, um unter der Leitung von Riccardo Muti in einem Jubil├Ąumskonzert ÔÇ×mit dem Konzert f├╝r Violine und Orchester D-Dur op. 35 von Peter Tschaikowsky die 40-j├Ąhrige k├╝nstlerische Partnerschaft zu besiegeln".

Ein anderes Konzert bringt die K├╝nstlerin am 4. Juni im Kontext der Salzburger Festspiele zu Pfingsten dorthin, wo f├╝r sie einst alles begonnen hat, als Herbert von Karajan ihr au├čergew├Âhnliches Talent f├╝r sich entdeckte. Gemeinsam mit ihrem Stipendiaten-Ensemble "Mutter's Virtuosi", die durch die Anne-Sophie Mutter Stiftung gef├Ârdert werden. All dies speist sich aus ihrer ÔÇ×absoluten Leidenschaft und Hingabe an die Sache, das Innere, was nach au├čen leuchtet."

Leidenschaft allein hat allerdings noch nichts mit K├Ânnen zu tun. Erst beides zusammen macht sie zu einer Meisterin ihres Fachs und zu einer Meisterin der Nachhaltigkeit, die uns hilft, in lauten Zeiten und einer aus den Fugen geratenen Welt den guten Ton zu finden und die Geschichten dahinter zu h├Âren.

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