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Stargeigerin Anne-Sophie Mutter: Warum wir Geschichten vom guten Ton brauchen

24/05/2017 17:24 CEST | Aktualisiert 24/05/2017 17:24 CEST

Die Violinistin Anne-Sophie Mutter, die Sängerin Shakira und der Schauspieler Forest Whitaker sind im Januar 2016 in Davos mit dem „Crystal Award" des Weltwirtschaftsforums (WEF) ausgezeichnet worden. Der Award wird seit 1995 jährlich an Künstler verliehen, die sich für eine bessere Welt einsetzen. Anne-Sophie Mutter erhielt die Auszeichnung für ihren Einsatz für junge Künstler: Durch die Anne-Sophie Mutter Foundation werden junge Musikern unter anderem mit Stipendien unterstützt. Zusätzlich zu den traditionellen Fördermaßnahmen vergibt die Stiftung Kompositionsaufträge für ihre Stipendiaten.

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© Copyrights Monika Höfler

In ihrer Davos-Rede appellierte die Künstlerin an die WEF-Teilnehmer, dem „Ruf der Sirenen" zu widerstehen, reicher und mächtiger zu werden. Stattdessen sollten sie den Weg zu mehr Menschlichkeit wählen: "Zusammen können wir die Welt heilen." Dafür brauchen wir allerdings gute Geschichten, die Bedeutung und Gestaltungskraft haben - und Sinn stiften. „Musik berührt nur, wenn sie eine Geschichte erzählt. Und heranwachsenden Geschichtenerzählern bin ich auf der Spur", sagt Anne-Sophie Mutter auf ihrer Website über die von ihr ins Leben gerufene Stiftung.

Doch wer Geschichten verstehen will, muss zuhören können. „Zuhören erfordert sehr viel Feingefühl und Offenheit. Es ist auch für mich als Zuhörer nicht leicht, unvoreingenommen, sozusagen reinen Ohres ins Konzert zu gehen", sagte die Violinistin 2009 in einem Interview mit dem ZEITmagazin.

Daniel Barenboim bezeichnete Zuhören einmal als „Hören in Verbindung mit Denken und Konzentration". Das bedeutet, sich nicht nur auf sich selbst einzulassen, sondern auf das, was zu hören und gedanklich nachzuvollziehen ist. Zuhören braucht das vorbehaltlose Einlassen auf Menschen und Momente. Ein reines Ohr erfordert Feingefühl, Offenheit und ein tiefes Empfinden - eine Innigkeit, die aus der Seele geschöpft wird.

Im ZEIT-Interview sagte Mutter, dass sie noch immer „der vielleicht infantilen Meinung" sei, dass sich wahres Talent beim Zuhörer irgendwann durchsetzt, „dass die Ernsthaftigkeit (!) und die Tiefe der Empfindung, die aus der Seele geschöpfte Innigkeit irgendwann doch ihren Platz finden". Allerdings braucht es dafür auch gute Zuhörer und eine Schulung des Gehörs und für die schönen Künste.

Anne-Sophie Mutter bezeichnet sich selbst als Ästhetin in allem, was sie tut - bis zur Gestaltung einer CD, denn der Inhalt bestimmt die Form. Auch kennt sie sämtliche Details und gestaltet Konzerte und Programme selbst. Nur auf diese Weise kann sie sich ihre künstlerische Integrität und Freiheit bewahren.

Bewahrt hat sie sich auch das Kindliche, den Anfängergeist, die Suche, das Staunen und die Freude - dennoch oder gerade deshalb ist ihr auch eine ausgeprägte Ernsthaftigkeit eigen, die mit „Bekennen" zu tun hat: Es wird dabei etwas als wichtiger empfunden als etwas anderes. Eine ernsthafte Haltung kennt die Gründe dafür und ist bereit, sich auch in die Tiefe dieser Sache vorzuarbeiten.

Mit einem oberflächlichen Schein geben sich meisterliche Menschen wie sie nicht zufrieden. Meister sind Könner, die Schüler haben:

Seit 40 Jahren prägt sie als Mentorin, Solistin und Visionärin die Klassikszene und ist musikalisch auf den internationalen Bühnen der großen Konzerthäuser „zuhause". Die heute 53-jährige Stargeigerin wurde im Alter von 13 Jahren von Herbert von Karajan entdeckt und gefördert. Wie notwendig gezielte und nachhaltige Unterstützung gerade in den entscheidenden Anfangsjahren ist, hat sie selbst erlebt.

Deshalb gründete sie 1997 den "Freundeskreis der Anne-Sophie Mutter Stiftung e.V.", 2008 wurde die gleichnamige gemeinnützige Stiftung mit Sitz in München errichtet mit dem Ziel, junge, hochbegabte Solisten der Fächer Geige, Bratsche, Cello und Kontrabass weltweit zu unterstützen.

Neben den enormen Ausbildungssummen bereitet auch die Finanzierung eines adäquaten Streichinstrumentes vielen jungen Menschen große Probleme. Versicherungssummen, Reisen und Begegnungen, die für die Entwicklung eines jungen Musikers unerlässlich sind, kommen hinzu.

Die Stipendiaten werden nach ihren individuellen Bedürfnissen unterstützt. Dafür nimmt sich Anne-Sophie Mutter auch viel Zeit. Sie gibt nicht nur einfach ihren Namen her, sondern sich selbst:

Sie unterrichtet ihre Schüler und unterstützt sie bei der Vermittlung des passenden Lehrers sowie bei der Bereitstellung von Instrumenten. Oder sie hilft bei der Vernetzung zu großen Solisten und deren Meisterkursen oder der Vermittlung von Vorspielterminen bei Dirigenten.

"Anstatt festgefügte Regeln aufzustellen, die unflexibel machen, liegt mir daran, jedem das zu geben, was er benötigt", sagt Anne-Sophie Mutter, die die Stipendiaten persönlich auswählt.

Am 27. Mai 2017 tritt Anne-Sophie Mutter nach vielen gemeinsamen Projekten und CD-Einspielungen wieder gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern auf, um unter der Leitung von Riccardo Muti in einem Jubiläumskonzert „mit dem Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35 von Peter Tschaikowsky die 40-jährige künstlerische Partnerschaft zu besiegeln".

Ein anderes Konzert bringt die Künstlerin am 4. Juni im Kontext der Salzburger Festspiele zu Pfingsten dorthin, wo für sie einst alles begonnen hat, als Herbert von Karajan ihr außergewöhnliches Talent für sich entdeckte. Gemeinsam mit ihrem Stipendiaten-Ensemble "Mutter's Virtuosi", die durch die Anne-Sophie Mutter Stiftung gefördert werden. All dies speist sich aus ihrer „absoluten Leidenschaft und Hingabe an die Sache, das Innere, was nach außen leuchtet."

Leidenschaft allein hat allerdings noch nichts mit Können zu tun. Erst beides zusammen macht sie zu einer Meisterin ihres Fachs und zu einer Meisterin der Nachhaltigkeit, die uns hilft, in lauten Zeiten und einer aus den Fugen geratenen Welt den guten Ton zu finden und die Geschichten dahinter zu hören.

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© Copyrights Monika Höfler

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