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Stärke und Elastizität. Was Unternehmen im Innersten zusammenhält

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Resilienz als Schlüsselbegriff der modernen Managementdebatte

Der Zeitgeist der „Egoshooter-Gesellschaft", in der jeder um seine eigene Umlaufbahn kreist, hat es geschafft, in einem einzigen Werbeslogan unterzukommen: „Unterm Strich zähl ich!" Darauf verwies der Journalist Thomas Assheuer in seinem Artikel „Das Ich ist die Sonne" (21.5.2015), der zu Pfingsten als Aufmacher in der Wochenzeitung DIE ZEIT erschien.

Er zeigt darin mit Blick auf die Pfingsterzählung auf, dass radikale Gegenentwürfe möglich (und überlebenswichtig) sind - und dass eine Welt auseinanderfällt, die nur aus Einzelkämpfern besteht. Denn sie ist nicht krisenfest.

Unternehmen sind heute mit vielfältigen, komplexen Risiken und Herausforderungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, politischer und ökologischer Art konfrontiert.

Vor diesem Hintergrund sind weniger charismatische Solisten an der Führungsspitze, sondern teamfähige Führungspersönlichkeiten gefragt, die gelassen, vorausschauend, flexibel und tatkräftig mit schwierigen Situationen umgehen können. Aber auch mit sich im Reinen sind. Wer innerlich stark ist, hat auch die Kraft, andere mitzunehmen, was wiederum zu einer Stärkung des Gesamtsystems führt.

Der aus der Physik stammende Begriff Resilienz, der die Eigenschaft bestimmter Werkstoffe oder Körper bezeichnet, nach massiven äußeren Einwirkungen immer wieder in die ursprüngliche Form zurückzukehren, wurde nach den Erfahrungen der Finanz- und Wirtschaftskrise verstärkt im Arbeits- und Unternehmenskontext angewandt.

Resiliente Personen und Organisationen sind auch in schwierigen Situationen handlungsfähig. Das ist allerdings nur möglich, wenn Resilienzfaktoren wie Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und Widerstandskraft nicht als Neben- oder Zufallsprodukt der Unternehmenskultur betrachtet wird und Nachhaltigkeit fest in den Strukturen verankert ist.

Interview mit der Resilienzexpertin Prof. Jutta Heller

_ Frau Prof. Heller, was zeichnet resiliente Unternehmen aus?

Sie arbeiten weniger mit Sanktionen, sondern praktizieren eine konstruktive und zukunftsorientierte Lernkultur, in der Fehler tatsächlich offen als Lernchancen thematisiert werden und auch über Scheitern gesprochen werden darf. Resiliente Unternehmen sind zudem höchst wachsam und nehmen schwache Signale für Risiken im Marktumfeld wahr. Sie setzen auf Teamerfolge und emotionale, psychische Stabilisierung des Einzelnen.

_ Weshalb sollte dabei auch der Ansatz der Salutogenese (Lehre der Gesunderhaltung nach Antonovsky) beachtet werden?

Gesundheit umfasst nach dem modernen Verständnis körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden. Wenn Menschen sich zugehörig zu einem Unternehmen fühlen und das, was sie tun als stimmig empfinden, dann sind sie in der Regel auch widerstandsfähiger und belastbarer.

_ Psychische Belastungen von Führungskräften und Mitarbeitern machen auch Unternehmen anfällig. Können Sie dazu einige aktuelle Zahlen nennen?

In einer deutschlandweiten Erhebung des Bundesministeriums für Gesundheit waren psychische Probleme 2012 mit 15,6 % der zweitwichtigste Grund für Krankmeldungen. Jüngere Zahlen verschiedener Krankenkassen beziffern für 2013 den Anteil ebenfalls auf knapp 10 % bis 16 %. 41 % der Frühverrentungen gehen auf seelische Leiden zurück.

Die Krankheitstage durch Burn-out haben sich von 2004 bis 2011 verachtzehnfacht. Wenn dann noch gefühlte Sinnlosigkeit dazukommt in Kombination mit Wertekonflikten, dann sind wir nahe an möglichen Erklärungen für die Freitode hochrangiger Manager.

Globalisierung und Internationalität, ständige Veränderungen, die Zunahme von Komplexität sowie Unüberschaubarkeit führen oft zu inneren Spannungen bis hin zu Ängsten oder auch Krisenerleben. Mindestens entstehen Dilemma-Situationen, die nicht einfach zu balancieren sind.

_ Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Sie erfasst die Unternehmen und löst alte Geschäftsmodelle ab: Internethändler bedrohen den stationären Handel. Bestes Beispiel ist dafür der Crash von Quelle, einem Versandhandel, der zu spät auf Online-Möglichkeiten des Vertriebs setzte. Täglich entstehen neue Dienstleistungen aus der Cloud heraus und Kunden-Lieferanten-Beziehungen werden immer lockerer.

Die Digitalisierung stellt Unternehmen vor große Herausforderungen. Weitermachen wie bisher wird nicht funktionieren, so dass Zukunftsangst sowohl bei MitarbeiterInnen als auch Geschäftsleitungen aufkommen kann.

_ Inwiefern bieten Veränderungen Chancen, sich nachhaltig weiter zu entwickeln?

Situationselastisch zu agieren, d.h. mit Resilienz sich den Herausforderungen zu stellen, wird dabei immer mehr die Zukunftskompetenz von MitarbeiterInnen und Unternehmen. Dabei ist es wichtig, Sinn und Zweck des Unternehmens zu kennen und zu kommunizieren.

Wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, gilt es ebenso, die Ausrichtung des Unternehmens zu überprüfen und gegebenenfalls neu auszurichten. Interessant ist dazu die Markenaussage von Philips: „Wir möchten, dass Sie gesund sind und Ihr Leben in vollen Zügen genießen. (...) Wir konzentrieren uns auf das, was Innovationen für Sie tun können."

Philips setzt gerade bei seinen Produkten im Gesundheitsbereich auf die Digitalisierung, entscheidend ist dabei jedoch der Nutzen für den Einzelnen.

_ Wie kann Resilienz zur Verbesserung der Situation beitragen?

Mit individueller und organisationaler Resilienz steht daher ein Konzept zur Verfügung, was für mehr Leistungs-, Belastungsfähigkeit und Flexibilität sorgt. Insbesondere Führungskräfte sollten daher auf diese innere Stärke setzen.

_ Welche Bedingungen und Strukturen verhindern oder unterstützen die Umsetzung von Resilienz-Maßnahmen in Unternehmen?

Zur Förderung von Resilienz im Unternehmen empfiehlt sich eine Resilienz-Befragung in Kombination mit Workshop-Methoden. So können passgenaue Resilienz-Maßnahmen entwickelt werden, die zur Kultur-, Team- und Führungskräfte-Entwicklung geeignet sind. Wichtigste Bedingung für solche Maßnahmen ist: Die Geschäftsleitung und der Betriebsrat sollten diesen Ansatz unterstützen.

Auch der Einsatz von ResilienzberaterInnen wird zukünftig in Unternehmen normal sein - genauso wie es heute noch Kommunikationstrainer gibt. Mit einem Mehrebenenansatz - auf individueller sowie organisationaler Ebene und mit dem Fokus auf Gesundheit - kann jedoch entscheidend die Entwicklung einer resilienten Unternehmenskultur gefördert werden.

Hierfür entstehen aktuell im Markt entsprechende Qualifikationsangebote. Neben den Angeboten von Sylvia Keré Wellensiek, Barbara Amann oder auch von Monika Gruhl biete ich ebenfalls ein Zertifikatsprogramm Resilienzberatung in Kooperation mit Hochschulen an.

_ Die Größe von Unternehmen und Organisationen stand früher für Stärke und Stabilität - heute dagegen stehen sie meist für Unbeweglichkeit in einem immer dynamischer werdenden Markt. Können Sie bestätigen, dass sich um die starren Strukturen herum immer größer werdende Nischen bilden, in denen sich vor allem die Flexiblen durchsetzen, die den Etablierten häufig auch die Marktanteile nehmen?

Lösungen finden heißt immer auch: sich von alten Routinen verabschieden oder aufzubrechen. Wie kann das gelingen? Das Unternehmen Apple formulierte in einer Anzeige: "Für einen großen Schritt vorwärts muss man manchmal komplett die Richtung ändern."

Sie wollten nichts völlig Neues erfinden, sondern Bestehendes hinterfragen und ohne Rücksicht auf Konventionen verbessern. Apple ist mit dieser Strategie erfolgreich.

Hilfreich sind dafür der Blick zurück: einerseits auf das, was bewahrt werden soll und andererseits auf das, was zu verabschieden ist. In einer kreativen Übergangsphase kann dann die Entscheidung fallen, wohin die Reise gehen soll. Diese Übergangsphase braucht Zeit, manchmal auch externe Unterstützung und Durchhaltevermögen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist auch Coco Chanel. Sie wurde als uneheliches Kind eines Straßenhändlers geboren, wuchs im Waisenhaus auf und lernte dort den Beruf der Näherin. Mit 20 findet sie Arbeit und zusätzlich einen Job als Sängerin und Tänzerin.

Über diesen „Job" lernt sie einen Mann kennen, verliebt sich, er führt sie in die Gesellschaft ein, sie leben sieben Jahre zusammen. Aber mit ihrer Herkunft passt sie nicht wirklich in die Gesellschaft dieses Industriellen. Überliefert ist ihr Satz: „Ich geh nach Paris, ich brauche eine Arbeit."

1910 eröffnet sie mit geliehenem Geld ihre 1. Boutique und legt damit den Grundstein für ihr Mode-Imperium. Eigenständigkeit war für sie die wichtigste Triebfeder, so dass ihr immer wieder der Aufbruch gerade auch in schwierigen Zeiten gelang. Coco Chanel ist ein hervorragendes Beispiel für Resilienz. Trotz ihrer schweren Kindheit hat sie - höchst erfolgreich - ihr Leben gemeistert.

Quellen:

B. Badura, A. Ducki & H. Schröder (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2014. Berlin & Heidelberg 2014, S. 523.

J. Heller: Resilienz. Innere Stärke für Führungskräfte. Orell Füssli 2015.

Daten der AOK vgl. Fehlzeitenreport 2014, S. 349

Fehlzeitenreport 2014, S. 523.

BKK Gesundheitsreport 2011, S. 189.

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