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Slow Food im Reformationsjahr: 95 Thesen für Kopf und Bauch

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1517 beginnt die Reformation mit dem Thesenanschlag von Martin Luther, der sich für eine Korrektur einer gesellschaftlichen Deformation einsetzt. Metanoia („Achsendrehung") ändert unsere Sicht auf die Dinge und macht uns im Herzen rein. Die lutherische Reformation war mit einem Umschwung der geistlichen Gedanken verbunden: Mit seinen 95 Thesen verwies er auf Missstände in der vorreformatorischen Kirche und leitete damit auch die Reformation ein.

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Foto: Dr. Alexandra Hildebrandt

Slow Food Deutschland und MISEREOR präsentieren nun gemeinsam 95 Thesen für die Reformation des globalen Ernährungssystems. Expertinnen und Experten sowie Verbraucherinnen und Verbraucher sind bei dieser Veranstaltungsreihe eingeladen, über zukunftsfähige Alternativen für unser Ernährungssystem zu diskutieren. Damit sollen die sozial-ökologischen Herausforderungen des globalen Ernährungssystems an die „Kirchentüre" der Zivilgesellschaft „angeschlagen" werden.

Umkehr oder Sündenbekenntnisse „sind von der Agrarindustrie und Lebensmittelwirtschaft kaum zu erwarten, aber die Branche muss auf den Druck von Verbraucherinnen, Verbrauchern und Zivilgesellschaft reagieren", schreiben Dr. Ursula Hudson, Vorsitzende Slow Food Deutschland e. V., und Pirmin Spiegel, Hauptgeschäftsführer MISEREOR e. V., in ihrer Einleitung. Zuletzt hatte Papst Franziskus mit seiner Umwelt-Enzyklika „Laudato si" den Blick über die Kirche hinaus auf die „Krankheitssymptome" unseres Gesellschaftsmodells gelenkt.

Das neue Thesenpapier bietet nun die Chance, das Thema im großen Zusammenhang umfassend zu behandeln. Dabei wurde die Schöpfungsgeschichte zu einer Art Thesen-Leitfaden für über Nahrungsmittel, -erzeugung und -konsum. Die Erde rahmt die 95 Thesen am Anfang und Ende ein - dazwischen stehen Wasser, Boden, Klima, die Pflanzen und Tiere. Dann tritt der Mensch mit seinen Bedürfnissen (Einkaufen, Essen, Genießen) auf.

Das Anliegen Luthers war es, dass der Mensch am Ende nur durch die Gnade des Allmächtigen selig wird. Und weil er das weiß, wagt er sich auch an die großen Herausforderungen: Unser Ernährungssystem nachhaltiger zu gestalten und die Erde mit all ihren Geschöpfen pfleglicher zu behandeln und die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Slow Food ist eine weltweite Bewegung, die sich für ein zukunftsfähiges Lebensmittelsystem einsetzt. Der Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft, des traditionellen Lebensmittelhandwerks und der regionalen Arten- und Sortenvielfalt sind dabei genauso wie eine faire Entlohnung für zukunftsfähig arbeitende Erzeuger sowie die Wertschätzung und der Genuss von Lebensmitteln. Slow Food Deutschland e. V. wurde 1992 gegründet und zählt heute über 85 lokale Gruppen. Insgesamt ist Slow Food in über 170 Ländern mit diversen Projekten, Kampagnen und Veranstaltungen aktiv.

Als Entwicklungshilfswerk der katholischen Kirche kämpft MISEREOR seit 1958 für Gerechtigkeit, gegen Hunger, Krankheit und Ausgrenzung sowie deren Ursachen. Gemeinsam mit einheimischen Partnern unterstützen wir Menschen jeden Glaubens, jeder Kultur, jeder Hautfarbe. Seit 1958 und in über 106.000 Projekten in Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika.

Für beide Organisationen ist Ernährungshandeln immer auch Gestaltungshandeln, bei dem wir nicht nur eine Verantwortung für uns selbst, sondern auch für unseren Nächsten und die Schöpfung haben.

"Längst sind Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht mehr die typischen Wohlstandskrankheiten: immer häufiger leiden Arme darunter, vor allem Frauen. Weltweit nehmen sie rapide zu, weil die Menschen immer weniger Gemüse, Obst und Getreide essen. Weil sie nicht mehr selbst Landwirtschaft betreiben. Weil frische Lebensmittel zu teuer sind. Stattdessen gibt es überall verfügbare, billige Fertigprodukte. Diese Erkrankungen können nur dann nachhaltig zurückgehen, wenn sich unser aller Lebensstil verbessert und Politik, die Lebensmittelindustrie und Konsumenten weltweit die richtigen Voraussetzungen dafür schaffen", betont MISEREOR-Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel.

Weitere Informationen:

Das vollständige Thesenpapier "95 Thesen für Kopf und Bauch"

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Gut zu wissen... wie es grüner geht: Die wichtigsten Tipps für ein bewusstes Leben von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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