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Self-Publishing: Die digitale Revolution am Buchmarkt im 21. Jahrhundert

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Interview mit Tom Oberbichler, Bestsellerautor und Buchmentor

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Tom Oberbichler (Copyright: Sabine Starmayr)

Herr Oberbichler, was sind die größten Chancen und Herausforderungen im Self-Publishing heute?

Die größte Herausforderung ist die Verantwortung für das ganze Buchprojekt zu übernehmen. Es gibt keine Ausreden mehr und niemand anderen, der oder die bestimmt, wie das Buch geschrieben, veröffentlicht und vermarktet wird. Der Prozess liegt vollständig in der Hand des Autors, der Autorin. Da gilt es viel zu beachten und gar manches zu lernen.

Die größte Chance liegt in meiner Welt darin, dass es keine Vorgaben von Verlagsseite gibt. Gerade für Unternehmerinnen und Unternehmer im Beratungs-, Trainings- und Coachingbereich und anderen begleitenden Dienstleistungen, die ihre Expertise mit einem Buch stärken wollen, ist das golden. Nicht nur können sie - wie in allen anderen Bereichen ihres Unternehmens - als letzte Instanz die Richtung festlegen, sie können auch alle Möglichkeiten, die das Online-Marketing heute bietet, für ihr Buch einsetzen - und auch das Buch organisch in ihr ganzes Marketingkonzept einbauen. So wird es zu einem mächtigen Hebel in der Businessentwicklung und im Beziehungsaufbau mit der jeweiligen Zielgruppe. Ich kenne keinen etablierten Verlag, der dies leisten kann.

Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Verlagsbranche durch Self-Publishing verändern?

Die Verlagsbranche hat sich durch die Einwirkung des Self-Publishing schon stark geändert: Einerseits drängen immer mehr Teile der traditionellen Buch- und Verlagsbranche in das Selfpublishing-Segment und versuchen von den Erfolgen zu partizipieren. Immer mehr Buch-Verkaufsportale öffnen sich für Self-Publishing Bücher. Immer Verlage entwickeln selbst Dienstleistungsangebote für Autoren und Autorinnen, die Self-Publishing nutzen. Der stationäre Buchhandel hinkt da noch etwas hinterher - wird aber auch noch nachziehen. Wobei wir da erst am Anfang eines Prozesses stehen, der mir nicht mehr aufzuhalten scheint.

Die wichtige Trennlinie ist schon jetzt gute Qualität oder schlechte Qualität und nicht mehr Self-Publishing oder Verlag. Neben den Konkurrenzkämpfen, die teils heftig ausgetragen werden (etwa Amazon vs. der traditionellen deutschen Buch-Branche) ist auch ein Prozess des Austauschs und des Voneinanderlernens in Gang gekommen. Ich finde das gut. Wir als Self-Publishing Autoren und Autorinnen wären dumm, wenn wir die unzähligen Erfahrungen der Buchbranche vor uns nicht nutzen würden - und die Teile der Verlagsbranche, die sich gegen die neuen Entwicklungen komplett sperren, werden verschwinden oder in ein reines Nischendasein abgedrängt.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit Self-Publishing, und was war der Auslöser dafür?

Ich stieß 2011 über Facebook-Gruppen von Autoren auf die Möglichkeit, eBooks über Amazons KDP zu veröffentlichen - und zwar genau in dem Moment, als ich dabei war, die Ergebnisse von sechs Monaten einmal wöchentlich zu NLP (Neurolinguistisches Programmieren) zu einem PDF zusammenzufassen. Mein ursprünglicher Plan war, dieses PDF im Tausch gegen eine Newsletter-Anmeldung zu verschenken. Es war damals wie ein Blitzschlag, ich habe sofort das immense Potenzial erkannt. Es war für mich auf einmal ganz einfach geworden, mit Schreiben Geld zu verdienen.

Inwiefern?

Ich überarbeite mein PDF, machte einige Ergänzungen und gönnte mir ein Lekorat. Im Mai 2012 habe ich dann mein erstes Buch "Be wonderful! Emotional erfolgreich mit angewandtem NLP" erst als eBook und kurz danach als Taschenbuch im Print on Demand-Verfahren (auch über Amazon) veröffentlicht. Und es wurde gekauft und gelesen. Ich merkte, dass es mir mehr Spaß machte, Bücher zu verkaufen als Seminare - und ich hatte auch wesentlich mehr Erfolg damit. Damit begann meine Self-Publishing-Reise.

Können Autoren heute vom Self-Publishing leben?

Es gibt Autoren und Autorinnen, die vom Selfpublishing leben - allerdings können das nicht alle. Da brauchen wir uns nichts vormachen: Es gibt jeden Tag nur eine Nummer eins und zehn Bücher in den Top Ten. Bei all den Möglichkeiten gilt trotzdem: auch Bücher sind ein begrenzter Markt. Es können nicht alle Menschen Bestseller schreiben und schon gar nicht zur gleichen Zeit.

Tatsache ist allerdings auch, dass es noch nie so viele Menschen gab, die vom Schreiben von Büchern leben, wie heute. Das ist ganz stark dem Self-Publishing zu verdanken. Es macht einfach einen enormen Unterschied, ob ich mit 50 Cent pro Buch nach Hause gehe (wie viele Verlagsautorinnen und -autoren) oder mit 5 Euro (wie im Self-Publishing von Ratgebern und Taschenbüchern). Anders gesagt: 70 % vom Nettoerlös ergeben ein besseres Einkommen als 5 bis 10 %.

Im Bereich Belletristik gibt es wesentlich mehr Self-Publishing-Autoren und Autorinnen, die von ihren Büchern leben können - die haben allerdings genauso volle Arbeitstage wie die Solopreneure und Einzelunternehmerinnen, die Ratgeber und Sachbücher schreiben - da ist das Buch in fast allen Fällen Teil einer mehr oder weniger umfangreichen Produktpalette - wie auch bei mir selbst.

Welche Rolle spielt das Selbstmarketing?

Das Selbstmarketing ist ein unverzichtbarer Teil des Erfolgs als Autor, als Autorin - das gilt fürs Self-Publishing genauso wie für die Arbeit mit Verlagen. Das kann sich niemand ersparen. Der Autor, die Autorin muss zu einer Marke werden, um nachhaltig erfolgreich zu sein.

Welche Möglichkeiten nutzen Sie persönlich?

Haha, das sprengt den Rahmen des Interviews ... ich schreibe darüber ja ganze Bücher. Social Media ist ein heutzutage ein großer Faktor - ob Facebook und Twitter wie bei mir oder doch Instagram, Pinterest, Snapchat, Xing ... das ist eine Frage der persönlichen Vorlieben und der gewählten Zielgruppe. Bloggen, Podcasten und Videos sind weitere wichtige Instrumente.

Welche wesentlichen Aspekte gelten für alle Bereiche?

Erstens muss der Autor, die Autorin den Lesern und Leserinnen einen Nutzen bieten (egal, ob Unterhaltung in einer Liebeskomödie oder die Lösung eines spezifischen Problems in einem Ratgeber), und zweitens ist es erfolgsnotwendig, mit einer langfristigen Perspektive Beziehungen aufzubauen - zu den Fans, Kolleginnen und Kollegen, Multiplikatorinnen und Influencern.

Welches Buch von Ihnen hat sich bislang am besten verkauft? Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Mein erstes hat sich bisher am besten verkauft und das liegt schlicht daran, dass es schon länger am Markt ist als die aktuellen. Das ist ja das Feine gerade im Ratgeber- und Sachbuchsegment, in dem ich mich hauptsächlich bewege - nicht die kurzfristigen Bestseller bringen nachhaltigen Erfolg, sondern ein Portfolio aus mehreren Longsellern, die sich stetig verkaufen. Wobei dieses erste Buch ein Ausreißer und ein Glücksfall zugleich ist. Ich habe das nämlich nur für mich geschrieben und damit den Geschmack einer ausgewählten Community getroffen. Mittlerweile mache ich das Zweite absichtlich und plane meine Bücher entlang der Bedürfnisse, Herausforderungen und Hoffnungen der Menschen, für die ich schreibe, mit denen ich arbeite.

Woher kommt Ihre Liebe für das Wort?

Schon als Jugendlicher habe ich Bücher verschlungen und liebte es zu schreiben. Deutsch war ein Lieblingsfach war, und Sprache faszinierte mich, seit ich mich erinnern kann. Auch bin ich als Übersetzer tief in verschiedene Sprachen eingetaucht. Letztlich hat aber alles irgendwie an einem trüben Februartag 2007 begonnen, als ich mir bei einem Kletterunfall einen Brustwirbel brach, und meine Partnerin schwere Kopfverletzungen erlitt. Ich hatte Glück. Zwischen einem Rollstuhl oder einem Sarg und meinem zweiten Leben lagen nur Zentimeter.

Meine Partnerin hatte auch Glück, sie trug einen Helm und ist vollständig wiederhergestellt. Ich habe diese Chance voller Dankbarkeit angenommen, habe seit meiner Genesung keine Rückenschmerzen mehr (die hatte ich davor immer wieder) und habe gelernt, auf mich zu achten, mir zu vertrauen und akzeptiert, dass ich die Veränderungen in der Welt, die ich mir wünsche, mit mir selbst beginnen darf. Das klingt jetzt sehr einfach und im Rückblick ist es das auch. Und ich habe Jahre gebraucht, um das zu erkennen.

Was half Ihnen auf dem Weg zu sich selbst - und sich und die Welt zu verändern?

NLP, Hypnose und Dialektik waren und sind neben viel Bewegung, intensiven Naturerlebnissen und bewusster Ernährung die wichtigsten Instrumente, die für mich wunderbar funktionieren, weil ich sie mit meiner tiefen Liebe zum Leben und den Menschen vereine. Ich bin, also mache ich Erfahrungen in der Welt, bilde mir meine Theorien (auch mit Hilfe der Erfahrung von anderen) und teste sie in der Praxis. Stimmen sie, so arbeite ich mit Ihnen, stimmen sie nicht, passe ich sie an. Ich lebe und arbeite feedbackorientiert.

Was bedeutet Ihnen finanzieller Erfolg?

Er stand bei mir nie an erster Stelle, ja lange wollte ich ihn gar nicht. Ich bin erfolgreich, weil ich das tue, was ich liebe, mit Menschen, die ich liebe und die mich lieben, an Orten, an denen ich mich wohlfühle. Den Traum vom eigenen NLP-Institut habe ich mir nicht lange erfüllt, den Traum, mich Menschen mitzuteilen und einen Beitrag zu leisten, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, indem ich meine Erfahrungen, mein Wissen, meine Botschaft in die Welt trage und anderen helfe, das auch zu tun - den lebe ich, indem ich Bücher mache. Ich schreibe selbst für mein Leben gerne und liebe es, andere dabei zu unterstützen, ihr Potential zu entfalten und mit der Welt zu teilen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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