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Selbermachen! Wie wir die Welt gemeinsam reparieren können

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Einen direkten Zugang zur Wirklichkeit erschließen

Unsere Welt ist kaputt. Reparieren bezieht sich deshalb heute nicht mehr nur auf Dinge des alltäglichen Lebens, sondern auch auf andere relevante Bereiche und Sachverhalte. Reparieren hat mit Ermächtigung zu tun, denn wer etwas reparieren möchte, muss zuvor verstanden haben und ein Könner sein. Dabei ist der Vorgang des Reparierens genauso wichtig wie die Materialien, Werkzeuge und Handgriffe. Das gilt für Gegenstände und Systeme gleichermaßen.

Das Anliegen, die Welt durch neuartige gemeinschaftliche Praktiken des Produzierens und Ausbesserns „reparieren" zu wollen, ist vielfach ethisch durchdrungen, wie auch einige Neuerscheinungen zeigen. Der amerikanische Philosoph und Motorradmechaniker Matthew Crawford, Autor des Bestsellers „Ich schraube, also bin ich", widmet sich in seinem aktuellen Buch „Die Wiedergewinnung der Wirklichkeit" dem Kampf um unsere Ressource Aufmerksamkeit - in Zeiten, in denen immer mehr Privatheit verlorengeht.

Wird unsere Konzentration geschwächt, weil wir ständig auf Außenreize reagieren, können wir uns auch immer weniger beherrschen: Wir lassen uns mehr beeinflussen und manipulieren und kaufen sogar mehr. Wenn wir den Kampf um Aufmerksamkeit verlieren, indem wir einen Großteil darauf verwenden, die auf uns einstürmenden Außenreize zu verarbeiten statt uns zu fokussieren, gehen uns auch lebenswichtige Fähigkeiten verloren, die wir für unsere Identität benötigen. Sie haben mit den Händen zu tun, mit denen wir die Welt begreifen und gestalten.

„Etwas gestaltend gestalte ich mich selbst." (Wilhelm Schmid)

Wir müssen wieder lernen, mit Dingen umzugehen, die eine eigene Wirklichkeit besitzen. Dazu gehören nach Crawford beispielsweise Gegenstände, die uns helfen, unser Denken zu formen und zu ordnen. In allen Lebensbereichen treffen wir auf Gegenstände, die uns mit unserer Umwelt nachhaltig verbinden (Stricken, Kochen, Gärtnern) und den „Effekt der eigenen Handlung zu spüren", die eine entsprechende Wirkung hat (z.B. ein Instrument). Auf die Wirkung der manuellen Praktiken von Reparatur (wie auch die der manuellen Herstellung und Pflege) auf die Mensch-Ding-Beziehung verwies bereits der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett in einem Buch „Handwerk" (2007).

Wo eine Fertigkeit angewendet wird, nimmt das „handelnde Ich selbst eine fest umrissene Gestalt an" (Crawford) - und die Welt wird (selbstbestimmt) begriffen.

Für Thomas D von der Band Die Fantastischen Vier ist es zum Beispiel erfüllend, einen Song zu schreiben. Am schönsten ist für ihn der Schaffensprozess selbst, wie er auf der nicht-kommerziellen Website Gesichter der Nachhaltigkeit berichtet:

„Man sagt ja auch, dass dieses kreative Ding ein Moment ist, in dem man im Augenblick lebt, eins wird mit dem Universum, wenn man so will. Wenn es einem gelingt, einen Fluss hinzukriegen. Beim Bildermalen, vielleicht auch beim Fotografieren oder beim Schaffen einer Skulptur kann man noch viel besser in einen Fluss kommen, der fast ein meditativer Zustand ist, weil man nicht denkt."

Auch als Hobbyschrauber, der in seiner Werkstatt das alte Fahrrad repariert, kann nach seiner Ansicht in so einen meditativen Zustand kommen. All das hat für ihn mit Klärung und Verantwortung zu tun.

In seinem aktuellen Buch „Sinnstifter" verweist Jürgen Schöntauf in diesem Zusammenhang auf eine interessante Entwicklung: Sogar eine Zeitschrift wie „Landlust" (deren Zielgruppe mit 72 Prozent hauptsächlich Frauen sind) hat erkannt, dass heute auch immer mehr Männer ihre Lust am Basteln und Dekorieren entdecken. „Solange wir nur einzelne Beispiele in unserem Bekanntenkreis wahrnehmen, wundern wir uns vielleicht und lächeln darüber. Um einen Trend zu erkennen, braucht man eine größere Perspektive", die er in seinem Buch andeutet.

Eine hervorragende Zusammenfassung dieser weltweiten Entwicklung, die in immer mehr Initiativen des Selbermachens kulminiert, bietet der Sammelband „Die Welt reparieren". Er zeigt neue Formen des gemeinsamen Produzierens, Reparierens und Tauschens von Dingen, „die die industrielle Logik des 20. Jahrhunderts herausfordern und sogar auf den Kopf stellen". Nicht nur von der hier vorgestellten innovativen Praxis gehen vielversprechende Impulse und visionäre Kräfte aus, sondern auch vom Buch selbst.

Das inhaltliche Spektrum reicht von: Essen retten, Dinge umnutzen (Circular Economy), smarte und nachhaltige Produkte produzieren, Werkzeuge bauen und weiterentwickeln, Flüchtlingen helfen, Behausungen und Dinge für Mittellose schaffen, Zugang zu Wissen eröffnen, eigene Ideen umsetzen, „Autonomie" erlangen und sich selbst bilden - „gemeinsam mit anderen und zugänglich für andere".

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Insbesondere wird gezeigt, dass die Reparatur Zugänge eröffnet, die durch ihren Eigensinn und ihren „Care"-Charakter eine Form der Wiederinbesitznahme von bereits „abhanden gekommenen" Dingen ermöglicht. Die beobachteten Projekte „kennen und können Kapitalismus", sie schließen an ihn an, sagen die Macher_innen des Buches: „... etwa indem sie ausrangierte Dinge bergen und in neue Kreisläufe der Verwendung überführen."

Herausgegeben wurde es von Andrea Baier, Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der anstiftung www.anstiftung.de in München, Tom Hansing, Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter der anstiftung, und der Soziologin Christa Müller, der Leiterin die anstiftung in München. Sie forscht zu nachhaltigen Lebensstilen und neuen Wohlstandsmodellen. Karin Werner ist Soziologin und wissenschaftliche Beraterin der anstiftung. Als eine der Verlegerinnen des transcript Verlags interessiert sie sich für neuere sozial- und kulturtheoretische Diskurse.

Ihr Plädoyer lautet: „Lasst uns die Welt gemeinsam reparieren. Es kann gelingen."

Weitere Informationen:


Gesellschaft in Reparatur. Was wir können sollten, um sie wieder ganz zu machen

Heilmittel in entfremdeten Zeiten. Wie Handwerk und Upcycling unser Leben verändern


Hand, Herz und Hirn: Wie A-ha-Sänger Morten Harket die Welt begreift

Warum ich die Gemeinschaftsinitiative AUF EIN WORT unterstütze

Literatur:

Matthew Crawford: Die Wiedergewinnung des Wirklichen - Eine Philosophie des Ichs im zeitalter der Zerstreuung. Ullstein Verlag, Berlin 2016.

Andrea Baier, Tom Hansing, Christa Müller, Karin Werner (Hg.): Die Welt reparieren. Open Source und Selbermachen als postkapitalistische Praxis. Transcript Verlag, Bielefeld 2016.

Alexandra Hildebrandt: Mit kleinen Schritten die Welt verbessern: Nachhaltig denken und handeln von A bis Z. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2016.

Kleine Handlungen, große Wirkung. Ganz nah! Wo die Kraft der Gemeinschaft am besten gedeiht. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2016.

Jürgen Schöntauf: Sinnstifter. Wie Unternehmen davon profitieren, soziale Verantwortung zu übernehmen. Campus Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2016.

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