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Wie sich Schwarmdummheit in den Medien überwinden lässt

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WALDI HARTMANN
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Echt sein

Als das Thema der diesjährigen Burgthanner Dialoge „Echt sein. Menschen, Medien, Machbarkeit" vor einem Jahr durch den 1. Bürgermeister Heinz Meyer verabschiedet wurde, war nicht abzusehen, was deutschlandweit daraus entstehen würde.

Der Sportmoderator Waldemar Hartmann war am 16. Oktober 2015 Ehrengast der Veranstaltung. Über die Hintergründe und die Relevanz des Themas wurde zuvor in der Huffington Post berichtet:

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Die Gemeinde Burgthann im Nürnberger Land steht stellvertretend für viele, die mehr sind als nur eine Wohngemeinde. Eine Ansiedlung von Klein- und Mittelbetrieben ist hier ein großes Anliegen, „um daraus hervorgehende Potenziale für die Entwicklung unseres Wirtschaftsstandortes auszuschöpfen", sagte Heinz Meyer im Beitrag „Klein macht Sein. Warum wir uns nur in der Nähe finden".

Frankenfernsehen für alle

Am 16. Oktober 2015 war zunächst alles wie immer: Der Dialog mit dem Ehrengast war informativ und unterhaltsam - und bezog sich vor allem auf das Buch „Dritte Halbzeit" von Waldemar Hartmann.

Im Rahmen der Veranstaltung gab er dem Frankenfernsehen dann ein Interview, das deutschlandweit für Aufsehen sorgte und von vielen Sendern übernommen wurde.

„Im Wirbel um vermeintliche Schmiergeldzahlungen bei der Vergabe der Fußball-WM 2006 hat der ehemalige TV-Moderator Waldemar Hartmann einen bemerkenswerten Beitrag geleistet", hieß es bei t-online.

„Ich bin von der ersten Sekunde an eingeweiht gewesen", zitierten ihn die Medien. Am Tag vor dem Champions League Finale in München zwischen Borussia Dortmund gegen Juventus Turin moderierte er 1997 zusammen mit Franz Beckenbauer die Bewerbung des DFB für die WM 2006. Im Frankenfernsehen sagte Hartmann weiter:

"Und ich sage heute mit Abstand: Haben denn wirklich die Deutschen geglaubt, dass wir diese WM bekommen haben, weil wir so ganz besonders beliebt sind auf dieser Welt, weil wir so tolle Hechte sind, weil wir so gut ausschauen und weil uns alle lieben zum Niederknutschen? Hallo! Die Realität sieht anders aus. Der DFB und die deutsche Fußball-Öffentlichkeit hat mit dieser WM was Großartiges gemacht, sie haben es aber so bekommen, wie viele andere auch."

Es ist ein Zufall, dass die Berichterstattung des SPIEGEL mit dem Besuch von Waldemar Hartmann in Burgthann zusammenfiel und sein Interview „nachhaltig" durch die Medien ging.

Das Logo der Burgthanner Dialoge im Hintergrund der Aufnahmen machte die Veranstaltungsreihe zwar zum Nebendarsteller im Frankenfernsehen. Aber auch Nebendarsteller können einzigartig sein, wenn sie ihre Sache gut machen.

Was in den Nachberichterstattungen leider nicht erwähnt wurde, war das eigentliche Anliegen der Veranstaltung, was hiermit nachgeholt werden soll.

Kopien gibt es heute wie Sand am Meer. Echte Originale sterben aus. Sie sind ihrer Zeit voraus, grenzen sich von ihrer Konkurrenz ab, ihr Einfluss reicht häufig weit in die Zukunft. Und sie sind tief im kollektiven Gedächtnis verankert.

Allerdings machen Originale nichts einfach mit links. Waldemar Hartmann verweist in seinem Buch in diesem Zusammenhang auf Rudi Carrell: „Wenn du etwas locker aus dem Ärmel schütteln willst, musst du vorher etwas reingetan haben."

Der Bote und die Botschaft

Über diese Hintergründe war in der Regionalberichterstattung nichts zu lesen, von der Ungenauigkeit einiger Bezeichnungen und Auszeichnungen einmal abgesehen. Unter dem Titel „Medienmacher zeigen Menschliches" erschien am 19. Oktober 2015 ein Artikel von Kai Mirjam Kappes.

Der Mathematiker und Autor Gunter Dueck verwendet in seinem aktuellen Buch „Schwarmdumm. So blöd sind wir nur gemeinsam" (Campus Verlag, 2015) den Begriff „Journalistenhirnschnellschüsse", der in diesem Zusammenhang treffend ist. So wird von einer „ausgelassenen Wirtshausstimmung" berichtet, für die Waldemar Hartmann gesorgt hat.

Die Journalistin hat dies möglicherweise mit einer anderen Veranstaltung verwechselt, denn das Gespräch mit Waldemar Hartmann war lediglich „echt" und geprägt von ernsten und heiteren Teilen wie das Leben selbst.

Dass „Comedy-Talent Waldi" die Dialoge „kurzerhand zu Monologen" machte, entbehrt ebenfalls jeder Grundlage. Als Mitinitiatorin und Moderatorin der Veranstaltung möchte ich auf einen Passus in seinem Buch verweisen, den ich gern verinnerlicht habe.

Es war Waldemar Hartmann immer wichtig, seinen Gesprächspartnern eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, in der sie sich öffnen und Dinge preisgeben, die sie in einem steifen Rahmen für sich behalten hätten:

„Deshalb darf die erste Interviewfrage auch nie die Frage mit der vorgehaltenen Flinte sein. Die darf gern später kommen. Aber erst mal musst du immer mit dem Wattebäuschchen werfen. Und, liebe Fernsehkollegen, bitte nie vergessen: Wichtig sind nicht die Fragen, die wir Journalisten stellen, egal ob per Sie oder per Du. Denn die Fragen stehen nicht am nächsten Tag in der Zeitung oder heutzutage ein paar Sekunden später auf Facebook und Twitter. Dort stehen nur die Antworten - und auf die kommt es an!"

Im Artikel des Boten wurde auch das Publikum vergessen - stattdessen wird darauf verwiesen, dass der „Stargast" der Moderatorin (!) erklärt, „wie der Hase, der Ball und auch das Leben so läuft".

Der Beitrag wurde aber auch Waldemar Hartmann nicht gerecht, weil er auf eine Witzfigur reduziert wurde. Er hat sich als „ganzer" Mensch präsentiert und wurde von der Journalistin nur in Teilen gesehen, obwohl sie genau vor ihm saß. Mit Claudia Roth möchte man erwidern:

"Haudrauf, Schenkelklopf-Produzent, der Duz-Dudelsack, die Kumpelei-Qualle - das ist nicht fair. Das ist Klischee. Deswegen: Einspruch" (Laudatio anlässlich der Verleihung des Schlappmaul-Ordens im Februar 2015).

In diesem Jahr war auch erstmalig die Generation Y vertreten. Dass sich die Gemeinde stark dafür einsetzt, dass sie in diesem Rahmen ebenfalls eine regelmäßige Plattform erhalten soll, fand ebenfalls keine Erwähnung.

Zitiert wurde eine aus dem Zusammenhang gerissene Aussage des Bürgermeisters, der die 33-Jährige Leistungssportlerin und Personaltrainerin ankündigte: „Ganz verrückt laufe sie durch Wald und Schlamm".

Kein Wort seitens der Zeitung, was diese Generation ausmacht, was ihre Sehnsüchte sind - nichts zum Beweggrund ihres Handelns. Das, was Nadine Wolff in ihrem Blog über sich schreibt, hat sie im Rahmen der Veranstaltung genauso überzeugend als Stellvertreterin ihrer Generation Y vorgetragen:

„Workaholic... vielleicht. Weil ich das, was ich tue, einfach so gerne mache, und ich das nicht wirklich als arbeiten bezeichne. Bewusst wurde mir das heute, als ich mit einer Bekannten telefoniert habe. Sie: ‚Wann musst du heute los?' Ich: ‚Ich muss heute nicht arbeiten.' Sie: ‚Nadine: du arbeitest seit 4:30 Uhr!!!!' Ich: ‚Büro zählt für mich nicht! Erst wenn meine PolarV800 sagt: Ziel erreicht, habe ich gearbeitet.' ... Darf ich mich als privilegiert bezeichnen, nur weil ich mein Beruf zu meinem Hobby gemacht habe und deshalb Arbeiten kann wie ich mag?! Ja, ich weiß, dass es Menschen gibt, die das nicht so sehen und nicht verstehen können, warum laufen arbeiten ist."

Und was schreibt das Regionalblatt? - „Dass Sport ihr Ding ist, merkten auch die Zuhörer. Zum Abschluss mussten sie fünft Kniebeugen absolvieren."

Am ehesten gerecht geworden ist „Der Bote" dem Referenten Jörg Howe, Head of Global Communications der Daimler AG (im Regionalblatt schlicht: "Kommunikationschef bei der Daimler AG").

Der ausgewiesene Medienexperte zeigte anhand zahlreicher Beispiele, dass aus den Massenmedien mittlerweile Medienmassen geworden sind: „Jede Minute entscheidet im digitalen Zeitalter. Eine Falschmeldung kann sich rasend schnell verbreiten und ist kaum mehr zurück zu holen."

Die Burgthanner Dialoge sind in diesem Jahr von der Realität eingeholt worden. Innerhalb von nur wenigen Stunden verbreiteten sich Teilbotschaften. Der Blick fürs Ganze aber fehlte.

Das ist gefährlich, weil sich dann Schwarmdummheit umso leichter ausbilden kann. Es lohnt sich, das Buch von Gunter Dueck zu lesen - auch Journalisten können davon lernen:

„Weigern wir uns für uns selbst, alles nur ganz schnell und ganz kurz vor Deadlines zu erledigen! Lassen Sie uns ohne Stress sinnvoll nachhaltig arbeiten."

Das Thema Nachhaltigkeit ist von Beginn ein wichtiger Aspekt der Burgthanner Dialoge. Einige Teilnehmer mögen sich gefragt haben, was denn das Thema in diesem Jahr damit zu tun hatte. Die Antwort ist genial einfach.

Die Beispiele zeigen, dass wir uns nicht von der Erstklassigkeit in der medialen Berichterstattung verabschieden dürfen, dass es wichtig ist, ein Gespür für Inhalte zu haben - und dass wir Schwarmdummheit nicht hinnehmen dürfen, auch wenn es nach Gunter Dueck immer schwieriger wird:

„Wir agieren immer kurzfristiger, fühlen uns vom Tagesgeschäft aufgefressen und haben weder Zeit noch die innere Kraft, nachhaltig eine gute Zukunft in die Wege zu leiten."

Die Burgthanner Dialoge sind ein wichtiger Schritt dorthin.

Interview mit Waldemar Hartmann (Frankenfernsehen, Teil 1)


Interview mit Waldemar Hartmann (Frankenfernsehen, Teil 2)

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