Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Schreiben und bleiben. Vom Luxus, selbstbestimmt zu handeln

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SCHREIBEN
Thinkstock
Drucken

Gegenbewegung zur Digitalisierung

Sag mir, wie du schreibst - und ich sage dir, wer du bist. In der Schrift eines Menschen ist sein Wesen erkennbar: sein Wille, seine Kraft, aber auch seine Unsicherheiten. Jemand macht sich groß, wenn er die Buchstaben raumfüllend gestaltet und seinen Namen unterstreicht, zeigt sich als Grenzüberschreiter, wenn er nicht auf der Zeile bleibt oder hält die Buchstaben klein wie sich selbst.

Die Handschrift sagt viel über das Wesen eines Menschen aus, das wir in einer Zeit, in der das meiste nur noch über E-Mail und Social Media kommuniziert wird, immer weniger auf dem Papier erkennen können (die nicht-kommerzielle Website Gesichter der Nachhaltigkeit setzt deshalb auf das Prinzip Haltung und Handschrift).

Unterschriften sind oft der einzige Eindruck vom Menschen hinter den Zeilen, denn auch persönlich geschriebene Briefe werden immer seltener. Es gibt allerdings keinen Zweifel daran, dass die Kulturtechnik Schreiben überleben wird.

Bereits seit einigen Jahren ist eine Gegenbewegung zu den digitalen und mechanisierten Gestaltungsmöglichkeiten spürbar. Das Schreiben gewinnt vor diesem Hintergrund immer mehr den Nimbus eines „Luxus", den auch zunehmend Unternehmen für sich entdecken, die Einladungen, Schilder und Karten mit der Hand beschriften lassen.

„Handlettering", das ursprünglich in der Schildermalerei beheimatet war, ist derzeit bei allen gefragt, die Schönschrift mögen und ihren Kunden eine besondere Form der Wertschätzung entgegenbringen möchten. "Das Medium ist die Nachricht." Sagte schon der kanadische Philosoph Marshall McLuhan.

Das Interesse an Schrift auch abseits professioneller Kalligrafie erlebte schon während der Weltfinanzkrise (2007-2009) eine besondere Ausprägung. Die Bemühungen, die eigene Schrift zu pflegen, nahmen zu dieser Zeit spürbar zu.

Das belegen etliche Aussagen der Wiesbadener Schriftkünstlerin Petra Beiße, die zudem nachgewiesen hat, dass immer mehr Unternehmen ihre Mitarbeiter darum gebeten haben, bei besonderen Anlässen oder Kurzmitteilungen an die Kunden zum Füllfederhalter zu greifen. Schon 2009 waren „noble Füller und hochwertige Schreibaccessoires" gefragt wie lange nicht.

So kreierte auch Karl Lagerfeld einen mattschwarzen Füllfederhalter für S.T. Dupond, der seine Handschrift trägt: Kappe und Schafft haben eine kantige Form, damit sie nicht vom Tisch rollen.

Wahrer Luxus ist nachhaltig

Der Begriff Luxus kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Verschwendung" - allerdings ist Luxus wirtschaftlich gesehen alles andere als überflüssig. Für Clemens Pflanz, Gründer und geschäftsführender Vorstand des deutschen Luxusverbandes Meisterkreis, hat billiger Flitter mit Luxus nichts zu tun.

Wahrer Luxus ist für ihn sogar „nachhaltig", weil hochpreisige Produkte von den Konsumenten mit wertschätzender behandelt werden und wegen ihrer hochwertigen handwerklichen Verarbeitung länger halten.

Von echter Verschwendung kann bei einem übermäßigen Gebrauch von Billigschreibgeräten gesprochen werden, die nach kurzer Zeit kaputtgehen oder von Anfang an schlecht schreiben, so dass der Stift dann schnell in die Mülltonne wandert.

Dass Füllfederhalter in Zeiten von Smartphones und Laptops noch eine Zukunft haben und nicht aus der Zeit gefallen sind, zeigt sich vor allem am Beispiel von Montblanc, wo Füller-Sondereditionen für Sammler auf jeweils 4810 Stück limitiert sind (die Zahl entspricht den Höhenmetern des Montblanc).

Die Editionen sind u. a. Charlie Chaplin, Thomas Mann, Greta Garbo oder Luciano Pavarotti gewidmet und erzählen Geschichten. Die Luxusbranche lebt von ihnen, weil sie ihre Kernbotschaft vermitteln, aber auch Begehrlichkeit und Leidenschaft wecken.

Etwas Besseres als die Digitalisierung hätte der Traditionsmarke Montblanc nicht passieren können, sagt Jérôme Lambert, CEO bei Montblanc:

„Vor zwanzig Jahren war das Digitale noch selten und etwas Cooles, der Alltag lief analog ab". Heute ist es umgekehrt: „Fast alles ist digital möglich, während analoge Dinge nicht mehr notwendig sind und nur noch aus Vergnügen benutzt werden." (Marcus Rohwetter: Der Federführer, in: DIE ZEIT, 23.7.2015)

Für Lambert sind Füllfederhalter eines der wenigen Luxusgüter, mit denen ihre Besitzer tatsächlich etwas tun können. „Schreiben ist etwas Aktives und Persönliches." Und etwas Prägendes im besten Wortsinn, das man spüren und hören kann, wenn die Feder über das Papier gleitet.

Claudia Silber, Leiterin der Unternehmenskommunikation beim Öko-Versandhandel memo AG, verweist dabei noch auf einen anderen Aspekt - Entschleunigung: „Wir haben zwei Kolbenfüller von Pelikan im Sortiment von memolife: Allein die Zeit, die man sich zum Wiederbefüllen des Füllers nimmt, mag manch einem heute als Luxus erscheinen.

Es wird nicht einfach die Tastatur bemüht, sondern die Hand. Hinzu kommt der Aspekt des ‚schönen Schreibens'. Das Ergebnis - ein Brief oder eine Karte - bringt auch dem Empfänger mehr Achtung und Wertschätzung entgegen als eine E-Mail oder ein Brief, der am PC geschrieben wurde."

Auch wenn diese Produkte vom Preis gesehen kein Luxus sind, so geht es doch vor allem um das, was sich nicht kaufen lässt: Aufmerksamkeit und Zeit.

Die neue Tipp-Gemeinschaft

Auch die Sehnsucht nach Selbstbestimmung „fließt" hier ein. Sie findet ihren Niederschlag ebenfalls im Schreibmaschinen-Boom, der teilweise auch auf den Wissensdurst der NSA und der „zwanghaften Einsichtnahme in alles Digitale" zurückzuführen ist (Max Scharnigg: Bing! In: SZ, 6./7.2014).

Einige Unternehmen schreiben sensible Angebote nur noch Schreibmaschine und lassen sie dann per Boten überbringen. Auch der russische Geheimdienst FSB orderte nach den Snowden-Enthüllungen 20 Schreibmaschinen beim deutschen Schreibmaschinenhersteller Olympia (WirtschaftsWoche, 21.7.2014).

Vor allem moderne Flaneure und Intellektuelle setzen auf diese Schreibgeräte, die ihre Funktion nicht verstecken. Ihre Buchstaben können nur durch körperliche Kraft bewegt werden - ein Akt der Selbstbestimmung.

Vor allem Autoren mögen das Schreiben am PC häufig nicht, weil hier alles auf Effizienz getrimmt, aber auch stärker organisiert und strukturiert ist. Von der Schreibmaschine werden sie zu „größerer Genauigkeit" gezwungen und können präziser arbeiten. Das Geschriebene kann nicht einfach mit der Löschtaste entfernt werden.

Es ist „echt" und erinnert an prägende „Typen" (ursprünglich Bestandteile einer Satzschrift aus Blei), die wir selbst im Zeitalter ständiger Reproduzierbarkeit und Austauschbar bleiben sollten. Denn nur von Typen geht ein unverwechselbares Profil aus, weil sie ihren eigenen Maßstäben folgen.

Literaturhinweis:

Thomas Glavinic: Meine Schreibmaschine und ich. Hanser-Verlag, München 2014.


Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter
blog@huffingtonpost.de
.

Hier geht es zurück zur Startseite