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Sich schlank essen „by framing" - oder einfach „achtsam essen"?

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Bloom Productions via Getty Images
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Gastbeitrag von Helmut K. Doerfler, Stuttgart

Wie Übergewichtige eine renommierte Sales-Strategie und eine buddhistische Lehre für sich nutzen können

Essgewohnheiten werden schon mit der Muttermilch eingesogen, sind emotional erlernt und seelisch tief verwurzelt. Das macht leider auch die rational geführten Kampagnen von Verbraucherschutz-Organisationen à la „Foodwatch", um Kinder vor versteckten, süßen und fettigen Dickmachern in industriellen Kultgetränken, Massensnacks und sonstigen Fertiggerichten zu schützen, nur bedingt wirksam.

Kopf kämpft hier gegen Bauch. Das widerspricht letztlich eben der ursprünglichen menschlichen Lust, süß und fett gestillt zu werden, die uns alle mehr oder weniger bis ins hohe Alter begleitet. Heißt gesund essen also für viele weiterhin eben „vernünftig essen"?

Auch beim Autor lasten mit den Jahren immer mehr Kilos auf Bauch, Hüften, Hintern, Schenkeln und Gelenken - speziell seit er vor gut zwanzig Jahren mit Rauchen aufgehört hatte. Was kann man(n) Nachhaltiges tun gegen solch orale Ersatz-Lust und -Sucht?

Gespräche mit der Stuttgarter Ernährungswissenschaftlerin Ursula Winzig landeten immer wieder bei der Einsicht, dass die im Stammhirn und limbischen System tief eingeprägten, auf Überleben und Belohnung programmierten Essimpulse sich vom Kopf her nur schwer steuern lassen, wenn man(n) etwa nachts vor dem offenen Kühlschrank steht (‚Alles schläft, einer frisst').

Fakt in unseren westlichen Kulturkreisen ist aber auch: Die Zahl dicker Zeitgenoss*innen jeglichen Alters, Geschlechts und Bildungsstands wächst rapide. Kann man dagegen wirklich nichts tun?

Der Disput mit Ursula Winzig hatte u.a. ein frappierendes Ergebnis: Eventuell lässt sich ja das angelsächsische Schlagwort: „Framing" auch auf Ernährungsprobleme anwenden?

Der d-englische Ausdruck wurde in der Managementphilosophie vor ein paar Jahren von einem profilierten und charismatischen ‚Sales Consultant' populär gemacht, der u.a. Großkonzerne berät: Wolf Lasko. Er hat viele nützliche Business- Bücher für Topmanager verfasst, darunter eines speziell für Top-Verkaufsstrategen.

Zugespitzt und grob vereinfacht argumentiert Lasko so: Dem allergrößten Teil eines Sales Staff's, (bis hinauf auf den zweiten oder gar Top Management Level) mangle es grundsätzlich an der rechten Eigenmotivation und damit auch an echter unternehmerischer Willenskraft.

Man mag nun diese herablassende Haltung selbstbewusster CEOs und sonstiger „Bestimmer" im Verkaufsbereich mögen oder auch nicht. Man könnte sie auch gleich in die Schublade fundamentalistischer Hierarchie-Anhänger mit versteinertem Führungs-Denken und -Verhalten (so à la Tailor aus Henry Fords Zeiten) stecken und das Ganze gleich wegschließen.

Die Realität lehrt jedoch: Viele Business Leaders agieren immer noch nach solch alter Väter-Sitte. Obwohl heute in einer global zunehmend verwirrenden - komplexen, mehrdeutigen, volatilen und somit unberechenbareren, eben VUCA - Geschäftswelt diese einsamen Business-Helden mental eher überfordert wirken. Und obwohl, speziell bei dynamischen StartUps inzwischen vielfältige neue Führungs-Visionen, -Maximen und -Methoden erprobt werden, auf weniger, eher eigen-verantwortlich organisierten Executive Levels, in Teams mit agilerer Kommunikation und geringer Markt- und Controlling-Führung.

Lasko argumentiert hingegen pragmatisch: Viele Mitarbeiter*innen bräuchten (und wünschten sich gar insgeheim) klare und ganz enge Management- „Leitplanken", eben jene „Frames". Nur so, eng von oben herab geführt, könnten sie künftig im Jobs ihre Produkte oder Dienstleitungen wirklich rasch, zielstrebig, erfolgreich und damit profitabler im Sinne der Kapital- und Arbeitgeber vermarkten. Weil eben - so Laskos Sicht - nur eine ganz kleine, elitäre Minderheit bei ihrer Tagesarbeit klug und willensstark, also intrinsisch genug, geprägt und somit überhaupt befähigt sei, zeitgemäß effizient ‚by framing' zu führen. Ganz im Geiste von Friedrich Nietzsche:

„Für die Fälle aber, wo man der [...] Leithammel nicht entraten zu können glaubt, macht man heute Versuche über Versuche, durch Zusammenaddieren kluger Herdenmenschen die Befehlshaber zu ersetzen." („Jenseits von Gut und Böse")

Zurück zum eigentlichen Dickmacher-Thema in unsere Wohlstandswelt:

Könnte „Framing" mithin eventuell nicht nur fürs Management, sondern auch bei der Ernährungsberatung einen gangbarer Weg zur schlankeren Linie weisen? Kann gar mit derartigen, fest installierten pädagogischen, Leitplanken das individuelle Ess-(eventuell sogar das eigene Shopping-) Verhalten zielgerichtet und dauerhaft umgesteuert werden?

Der Diskurs mit Ursula Winzig führte zu einem eindeutigen und frustrierenden Resultat: „JEIN". Keine Frage: Den Kampf mit den Pfunden und mit den regelmäßigen Jo Jo-Ergebnissen verlor auch der Autor oft im Zeichen von mangelhafter - äußerer und innerer - Führung. Grub er dann tiefer in die emotionalen Schattenbezirke seiner begierigen Seele, dann stieß er schließlich auf jene beschriebenen, per Muttermilch solide konditionierten Baby-Urängste: Die süß-fette Nahrungsquelle könnte ja schlagartig und auf ewig versiegen...

Aber was bringt's schließlich, dies alles kognitiv zu erkennen? Lässt sich triebhafter Druck aus seelischen Untiefen wirklich mit dem Kopf oder von außen her lösen, per pädagogischem ‚Framing' durch Eltern, andere Erzieher*innen, Partner*innen und sonstigen Leit-Figuren und Machthaber*innen? Ist so etwas als „Mittel der Wahl" unvermeidbar, bis sich nachhaltigere Verhaltensänderungen aus eigenen Impulsen entwickeln? (So sagen es schließlich seit ewig Eltern, Kinder- und Psychotherapeuten.)

Maßvoller Genuss von süß, fettig und sonst wie gehaltreich zielt - so ein vorläufiges Fazit - für uns Betroffene wohl eher auf eine ausgewogene Sowohl-als-auch-Strategie: sowohl auf ‚sanftes Framing', etwa durch Gruppendruck beim Essen und in der Familie, mit ‚vernünftigeren' Ess-Regeln und -Essenszeiten. Als auch auf ein bewussteres Essen.

Das sei dann die Königsdisziplin - sagen die wirklich profilierten Ernährungsberater*innen: Am nachhaltigsten klappe es mit regelmäßig trainiertem - reflektiertem, ent-schleunigtem, eigen-sinnigem - Ess-Gewahrsein bei Tisch. Man kann das dann auch Self-Framing nennen ...

Zugegeben, das ist nun wirklich keine großartige ‚Erleuchtung'! Sondern halt nur ein neuer Schlüsselbegriff - aber nach Erfahrungen des Autors wird das dennoch zu einem alltäglich-nützlichen, sehr probaten Ess-Werkzeug.

Bekanntlich beruht das Ganze auf einer uralten ‚spirituellen' Methode aus buddhistischen Gedanken- und Wahrnehmungswelten, genannt: „Achtsam essen."

Kognitiv ist die Methode leicht zu verstehen und einfach nachzulesen. Sich bei Tisch aber so neu zu konditionieren - das passiert erfahrungsgemäß nur mühsam, mit regelmäßigem Training. Diesen ‚Trick' umzusetzen verlangt beim Essen auch, mit einem gewissen Maß an ‚innerer Stille' zu üben - Tag für Tag, Bissen für Bissen.

Den neuerlichen Anstoß zum Achtsamen Essen gab vor kurzem eine mehrwöchige MBSR-Gruppe im Geiste des seit den 70er Jahren auch bei uns berühmt gewordenen, weltanschaulich neutralen US- Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn mit seinen - klinisch und ambulant - jetzt auch in Europa zunehmend hoch angesehenen verhaltenstherapeutischen und meditativen Übungen (Bodyscanning, Dehnpraxis und Meditation).

Den Verfasser beflügeln momentan seine jüngsten Abnehmerfolge - in fünf Wochen neun Kilo weniger auf der Waage. Ob vielleicht dann in ein paar weiteren Wochen doch wieder der dicke Onkel Jo Jo mit am Esstisch sitzen wird - oder auch nicht?

Literatur:

Wolf Lasko und Lara M. Lasko: Internationale Vertriebssteuerung by Result Framing. SpringerGabler 2013 (Science+Business Media).

Thich Nhat Hanh und Lilian Cheung: Achtsam essen - achtsam leben. Der buddhistische Weg zum gesunden Gewicht. Neuausgabe 2016 bei O.W. Barth (Übersetzung:, Ursula Richard).

Jon Kabat-Zinn: Gesund durch Meditation: Das vollständige Grundlagenwerk zu MBSR (mindfulness-based stress reduction) März 2011.

Zur Person:

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Foto: Helmut K. Doerfler (Copyright Siegfried Gragnato, Stuttgart)

Helmut K. Doerfler ist studierter Dipl.-Volkswirt und Politikwissenschaftler, Journalist und Buchübersetzer. Nach Abitur und Zeitungsvolontariaten (Schwäbische Zeitung, Salzburger Nachrichten) Studium der Volkswirtschaft und Politischen Wissenschaften in München, gleichzeitig freie Mitarbeit beim Evangelischen Presseverband und bei Radio Free Europe. Fremdsprachen: Englisch und Französisch, Grundkenntnisse in Italienisch.

Nach Studienabschluss PR-Assistent und PR-Manager bei KAISER ALUMINIUM, Koblenz und Düsseldorf, PR-Berater bei LINTAS, Hamburg, Pressechef bei SABA, Villingen, danach Leiter Presse und Werbung bei der Internationalen Bodensee-Messe, Friedrichshafen, PR-Manager bei MANNESMANN, Düsseldorf, anschließend Pressesprecher bei der MESSE FRANKFURT. Seit 1985 arbeitet er als selbständiger Kommunikationsberater.

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