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Sammelbecken Digitalisierung: Warum die Ernte der Lebenskünstler so wertvoll ist

02/12/2017 14:10 CET | Aktualisiert 02/12/2017 14:11 CET
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„Wie eine gute Ernte"

Im November 2017 verstarb der tunesisch-französische Designer Azzedine Alaïa im Alter von 77 Jahren. Die Angaben variieren, da er sein Geburtsjahr mit „zirka 1940" angab. Er wusste es selbst nicht so genau - und es ist auch nicht wichtig, weil er ohnehin zu den Menschen gehörte, die schon zu ihren Lebzeiten aus der Zeit gefallen sind. Das zeigte sich auch in dem, was der Couturier hervorbrachte. Termine und die Hysterie des Modebusiness kümmerten ihn nicht - seine Kollektionen mussten „reif" sein „wie eine gute Ernte. Aber das erfordert nun mal: Zeit." Mit dieser nachhaltigen Einstellung verstieß er gegen alle Regeln des Modebetriebs, denen er sich stets widersetzte.

Ein ähnliches Bild benutzte schon der Naturforscher und Dichter Adelbert von Chamisso (1781-1838) für seinen Schaffensprozess: Die Zeit, Kunstwerke zu schaffen, muss erst ausgesät werden, auf dass sie reife, so seine Grundanschauung. Denn alles bleibt ohne Farbe und Bedeutung, wenn es nicht aus dem Leben begründbar und in ihm verhaftet ist. Allerdings bemerkte und betonte er immer wieder, dass er seine literarischen Texte nicht gemacht habe, sondern die Zeit.

An Karl Bernhard von Trinius schreibt er am 11. April 1829: "Wenn ich selber eine Absicht gehabt habe, glaube ich es dem Dinge nachher anzusehen. Es wird dürr, es wird nicht Leben." Seine berühmte Geld- und Schattennovelle „Peter Schlemihls wundersame Geschichte" (1814) ist auch nicht anders entstanden. So erklärt sich auch, dass ihm die Klugheit verboten hatte, diese Dichtung "mit einem neuen Machwerk tot und zu zudecken", denn was das Leben erzeugt hat, und was ins Leben eingegangen ist, sollte künstlich nicht wiederholt (!) werden. Der immerwährende Neuanfang ist auch heute ein Merkmal besonders kreativer Menschen.

Wer Azzedine Alaïa kannte, bezeichnet ihn als Freigeist, der sich zeitweise sogar eine Eule - die Eule der Minerva ist ein Symbol von Klugheit und Weisheit - als Gefährten in der Nacht hielt. Für Menschen wie ihn, den die Süddeutsche Zeitung als einen der letzten „Zauberer" der Modewelt betrauerte, war Freiheit nicht nur ein Recht, sondern eine Fertigkeit (Können), die man sich immer wieder neu erwerben muss.

Es ist die Fähigkeit, die Welt durch verschiedene Brillen zu sehen und sich etwas vorzustellen, was sich niemand zuvor ausgemalt hat. Die Freiheit des Geistes ist ständige Arbeit. Einige Gedanken gedeihen nicht, weil dem Verstand der Ansporn fehlt, sie vollständig auszubilden. Und manchmal sind die Niederungen des Alltags so ausgeprägt, dass vieles nicht vordringen kann in die Welt des Geistes. Auch wenn Gedanken sich selbst überlassen sind, bleiben sie oft einsam und kraftlos. Bedeutung erlangen sie erst, wenn sie durch einen Dialog „befruchtet" werden.

Neu denken lernen

Hier kommt die Digitalisierung ins Spiel: Es wird heute oft davon gesprochen, dass wir neu denken müssen, um sie meisterlich zu gestalten. Aber was heißt das konkret? Und wie geht neues Denken? An wem können wir uns orientieren?

Es sind vor allem Menschen, die aus der Zeit gefallen sind, Lebenskünstler, die in ihrem Kopf bereits verbunden haben, was die digitale Welt heute abbildet. Sie verknüpfen unablässig neue Ideen und Kontakte, verbinden sich mit wesensverwandten Partnern, legen immer wieder einen Schalter in ihrem Kopf um, der das Licht angehen und ihre Haltungen und Überzeugungen zu bestimmten Themen erleuchten lässt.

Allerdings schöpfen sie nicht allein aus sich selbst, sondern „verwandeln" sich alles an: Erlebtes und Erlesenes, das durch sie hindurch geht und sich zu etwas Neuem fügt. Scheint die Quelle durch einige Stellen hindurch, ist das die größte Wertschätzung an den Urheber. Dass noch heute besonders der französische Lyriker, Philosoph und Essayist Paul Valéry (1871-1945) bleibende Eindrücke hinterlässt, hat mit der Zeitlosigkeit seines fragmentarischen Werkes zu tun, aber auch mit seiner Anschlussfähigkeit, die verwandte Geister heute schätzen. Sie lieben das Unfertige, das über seine Grenzen hinausweist und weitergedacht werden will - auch im Internet.

Die Kunst ihres gelingenden Lebens ist mit ihrer seelischen, sozialen und körperlichen Entwicklung verbunden. Sie gestalten ihr Leben wie ein Kunstwerk - das bedeutet, dass sie authentisch und inhaltsvoll sind und Bedeutungen hervorbringen.

Da im Zeitalter der Digitalisierung viele geistige Samen im World Wide Web „aufgehen", lässt sich von einem erweiterten Gehirn sprechen, das uns darin unterstützt, Gedanken zu teilen und in einen Dialog mit anderen zu treten. Wenn es uns gelingt, hier das zu integrieren, was uns große Denker in der analogen Welt an wertvollen Samen des Geistes hinterlassen haben, kann Neues und Großartiges entstehen.

Valérys Kopf hatte etwas Googlehaftes - ihn interessierte alles, und er vernetzte alles. Zudem wollte er sich wie alle Lebenskünstler die Freiheit behalten, mehrere zu sein. Er reagiere stark auf Ideen und auf Typen, er gab sich der Arbeit des Verstehens hin. Wie die Hochkreativen - Karl Lagerfeld ist heute einer der letzten großen Lebenskünstler - mied er wie Chamisso alles, was sich wiederholt oder wiederholen konnte („ob Gewohnheit oder Routine, Alltag oder Denkschablonen").

Wie Lagerfeld (in dessen Taubenschlag, „die Ideen ein- und ausfliegen") hatte auch Valéry eine ganz eigene Art zu sprechen: schnell und zuweilen undeutlich, ohne sich darum zu kümmern, ob es der andere wirklich verstanden hat. Sein Denken bestimmte den Rhythmus.

Das Werk solcher Menschen hat Vorrang vor ihrer Lebensgeschichte - das Leben ist immer „nur" der Anlass, um etwas hervorzubringen - als Chronologie der Ereignisse verblasst es.

Das ist Lebenskunst.

Weiterführende Literatur:

Alexandra Hildebrandt: Mein Körper, mein Geist, meine Welt. Der Inbegriff eines Selbstständigen im Komplexitätszeitalter. In: CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag, Heidelberg Berlin 2017, S. 823-838.

Silke Wichert: Aus der Zeit gefallen. In: Süddeutsche Zeitung(25./26.11.2017), s. 57.

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