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Sag mir, wo die Blumen sind: Zur Aktualität des Anti-Kriegs-Songs - und was ihn mit Rosen-Resli verbindet

18/06/2017 15:06 CEST | Aktualisiert 18/06/2017 15:06 CEST
JohnnyGreig via Getty Images

"Erkenne die Gefahr" war das Motto des diesjährigen Life Ball in Wien, der größten Benefiz-Veranstaltung in Europa zu Gunsten HIV-infizierter und AIDS-erkrankter Menschen. Gery Keszler, Gründer und Organisator des Life Balls, verwies in seiner Begrüßungsrede darauf, dass wir in einer Gesellschaft leben, die immer extremer wird, die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer:

„Links wird immer linker, rechts immer rechter, und extrem könnte bald schon wieder extremistisch bedeuten. Wir würden wieder Feinde sein und uns bekämpfen. Wir würden uns bekriegen, mit dem Finger aufeinander zeigen und die Schuldigen suchen, allen voran bei den Minderheiten."

Zu den besonders bewegenden Momenten gehörte der Auftritt von Ute Lemper, die in eine weiße Life-Ball-Flagge gehüllt war und das Antikriegslied „Sag mir, wo die Blumen sind" („Where Have All The Flowers Gone") sang, das 1955 vom US-amerikanischen Songwriter Pete Seeger geschrieben wurde. Das Musikprojekt „1,000 Days, 1,000 Songs" veröffentlichte den Song, der durch die Interpretation von Marlene Dietrich berühmt wurde, im Februar 2017 auf seiner Website als Protest gegen die Politik von US-Präsident Donald Trump.

Das Lied ist nicht nur ein Appell, die Gefahr zu erkennen, sondern erinnert uns auch daran, uns mehr um unseren inneren Garten zu kümmern - und die Liebe, die durch Blumen zu uns spricht.

Am 28. März 2017 starb die Schauspielerin Christine Kaufmann an den Folgen einer Leukämieerkrankung. Im Alter von acht Jahren begegnete sie dem Regisseur Harald Reinl, der 1954 mit ihr den Film „Rosen-Resli" drehte. Es ist der letzte Film des Schauspielers Otto Gebühr, der einen alten Gärtner in einer Rosenzucht spielt, der sich liebevoll um das verwaiste Mädchen Resli kümmert, das zu einer Familie, die auch auf der Farm arbeitet, in Pflege gekommen ist. Da die Pflegemutter schwer erkrankt ist, muss das Kind nun bei einer Familie im Rosenzuchtunternehmen leben. Um Geld für Essen zu verdienen, trägt es Rosen aus und züchtet später selbst welche.

Die Spuren des Krieges zeigen sich im traurigen und verhärteten Gesicht der Pflegemutter. Das Weiche und Zarte lässt sich ahnen, wenn man in Reslis Kinderaugen blickt. Hier wird Liebe offenbar, die sich auch in der schönsten Rosenzucht und -veredelung zeigt, die ihr der gute Gärtner beibringt. Sonst wäre die Rose nur eine Pflanze, mit der gehandelt wird.

Der Nachkriegsfilm mag heute vielleicht einigen Menschen welk erscheinen - aber die Botschaft ist noch frisch in einer Zeit, in der kulturelle Werte immer mehr zerfallen, und die bei allem Unglück auch noch mit dem Tod Christine Kaufmanns zusammenfällt.

In ihrem Buch „Verführung zur Lebenslust" beschrieb sie ihre Kindheit in Deutschland nach dem Krieg, die sie als sehr angefüllt mit allem empfand, was es heute nicht mehr gibt: „Ruhe, wenig Autos, das sparsame Licht. Die Geborgenheit im Einfachen." Blumen.

In der Studie im Fachblatt „Perspectives in Psychological Science" präsentierten die Schwestern Selin und Pelin Kesebir kürzlich die Ergebnisse einer bis ins Jahr 1900 gehenden Datenrecherche, die Naturbezüge und deren Häufigkeit in Popsongs, Romanen und Filmen untersucht. Das Ergebnis: Mit dem Thema, das die jeweilige soziale Stimmung anzeigt, geht es seit den 1950-er Jahren stetig bergab. Am stärksten sind die Blumen (!) betroffen. Dafür machen die beiden den technischen Fortschritt wie Fernsehen und Internet verantwortlich.

„Haben sich nicht schon alle viel zu sehr daran gewöhnt, ‚später' zu schauen und das Erlebnis durch ein Surrogat zu ersetzen? Sich mit dem tückischen Videoausschnitt zufriedenzugeben und damit das Eigentliche zu verpassen?" Fragt Kaufmann in ihrem Buch, die ihre frühe Fessel („Ich muss") in mühevoller Lebensarbeit mit dem magischen „Ich werde" ersetzt hat. Im Gartenkontext ist es die Periode der Saat, der Entfaltung und des Aus-sich-Herausgehens bzw. Herauswachsens.

Anmut war für die Schauspielerin und Autorin eines der schönsten deutschen Worte, auch weil darin „Mut" verborgen und mit Demut verbunden ist. Demut hängt mit Bodenständigkeit („Grund unter den Füßen") zusammen. Das Wort kommt von „diomuoti" („dienende Gesinnung") und drückt die Bereitschaft aus, andere als Hilfe und Korrektiv an sich arbeiten zu lassen.

In ihren Filmen und Büchern schenkte sie uns Momente der Nahbarkeit und des Tiefgangs, in denen sie vom guten Leben erzählte und uns zeigte, wo die Blumen sind. Wo immer sie gefunden werden, erwacht ein Augenblick der Ermächtigung und wird unser Möglichkeits- und Wirklichkeitssinn geschärft, den wir gerade heute so gut brauchen können.

Quellen und weiterführende Literatur:

Christine Kaufmann: Verführung zur Lebenslust. Zen und Sinnlichkeit. Kösel-Verlag, München 2007.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Gartenzeit: Wie wir Natur und Kultur wieder in Gleichklang bringen. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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