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Säger und Rammler: Wie Männer heute weibliches Terrain erobern

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MAN FLIRTING
Simon Winnall via Getty Images
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Begegnungen mit der Männerwelt

Die Spezies Mann hat sich verrannt, schreibt die Entertainerin, Schauspielerin und Autorin Désirée Nick mit spitzer Feder in ihrem aktuellen Buch „Säger und Rammler" (Heyne, München 2016): Sie taumeln im Komplexitätszeitalter umher und treiben hinaus „auf eine lange, ungewisse Reise".

Die Aussage des Managementvordenkers Fredmund Malik, dass vieles in der Alten Welt nicht mehr funktioniert, weil sie ihrem Ende zugeht, und in der Neuen Welt vieles noch nicht geht, weil es entweder nicht richtig da oder noch nicht reif genug ist, deckt sich in Grundzügen mit vielen Aussagen „der Nick".

William Bridges nennt die von beiden beschriebenen Übergangsphasen das „no-man's-land" (das Alte ist nicht mehr, das Neue ist noch nicht da).

Es gibt im Buch von "La Nick" zahlreiche soziologische Exkurse, die es wert sind, immer wieder zitiert und in neue Zusammenhänge gesetzt zu werden, schließlich braucht Ernstes auch Erfrischung, weil es sonst vertrocknet ans Herz geschlossen wird oder gar nicht erst dort ankommt.

Wer die Scherben einer zerbrochenen Gesellschaft buchstäblich auflesen möchte, wird in diesem Buch fündig: Es ist nicht einfach nur eine ironische Abrechnung mit der Spezies Mann (auch wenn es der Titel vermuten lässt).

„La Nick" nutzt die Begegnung mit Männerwelt, um auch andere Themen wie Freundschaft, Heimat, Fußball, Ordnung, Handarbeit und die guten alten Dinge klug unterzubringen.

Es kommen härtere Tage. Dessen ist sich die Autorin bewusst und zeichnet ein positives Zukunftsbild der Frauen, die ihren Mann stehen werden und können.

Um die Männerwelt müssen wir uns wohl ernsthaft Sorgen machen, wenn sie kein neues Update bekommt. So jedenfalls der Befund des Buches: So weit ist es schon gekommen, „dass die Männer das ehemalige Refugium der Frau, nämlich den Herd und die Küche, als ihre Domäne erobert haben und sich für Ruhm und Karriere eine Schürze umbinden."

Zur Männersache wird heute, was früher „Frauensache" war: Um ihr Ziel zu erreichen, nehmen Männer sogar im Marathon „weibliche" Seiten an. Was früher als „weibliche Themen" empfunden wurde, „haben wir uns längst zurückerobert - auf unsre männliche leistungsorientierte Weise", bestätigt Matthias Politycki in seinem Buch „42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken" (Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2015).

Neben Powershoppen und bewusster Ernährung gehört Körperpflege 2.0 dazu. Auch der Bundestrainer der deutschen „Mannschaft" zeigt gern seine weibliche Seite.
Und die „Jungs" in der Umkleide sprechen selbstverständlich auch über Conditioner, Haarspray und Pflegespülung. Spitzzüngig vermerkt Désirée Nick, dass Ronaldo oder Mario Götze auf eine „Vermeidungstaktik von Kopfbällen" setzen - wohl aus Angst, „die Frisur könnte Schaden nehmen".

Sogar in der Öko-Branche wird auf den Trend reagiert. In der Rubrik „Sanftes für echte Kerle" werden beispielsweise Dusch-Shampoo, After Shave Balsam, pflegende Feuchtigkeitscreme oder milder Rasierschaum (Quelle: memolife) angeboten.

Überraschung der echten Kerle

Das kleine beherzte Männervolk aus dem Nordatlantik hat sich während der Fußball-EM in Frankreich in die Herzen der Zuschauer gespielt. Das macht sie zu den eigentlichen Gewinnern. Die Männer aus Island, die von Erfolg zu Erfolg eilten und immer für eine Überraschung gut waren, zeigten nicht nur reine Freude am Spiel, sondern auch authentischen Fußball, der in den vergangenen Jahren immer mehr überzüchtet und kommerzialisiert wurde.

Die Isländische Fußball-Nationalmannschaft war ein wunderbares Gegenbild dazu, das zeigte, wie schlimm es um all die vercoachten Trainer und Mannschaften steht, denen strenge Marketing- und „Technokratiekonzepte" verordnet wurden, und die wirkten, als seien sie am Reißbrett entstanden.

„Kopfgesteuerten, durchkontrollierten Mannschaftsfußball" nennt das der SPIEGEL-Journalist Andreas Borcholte, dessen Beitrag „Zum Spielen keine Zeit" für den Marketingexperten Dr. Klaus Stallbaum ein kluger Gedankenwurf zur Verkomplexisierung der Welt ist - „aufgehängt an der niederschmetternd plastinierten Fußball-EM". Sie ist für ihn zugleich eine Parabel für unser Leben.

Kein Wunder, dass sich am Ende kaum jemand wirklich für die EM erwärmen konnte und keine echte Sommermärchen-Euphorie aufkam.

Wikingerschach

Bei der deutschen „Mannschaft" gab es kaum „ein Lächeln, kaum sichtbare Spielfreude, zu sehr waren die bis zur Erschöpfung austrainierten Spieler damit beschäftigt, beim rabiat-rasanten Rasenschach keine Fehler zu machen."

Dass Andreas Borcholte hier den Schachbegriff benutzt, ist besonders interessant, denn in diesen Tagen erlebt das Spiel Wikingerschach oder auch Kubb (von Kubbar, auf Schwedisch Holzklotz) einen wahren Boom. Das skandinavische Gesellschaftsspiel tauchte das erste Mal in der Geschichte der Wikinger auf:

Hier treten zwei Teams mit ein bis sechs Personen gegeneinander an. Ziel ist es, mit Wurfhölzern die Kubbs der gegnerischen Mannschaft umzustoßen und am Ende den König in der Mitte des Spielfeldes umzuwerfen.

Die Nachhaltigkeitsexpertin Claudia Silber, bei der memo AG verantwortlich für die Unternehmenskommunikation, bestätigt, dass "Kubb" aus Buchenholz (aus nachhaltiger Forstwirtschaft) derzeit sehr beliebt ist (vgl. memolife). Fast täglich werden mehrere bestellt. Dazu gibt es eine persönliche Geschichte von ihr:

„Mein Mann und ich waren vor kurzem zum 12. Geburtstag des Sohnes von Freunden eingeladen. Wir haben lange überlegt, was wir als Geschenk mitbringen könnten, und ich hatte die Idee, das Wikingerschach mitzunehmen, was wir dann auch getan haben. Ich gebe zu, dass ich etwas skeptisch war, weil ja gerade Jungs in diesem Alter lieber Fußball spielen oder Spiele auf dem Handy.

Als wir dort ankamen, mussten wir zuerst die neue Carrera-Bahn bewundern, die sich seit neuestem über eine App steuern lässt. Da ließ das Wikingerschach als komplette ‚Offline-Version' etwas in den Hintergrund treten. Dann allerdings hat die große Schwester das Spiel entdeckt und am Schluss haben tatsächlich alle anwesenden Kinder von 8 bis 18 Jahren im Garten stundenlang Wikingerschach gespielt. Am Schluss hat die kleine Cousine das Spiel noch als Bauklötze umfunktioniert.

Es ist also doch so, dass durchaus auch Spiele, die auf den ersten Blick keinen ‚Kick' bieten, durchaus spannend sein können."

Das Beispiel zeigt zugleich sehr schön, dass der Geist der Wikinger auch nach der EM in unterschiedlichen Bereichen „greifbar" ist sowie Überschaubarkeit, Leidenschaft und Motivation vermittelt. Dazu braucht es Spiele und Ziele.

Denn wir leben in komplexen Zeiten, in denen nichts so richtig „unbeschwert erscheint und kaum noch etwas übersichtlich ist", wie es Andreas Borcholte richtig bemerkt.

Spielkultur und Natur

Die Isländer erinnerten uns an das wilde und freie Lebensgefühl, das die Rock-Hymne von 1968 ausdrückt: „Born tob e wild". Sie zeigten aber auch, was im Kleinen möglich ist, ja dass jeder von uns ein Wikinger sein kann, wenn er unerschrocken aufspielt - aber auch, dass sich gespielter Schein immer selbst entlarvt.

Merkwürdig ist in diesem Zusammenhang, dass Vertreter der EM-„Kulturmannschaften" zuweilen die guten Manieren ablegten und öffentlich ihrem wilden Instinkt folgten (Popeln in der Nase, Kauen an den Fingernägeln, Griff in die Hose). Der „Naturmannschaft" der Wikinger und ihrer Führung wäre das auch intuitiv wohl nicht in den Sinn gekommen.

Angeführt wurden sie von Islands vollbärtigem und tätowierten Kapitän Aron Gunnarsson: Der „Handballer" prägte das Bild vom wilden Wikinger und gab den Rhythmus zum martialisch und fröhlich klingenden Jubelritual vor: Hände über dem Kopf zusammenschlagen und „Hu! - „Hu! Hu!" - „Hu! Hu! Hu!" rufen.

Nachhaltiger Zaubertrank

Es kommt noch ein "erfrischender" Gewinn hinzu: Bio-Apfelsaft aus Frankreich. Die ARD-Sportschau berichtete sogar vom „Zaubertrank für Wikinger".

Dem französischen Hersteller Didier Bunaz erschien dies wie ein Traum, denn es gab keine Marketingstrategien und keine Werbung, sondern nur persönliche Entscheidungen, und am Ende sogar ein Gesicht hinter dem Produkt. Das ist für eine zuckersüße Cola-Mannschaft undenkbar.

An dieser schönen Nebensache der WM zeigt sich, dass echte Nachhaltigkeit nichts Verordnetes, sondern immer etwas Gewordenes ist, das in entscheidenden Momenten sichtbar wird und Menschen auch herrlich „erfrischen" kann. Und dass es für die Männerwelt, die nicht nur aus Sägern und Rammlern besteht, guten Grund zur Hoffnung gibt.

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