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Ruprecht Frieling: „Self-Publisher wollen in den Buchhandel"

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Ruprecht Frieling ist ein unkonventioneller deutschsprachiger Autor, Verleger und Produzent. Der „BĂŒcherprinz" publizierte mehr als 40 in verschiedene Sprachen ĂŒbersetzte BĂŒcher, darunter Ratgeber rund um das Thema Schreiben. Zwischen 1980 und 2002 ebnete er mit seinem Verlag Frieling & Partner als erster deutscher Verleger der Nachkriegszeit mehr als zehntausend Self-Publishern den Weg zum eigenen Buch.

Der 2. Vorsitzende des Selfpublisher-Verbandes e.V. wirbt auf Messen, Kongressen, Veranstaltungen und im Internet fĂŒr die Idee des verlagsfreien Publizierens und moderiert launige Talkshows mit erfolgreichen Self-Publishern. Frieling liebt BĂŒcher, Blues, Bach, Wagner, Dada und Surrealismus.

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Ruprecht Frieling mit seinem Wappentier, der Schneeeule. Foto: Archiv Frieling


Herr Frieling, wie schÀtzen Sie die Zukunft des Self-Publishing ein?


Ein halbes Jahrhundert bin ich nun im Steinbruch des Wortes tĂ€tig und war in diesen langen Jahren stets aufgeschlossen fĂŒr all das, was sich an neuen Möglichkeiten und Wegen eröffnete. Aber die magische Kristallkugel, die mich in die Zukunft blicken lĂ€sst, habe ich dabei leider nie gefunden ...

Fakt ist: Das Self-Publishing in der Form, wie wir es heute erleben, gibt es im deutschsprachigen Raum erst seit wenigen Jahren. Es ist inzwischen kein Neugeborenes mehr, die Bewegung kann auf eigenen FĂŒĂŸen stehen, laufen und sprechen. In ein paar Jahren wird aus dem Kind ein Jugendlicher, vielleicht sogar ein Rebell, erst spĂ€ter wird die Bewegung erwachsen. Wir haben also noch erheblichen Entwicklungsspielraum vor uns, und ich bin ĂŒberzeugt, dass unsere bisherigen Vorstellungen vom Lesen, Schreiben und Veröffentlichen fundamental ĂŒber den Haufen geworfen werden.

Wohin geht die Entwicklung?

Erstrebenswert scheint mir als nĂ€chstes Ziel ein BrĂŒckenschlag zum Buchhandel, um die Grenzen zwischen etablierten Autoren und Verlagen und denjenigen, die selbststĂ€ndig auf die Suche nach neuen Lesern und Zielgruppen gehen, zu öffnen.

Der Selfpublisher-Verband, Zusammenschluss eigenstĂ€ndig denkender und handelnder AutorInnen im deutschsprachigen Raum, hat hierzu gemeinsam mit der MVB GmbH, dem Marketing- und Verlagsservice des Börsenvereins des Buchhandels, den Deutschen Selfpublishing-Preis ausgelobt. Hauptpreis ist exklusive PrĂ€senz im Buchhandel. Dies ist die Premiere fĂŒr die Kooperation des deutschen Buchhandels mit der Welt der Self-Publisher und folgt dem Ziel, selbstverlegten BĂŒchern mehr und mehr einen Platz in den Buchhandelsstrukturen zu erobern.

Welche Rolle spielt dabei Amazon?

Amazon hat das Self-Publishing nicht erfunden. Mit dem Kindle-Programm leitete der international tĂ€tige Konzern allerdings eine Explosion der Entwicklung ein, die das Self-Publishing fĂŒr jeden erschwinglich und technisch möglich machte. Das Unternehmen hat bewiesen, dass der Buchmarkt letztlich sogar weitgehend ohne Verlage und BuchhĂ€ndler funktionieren könnte.

Amazon ist der unangefochtene MarktfĂŒhrer aufgrund seiner aggressiven Preispolitik, der spottbilligen LesegerĂ€te und einer ausgefeilten softwaregesteuerten Bindung zum Kunden. Die Algorithmen des Konzerns werden in KĂŒrze so entwickelt sein, dass Vielleser BĂŒcher erhalten, von denen sie noch gar nicht wissen, dass sie diese als nĂ€chste bestellen werden.

Die Verlags-Imprints von Amazon in Deutschland (Tinte & Feder, Montlake, Edition M und 47 North) haben sich ĂŒbrigens jĂŒngst entschlossen, auch den Buchhandel mit ihren Titeln zu beliefern. Dies ist fĂŒr mich ein weiteres Indiz einer neuen QualitĂ€t in der Entwicklung des Buchmarkts.

Weshalb denken viele deutsche Verlage noch nicht wirklich agil und nachhaltig, wenn es um das Erschließen neuer Möglichkeiten in Zeiten des digitalen Wandels geht?

Auch in der deutschen Verlagsszene gab und gibt es Vordenker. Der Bertelsmann-Konzern versuchte bereits vor 25 Jahren, mit dem „DiscMan" Interessenten fĂŒr das elektronische Lesen zu gewinnen. Diese Innovation floppte, vielleicht kam diese Technik zu frĂŒh oder wurde von zu wenigen Verlagen inhaltlich unterstĂŒtzt. Ich erinnere mich, erstmals 1998 auf einem „Palm III" ein digitales Lexikon mit Volltextsuche genutzt zu haben. Wenn ich Branchenkollegen damals auf diese unglaublich innovative Technologie und das darin liegende Potential hinwies, entgegneten sie mit mĂŒdem LĂ€cheln.

Inzwischen ist vielen Verlegern der Hochmut vergangen. Allerdings gibt es immer noch eine Reihe etablierter Unternehmen, die pomadig auf die Entwicklung schauen und glauben, die Zukunft fĂŒr sich gepachtet zu haben. Sichtbar werden solche Verlage schon daran, dass sich die Preise ihrer ElektrobĂŒcher kaum von denen der PapierbĂŒcher unterscheiden. Dort wird einfach nicht verstanden, dass beispielsweise mit preiswerten E-Books gĂ€nzlich neue KĂ€uferschichten angesprochen und fĂŒr das Lesen gewonnen werden können. Diese Transusen werden in den nĂ€chsten Jahren vom Markt bereinigt und nur noch als Namen, als Imprints flexiblerer HĂ€user aufscheinen.

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Krimi-Königin Nika Lubitsch und Ruprecht Frieling. Foto: Lichtinspektor

Wie können sich grĂ¶ĂŸere Verlage, die zuweilen wie Tanker im Ozean anmuten, besser auf die aktuelle Situation einstellen?

Viele grĂ¶ĂŸere Verlage bemĂŒhen sich, an der Goldader Self-Publishing zu schĂŒrfen, indem sie Imprints oder Unterfirmen grĂŒnden. Damit wollen sie Autoren suggerieren, sie hĂ€tten dank des Nimbus der dahinter stehenden Marke grĂ¶ĂŸere Chancen, entdeckt und gelesen zu werden. Doch diese AktivitĂ€ten wirken auf mich bislang halbherzig und werden bestenfalls als Scouting gesehen, um den einen oder anderen zufĂ€llig gut gehenden Titel sicher in der Tasche zu haben.

Nun schwĂ€rmen auch Literaturagenten aus, um sich namhafte Self-Publisher zu sichern. Interessanterweise sind manche der gewonnenen Autoren unzufrieden mit dem, was sie mit ihren neuen Verlagspartnern erleben. Langsame Produktionsweise und zĂ€he Debatten mit Verlagsleuten ĂŒber Buchtitel und Cover, die dem eigentlichen Kunden der Verlage, dem BuchhĂ€ndler, gefallen sollen, entsprechen nicht dem, was der Arbeitsweise des Self-Publishers entspricht.

Echte Chancen haben deshalb mittelfristig nur Verlage, die das Wesen des Self-Publishings verinnerlichen. Dazu zĂ€hlt auch der Mut, am konservativsten Markteilnehmer, dem BuchhĂ€ndler, vorbei direkt auf den Leser zuzugehen. Denn der erfolgreiche Self-Publisher schreibt fĂŒr die Leser statt fĂŒr ZwischenhĂ€ndler und selbsternannte Literaturvermittler. Hier liegt auch eine Chance fĂŒr den BuchhĂ€ndler, der die Entwicklung versteht und nutzt, statt sie zu verdammen.

Welche Rolle spielt kĂŒnftig der Lektor? Was sollte bleiben, und was wird anders?

Die Bedeutung des Lektors als Sparringspartner des Autors wĂ€chst. Erfolgreiche Self-Publisher arbeiten mit Lektoren, Korrektoren, Grafikern und gegebenenfalls Übersetzern. An der Peripherie der Bewegung schießen entsprechende Dienstleister wie Pilze aus dem Boden. Bevorzugt werden dabei freie, verlagsunabhĂ€ngig denkende und arbeitende Fachleute, die unvoreingenommen auf den Text schauen.

Weshalb haben es Crossmedia-Formate, die hĂ€ufig von traditionellen Verlagen abgelehnt werden, weil sie wegen ihrer Mischformen (z.B. aus FachbĂŒchern und Ratgebern) in kein Schema passen, im Self-Publisher-Bereich leichter?

Verlage neigen dazu, möglichst exakt definierte Zielgruppen anzusprechen. So verlangen im Romance-Bereich die meisten Verlage beim Liebesroman ein Happy End. Literarische Bedeutung haben in den vergangenen Jahrhunderten von Shakespeares »Romeo und Julia« ĂŒber Goethes »Leiden des jungen Werthers« bis zu Margaret Mitchells »Vom Winde verweht« allerdings nur Werke gewonnen, die tragisch endeten. Wer also mit dem Genre Liebesroman experimentieren möchte, hat als Self-Publisher bessere Chancen, sein Publikum zu finden.

Im Sach- und Fachbuch ist der Self-Publisher den schwerfĂ€lligen Verlags-Lokomotiven schon deshalb ĂŒberlegen, weil er blitzschnell reagieren und seine Werke immer brandaktuell halten kann. In diesem Segment werden wir sicherlich noch viele publizistische Überraschungen erleben.

Self-Publisher sind derzeit die innovativsten und flexibelsten KrĂ€fte am BĂŒcherhimmel. Wir alle können eine Menge von ihnen lernen.

Vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch.

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Gruppenfoto: Verlegerin Julia Eisele, Starautorinnen Hanni MĂŒnzer und BC Schiller, Ruprecht Frieling. Foto: Archiv Frieling

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