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Rekrutierung und Arbeitnehmerüberlassung: Was sich ändern wird

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Interview mit Dipl.-Ing. (FH) Werner Neumüller, Geschäftsführer der Neumüller Ingenieurbüro GmbH & Neumüller Personalberatung

Herr Neumüller, können Sie die Marktbeobachtung einiger Personalexperten bestätigen, dass Mitarbeiter und Führungskräfte in den letzten Jahren fast ausschließlich kompetenzbasiert ausgewählt wurden? Was braucht es noch? Welche Rolle spielt z.B. Charakter?

Nach meiner Einschätzung ist dem so. Einstellungstest, psychologische Klassifizierungen oder Big Data sind eher sachorientiert. Der Entscheidungsspielraum und Verantwortungsbereich von Führungskräften wird zunehmend standardisiert und eingeschränkt. Seiteneinsteiger, Richtungswechsler, Umorientiere, Übermotivierte, Genies - schlicht nicht Systemkonforme - bekommen damit immer seltener eine Gelegenheit, sich zu beweisen.

Wer würde heute bei all den zu Verfügung stehenden Hilfsmitteln und Eignungsdiagnostik einen Richard Branson (Legastheniker), einen Mark Zuckerberg (Studienabbrecher) oder einen Albert Einstein (Schulverweis) als Mitarbeiter einstellen?

Welche Methoden von Personalern sind im Ausleseprozess heute überholt? Wohin geht die zukünftige Entwicklung?

Überholt ist heute sicher eine Überbewertung des äußeren Aussehens der Bewerbung oder Form-/Tippfehler und Lücken im Lebenslauf. Nur eingeschränkt aussagefähig ist die Tatsache eines nicht geradlinigen Lebenslaufes, wie z.B. des Studienabbruchs. Wichtig sind die Gründe und die Erkenntnisse daraus. Die zukünftige Entwicklung sollte vor allem in die ganzheitliche Betrachtung des Bewerbers oder der Bewerberin gehen: Wie und wo wurde die Kindheit verbracht, wie ist die aktuelle persönliche Lebenssituation usw.? Für welche Vakanz wird wer mit welchem Ziel gesucht? Dieser ganzheitliche Abgleich ist wichtig - selbstverständlich auch mit Hilfsmitteln oder systematisch (z.B. mit einem standardisierten Fragebogen mit zugehörigen Antworteinträgen zum Vergleich). Aber nicht, wie ich meine, ohne Ausnahme und überbewertet!

Macht die Digitalisierung auf lange Sicht HR überflüssig? Ist der HR-Mitarbeiter angesichts der aktuellen Entwicklung künftig noch gefragt?

Dem wird sicher nicht so sein. Demographischer Wandel, aktueller Fachkräftemangel und zunehmend nötige Supply Chain Orientierung in der Industrie 4.0 machen die Förderung und Entwicklung Mitarbeitern/innen zu einem immer wichtigeren Erfolgsfaktor. Diese Art der Mitarbeitergespräche ebenso wie die der individuellen Mitarbeiterbetreuung oder Gespräche zur Erhöhung der Corporate Identity kann bis auf weiteres keine Digitalisierung leisten.

Welche Herangehensweisen werden sich künftig bei der Rekrutierung ändern?

Bewerber werden zunehmend umworben. In der Rekrutierung müssen sich Unternehmen daher zunehmend auf die technischen als auch ideellen Interessen der Zielgruppen einlassen. Erste Kontakte zu zukünftigen Mitarbeitern/innen sollten möglichst frühzeitig z.B. in der Schule geknüpft werden. Stellenausschreibungen müssen zum Lesen am Handy an beliebigen Orten geeignet sein. Soziale Netzwerke als gemeinsamer kommunikativer Treffpunkt werden auch für Unternehmen, immer wichtiger. Die zeitgemäße Unternehmenspräsentation wird immer mehr erwartet (z.B. bewegte Bilder oder Videos). Die authentische Identität der Unternehmen wird immer wichtiger werden - ebenso wie das tatsächlich erkennbare Leben dieser Werte (z.B. Unternehmens-DNA)

Am 1. April 2017 trat die Reform des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes (AÜG) in Kraft. Zum Kernpunkt der Reform gehört, dass Leiharbeitnehmer, die neun Monate am Stück beim Entleiher im Einsatz waren, künftig das gleiche Gehalt bekommen wie ein „vergleichbarer Arbeitnehmer" der Stammbelegschaft („Equal Pay"). Wer länger als 18 Monate durchgehend im selben Entleihungsbetrieb tätig ist, muss dort sogar eine Festanstellung erhalten. Wie bewerten Sie dieses Gesetz?

In der Reform des AÜG wird leider nicht nach Qualifikation und/oder Einsatzziel unterschieden. Was für Produktionshelfer sicher richtig ist: Der NICHT dauerhafte Einsatz bei ungleicher Bezahlung, ist im Ingenieurbereich nicht nur sinnvoll. Detailkonstrukteure oder zusätzliche Entwicklungsingenieure müssen z.T. länger als 18 Monate als externe Mitarbeiter beschäftigt werden können, da die Projektlaufzeit länger als 18 Monate sein kann. Auch die Höhe des Gehalts ist nicht vordergründig, da sich dieses in dem von hoher Nachfrage geprägten Markt der Hochqualifizierten selbständig regelt.

Bei der Arbeitnehmerüberlassung im Umfeld der Ingenieure stehen vor allem Reaktionszeit für Entwicklungen, bevorzugt deutsche Ingenieurarbeit, Wettbewerb mit anderen Ländern, Wettbewerb mit nicht Tarifgebunden Unternehmen (z.B. kleine Ingenieurbüros usw.), aber auch die schlichte Preis-/Leistungsrelation der Einzelnen (Wiedereinstieg, Eingliederung, Umorientierung) im Vordergrund. Akademiker sind nicht pauschal eine schutzbedürftige Arbeitnehmerklasse.

Nach meiner Einschätzung hat die letzte AÜG Reform vor allem im hochqualifizierten Bereich eine Überbürokratisierung zur Folge, die Deutschland als Forschungs- und Hochtechnologiestandort schwächt und zu zusätzlichen Entwicklungsverlagerungen ins Ausland führen wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person

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Copyright: Neumüller

Dipl.-Ing. (FH) Werner Neumüller ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Nach der Schule, Berufsausbildung und Fachabitur studierte er Maschinenbau an der Fachhochschule Regensburg. Studienbegleitend war Neumüller Werkstudent bei der Siemens AG, im Auslandspraktikum in Hong Kong bei der Mannesmann AG; seine Diplomarbeit schrieb der gebürtige Franke bei der BMW AG. Nach einer ersten Anstellung bei der Jungheinrich AG Hamburg wechselte er nach fünf Jahren zur Herberg Ingenieurbüro GmbH in die Personaldienstleistung. Nach weiteren fünf Jahren erfolgte die Gründung der ersten Unternehmungen der heutigen Neumüller-Gruppe in Nürnberg. Aktuell beschäftigt Neumüller mehr als 300 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an fünf Standorten. Kerngeschäft ist die Rekrutierungsunterstützung über die Personaldienstleistung vor allem im akademischen Umfeld und bezüglich Ingenieurqualifikationen. Das vielfach ausgezeichnete Unternehmen gehört zu den Gründungsmitgliedern von Ethics in Business - der Werte-Allianz des Mittelstands (seit 2012). Neumüller ist u.a. Autor beim Fachverlag SpringerGabler sowie der Kindle Editionen „Antrieb der Wohltäter. HELP & FLY: Wie sich sinnstiftende Unternehmer von anderen abheben" sowie „Tun statt reden.: Personalverantwortung 21.0 von A bis Z".