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Reicht es noch, wählen zu gehen?

10/03/2016 15:44 CET | Aktualisiert 11/03/2017 11:12 CET
BSIP/UIG via Getty Images

Gemeinsam. Jetzt. Unbedingt.

Dringlichkeit ist etwas anderes als „wichtig" - sie zeigt sich dann, „wenn in einer sozialen Gruppe die gefühlte Erkenntnis herrscht: Wir müssen sofort gemeinsam handeln." Schreiben Niels Pfläging und Silke Hermann in ihrem Buch „Komplexithoden", in dem sie sich auch den beiden Seiten der Dringlichkeit widmen: Hirn und Herz.

Dringlichkeit kann weder beschlossen noch verordnet werden. Sie fußt auf den drei Säulen Verstehen, Hoffnung und Identifikation - und ist freiwillig. Allerdings können wir an ihr arbeiten, indem die „Dringlichkeitstemperatur" erhöht und damit „Veränderungsenergie" nach vorn gerichtet werden kann.

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Es wird nachgewiesen, dass sich ab einer bestimmten Temperatur die Dinge fügen - dann wird nicht mehr nur geredet, sondern es entsteht die Bereitschaft, handfeste Beiträge zu leisten:

„Es gibt Neugier zu verstehen. Die Veränderung kommt in die Gänge."

Dass der Begriff des Könnens ebenfalls einen wichtigen Stellenwert in diesem lesenswerten Buch einnimmt, ist kein Zufall, denn das Dringliche macht auch eine Könnensgesellschaft aus, deren Bürgerinnen und Bürger „HandwerkerInnen" ihres eigenen Lebens sind und selbst „ans Werk" gehen, weil sie Parteien und Regierungen immer weniger zutrauen.

PolitikerInnen bilden das Schlusslicht auf der Vertrauensskala aller Berufsgruppen.

Weniger als die Hälfte der Deutschen glaubt noch an die Demokratie als beste Regierungsform, über achtzig Prozent der Wahlberechtigten sind davon überzeugt, dass sie keinen nachhaltigen Einfluss auf die Politik haben - und mit weniger als zehn Prozent bilden PolitikerInnen das Schlusslicht auf der Vertrauensskala aller Berufsgruppen.

Die Ursache dafür liegt nach Ansicht des österreichischen Journalisten und Politikers Klaus Werner-Lobo (Jahrgang 1967) nicht nur in Korruptionsskandalen oder nicht gehaltenen Wahlversprechen, sondern in einem Demokratiemodell, das den Herausforderungen einer globalisierten und heterogenen Gesellschaft heute nicht mehr gewachsen ist.

Demokratische Entscheidungsprozesse und Institutionen werden „sukzessive von ökonomischen Profitinteressen delegitimiert und ausgehebelt, der entfesselte Markt hat längst das Primat über die Politik errungen".

Es regiert: Politikverdrossenheit. Dies möchte er wörtlich verstanden wissen, da wir zunehmend von Menschen regiert werden, die selbst politikverdrossen sind und ebenfalls nicht mehr davon überzeugt sind, etwas ändern zu können oder es nicht wollen.

In der Gesellschaft steigt indessen die Temperatur der Dringlichkeit an, und damit die Wut auf bestehende Systeme sowie die Sehnsucht nach einer grundlegenden Veränderung.

Wir haben abseits der Wahlen die Wahl.

In seinem aktuellen Buch „Nach der Empörung" widmet sich Klaus Werner-Lobo der Frage, was wirklich hilft, wenn wir uns über soziale Ungerechtigkeit oder Korruption ärgern, und was wir tun können, um Umwelt Gesellschaft zu verbessern:

„Sollen wir überhaupt noch wählen gehen? Oder haben wir gar keine Wahl mehr, weil die Reichen und Mächtigen eh tun, was sie wollen? Und wie begegnen wir jenen, die die allgemeine Unzufriedenheit für ihre eigenen Zwecke nutzen, für rechte Hetze, Spaltung und Populismus?"

Mit seinem Buch möchte er Menschen Mut machen, sich auch abseits der institutionellen Parteipolitik zu engagieren. So zeigt er an kleinen und großen Geschichten, wie der Einzelne, aber auch Initiativen die Welt auf ihre Weise besser machen können.

Der Dringlichkeitsarbeiter: Roger Willemsen

Im Dezember 2011 trafen sich zehn deutsche Publizisten und Intellektuelle, um der gegenwärtigen politischen Praxis die Frage zu stellen: „Ist das noch Demokratie, was hier passiert, oder hat sich unser politisches System längst dem Gesetz des Marktes überantwortet?"

Franziska Augstein, Friedrich von Borries, Carolin Emcke, Julia Encke, Romuald Karmakar, Nils Minkmar, Ingo Schulze, Joseph Vogl, Harald Welzer und Roger Willemsen formulierten einen dringlichen (!) Aufruf, sich wieder verantwortlich zu fühlen für das, was Gesellschaft heute ausmachen sollte.

Im Film "Angriff auf die Demokratie - eine Intervention" von Romuald Karmakar fällt besonders „die sich überschlagende Dringlichkeit" des kürzlich verstorbenen Publizisten Roger Willemsen auf.

Ist das noch Demokratie, was hier passiert?

In der letzten Zeit vor seinem Tod war er von einer inneren Zwanghaftigkeit getrieben, vor allem auf die blinden Flecken in der Beobachtung der Welt, ihres ökologischen und des gesamten Zustandes, aber auch des Bewusstseinszustandes zu verweisen (THADEUSZ | RBB, 11.8.2016). Er wollte sich nur noch Dingen widmen, die wirklich notwendig sind.

Viele Freunde und Wegbegleiter, die er mit seinem Wissen und seinen Ideen unterstützt hat, bemerkten in ihren Nachrufen, dass er ihrer Arbeit „neben der ihnen eigenen Dringlichkeit (!) einen besonderen Glanz" (Amnesty International) gegeben hat.

Ihm blieb am Ende nicht mehr viel Zeit, die noch verbleibende Frist umfänglich zu nutzen. Aber er bezog schon im Leben aus dem Tod „die Dringlichkeit, die ihn vor blödsinnigem Fernsehkarrierismus und tausend anderen Eitelkeitsfallen der Egomanie schützte." (Iris Radisch: Alles im Übermaß, in: DIE ZEIT, 25.2.2016)

Ein Dringlichkeitsarbeiter, dessen Publikationen uns „auf Temperatur" bringen und die Veränderungsenergie geben, jetzt und unbedingt ans Werk zu gehen.

Literaturempfehlungen:

Klaus Werner-Lobo: Nach der Empörung. Was tun, wenn wählen nicht mehr reicht. Deuticke im Paul Zsolany Verlag, Wien 2016.

Niels Pfläging und Silke Hermann: Komplexithoden. Clevere Wege zur (WiederBelebung) von Unternehmen und Arbeit in Komplexität. Redline Verlag, München 2015.

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