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Protokollieren statt ignorieren: Zum richtigen Umgang mit Lebensmittelabfällen

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FOOD WASTE
maerzkind via Getty Images
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Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen verschwenden wir täglich ein Drittel unserer Lebensmittel. Bis zum Jahr 2030 wollen Bund und Länder das UN-Ziel erfüllt haben, die Lebensmittelabfälle um die Hälfte zu reduzieren. Derzeit gehen in Deutschland etwa elf Millionen Tonnen an Lebensmitteln in Industrie, Handel und Privathaushalten verloren. Der Großteil ist genießbar - und deshalb vermeidbar.

Täglich werden in Restaurants, Cafés oder Bäckereien Lebensmittel hergestellt, die selten allesamt verbraucht werden. Damit diese nicht in der Mülltonne landen, bietet beispielsweise Too Good To die Möglichkeit an, sie günstig kurz vor Ladenschluss abzuholen. Wer Lebensmittel retten und gleichzeitig nicht selbst kochen möchte, gibt einfach seinen Standort in das Suchfeld (App oder Website) ein und kann sehen, welche Anbieter es in seiner Umgebung gibt. Dabei hat er die Möglichkeit, die Ergebnisse nach Abholzeit, Standortnähe oder günstigstem Preis zu filtern. Eigene Behälter dürfen allerdings nicht mitgebracht werden, da die Portionen einheitlich groß sein müssen, damit am Ende niemand leer ausgeht. Die Boxen sind aus Bagasse, einem Nebenprodukt, das beim Auspressen von Zuckerrohr entsteht und das vollständig biologisch abbaubar ist.

Mit mehr als 900 gemeinnützigen Vereinen bündeln die „Tafeln" als eine der größten sozialen Bewegungen Deutschlands rund 60.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer (Stand: April 2017). Diese sammeln im Handel und bei Herstellern überschüssige Lebensmittel ein, die qualitativ einwandfrei sind. Sie verteilen sie unentgeltlich oder zu einem symbolischen Betrag an finanziell schwächer gestellte Menschen. Jede Woche nutzen über 1,5 Millionen Menschen das Angebot - ein Drittel davon sind Kinder und Jugendliche. Die Hälfte der Tafeln agiert als eingetragener Verein, die andere Hälfte befindet sich in Trägerschaft von Wohlfahrtsverbänden, kirchlichen Einrichtungen und Stiftungen.

Die bundesweite Non-Profit-Initiative Foodsharing setzt sich gegen Lebensmittelverschwendung in Betrieben ein. Über 20.000 ehrenamtliche Mitglieder und viele Tausend Freiwillige setzen sich in ungefähr 2.700 Betrieben aktiv gegen die Vernichtung von Lebensmitteln ein (Stand: April 2017). Eine virtuelle Open-Source-Plattform zeigt den Mitgliedern überschüssige Lebensmittel in der Nähe an, die umsonst abgegeben werden.

Die Initiative "Zu gut für die Tonne" vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) bietet auch eine kostenlose App zum Herunterladen an und enthält Rezeptideen für Lebensmittelreste, bereitgestellt von Sterneköchen oder prominenten Kochpaten. Dazu gibt es Tipps für den Einkauf, die Aufbewahrung und Verwertungsmöglichkeiten von Lebensmitteln. Die App ist frei von Werbung, sammelt keine persönlichen Daten und stellt auch keinen Kontakt zu sozialen Netzwerken her.

„Gemeinsam aktiv gegen Lebensmittelverschwendung" ist das Motto der Initiatoren der Website Lebensmittel wertschätzen. Die neue Internetplattform unter Federführung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer gemeinsamen Strategie von Bund und Ländern. Die Website enthält auch Instrumente für Unternehmen, die ihnen helfen, Lebensmittelverluste zu vermeiden. Einige der Inhalte sind aus einem Forschungsprojekt der FH Münster unter der Leitung von Prof. Dr. Guido Ritter hervorgegangen. Der Ernährungswissenschaftler und sein Team vom Institut für Nachhaltige Ernährung (iSuN) recherchierten mehr als 500 internationale und nationale Instrumente und Hilfen und beurteilten sie nach ihrer Praxistauglichkeit. Das zweijährige Forschungsprojekt „Verluste in der Lebensmittelbranche vermeiden: Forschungstransfer in die KMU-Praxis" wurde im Februar 2017 abgeschlossen.

Was wir tun können, um die Menge nicht verzehrter Lebensmittel zu reduzieren

Richtige Organisation des Einkaufs

Das Handeln im Kleinen beginnt schon im Supermarkt: Wir können überlegen, ob die eingekauften Produkte weiter genutzt werden können, z.B. überreifes Obst und Gemüse.

Lagerung in der Küche

Die Lagerhaltung für Lebensmittel in der Küche kann zu deren Nachhaltigkeit maßgeblich beitragen. Viele Lebensmittel benötigen keine Kühlung und können deshalb besonders umweltschonend gelagert werden. Bei frischen Lebensmitteln eignen sich geschlossene Behälter besser als Plastikfolie.

Andererseits besteht die Möglichkeit, Vorräte beispielsweise durch den Anbau im eigenen Garten und die anschließende Konservierung selbst über längere Zeit lagerfähig zu machen. Neben der einfachen und günstigen Bevorratung dieser Lebensmittel bietet dies den weiteren Vorteil der gesicherten Herkunft dieser Lebensmittel.

Zubereitung von Lebensmitteln

Bei der Zubereitung sollte versucht werden, alle essbaren Bestandteile zu verwerten. So lassen sich mit Karotten-, Radieschen oder Sellerieblättern Suppen und Salate verfeinern, außerdem stecken in den Bestandteilen, die häufig nicht mitgegessen werden, viele Nährstoffe.

Abfallvermeidung

Besser als Müll zu trennen ist es, diesen von Beginn an zu reduzieren oder ganz zu vermeiden. Supermärkte und Hersteller sind verpflichtet, direkt nach dem Einkauf nicht benötigte Umverpackungen zurückzunehmen und stellen dafür in der Regel entsprechende Behälter zur Verfügung. Wer seine Vorratsdosen mit zum Einkauf nimmt, vermeidet Hausmüll und führt die nicht benötigten Verpackungen ihrem bestimmungsgemäßen Recycling zu. Die „Unverpackt"-Läden zeigen beispielsweise, wie es gehen kann.

Weiterführende Informationen:

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Küchen-Kultur und Lebensart: Warum Verantwortung nicht zwischen Herd und Kühlschrank aufhört. Und: Circular Thinking 21.0: Wie wir die Welt wieder rund machen. Amazon Media EU S.à r.l. 2017.