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Profis, Profile und Profite. Warum Erfolg nicht über alles geht

06/07/2015 18:10 CEST | Aktualisiert 06/07/2016 11:12 CEST
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Fairplay - Schule des Lebens

Seit unserer Kindheit sind Spiele Teil unseres Lebens. Wir lernen, zu gewinnen, zu verlieren, zu entscheiden und uns zu beherrschen. Fairplay. Damit verbunden sind Anerkennung, Chancengleichheit, Toleranz, Menschenwürde, Respekt und Wertschätzung.

Im Sport zeigt sich wie in einem Vergrößerungsglas, was in der Gesellschaft generell gelten sollte: dass es für ein faires Zusammenspiel Regeln braucht, dass Erfolg um jeden Preis das Spiel zerstört, dass ein Gegner kein Feind ist, sondern als Partner im Wettbewerb geachtet werden sollte.

All das ist heute nicht selbstverständlich, denn das Konkurrenzprinzip verschärft sich, die Gewaltbereitschaft nimmt zu - und die Ehrfurcht vor dem Leben lässt immer mehr nach. Deshalb ist es wichtig, diese Regeln immer wieder ins Bewusstsein zu bringen - angefangen in Familie und Schule.

Hier wird die (Spieler-)Persönlichkeit geprägt. Damit sie sich entfalten und ihr eigenes Gesicht zeigen kann, braucht es Charakterstärke. Ein Symbol dafür ist das Scherenschnittprofil.

Es ist wohl kein Zufall, dass im Klassenraum der Berliner Biesalski-Schule (Sonderpädagogischer Förderschwerpunkt "körperliche und motorische Entwicklung"), in dem kürzlich eine Kinder- und Jugend Pressekonferenz anlässlich des 7. Biesalski-Cups stattfand, Scherenschnitte von Schülerinnen und Schülern hängen, die zugleich Beschreibungen ihres Charakters enthalten.

Gezeigt werden unverwechselbare Gesichter und starke Persönlichkeiten, die sich allerdings nur entwickeln können, wenn sie Zuversicht und Selbstbewusstsein und -vertrauen „gewinnen", sich ihrer Talente, Werte, Stärken und Schwächen bewusst sind und auch lernen, nicht nur mit Erfolg, sondern auch mit Niederlagen umzugehen und von ihrem Umfeld Anerkennung und Selbstbestätigung erfahren.

„Einen Charakter hat man - zu einer Persönlichkeit wird man", sagte der österreichischer Neurologe und Psychiater Viktor Frankl. Fairplay kann entscheidend dazu beitragen, denn es steht auch für eine Grundhaltung des Menschen und hat biblische Wurzeln - die Goldene Regel: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen" (Mt 7,12).

Was wir vom Biesalski-Cup lernen können

Dem ehemaligen DFB-Präsidenten und ehemaligen Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees Dr. Theo Zwanziger hat Sport in seinem Leben sehr viel gegeben. Ja, ohne ihn wäre sein Leben viel ärmer verlaufen.

Nicht nur Fußball, sondern auch alle anderen Sportarten bezeichnet er als etwas Wunderbares, „weil Sport treiben heißt, mit anderen zusammen zu sein, zu weinen, wenn der Erfolg ausbleibt, und wenn er eintritt, sich zu freuen. Miteinander umzugehen, im Grunde genommen Mitmenschlichkeit zu demonstrieren."

Menschen, die sich dafür engagieren, dass unsere Welt heller und heiler wird, zeichnen sich für ihn durch Charakterstärke aus. In seiner Zeit als DFB-Präsident sagte er einmal:

„Orientiert euch am Licht und nicht zu sehr am Schatten. Wir müssen dafür sorgen, dass das Licht größer wird, und der Schatten ein Stück kleiner, und das können wir nur, indem wir uns ehrlich, glaubwürdig auch mit den Dingen auseinandersetzen, die unseren Sport belasten."

Schirmherrschaften wollte er nie annehmen, wenn er die Veranstaltungen nicht selbst vor Ort begleitet - denn es genügt nicht, einfach nur seinen Namen herzugeben. Greifbares gesellschaftliches Engagement verlangt die ganze Person.

Und die hat er jährlich beim Biesalski Cup, einem Fußballturnier für alle Körperbehindertenschulen aus Berlin, das in der Biesalski-Schule in Zehlendorf stattfindet, eingebracht.

Am 1. Juli 2015 fand das Turnier zum siebten Mal statt. Unterstützt wurde es von Unternehmen und Organisationen, die selbst vom Fairplay-Gedanken geleitet werden. Dazu gehören der Berliner Fußball-Verband, Bio-Company, Bio Lüske, Campina, die DFB Stiftung Egidius Braun, der Förderverein der Biesalski-Schule, Hertha BSC Berlin, Mader GmbH & Co. KG (Unterzeichner der Charta der Vielfalt), vanille & marille Eismanufaktur und der Outdoor-Ausstatter VAUDE, der selbst zahlreiche integrative Maßnahmen ergreift und mit der Stiftung Liebenau zusammen arbeitet.

Neben drei Fußballturnieren gab es neben Kistenklettern „auch ein BMX- und Rollstuhlparcour, Speedstacking, Dosenwerfen, Glücksrad-Drehen oder dem Ausprobieren von Geschicklichkeitsübungen an der Slackline oder dem Balanceparcour. Mit der Stötzner-Schule aus Reinickendorf und der Fritz-Karsen-Schule aus Neukölln wurde der inklusive Charakter der Veranstaltung erweitert. Erstmalig spielten die Schülerinnen und Schüler der Grundschule im Soccer Court nach Regeln des Projektes SchoolSoccer, wodurch auch Fair-Play-Punkte erreicht werden konnten", sagt Tanja Walther Ahrens.

Die diplomierte Sportwissenschaftlerin arbeitet an der Biesalski-Schule als Sonderpädagogin und erhielt 2008 mit Philip Lahm und Theo Zwanziger den TOLERANTIA-Preis.

Zu den größten Verdiensten von Zwanziger gehört es, dass er auch und gerade jungen Menschen immer wieder in einer einfachen, warmen und nachvollziehbaren Art und Weise bewusst gemacht hat, was Fairplay auch gesamtgesellschaftlich bedeutet:

„Ohne Regeln kein Spiel. Gerechtigkeit, Respekt und Würde sind die Grundlagen für diese Regeln. Das heißt, Fußball ist Fairplay. Sportliche Rivalen reichen sich die Hand. Alle sprechen eine Sprache. Es gibt keine Sprüche auf Kosten anderer. Gewalt und brutale Fouls sind dumm und werden nicht toleriert. Diese Regeln gelten für alle, auch für die Zuschauer."

Zu Fairplay gehört es für ihn aber auch, Unterschiede zu verstehen und anzuerkennen, Verständnis zu schaffen und Gemeinschaften zu fördern: „Das heißt: Jeder Mensch ist anders. Es kommt darauf an, miteinander zu sprechen statt übereinander."

Das diesjährige Motto der Kinder- und Jugendpressekonferenz im Rahmen des Biesalski-Cups lautete denn auch „Fairplay - nicht nur im Sport". 25 Schülerinnen und Schüler stellten Fragen an Theo Zwanziger, Sandra Scheeres, Mitglied des Abgeordnetenhauses und Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft des Landes Berlin sowie Fußballstürmer Sandro Wagner von Hertha BSC.

Seine gesellschaftliche Verantwortung sieht der Profisportler (U-21-Europameister 2009, Deutscher Meister 2008, Ligapokal-Sieger 2007, Deutscher A-Junioren-Vizemeister 2006 und 2007, Zweitligameister 2013) darin, Menschen in seinem Umfeld zu helfen, ohne dies an die große Glocke zu hängen oder eine Stiftung zu gründen.

Engagement braucht für ihn keine großen Gesten und auch nicht immer ein großes Publikum: "Wer viel Liebe aussendet, erhält viel Liebe zurück." Aber auch er hat schon die eine oder andere gelbe Karte im Leben erhalten, wie er ehrlich zugab.

Auch Senatorin Sandra Scheeres ist mit dem Fußball verbunden. Als Mädchen spielte sie selbst im Verein und verfolgt auch heute noch mit großem Interesse den Frauenfußball. Mit besonderer Freude erfüllt sie, dass heute fast jeder Berliner Verein auch Frauen- und Mädchengruppen trainiert.

Ihr Verständnis von Fairness in der Politik zeigt sich in der Nähe zu denen, für die Politik wirken soll. So besucht sie mehrere Male im Monat Schulen und fragt vor Ort, welche Probleme es gibt. Im Erziehungsprozess ist es für sie besonders wichtig, dass sich Kinder und Jugendliche in der Schule beteiligen und auf diese Weise Fairness hautnah erleben können.

Moderiert wurde die Veranstaltung vom 15-Jährigen Schulsprecher Dennis Mielke. Er ist Mitglied der Schüler_Innen-Jury, Konfliktlotse, Mitglied der Schulhof-AG und der Online-Schülerzeitung der Biesalski-Schule. Für ihn bedeutet Fairplay, „alles zusammen machen zu können - egal ob man im Rollstuhl sitzt oder nicht. Dass alle freundlich miteinander umgehen und sich gegenseitig respektieren."

Theo Zwanziger regte an, dass sich jeder einmal die Frage stellen sollte: "Geht Erfolg über alles, oder bin ich auch einmal bereit, einen Vorteil abzugeben?"

Im Leben die richtigen Entscheidungen zu treffen und festgefahrene Haltungen zu ändern, ist nicht leicht, aber möglich. Manchmal sogar sehr schnell - nämlich wenn der Nutzen einer neuen Haltung in einer emotional prägenden Art und Weise erfahren und der dahinter stehende Sinn erkannt wird.

Dabei wird die eigene Perspektive nach Ansicht des Hirnforschers Gerald Hüther auf die Bedürfnisse und Sorgen der anderen ausgeweitet - schließlich erscheinen „die vielen kleinen Sorgen und Probleme sehr viel unbedeutender und sind nicht so erdrückend. Aus diesem Perspektivwechsel können wir also mehr positive Eigenschaften entwickeln. Das heißt, dass diese inneren Werte wie Liebe, Mitgefühl, Vergebung, Respekt geradezu ein notwendiger Teil unserer menschlichen Natur und sogar für unser Überleben notwendig sind."

Literaturhinweis:

Tanja Walther-Ahrens, Elke Kimmich, Janina Düben: Inklusiv. Nachhaltig. Vielfältig. Sportlich - der Biesalski-Cup. In: CSR und Sportmanagement. Jenseits von Sieg und Niederlage: Sport als gesellschaftliche Aufgabe verstehen und umsetzen. Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2014, S. 483-492.


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