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Über disruptive Entwicklungen: „Unser Ziel sollten Innovationen mit nachhaltigen Auswirkungen sein"

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Disruptive Entwicklungen für einen nachhaltigen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft

Interview mit Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl ist Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT und Leiterin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe

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Foto: Franz Wamhof

Frau Prof. Weissenberger-Eibl, derzeit wird in den unterschiedlichsten Kontexten von „Disruption" gesprochen. Was ist damit gemeint?

Diese Konjunktur verwundert ein wenig, denn der Begriff „Disruption" beschreibt nichts grundlegend Neues: „Disruption" - im direkten Wortsinne „Zerstörung" - lag im Prinzip schon den Ausführungen des österreichischen Ökonomen Joseph A. Schumpeter zugrunde. Er beschreibt ein halbes Jahrhundert bevor Clayton M. Christensen diesen in „The Innovator's Dilemma" nutzt, die „Durchsetzung neuer Kombinationen bisheriger Produkte und Prozesse", welche die alte Struktur verdrängt und letztlich zerstört. Auch wenn Schumpeter das Wort „disruptiv" nicht nutzt, beschreibt er die Wirkung von Innovationen als „zerstörerische Kraft". Auch Christensens Werk ließ den Begriff nicht aufleben. Und nun also dieser Boom der letzten Monate, meist in absolut überhöhter Konnotation ...

Was ist zu tun?

Wir müssen uns ins Gedächtnis rufen, was disruptive Innovation überhaupt beschreibt: nämlich eine Innovation, die eine bestehende Technologie, ein Produkt oder eine Dienstleistung, möglicherweise vollständig, verdrängt.

Allerdings meint die schöpferische Zerstörung das gesamte Innovationssystem-Modell ...

Ja, dabei geht es nicht explizit um disruptive Innovation, sondern um disruptive ebenso wie inkrementelle, also um die schrittweisen, Innovationen.

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Welche Frage ist letztlich entscheidend?

Relevant ist, aus welcher Sicht die Disruption erfahren wird. Es kann nicht im Sinne der Innovationspolitik sein, Disruptionen anzustreben, um quasi „über Nacht" möglichst viele Scherben zu hinterlassen. Das Interesse der Innovationsforschung sollte darin liegen, es nicht erst soweit kommen zu lassen! Gute Innovationspolitik und ein effektives Innovationsmanagement kann Unternehmen dauerhaft und kontinuierlich zu Innovationen befähigen, so dass diese nicht von völlig unerwarteten Innovationen überrascht werden. Innovationsmanagement kann frühzeitig den Wandel mitgestalten und diese Entwicklungen antizipieren, um so zu verhindern, dass Technologien, Plattformen oder Dienste unbrauchbar werden.

Methoden der wissenschaftlichen Vorausschau, Foresight, schaffen in den Unternehmen die besten Voraus-setzungen dafür, einen solchen Wandel mitzugestalten und nicht davon überrannt zu werden. Für mich bleibt offen, warum die disruptive Innovation der inkrementellen so haushoch überlegen sein soll?

Wie dringlich sind disruptive Entwicklungen für einen nachhaltigen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft?

Besonders die Klimakrise fordert in jedem Fall ein massives Um-denken. Wir brauchen dieses Umdenken und zwar unbedingt und sofort! Doch aus meiner Sicht geht es dabei weniger um disruptive Technologien als um die Frage klarer Zieldefinitionen. Veränderungen bringen streng gesetzte Vorgaben. Insbesondere die Klimakrise ist ein ideales Beispiel für die Notwendigkeit dafür.

Hier geht es deutlich mehr um Langfristigkeit und vorausschauende Planung als um einen kurzfristigen Wandel. Eine „heilbringende" Technologie, welche uns von der eigenen Verantwortung und einem Überdenken des persönlichen Verhaltens freispricht, erwarte ich mir nicht. Wenn wir beispielsweise eine tatsächliche Reduktion von 95 Prozent CO2 erreichen möchten, ist jeder einzelne gefragt, sein Verhalten umzustellen.

Weshalb werden die Entwicklungen, die sich aktuell vollziehen, werden fundamental sein?

Die Klimakrise macht die Energiewende, die Forschung an neuen Wegen der Speicherung und Verteilung von Energie unentbehrlich. Angesichts der Klimakrise auf überholte Technologien zu setzen, wäre fatal. Es ist also notwendig zu erkennen, wann ein Wechsel unabdingbar ist.

Können Sie dies am Beispiel Mobilität näher erläutern?

Auch hier sind die Entwicklungen besonders massiv im Wandel. Sie werden unser bisheriges Verständnis von Mobilität auf den Kopf stellen, und es wird zu umfassenden, sektorenübergreifenden Veränderungen kommen. Wir sprechen hier von Systemtransformation. Technische Innovationen vollziehen sich ebenso wie nicht-technische und hervor kommen völlig neue Konzepte und Geschäftsmodelle, die das bisher Bekannte hinter sich lassen. Und doch basieren weder das autonome Fahren noch die E-Mobilität auf disruptiven Innovationen, sondern auf schrittweise und systematisch weiterentwickelten Technologien, die wiederum durch Forschung erst entstehen konnten.

Was sollte unser Ziel sein?

Unser Ziel sollten Innovationen mit nachhaltigen Auswirkungen sein - und natürlich werden auch disruptive Innovationen darunter sein. Aber idealerweise sollten sie kontinuierlich erfolgen. Umso wichtiger ist die Auseinandersetzung mit technologischen und gesellschaftlichen Trends, denn sie sind entscheidend für den Umgang mit den daraus entstehenden Herausforderungen.

Wann ist eine Technologie disruptiv?

Nach Bruno Gransche ist sie es dann, „wenn die sozialen Praktiken, die Kultur und Gesellschaft bezüglich dieser Technologie andere Erwartungen hatten, d.h. von der Wirksamkeit und Reichweite überrascht wurden.". Foresight bietet die Möglichkeit, sich mit gegenwärtigen Zukunftsvorstellungen auseinanderzusetzen und den Überraschungsgrad aufgrund unerwarteter Entwicklungen zu minimieren.

Die eigentliche Frage ist doch: Inwieweit sind wir auf den Wechsel vorbereitet, um nicht überrascht zu werden?

Deshalb bietet Foresight den strukturierten Umgang mit komplexen Zukünften und hilft dabei, wünschenswerte Zukünfte zu erfragen, wahrscheinlichen Entwicklungen zu erkennen und mögliche alternative Entwicklungspfade zu beschreiten.

Wie können disruptive Entwicklungen dann angestoßen werden?

Innovationen werden durch den Markt geregelt, hierbei bilden disruptive Innovationen keine Ausnahme. Das ist das normale Innovationsgeschehen, das sich in seiner Vielfältigkeit den Kundenbedürfnissen anpasst und auf diese Weise neue Produkte, Dienstleistungen oder auch Geschäftsideen hervorbringt. Ein solch komplexes Gesamtgefüge sollte nicht viele Veränderungen zulassen, die unbemerkt geschehen.

Sollten wir generell Innovationen anstoßen, indem wir Lösungen ganz anders denken?

Ja, in Bezug auf den Umgang mit Problemen in der konkreten Lösungsfindungsphase hilft durchaus „Out-of-the-box" zu denken. Im Innovationsmanagement versucht man manchmal, Lösungen auf ungewöhnliche Weise zu finden, indem man nicht direkt das Ziel andenkt, sondern auch Umwege akzeptiert. Man versucht also, das Problem zu abstrahieren und in einem anderen Kontext eine typische Lösung zu finden. Dann konkretisiert man es wieder und geht zurück auf das spezifische Problem.

Welche Aspekte führen zur Stärkung der Innovationskraft von Unternehmen?

Die besten Ideen geschehen nicht alleine, sondern in Zusammenarbeit, durch Netzwerkeffekte und das Nutzen von Synergien. Dabei sollten wir durchaus auch kreative Lösungen zulassen, denn laterales Denken führt zu neuen Ideen, lineares Denken zu gewohnten Mustern.

Auch die aktive Einbindung externer Organisationen verbessert die Innovationskraft von Unternehmen. Kompetenzen und Wissen sind in komplexen Innovationsfeldern über viele Organisationen verteilt. Das erfolgreiche Durchführen von Innovationsprojekten setzt das Zusammenführen dieser Ressourcen voraus.

Neben der Zusammenarbeit von Unternehmen untereinander, auch aus völlig unterschiedlichen Branchen kann sicherlich auch der Austausch etwa mit Startups oder Hochschulen ein Gewinn sein. Auch denke ich, dass Formen wie Crowdwork oder Citizen Science, also der Einbezug anderer, nicht Fachleuten, den Horizont erweitern und so durchaus eine Unterstützung bieten können. Unternehmen und Organisationen sollten ihre Kultur dahingehend grundsätzlich prüfen und sich die Frage stellen, inwiefern ihre Strukturen Neues überhaupt zulassen.

Worin unterscheidet sich die deutsche Innovationskultur von der amerikanischen?

Unsere Innovationskultur in Deutschland ist auf Kontinuität ausgerichtet und damit ganz anders als etwa die der USA, die geprägt ist durch Einzelpersonen oder kleine Gruppen, deren genialen Ideen zum Markterfolg werden sollen. Schneller Umbruch und Kurzlebigkeit sind nicht das Kennzeichen deutscher Leistungsfähigkeit. Ganz im Gegenteil haben wir hierzulade eine völlig andere Art, mit Veränderungen umzugehen.

Wesentlicher Bestandteil der deutschen Wirtschaft ist der starke Mittelstand, der häufig Vorreiter des technologischen Fortschritts ist, sich aber durch Kontinuität und Leistungsfähigkeit ausgezeichnet.

In welchen Bereichen in Deutschland ist ein besonderes Profil im internationalen Technologie-Wettbewerb zu verzeichnen?

Besonders in den traditionellen deutschen Stärken wie Fahrzeug-, Maschinen- und Anlagenbau, Chemie und Umwelttechnik. Gerade diese Leistungsfähigkeit des Innovationssystems macht uns zu einem attraktiven Standort, an dem seit Jahren mit evolutionären Innovationen, also die Weiterentwicklung und Optimierung von Produkten, den Weltmarkt speziell in ingenieursintensiven Branche dominiert. Die Lösung liegt also in der Wandlungsfähigkeit und einem gewissen Maß an Flexibilität.

Vielen Dank für das Gespräch.

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