BLOG

Pionier ohne Gier: Die Entdeckung des nachhaltigen Unternehmertums

27/01/2016 14:35 CET | Aktualisiert 27/01/2017 11:12 CET
Thomas Barwick via Getty Images

Der Anfang von allem

Die Playboys des Marktes klopfen sich gegenseitig auf die Schultern und nehmen die Empörung über ihr Verhalten gar nicht mehr wahr. Schrieb Norbert Blüm bereits vor zehn Jahren im Magazin Cicero. Seine Beobachtungen von damals sind noch immer hochaktuell. Denn das Vertrauen in einige Manager und Konzernchefs läuft auch heute aus „wie der Sand aus einer defekten Eieruhr."

Jüngstes Beispiel ist die Entschuldigungstour von VW-Chef Matthias Müller, der einem Reporter des US-Radiosenders NPR auf die Aussage, dass die Amerikaner im jahrelangen Betrugsskandal ein ethisches Problem sehen, entgegenhielt: „Ethisches Problem? Ich kann nicht verstehen, warum Sie das sagen." Er sprach vielmehr von einem „technischen Problem" (Der Spiegel 2/2016). Kein Wort davon, dass das Unternehmen jahrelang gegen Gesetze verstoßen und Kunden betrogen hat.

Vertrauen ist hier nicht der Anfang von allem, sondern die Gier: der Januskopf und im besten Wortsinn „Motor" des Fortschritts, aber eben auch Ursache unseres Absturzes, wie ihn der tschechische Ökonom Tomas Sedlaek in seinem Krisenbuch „Die Ökonomie von Gut und Böse" (2012) beschrieben hat.

Auch wenn für viele Menschen Gier „das Wesen der Evolution" ist, wie Regisseur Oliver Stone seinen skrupellosen Finanzinvestor Gordon Gekko (gespielt von Michael Douglas) stellvertretend für die Zocker in seinem Klassiker „Wall Street" (1987) sagen lässt, und Zukaufen und Abstoßen das neue „universale Monopoly" ist, so vermittelt der „alte" Beitrag von Norbert Blüm auch Hoffnung:

Zunächst wirft er einen Blick auf den klassischen Unternehmertyp, der im Zeitalter der großen Entdeckungen auf die historische Bühne trat. Blüm bezeichnet ihn als einen entfernten Verwandten von Christoph Columbus, blendet dabei aber die Rücksichtslosigkeit, Gier und den Narzissmus von Columbus aus, der sich die Erde untertan machte und am Ende seinem Entdeckerdrang erlag.

Gewiss war er ein Pionier (französisch: Wegbereiter, Bahnbrecher), der mit der Entdeckung des amerikanischen Kontinents 1492 das herrschende europäische Weltbild maßgeblich veränderte. Die allgemeine Definition der Wirtschaftstheorie und Innovationsforschung gilt auch für ihn: Ein Pionier ist ein wichtiger Träger des Innovationsprozesses und des Wachstumsprozesses.

Allerdings reicht es nicht, „nur" ein Pionier und der Erste im Markt zu sein und dafür zu sorgen, dass sich Geld- und Warenproduktion fortlaufend vermehren und Wachstum generiert wird. Mit nachhaltigem Wirtschaften hat das nichts zu tun.

Vom Egoismus zum „Ecoismus"

Der Beitrag von Norbert Blüm enthält dennoch den Kern des nachhaltigen Unternehmertums, der auch von Demut getragen wird: Denn ein Unternehmen hat Kunden, Mitarbeitern, Eigentümern und der Gesellschaft zu „dienen". Gefragt ist, wer als Verantwortlicher diese dreifache Verantwortung managt. „Gott sei Dank gibt es ihn noch, und Gott behüte, dass er zum Auslaufmodell verkümmert", schreibt Blüm 2006.

Heute sind es vor allem erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmer des Mittelstands, deren Weitsicht besonders geschätzt wird. Auch unter ihnen gibt es viele Pioniere mit einer nachhaltigen Ausrichtung.

„Es geht um die Einsicht, dass man den Einklang zwischen Wirtschaftlichkeit, sozialen und ökologischen Belangen schaffen kann", sagt Katharina Reuter, Geschäftsführerin von UnternehmensGrün, dem Bundesverband der grünen Wirtschaft, dem es um dezentrale Wirtschaftsstrukturen, um die kleinen und mittleren Unternehmen geht, die regional verankert sind und Arbeitsplätze schaffen.

Mitglieder sind auch bekannte Pioniere aus der Nachhaltigkeitsbranche wie etwa die GLS Bank, oekom, taz, die memo AG, EWS Schönau oder Naturstrom.

Der Mittelstand steht auch im Fokus des Online-Tools N-Kompass. Hier können mittelständische Unternehmen erste Schritte machen, um sich im Nachhaltigkeitsbereich systematisch weiter zu entwickeln.

„Entscheidend ist dabei aus unserer Sicht vor allem der ganzheitliche Ansatz, bei dem alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit - Ökologie, Ökonomie und Soziales, vereint und in Balance gehalten werden", sagt die verantwortliche Redakteurin Marie-Lucie Linde, die kritisiert, dass einige Großunternehmen den Fokus ihrer Nachhaltigkeitsaktivitäten auf den größtmöglichen Imagegewinn legen und dadurch verstärkt in den Verdacht des Greenwashings geraten:

„Diese Unternehmen vernachlässigen die systematische Analyse der für ihren Betrieb tatsächlich wirksamen Hebel in Sachen CSR. Ein weiteres Problem in Großunternehmen: Isolierte CSR-Stabstellen bzw. Abteilungen vernachlässigen eine vernünftige Mitarbeitereinbindung, was eine Verankerung des Themas im Unternehmen erschwert."

In solchen Unternehmen fehlt es dann auch am Anfänger-Geist des Einzelnen, den es für die „Entdeckung" und die „Kultivierung" dieses Themas unbedingt braucht.

Richtige Entscheidungen brauchen Anfänger-Geist

Ein wesentlicher Unterschied zu den reinen „Eroberern" besteht darin, dass die Gestalter des nachhaltigen Wandels einen ausgeprägten „Anfänger-Geist" haben, der mit dem „Grundwahren" des Lebens eng verbunden ist. Dazu gehören auch Mut und ein Gespür für den richtigen Moment, für Menschen sowie die Überzeugung und Sicherheit, dass immer etwas nachkommt, wenn „es" gerade nicht weitergeht.

Der Begriff „Anfänger-Geist" (japanisch: shoshin) ist auf die japanische buddhistische Richtung des Zen rückzuführen. Mitunter wird auch von „Zen-Geist" gesprochen. Hier gibt es den Gedanken, etwas „erreicht" zu haben, nicht. Erst, wer nicht daran denkt und sich nicht selbst in den Mittelpunkt stellt, kann als wahrer Anfänger bezeichnet werden.

Vom Gefühl, „immer noch in den Anfängen zu stecken", spricht auch Ulrike Wolf, Mitbegründerin und Vorstandsmitglied der memo AG anlässlich des 25-jährigen Firmenjubiläums.

Lange bevor das Wort die Begriffe „nachhaltig" oder CSR in aller Munde waren, verkaufte Jürgen Schmidt seinen Mitschülern an seinem Würzburger Gymnasium umweltverträgliche Schulartikel. Während andere auf den Straßen demonstrierten und Steine flogen, besuchte er erste Fabriken für Recyclingpapier.

1991 startete das Unternehmen als „memo - Der Firmenausstatter für Umweltbewusste" ins Versandhandelsgeschäft. Die Mitbegründer Ulrike Wolf, Helmut Kraiß und Thomas Wolf sind noch heute im Unternehmen tätig.

Die ersten Kunden waren sogenannte „Alternative" oder „Ökos" - Naturkostläden und alternative Buchläden. Doch durch den wirtschaftlichen Erfolg und den Beginn der ersten „Ökowelle" „nach der verheerenden Umweltverschmutzung durch den Tankerunfall der Exxon Valdez im Jahr 1989 hat sich das jedoch gravierend geändert", sagt Helmut Kraiß, Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Unternehmens.

Zur größten Herausforderung gehört für ihn der ständige Wandel, „verursacht durch Veränderung, Wachstum und Prozesse, die permanent justiert und angepasst werden müssen." Die Entwicklung und Veränderung von technischen und teilweise virtuellen Produkten hat eine Geschwindigkeit erreicht, die in vielen Bereichen sehr komplex und deshalb nur noch schwer zu steuern ist:

„So werden Maschinen und/oder Software oft von Maschinen und/oder Software kontrolliert, weil der Mensch dazu nicht mehr fähig ist. Nachhaltigkeit hat sich dabei in vielen Bereichen von einer Selbstverständlichkeit zu einem kostbaren Gut gewandelt, und diese Entwicklung sollten wir wieder umkehren."

Das gelingt allerdings nur, wenn Menschen beteiligt und in alle Veränderungen mit einbezogen werden. Mit der Umwandlung der memo GmbH in eine Aktiengesellschaft kann seit 1999 jeder fest angestellte Mitarbeiter über ein Beteiligungsmodell Anteile am Unternehmen halten und damit am Erfolg der memo AG partizipieren.

Die Einbindung verschiedener Stakeholder, vor allem der Mitarbeiter, bei der Entwicklung von Nachhaltigkeitsstrategien sowie bei deren Umsetzung, betont auch Marie-Lucie Linde von N-Kompaß. Die Geschäftsführung und das Top-Management spielen dabei eine zentrale Rolle: „Sie müssen CSR im Unternehmen vorleben, damit diese zur gelebten Praxis wird, die die Belegschaft letztendlich mitträgt."

Öko ist niemals absolut

Öko-Pioniere sind aufgebrochen, um die Welt zu verbessern. Dabei bewahren sie sich den realistischen Blick: „Wenn wir 20 Prozent, vielleicht eines Tages 50 Prozent unseres Lebens verändern, ist das gut. Wenn wir dabei froher sind als zuvor, ist die Übung gelungen." Sagt Georg Schweisfurth, der sich auch als Öko bezeichnet, aber als solcher leider oft an 100 Prozent gemessen und meistens von Nicht-Ökos sofort kritisiert wird, wenn er etwas Unökologisches tut (zum Beispiel mit dem Auto statt mit der Bahn reist). Immer wieder wird dann in seinen Publikationen nach Formulierungen gesucht, mit denen seine „wahre" Gesinnung bewiesen werden kann.

Wer immer das Absolute will, hat keinen Anfänger-Geist und wird die Welt niemals verbessern können. Auch das lässt sich von öko-Pionieren lernen.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Gesponsert von Knappschaft