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"Pflegt mit Plastik": Giftige Mikrokunststoffe in Kosmetikprodukten - und was wir dagegen tun können

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Das Verbraucherportal Codecheck, das dabei hilft, bedenkliche Inhaltsstoffe in Pflegeprodukten zu erkennen und unproblematische Produkte zu finden, und der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland präsentierten im Oktober 2016 eine Studie, nach der jedes dritte untersuchte Gesichtspeeling Mikroperlen aus Polyethylen (Microbeats) enthält.

Die aktuelle Greenpeace-Publikation „Vom Waschbecken ins Meer" fasst nun erstmals die Schädlichkeit gängiger Mikrokunststoffe in Kosmetik- und Pflegeprodukten zusammen, die beim Duschen über den Abfluss in die Umwelt gelangen. „Pflegt mit Plastik" werden die Verbraucher gewarnt.

Gezeigt wird, dass die konventionelle deutsche Kosmetikindustrie häufig Mikrokunststoffe einsetzt, sich aber Mikroplastik-frei nennt. Das sei eine Täuschung an den Verbrauchern, die ohne Vorwissen keine Chance hätten, „umweltschädliches Plastik in Kosmetik zu vermeiden." Greenpeace verweist auf Inhaltsstoffe in Pflegeprodukten, die giftig für Meeresorganismen sein sollen, zeigt aber auch, welche von der Kosmetikindustrie trotz unbekannter Umweltfolgen eingesetzt werden.

Eine freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie reicht nicht aus, da sie etliche Schlupflöcher enthält und dem Vorsorgeprinzip widersprechen. Nach Angaben der Umweltorganisation können selbst moderne Kläranlagen nicht sämtliche Mikrokunststoffe aus Abwässern entfernen. Konventionelle Kosmetik enthält fast immer Mikrokunststoffe in fester, flüssiger oder anderer Form, heißt es in der Studie.

Von einigen gängigen Mikrokunststoffen, z.B. in Lippenstift oder Duschgel, sind bereits die negativen Eigenschaften bekannt. In Plastik ist oft die Chemikalie Bisphenol A (BPA) zu finden. Sie ähnelt dem weiblichen Hormon Östrogen und wirkt im Körper auf den Hormonhaushalt. Inzwischen lässt sich BPA im Blut, im Urin und auch im Fruchtwasser nachweisen. Es führt zum Beispiel zur verfrühten Geschlechtsreife bei Mädchen, zu Übergewicht, Diabetes Typ 2 und Abnahme der Spermienzahlen. Es besteht ebenfalls erhöhtes Prostata- und Brustkrebsrisiko.

Hormonell wirksame Stoffe können bereits in extrem niedrigen Konzentrationen wirken, die aktuelle Gesetzgebung schützt die Menschen jedoch nicht. In der EU werden jährlich ca. 1,15 Millionen Tonnen BPA verarbeitet - und es wird jährlich mehr. 65% davon werden zu Herstellung von Polycarbonaten gebraucht. Aus Polycarbonat bestehen zum Beispiel Plastikteile von Haushaltsgeräten, Plastikdosen, Schüsseln, Lebensmittelverpackungen, mikrowellengeeignete Küchenutensilien, CD-Hüllen oder Innenbeschichtungen von Konservendosen. Weitere 30% werden für Epoxidharze, Lacke und Klebstoffe verwendet. Dabei lässt sich BPA unter anderem in Nagellacken finden.

Auch die Silikone Cyclotetrasiloxan und Cyclopentasiloxan sind als sehr langlebig klassifiziert und vielerorts in Nahrungsnetzen von Gewässern zu finden, unter anderem in Fischen, Vögeln und Säugetieren. Bei Menschen können sie den Hormonhaushalt stören, die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen und Organe schädigen. Die Verwendung von BPA muss nicht gekennzeichnet werden. Die Wirkung wird sehr kontrovers diskutiert: Die EU schätzt BPA als ungefährlich ein, in Kanada und den USA wird ein Risiko nicht ausgeschlossen.

In Form von Plastikpartikeln haben Forscher Polyethylen und Nylon häufig in den Meeren gefunden - sogar in Speisefischen und Meeresfrüchten. In Nord- und Ostsee wird Mikroplastik auch von Speisefischen und Meeresschnecken gefressen. Erst kürzlich haben Biologen prognostiziert, dass bald 99 Prozent aller Seevögel mit ihrer Nahrung Plastikreste verschlucken werden. Der Tod durch zu viel Plastik im Bauch könnte vielen dieser Tiere dann drohen (Quelle: Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung).

Bereits heute treiben rund fünf Billionen Kunststoffpartikel in den Meeren der Welt - jährlich kommen acht Millionen Tonnen Plastikmüll hinzu. Er verrottet nicht, sondern verwittert nur langsam. Folglich bleibt das Plastik über lange Zeit im Wasser und wird durch Sonnenlicht, Wind und Wellen in immer kleinere Teilchen zersetzt.

Greenpeace rät deshalb zu zertifizierter Naturkosmetik, die frei von Mikrokunststoffen ist. Die Richtlinien der Naturkosmetik-Zertifizierungen von BDIH, Natrue und Ecocert geben detailliert darüber Aufschluss, welche Inhaltsstoffe erlaubt sind und wie hoch jeweils die Anteile der Bio-Rohstoffe sein müssen:

Das BDIH-Prüfzeichen für kontrollierte Naturkosmetik wurde im Februar 2001 durch den Bundesverband der Industrie- und Handelsunternehmen für Arzneimittel, Reformwaren, Nahrungsergänzungsmittel und kosmetische Mittel e.V. in enger Zusammenarbeit mit namhaften Herstellern von Naturkosmetik eingeführt.

NATRUE - The International Natural and Organic Cosmetics Association A.I.S.B.L. mit Sitz in Brüssel ist ein international tätiger, nicht gewinnorientierter Verband mit dem Ziel, eine natürliche Hautpflege zu fördern und zu schützen.

ECOCERT ist eine Organisation zur Bio-Zertifizierung, gegründet im Jahr 1991 in Frankreich. Sie führt Inspektionen in über 80 Ländern durch und ist damit eine der größten Bio-Zertifizierungsorganisationen in der Welt. In Zusammenarbeit mit Fachleuten aus der Kosmetikbranche, Verbrauchern und führenden Industrie- und Regierungsvertretern, hat Ecocert 2002 einen Standard für Natur- und Biokosmetik entwickelt, der sich kontinuierlich an den technischen Fortschritt und den sich ändernden gesetzlichen Regelungen orientiert.

Naturkosmetik-Marken bieten Duschgels, die im Gegensatz zu herkömmlichen Duschgels ohne bedenkliche Inhaltsstoffe auskommen. In vielen konventionellen Produkten sind Parabene enthalten, die als billige Konservierungsstoffe verwendet werden, allerdings im Verdacht stehen, hormonell im menschlichen Körper zu wirken und damit Unfruchtbarkeit, Diabetes und Krebs zu verursachen.

Zudem enthalten fast alle konventionellen Duschgels PEG/PEG-Derivate als Tenside oder Emulgatoren. Diese machen die Haut durchlässiger für Schadstoffe und können wie viele künstliche Farb- und Duftstoffe allergieauslösend oder sogar potenziell krebserregend sein.

Die Bio-Duschgels und Dusch-Peelings aus zertifizierter Naturkosmetik sind frei von Erdölbestandteilen, PEG-Derivaten, synthetischen Farb-, Duft- und Konservierungsstoffen sowie frei von Mikroplastik. Sie bestehen aus natürlichen bzw. naturnahen Inhaltsstoffen, die pflanzlichen Rohstoffe stammen häufig aus biologischem Anbau. Die verwendeten Peelingkörper bestehen z.B. aus Kieselsäure. Natürliche Wachsperlen aus Jojoba massieren die Haut, grüner Kaffee und Grüntee wirken durchblutungsfördernd und Rosmarin und Traube wirken stimulierend.

Die Produkte sind in Bioläden und Reformhäusern, in Drogeriemärkten und sogar in einigen Supermärkten erhältlich. Online findest man sie z.B. bei Ecco Verde, Avocado Store, BioNaturel oder memolife.

Wer Duschgel selber machen möchte, muss nur Kernseife fein raspeln und in kochendem Wasser auflösen, dann alles abkühlen lassen und dabei immer wieder umrühren, Öl hinzugeben, die abgekühlte Flüssigkeit in ein Glas oder eine Glasflasche geben - und fertig ist das eigene Körperpflegeprodukt. Eine ausführliche Anleitung zum Selbermachen von Duschgel ist hier zu finden.

An einem Thema wie diesem zeigt sich auf beispielhafte Weise, dass das Machbare immer vor uns liegt, und auch kleine Änderungen im Verbrauchsverhalten eine große Wirkung haben können.

Weitere Informationen:

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Gut zu wissen... wie es grüner geht: Die wichtigsten Tipps für ein bewusstes Leben von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.