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"Der Karneval ist vorbei!" Papst Franziskus vier Jahre im Amt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
POPE FRANCES
Christian Hartmann / Reuters
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Am 13. März 2017 ist Papst Franziskus vier Jahre im Amt. Von Beginn an lag ihm sehr daran, dass der radikale Wandel an der Spitze der Kirche sichtbar sein sollte.

Deshalb erklärte er bereits unmittelbar nach seiner Wahl dem Zeremonienchef, der ihn prunkvoll kleiden wollte: „Der Karneval ist vorbei."

Er weigerte er sich, in den apostolischen Palast einzuziehen, er schaffte die Panzerglasscheiben am Papamobil ab, trägt ein einfaches Brustkreuz aus Eisen und verzichtet darauf, seine Aktentasche von einem Sekretär tragen zu lassen.

Während der Messfeiern im Petersdom meidet er Prunk, im Alltag verzichtet er auf einen eigenen Koch und einen Kammerdiener.

In der Mensa des Gästehauses des Vatikans setzt er sich wie ein normaler Besucher an einen der (nicht reservierten) Tische. Der Mann aus Argentinien schockiert immer wieder Stab und Kurie, weil er mit Konventionen bricht und in frommer Provokation sagt, was er denkt.

Als erster Papst nahm er keinen „Urlaub", ging nicht in den Bergen spazieren, fuhr nicht Ski und nahm keine Aus-Zeiten im eigenen Sommersitz in Castelgandolfo.

All dies ist nachzulesen in der aufwendig ausgestatteten Bildbiografie „Franziskus. Ein Lebensbild" von Andreas Englisch, der seit fast drei Jahrzehnten in Rom lebt und als einer der bestinformierten Journalisten im Vatikan gilt. Er folgt den Lebensstationen des Argentiniers Jorge Mario Bergoglio, der als streitbarer Jesuit zum ersten Papst vom amerikanischen Kontinent aufstieg.

Seine Bildbiographie ist auch gesellschaftlich von besonderem Interesse, weil am Beispiel von Papst Franziskus gezeigt wird, dass wir in einer Könnensgesellschaft Übersetzungshandwerker wie diesen Papst brauchen, um Gott als einen tätigen Gott wahrzunehmen. Für Jorge Mario Bergoglio ist er ein solcher. Andreas Englisch zeichnet seine Wege nach als wären es unsere eigenen:

„Diese Tatsache, dass Gott immer schon da ist, dass er alles unternimmt, nichts unversucht lässt, um sich den Menschen, seien sie nun gläubig oder nicht, zu nähern, lässt den Mann aus Flores nicht los."

Franziskus wird von den Gläubigen wegen seiner Volkstümlichkeit geliebt, weil er ihre Nähe sucht. Er kritisiert dagegen die Langsamkeit und Selbstherrlichkeit des Kirchenapparates, was viele Kritiker gegen ihn aufbringt.

Als „Werkzeug" Gottes arbeitet er an der Schöpfung mit und plädiert dafür, dass es jeder gemäß seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten tut. Dazu braucht es Demut, Dankbarkeit und Empathie. Ihre Bedeutung hebt er besonders hervor, weil sie für ihn eine der wichtigsten Fähigkeiten ist, die wir brauchen, um eine lebenswerte Zukunft zu schaffen.

Denn nur dadurch sind wir in der Lage, dem Sein eines anderen Menschen begegnen, seine zu Integrität erfahren und das Wesen einer Situation spüren.

Empathische Menschen können vielleicht auch besser beten, weil sie sich auf die Kraft des Wesentlichen fokussieren. Franziskus Ansatz erinnert aber zugleich auch an den afrikanischen Spruch: „Wenn du betest, beweg deine Füße." Ein Gebet ohne Handeln (!) bleibt in einer Könnensgesellschaft wirkungslos.

Franziskus richtet seinen Fokus auf das Machbare, bricht Tabus, rüttelt an jahrhundertealten Strukturen und zeigt seiner Kirche, wo ihr Platz ist: bei den Armen, Verfolgten und Vergessenen dieser Welt.

Das Lebensbild dieses Papstes fügt sich wie ein Fundament in das ABC des Glaubens, das sich in der hier genannten Kindle Edition findet:

Balance

„Ich wünsche mir eine Balance zwischen der Wahrung der Kernaussagen des Glaubens und der Offenheit für die Herausforderungen der Welt. Die goldene Regel lautet: Niemandem das tun, was man selbst nicht möchte, aber den Mitmenschen das geben, was man sich selbst wünscht." (Gesine Schwan, Politikwissenschaftlerin)

Energie

„Gott ist eine Energie, die sich im Glauben der Menschen zeigt. Das heißt, wenn kein Mensch auf der Erde mehr an Gott glauben würde, dann würde Gott sterben - was natürlich nie passieren wird. Solange wir Menschen an Gott glauben, kann er uns auch immer Hoffnung und auch innere Stärke geben." (Mola Adebisi, Moderator)

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Engagement

„Wir müssen eine Brücke schlagen zwischen einer neu erwachten Spiritualität und politischem Engagement. Das, was im Innersten von uns ist, was uns vielleicht lieben lässt, was uns im schönsten Fall so liebevoll auf andere Menschen zugehen lässt, das ist etwas, was uns alle vereint, was wir alle haben, was jeder Mensch hat." (Konstantin Wecker, Liedermacher)

Erfolg

„Ich glaube zutiefst, dass Menschen erfolgreich sein können, wenn sie das tun, wofür sie bestimmt sind. Wenn Menschen ihre Energien in Bereiche investieren, die nicht zu ihnen, ihren Talenten und Stärken passen, dann können sie auf die Dauer nicht effektiv und erfolgreich sein. Überhaupt zu erkennen, wofür jeder von uns geschaffen ist, ist nicht einfach.

Dann zu entscheiden, dass es der Weg ist, der einem Glück und Zufriedenheit bringen wird, und dass die Zeit gekommen ist, ihn einzuschlagen, ist oft um ein Vielfaches schwieriger. Ich denke jedoch, dass viele Menschen gut daran täten, sich zu verändern, wenn das, was sie im Moment tun, sie nicht erfüllt. Und davon gibt es leider im Moment jede Menge in den Unternehmen, vom Sachbearbeiter bis zum Vorstandsvorsitzenden.

Sie ziehen einen dauerhaften Frust einer Veränderung vor. Jede Veränderung ist nämlich auch eine Form von Grenzüberschreitung." (Businessexperte, Stéphane Etrillard)

Erfüllung

„Meine Erfüllung ist es, in Gottes Reich aufzugehen..., das Maß meiner Stärken wirksam über die Anzahl meiner Schwächen hinauswachsen zu lassen und einen geistigen Beitrag zu leisten, der meinen Namen überlebt." (Thomas Druyen, Soziologe)

Geschäftliches

„Auch in Bezug auf geschäftliche Dinge denke ich oft, oh lieber Gott, lass es weiter gehen! Und es geht weiter. Auch da war mein Glaube so stark und ist so stark geblieben, dass ich böse werde, wenn man sagt, es gäbe keinen Gott." (Joy Fleming, Sängerin)

Kirche

„Ich bin keiner, der ständig in die Kirche rennt, aber ich bete. Nur bitte ich in meinen Gebeten nicht, sondern ich danke." (Franz Beckenbauer, Fußballfunktionär)

Jesus

„Jesus war ein unglaublich mutiger Mann. Er hatte den Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Und obwohl er die Gefahr vor Augen hatte, ging er seinen Weg konsequent zu Ende." (Hera Lind, Schriftstellerin)

Leben

„Ich glaube an die Herzenskraft, an die Kraft der Liebe, an Klarheit und Gemeinschaft, daran, dass ‚alles zu seiner Zeit' geschieht, aber auch an Alltagsweisheiten wie ‚von nichts kommt nichts' oder ‚wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus'. Für ein erfülltes Leben ist es unbedingt wichtig, das, was einem wichtig ist, auch zu leben - in allen Lebensbereichen sich mit dem, was man tut, innerlich verbunden zu fühlen." (Annette Roeckl, Unternehmerin)

Masterplan

„Ich weiß nicht, ob es einen Geist, einen spiritus rector, jemanden gibt, der das alles lenkt. Es ist sehr schwer, sich das vorzustellen. Andererseits fällt es auch schwer, sich vorzustellen, dass so viele geniale Dinge wie die kleinste unserer Zellen entstanden sind, ohne dass sich jemand einen Masterplan gemacht hat für die ganze Geschichte." (Reinhard Mey, Liedermacher)

Nachhaltigkeit

„Bei den Kirchen finde ich besonders hilfreich, dass sie eine langfristig ausgerichtete Linie verfolgen. Sie blicken zurück auf 2000 Jahre und denken daran, dass es lange weitergeht. Sie sind nicht nur ausschließlich auf die Gegenwart, die Jetzt-Gegenwart fixiert, wie das in der Politik einer hektischen Gesellschaft durchaus praktiziert wird." (Franz Müntefering, SPD-Politiker)

Sport

„Ich glaube an einen Gott, der uns Menschen lenkt. Auch mein Schicksal liegt in seiner Hand. Ich war ganz oben, dann ganz unten. Jetzt spüre ich, dass es wieder nach oben geht." (Sven Hannawald, Ex-Skispringer)

Politik

„Es gibt ja auch in der Politik Momente, wo man sehr traurig ist und Hoffnung braucht. Oftmals auch mit ganz persönlichen Gründen und Hintergründen, wie bei jedem anderen Menschen auch. Und es ist ein Gefühl der inneren Wärme. Der Gedanke an Gott wärmt mich." (Guido Westerwelle, ehem. FDP-Politiker)

Vernetzung

„Ich glaube daran, dass alles miteinander verwoben ist, und dass die Welt in eine höhere Instanz eingebettet ist, als wir uns das vorstellen können. Die materielle, naturwissenschaftliche und die spirituelle, mystische Seite unseres Erlebens bilden eine Einheit wie Tag und Nacht." (Stephanie Welk, Künstlerin)

Wandel

„In der Moses-Geschichte entdecke ich einen großen symbolischen Tiefgang, ein kulturelles Muster für Veränderungsprozesse. Deshalb nutze ich das Bild der Wüstenwanderung als Symbol des Wandels, um ganz praktische Orientierung zu geben. Das heißt natürlich nicht, dass ich die Bibel entmoralisieren will. In Kirche und Religion geht es in erster Linie um Glauben und nicht um praktische Antworten, in der Wirtschaft ist es umgekehrt. Sich immer neu zwischen diesen Polen zu sortieren, das finde ich spannend." (Bernhard Fischer-Appelt, Marketingexperte)

Wiedervorlagen

„Ich glaube, dass Gott Wiedervorlagen macht. Was man nicht gebacken kriegt, wird einem immer wieder vorgelegt." (Christine Westermann, Moderatorin und Autorin)

Weitere Informationen:

Andreas Englisch: Franziskus. Ein Lebensbild. C. Bertelsmann Verlag, München 2016.

Alexandra Hildebrandt: Tiefe des Glaubens: Warum wir ganz unten nicht verloren sind. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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