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Warum Wandern heute so beliebt ist

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WANDERN
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Analoge Welt: Nach-Denken im Voran-Gehen

Vieles ist heute in die virtuelle Welt ÔÇ×abgewandert". Und weil ÔÇ×Digital der neue Standard" (Andre Wilkens) ist, werden physische Orte mit Dingen, die man mit allen Sinnen erleben und anderen physisch begegnen kann, besonders. Es verwundert deshalb nicht, dass immer mehr Menschen das Wandern f├╝r sich entdecken. Der Deutsche Alpenverein verzeichnete 2012 den gr├Â├čten Zulauf der Vereinsgeschichte. Die zuwachsst├Ąrkste Altersgruppe waren die 19- bis 25-J├Ąhrigen.

Auch innovative Unternehmen setzen verst├Ąrkt auf analog statt digital, wenn es darum geht, neue Ideen zu finden. Als Arianna Huffington, Gr├╝nderin der Huffington Post, noch in Los Angeles lebte, machte sie beispielsweise die Erfahrung, dass ihr viele ihrer besten Ideen beim Wandern kamen. Wann immer es ihr m├Âglich war, verabredete sie sich zu Wanderungen statt sich mit ihren Freunden oder auch mit den Redaktionsmitgliedern der HuffPost um einen Tisch zu setzen.

Wandern f├Ârdert das Denken

In ihrem Buch ÔÇ×Die Neuerfindung des Erfolgs" (2014) finden sich denn auch viele Zeugnisse aus der Geschichte ├╝ber die Vorteile des Gehens: So war Spazierengehen f├╝r Ernest Hemingway die beste Methode, um Ideen zu entwickeln: ÔÇ×Ich spazierte oft an den Kais entlang, wenn ich mit der Arbeit fertig war oder ├╝ber etwas nachzudenken versuchte", schrieb er in ÔÇ×Ein Fest f├╝rs Leben".

Friedrich Nietzsche meinte sogar, dass nur Gedanken, die im Gehen kommen, irgendeinen Wert h├Ątten. F├╝r Henry David Thoreau, der Wanderungen zum Wagnis und Abenteuer eines jeden Tages erkl├Ąrte, war das Gehen kein Mittel, sondern der Zweck selbst. Auch dem bewegungshungrigen Philosophen Montaigne schliefen die Gedanken ein, wenn er sa├č. Sein Geist ging nur voran, wenn er seine Beine in Bewegung setzte.

Diese Erfahrung machen auch viele K├╝nstler wie die S├Ąngerin Bj├Ârk: Wenn sie in Island ist, wandert sie viel: ÔÇ×...w├Ąhrend ich einen Berg hinaufklettere, kommen mir Einf├Ąlle f├╝r Melodien und Texte." (DIE ZEIT, 26.2.2015)

Denken und Sehen sind beim Wandern aufs sch├Ânste miteinander verbunden. ÔÇ×Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer f├Ąhrt", urteilte schon der s├Ąchsische Dichter und passionierte Wanderer Johann Gottfried Seume nach seinem ber├╝hmten Spaziergang nach Syrakus 1802.

Er war f├╝r ihn auch ein Akt des zivilen Ungehorsams: ÔÇ×Loslaufen, mit wenig Geld, ohne Gefolge, ohne Anweisungen. Und einfach immer weiter; zuerst mit Freunden, sp├Ąter allein." (SZ 21./22.6.2014)

ÔÇ×Ich bin dann mal weg"

Der Weg f├╝hrt direkt in die Gegenwart, in der viele Menschen das Gef├╝hl haben, aufbrechen zu m├╝ssen, um sich selbst zu sp├╝ren fernab von riesigen Datenmengen, von denen sie im Internet nur ein kleiner Teil sind.

ÔÇ×Digital ist gut in allem, was Masse, was riesige Datenmengen angeht. Die Grenzen von Digital sind qualitativ. Es sind Dinge wie physische Orte und Haptik, die Digital nicht kann, und die Dinge, die dort und dadurch entstehen, wie ├ťberraschungseffekte, die Aha-Effekte, Geistesblitze. Umwerfend Neues kommt selten aus einem linearen Planungsprozess. Es braucht einen Raum f├╝r Unordnung und Imperfektes", schreibt Andre Wilkens zu Recht in seinem Buch ÔÇ×Analog ist das neue Bio" (Metrolit Verlag, 2015), einer empfehlenswerten Navigationshilfe durch unsere digitale Welt.

Da in ihr alles ├╝berall zur Verf├╝gung steht, werden ÔÇ×Orte aus Steinen" wieder zu etwas ganz Besonderem. ÔÇ×Sie sind Unterkunft, Treffpunkt, Arbeitsplatz, Zufluchtsort, Ort der Geborgenheit." Er ist nicht einfach da, ist nicht bequem zu erreichen, sondern findet sich erst auf dem Weg. Drau├čen, was viele sogar als ihr neues Zuhause bezeichnen.

Sp├Ątestens seit Hape Kerkelings Bestseller ÔÇ×Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg" (2006) ist das Thema Wandern auch medial ein beliebter Schwerpunkt der Berichterstattung. Denn es hat auch eine gro├če symbolische Bedeutung: Alles, was es ├╝ber das Leben und uns selbst zu wissen gibt (Er-fahrung), liegt auf dem Weg, der uns zu be-wanderten Menschen macht.

Der Weg als Ziel

Dazu ein ÔÇ×nahe gehendes" Beispiel: Seit 1998 wanderte der US-amerikanische S├Ąnger und Art Garfunkel, der mit Paul Simon als Duo Simon & Garfunkel bekannt wurde, durch Europa. Seine Route f├╝hrte ihn u.a. von Dublin ├╝ber Paris und Rom nach Istanbul.

Was er beim Wandern gelernt hat, ist einfach und nachhaltig zugleich: ÔÇ×Wege, die wie Abk├╝rzungen aussehen, sind oft Sackgassen. B├Ąume sind wundersch├Ân. Menschen in Kleinst├Ądten sind frustriert, weil ihre St├Ądte sterben." (ZEITmagazin 10/2015)

Zu seinen Wanderregeln geh├Ârte es, nie irgendwo stehenzubleiben - egal, wie interessant es auch schien: ÔÇ×Weil eine solche Wanderung sonst kein Ende findet. Weil es ums Vorankommen geht. Um den Rhythmus."

Wandern hat f├╝r den K├╝nstler immer auch etwas mit Abgrenzung zu tun - auch zu seinem fr├╝heren Freund und Kollegen Paul Simon. Wenn Menschen so unterschiedlich sind wie die beiden, ÔÇ×dann kann man nur zusammenbleiben, wenn es einen h├Âheren Grund gibt." Sie sind beide inzwischen ├╝ber 70 Jahre alt - der Drang nach Distanz und Abgrenzung ist geblieben.

Seine Wanderung ist auch ein Symbol f├╝r Freundschaft. Sie ist zu Ende, wenn es ÔÇ×einfach keinen Spa├č mehr macht" und man sich fragt, ÔÇ×ob man wirklich weitermachen will. Oder ob es nicht auch gut ist, zur├╝ckzublicken und zu erkennen, dass das, was hinter einem liegt, an Sch├Ânheit nicht mehr ├╝berboten werden muss." (ZEITmagazin 10/2015)

In F├╝hrung gehen: Was Unternehmen vom Wandern lernen k├Ânnen

Auch Unternehmensthemen lassen sich durch die Einbindung des Wanderthemas besser ÔÇ×bewegen", weil hier auch viele Probleml├Âsungen auf dem Weg liegen. Fragen wie ÔÇ×Braucht es in Teams immer jemanden, der f├╝hrt? Werden Ziele eher erreicht, wenn alle gleichberechtigt sind?" sind auch vor dem Hintergrund der derzeitigen Debatte zur Demokratisierung und Partizipation von Unternehmen von Bedeutung.

In den Medien ÔÇ×gipfelt" sie in der Frage, ob wir heute ├╝berhaupt noch Chefs brauchen, deren Rolle sich im digitalen Zeitalter grundlegend gewandelt hat. Der moderne Chef sollte vor allem Entscheider sein. Das gilt auch f├╝rs F├╝hren im Gebirge:

ÔÇ×Es ist gut, wenn einer das Kommando hat. Wenn es einen gibt, der Entscheidungen trifft, die f├╝r die Gruppe insgesamt notwendig sind, um etwa Verletzungen oder gar Schlimmeres zu vermeiden. Das schlie├čt auch die Option ein, umzukehren. Bergf├╝hrer sind solche Menschen. Ihr Wort ist bindend."

Das sagt der Alpinist und ausgebildete ehrenamtliche Berg-Wanderleiter (DAV) David Wolf, der gleiches f├╝r sich und seine Kollegen in Anspruch nimmt. ÔÇ×Lange Diskussionen ob der richtigen Entscheidung, zum Beispiel bei einem Wetterumschwung, kann ich mir nicht leisten. Ich muss sagen, was Sache ist, und die anderen folgen. Auch wenn das anvisierte Ziel dadurch nicht immer erreicht wird", schreibt er im Newsletter business-wissen.de, 29.1.2015.

So oft es ihm zeitlich m├Âglich ist, geht er in die Berge. Der zertifizierte Natur- und Landschaftsf├╝hrer organisiert und leitet Bergtouren sowie Trekkings f├╝r die Sektion Karlsruhe des Deutschen Alpenvereins (DAV).

Unter dem Titel "Drau├čen in F├╝hrung gehen" unterst├╝tzt er gemeinsam mit dem Trainingsunternehmen Kybos Training & Coaching F├╝hrungskr├Ąfte in ihrer F├╝hrungst├Ątigkeit jenseits von B├╝ro und Schreibtisch.

Das Interview mit ihm nimmt die Kernthemen des Beitrags noch einmal auf und spiegelt sie in einem neuen und pers├Ânlichen Kontext.

Drei Fragen an David Wolf

_Was passiert mit Ihren Gedanken beim Wandern?

Gedanken hat man immer, auch beim Wandern. Ich laufe ja nicht gedankenlos durch die Gegend. Allerdings sind es andere Gedanken, die sich hier einstellen k├Ânnen. Beispielweise f├Ąllt es mir leichter, berufliche oder auch private Dinge zu reflektieren. Ein Vorteil dabei ist sicher die Umgebung, die von ├Ąu├čeren Reizen wie Telefon oder E-Mail weitgehend unber├╝hrt ist. In den Bergen ist das ab einer bestimmten H├Âhe schnell der Fall.

Und nat├╝rlich nehme ich meine Umgebung auch viel bewusster wahr, weil ich nicht st├Ąndig durch L├Ąrm oder ├ähnliches abgelenkt werde.

_ Warum k├Ânnen Probleme am besten im Gehen gel├Âst werden?

Ob sie am besten beim Gehen oder Wandern gel├Âst werden, wei├č ich nicht. Es kommt auch immer auf die Schwere des Problems an, nehme ich an. Aber das Gehen an sich, die Bewegung auf ein bestimmtes Ziel hin, macht den Kopf frei. Ich konzentriere mich auf den Weg und auf das Ziel, dass ich erreichen m├Âchte.

Ob das eine H├╝tte oder ein Gipfel ist, spielt keine Rolle. Meine Erfahrung ist: Je anstrengender eine Tour, desto mehr komme ich in eine Art meditativen Zustand. Ich bin dann ganz bei mir, auf dem Weg und beim Gehen.

_ Wie wichtig ist f├╝r Sie das Thema "Freundschaft" beim Wandern?

Es ist nat├╝rlich sch├Ân, wenn ich mit Freunden auf Tour gehe. Man kennt sich und seine Befindlichkeiten, kann gut aufeinander eingehen und sich aufeinander verlassen. In den Bergen werden Freundschaften dann auf eine Probe gestellt, wenn wirklich einmal etwas passiert. Wenn sich zum Beispiel jemand verletzt und absteigen muss.

Dieses Verlassen aufeinander spielt aber umso mehr eine Rolle, je schwieriger das alpine Vorhaben ist. Wenn ich z.B. Teil einer Seilschaft auf einer Hochtour bin, bei der jeder eng miteinander verbunden ist, ist das etwas Anderes als bei einer Bergtour, bei der jeder f├╝r sich wandert.

Weitere Informationen:

Wanderwuetig-Blog

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