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Die öffentliche MURKS-Debatte: Warum sie dringlich bleibt

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Fabrizio Cacciatore via Getty Images
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Am 11. Mai 2016 fand vor dem Parlamentarischen Beirat für nachhaltige Entwicklung unter Vorsitz von Andreas Jung (CDU/CSU) die Anhörung zur UBA-Studie Obsoleszenz statt. Das Umweltbundesamt veröffentlichte erste Zwischenergebnisse zu der von ihr beauftragten Studie über geplante Obsoleszenz („Faktencheck Obsoleszenz").

Ziel war es, eine fundierte Datengrundlage zur Beschreibung und Beurteilung der Erscheinung Obsoleszenz bzw. der durchschnittlich erreichten Produktlebens- und Nutzungsdauer zu schaffen und darauf aufbauend handlungssichere Strategien gegen Obsoleszenz zu entwickeln (UBA).

Der Titel „Faktencheck Obsoleszenz" sei aufgrund der selbst kritisierten schwachen Datenlage fraglich, sagt Stefan Schridde, Gründer der Initiative MURKS? NEIN DANKE! e.V. Er kritisiert, dass für die Studie kaum eigene Untersuchungen für die spezifische Fragestellung angestellt wurden:

„Man legte intern sogar ‚Zahlen von Reparaturbetrieben' vor, obwohl man lediglich einen Betrieb befragt hatte", schreibt er auf seiner Website.

Notwendige Untersuchungen zu Veränderungen der Produktqualität in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten seien trotz fast einjähriger Untersuchungsarbeit bisher nicht durchgeführt worden.

Vorkommen, Ursachen und Häufigkeit von geplanter Obsoleszenz wurden nicht berücksichtigt.

Nach Schridde beziehen sich alle Aussagen im Wesentlichen auf Untersuchungen zum Konsumverhalten:

„Dies ist nicht verwunderlich, da man über den Herstellerverband ZVEI überlassene Daten einer vom ZVEI selbst bei der GfK im Jahr 2013 beauftragten Studie untersucht hat. Die Fragestellung dieser Untersuchung ist jedoch nicht geeignet, um Aussagen zu geplant vorzeitigen technischen Ausfallsgründen zu machen.

Er fragt, ob das Umweltbundesamt keine eigenständigen Datenerhebungen beauftragt hat, da es doch um die Schaffung einer Datengrundlage ging. Eine öffentliche Bewertung der Zwischenergebnisse der Studie macht es erforderlich, deren Datengrundlagen öffentlich prüfbar zur Verfügung zu stellen, aber auch die daraus vollzogenen Interpretationen.

So zeigen beispielsweise die von der Universität Bonn intern vorgelegten Untersuchungen, dass Waschmaschinen, die älter als zehn Jahre sind, im Durchschnitt 16,7 Jahre gehalten haben. Waschmaschinen, die zehn Jahre und jünger waren, haben dagegen eine durchschnittliche Lebensdauer von nur 6,9 Jahren.

Am 11. Mai 2016 sagte Ines Oehme, beim Bundesumweltamt für die Bereiche Öko-Design, Umweltkennzeichnung und umweltfreundliche Beschaffung zuständig, dass die Absicht von Herstellern, durch eingebaute Mängel für eine kurze Lebensdauer ihrer Produkte zu sorgen (die sogenannte geplante Obsoleszenz), laut der vom Bundesumweltamt in Auftrag gegebenen Studie nicht nachweisbar sei (vgl. Mediathek des Bundestages: "Obsoleszenz nicht nachweisbar").

Stefan Schridde bemerkt dazu, dass sich die Vortragenden selbst dazu anders äußerten (siehe Mitschnitt in der Mediathek des Bundestages) und mittlerweile viele konkrete Beispiele vorliegen.

Nach Schriddes Ansicht unterlassen Hersteller eindeutig gewollt in unzähligen Fällen haltbare Produktqualität, obwohl diese zu sonst gleichen Kosten in dreifacher Höhe möglich wäre.

„Doch wieder einmal wurde nicht über die einzufordernde Produkt- und Sortimentsverantwortung gesprochen. Dem Verbraucher allein soll die Verantwortung für nachhaltige Nutzung zugewiesen werden", schreibt er in seiner Pressemitteilung vom 19. Mai 2016.

Die bereits vorliegende umfassende und kritische Analyse und Mängelliste zur UBA-Studie Obsoleszenz wurde nicht berücksichtigt und blieb unerwähnt. Stefan Schridde war zwar als Zuhörer anwesend, hatte jedoch kein Rederecht.

Die öffentliche MURKS-Debatte ist also weiterhin dringlich.

Literaturempfehlungen:

Sylvia Wölfel: Weiße Ware zwischen Ökologie und Ökonomie. Umweltfreundliche Produktentwicklung für den Haushalt in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. Oekom Verlag, München 2016.

Stefan Schridde: Murks? Nein danke! Was wir tun können, damit die Dinge besser werden. Oekom Verlag München 2014.

Internet:

MURKS? NEIN DANKE! e.V.

Blog der Technikgeschichte an der TU Berlin

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