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Oben bleiben: So werden wir nicht cyberkrank im Meer der Informationen

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BOAT WAVES
Greg Pease via Getty Images
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Angst vor der Digitalisierung

Das wichtigste Symbol für das, was heute um uns passiert und unsere Verlorenheit, aber auch unsere Hoffnung darstellt, ist das Meer: Hier sind wir verloren und gerettet. Vieles geschieht gleichzeitig. Hier begann unser Leben und unsere Wirklichkeit, aber auch die Komplexität, in der wir heute orientierungslos navigieren, wenn wir es nicht schaffen, vernünftig mit ihr umzugehen.

Das Meer steht auch für die Digitalisierung, für die viele Menschen eine tiefe Neigung haben, aber auch Sorge empfinden, weil das Neue und Unbekannte oft größer und gefährlicher als das Alte wahrgenommen wird.

Das Wort Cyber kommt aus dem Griechischen und bezeichnet die Steuerkunst des Seefahrers. Den Ausdruck verwendete der amerikanische Mathematiker Norbert Wiener in einem Buchtitel („Cybernetics") zur Bezeichnung der Wissenschaft von Steuerungs-, Kontroll- und Kommunikationsprozessen.

Mit dem Aufkommen der modernen digitalen Informationstechnik bekam „cyber" laut Duden die Bedeutung „die von Computern erzeugte virtuelle Scheinwelt betreffend".

Der Neurobiologe Manfred Spitzer beklagt in einem aktuellen Buch „Cyberkrank", dass mehr als jede andere Innovation jemals zuvor die digitale Informationstechnik unser Leben bestimmt, das mit der zunehmenden Digitalisierung unzufriedener, depressiver und einsamer wird.

Doch so schwarzmalerisch, wie einige Kritiker sein Buch sehen, ist es nicht - es gibt auch viele erhellende Stellen darin, die positiv stimmen:

„Nur wer schon in der Natur gut zu sehen gelernt hat, kann auch mit Bildschirmen etwas anfangen. Und nur wer schon etwas weiß, droht nicht im weiten Meer der Informationen unterzugehen."

Das gilt für Einzelpersonen genauso wie für Unternehmen. Der schwedische Bestsellerautor Henning Mankell, der 2015 seiner Krebserkrankung erlag, beschreibt in seinem letzten Buch „Treibsand" die eigenen provisorischen Wahrheiten als Schiffe, die auf dem Meer schaukeln:

„Man muss sie in die richtige Richtung steuern. Sie an Untiefen und Unterwasser-Riffen vorbeinavigieren. Das Tempo oder die Anzahl der gehissten Segel variieren."
Wie die neuen Kapitäne navigieren

Das Unbekannte verursacht Ängste, weil keine ausreichenden Informationen vorliegen, wohin die Reise führt. Und doch muss ständig entschieden werden, um auf dem Meer zu überleben.

In diesen übergeordneten Kontext gehören Managementbücher wie Fredmund Maliks „Navigieren in Zeiten des Umbruchs", das heute vor allem kopernikanische Fähigkeiten verlangt.

Denn Kopernikus leitete das Umdenken in einer Zeit ein, in der sich ein radikaler gesellschaftlicher Wandel vollzog und überlebte Vorstellungen angezweifelt, ja sogar über Bord geworfen wurden.

Das geozentrische Weltbild der Kirche wurde zum Einsturz gebracht, aus Angst vor Machtverlust entstanden Verbote. Damals blühte die Seefahrt auf, und Seefahrer benötigen möglichst genaue astronomische Daten, um sich auf den Weltmeeren zurechtzufinden.

Malik zeigt, dass auf weite Strecken heute ein bestimmtes Handwerk genügt, um kopernikanische Fähigkeiten umzusetzen.

Die Zeit der großen Schiffe und eitlen Kapitäne ist vorbei. Das bestätigt auch eine Aussage von Johannes Teyssen, Vorstandsvorsitzender E.ON AG:

„Wenn der Kapitän hektisch über die Brücke flitzt, dann wird die Mannschaft ganz nervös und die Passagiere stehen schon mal schnell vor den Rettungsboten. Also, Sie müssen auf jeden Fall eine gewisse Gelassenheit ausstrahlen, selbst wenn Sie diese einmal nicht empfinden sollten.

Ich glaube zum Beispiel auch nicht, dass man Charisma braucht, denn das geht oft Hand in Hand mit Narzissmus. Ganz wichtig ist schließlich eine Art feste Werteorientierung, die man am besten schon von zu Hause mitbekommen hat."

Die Worte der neuen Unternehmensführer, deren Organisationen gerade zerschlagen werden bzw. sich selbst zerlegen, weil kleine Schiffe schneller und effektiver sind als großer Tanker, ähneln sich in diesen Tagen.

Am weitsichtigsten sind jene Manager, von denen Thomas Sattelberger, ehemaliger Vorstand bei Telekom, Lufthansa und Continental, sagt, dass sie „bereits in wilder See ohne Kompass navigiert haben" (Caspar Busse: Neue Chefs gesucht. In: SZ, 23./24.4.2016, S. 25).

Am wichtigsten ist Orientierungssinn

Es gibt allerdings noch alte festgefahrene Organisationen, die diese Entwicklung nicht erkennen wollen und noch immer beharrlich auf alte Routen und Strukturen setzen, die über Jahrzehnte gewachsen sind.

Hier wird dann in unruhigen Zeiten versucht, Probleme einfach „wegzumanagen".

Den Autor und Managementexperten Lars Vollmer erinnert das an einen Kapitän, „der bemerkt, dass im Schiffsrumpf Wasser schwappt, und der die beiden Matrosen, die gerade dabei waren, das Loch in der Schiffswand zu stopfen, dazu verdonnert, mit Eimern das Wasser auszuschöpfen".

Nicht nur die Wirtschaftswelt ändert sich gerade rasant. Alle gesellschaftlichen Bereiche sind gleichermaßen betroffen, denn im Zeitalter der Digitalisierung, der vierten industriellen Revolution, ist nichts mehr, wie es war.

Alles wird in Zeiten des Wechselns, in der das Alte nicht mehr ist und sich das Neue noch nicht zeigt, plötzlich in Frage gestellt.

Umso wichtiger wird unser Orientierungssinn, denn er hilft uns, „Komplexität, Unsicherheiten und Widersprüche auszuhalten zu lernen und die Wirklichkeit besser zu verstehen."

Vor diesem Hintergrund kommen alle genannten Bücher zur richtigen Zeit. Es kommt nur darauf an, sie nicht nur einzeln, sondern in ihrer Vernetzung zu begreifen und neu denken zu lernen. Dabei kann die Beschäftigung mit der Digitalisierung hilfreich sein, weil sie das eigene Denken erweitert.

Meer und Mehr gehören zusammen

Das Meer ist heute zu einer Müll- und Abraumhalde verkommen, und die Digitalisierung führt durchaus auch zu Müll in den Köpfen, wie Manfred Spitzer zu Recht sagt.

Auch verweist er darauf, dass sich leider nahezu alle Menschen bei der Frage „Esse ich jetzt Vanilleeis oder lebe ich lieber einen Tag länger?" für das Eis entscheiden.

Bei dieser „Diskontierung der Zukunft" entwerten Menschen Ereignisse in der Zukunft - die Gegenwart ist ihnen am wichtigsten.

Aber es gibt auch das rettende Meer und Mehr im Kontext der Nachhaltigkeit. Vieles davon findet sich im aktuellen Buch von Stefan Brunnhuber, das persönliche Orientierungsanker bietet, auch wenn niemand mit Gewissheit sagen kann, dass er sich in der Neuen Welt nicht verlieren wird:

„Es geht immer um ein Mehr an Perspektiven, ein Mehr an Vernetztheit, ein Mehr an Empathie, Verstehen und Erklären, ein Mehr an Inklusion und folglich ein Mehr an Bewusstheit."

Weltverständnis aus der Tiefe.

Literaturempfehlungen:

Stefan Brunnhuber: Die Kunst der Transformation. Wie wir lernen, die Welt zu verändern. Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016.

Fredmund Malik: Navigieren in Zeiten des Umbruchs. Die Welt neu denken und gestalten. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2015.

Manfred Spitzer: Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München 2015.

Lars Vollmer: Zurück an die Arbeit! Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden. Linde Verlag, Wien 2016.

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