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Wie uns die Natur in die Verantwortung holt

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„Nichts wird mich daran hindern, die Dinge selbst zu entdecken!" Diese Erfahrung verdankt der SĂ€nger der norwegischen Band A-ha, Morten Harket, einer Blumenwiese vor dem Haus seiner Eltern in Kongsberg.

Als er zwei oder drei Jahre alt war, begann er, hier das Leben in all seiner Vielfalt und Schönheit zu entdecken. Vor allem die Insekten um ihn herum faszinieren ihn. In seinen frĂŒhen Teenagerjahren war er sogar mehr an ihnen interessiert als an MĂ€dchen, schreibt er in seiner Autobiographie „My Take On Me", die zugleich ein PlĂ€doyer fĂŒr nachhaltiges Engagement ist.

Es kommen hĂ€rtere Tage. Deshalb ist es heute umso wichtiger, etwas zu finden, das dem alltĂ€glichen Grauen ein anderes Gesicht entgegensetzt und auf eine blĂŒhende Zukunft hoffen lĂ€sst.

Leben fĂŒr die Natur: Worte und Orte

Das menschenfreundliche Gesicht einer engagierten Gesellschaft zeigt die Foto- und Gemeinschaftsinitiative AUF EIN WORT der Schauspielerinnen Valerie Niehaus, Christina Hecke und der Fotografin Steffi Henn, die in ihrem Beitrag ebenfalls daran erinnert, dass uns unser Leben und der Alltag in die Verantwortung holt, „die Dinge selbst zu verĂ€ndern und selbst in die Hand zu nehmen."

Die von Steffi Henn gezeigten Gesichter und Geschichten sind eingebettet in etwas GrĂ¶ĂŸeres, das ĂŒber uns Menschen hinausweist: die Natur.

„Das Schlimme ist ja, dass niemand den Gesang der Lerchen frĂŒhmorgens ĂŒber den Fluren vermisst, der ihn nicht mehr erlebt hat", schreibt der Naturforscher Josef H. Reichholf in seinem LebensrĂŒckblick „Mein Leben fĂŒr die Natur".

Der Titel steht fĂŒr das, woraus er so viel Freude geschöpft hat: Tiere, Pflanzen und ihre LebensrĂ€ume. Es ist fĂŒr alle geschrieben, die eine Ă€hnliche Begeisterung empfinden, fĂŒr Kinder und Jugendliche, „denen diese Möglichkeiten nicht verschlossen sein, sondern offenstehen sollen".

Es geht auch hier um bunte Blumen auf den Wiesen und die Schmetterlinge darĂŒber. Reichholf bezeichnet sich wie Morten Harket als Entdecker. Der Begriff hat bei beiden allerdings nichts mit Eroberungen zu tun, sondern mit der Art und Weise des persönlichen Erlebens:

Erst, wer sich in die Natur versenken (und damit nicht mehr aufhören) kann, wird in ihr fĂŒndig, sieht unablĂ€ssig Neues und Überraschendes. Die Spuren, die Reichholf in seinem Buch legt, fĂŒhren durchaus auch zu Steffi Henn und Morten Harket, auch wenn sie in der großen Geschichte von Evolution und Biologie nicht erwĂ€hnt sind.

Es liegt an uns, die Dinge des Lebens zusammenzudenken und den roten Faden zu finden. In der Initiative AUF EIN WORT finden sich auch Begriffe aus Reichholfs Buch, die förmlich danach rufen, auch gemeinschaftlich verbunden zu werden. Wenn Reichholf unsere VorlÀufigkeit im Fluss der Zeit betont, denkt man auch unweigerlich an das Statement von Steffi Henn: Loslassen.

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Foto und Copyright: Steffi Henn

Auch Bescheidenheit ist fĂŒr Reichholf ein wichtiges Thema: Sie „stĂŒnde uns gut an. Wir sind in unserem Machbarkeitswahn viel zu ĂŒberheblich geworden, besonders was die Zukunft betrifft."

Der Schauspieler Matthias Koeberlin hat Bescheidenheit als „sein" WORT in der Gemeinschaftsinitiative gewĂ€hlt: "In unserer Zeit von höher, schneller, besser und ich-ich-ich wĂŒrde es einigen Zeitgenossen gut tun, ein bisschen Bescheidenheit an den Tag zu legen."

Reichholfs Buch ist ein PlĂ€doyer dafĂŒr, die dringlichen Probleme der Gegenwart hier und jetzt zu lösen. Denn vielen der politisch Verantwortlichen von heute sind die in die ferne Zukunft projizierten Ängste eine höchst willkommene Ablenkung davon:

„Mit vorgeschobenem Engagement und teurem Aktionismus entziehen sie sich der Verantwortung fĂŒr die MissstĂ€nde der Gegenwart."

JETZT ist auch das WORT der Schauspielerin Anja Knauer: "Ich finde es total wichtig im JETZT zu sein - das verÀndert, wenn man das wirklich kann. Das hat mit Achtsamkeit zu tun und mit Zuhören und dem Annehmen, was gerade ist."

Gestaltung braucht Entfaltung

Alle Engagierten eint das Trotzdem: Sie bleiben optimistisch, weil es das Leben und die Natur selbst auch sind. Es muss nur die Freude und Begeisterung dafĂŒr wieder vermittelt werden.

Reichholf sieht darin seine wichtigste Lebensaufgabe. Er betont allerdings auch, dass Herzensengagement oft leichtfertig als romantische NaturschwÀrmerei abgetan wird.

In der Wirtschaft gibt es Ă€hnliche Tendenzen - etwa wenn „Business-Romantik", die sich fĂŒr neue und nachhaltige Formen des Wirtschaftens einsetzt, belĂ€chelt wird.

Den Begriff prÀgte der internationale Marketingexperte Tim Leberecht. Sein gleichnamiges Buch basiert ebenfalls auf einem soliden Lebens- und Bildungsfundament, aber Begeisterung hat es zuweilen auch schwer im Zeitalter der Algorithmen und institutionellen BeschrÀnkungen.

Dabei ist es nötig und wichtig, dass wieder mehr geschwÀrmt wird, sagt Reichholf, der zwar nicht vom Arbeitskontext in der Wirtschaft spricht, sondern von der Natur - doch ohne sie ist alles andere nichts.

Lebendige Natur braucht (wie Menschen im Arbeitsleben) „RĂ€ume fĂŒr ihre eigenstĂ€ndige Entfaltung". Dass sogar beides gleichzeitig funktionieren kann, zeigt folgendes Beispiel:

1995 verlegte die memo AG ihren Firmenstandort vom WĂŒrzburger Stadtzentrum in das Gewerbe Gebiet der kleinen Gemeinde Greußenheim, ca. 15 km westlich von WĂŒrzburg.

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Copyright: memo AG

Der Standort liegt buchstĂ€blich „auf der grĂŒnen Wiese". Daran angrenzend hat die Gemeinde ein kleines Biotop angelegt.

Im Nachhaltigkeitsbericht der memo AG sind entsprechende Informationen zum „Naturgarten" rund um das FirmengebĂ€ude zu finden. Er ist mit einheimischen Wildblumen, StrĂ€uchern und BĂ€umen bepflanzt.

„Ein Teil der Wiese wird gemĂ€ht, z.B. fĂŒr die Kinderbetreuung in den Ferien oder fĂŒr sportliche AktivitĂ€ten der Mitarbeiter", sagt Claudia Silber, die hier die Unternehmenskommunikation leitet. Der andere Teil wird in der warmen Jahreszeit „jedoch nicht gemĂ€ht, um Insekten wertvollen Lebens- und Nahrungsraum zu geben." Vor allem Bienen und Schmetterlinge sind hier zu finden.

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Copyright: memo AG

Ohne Insekten, die unsere Erde schon vor 300 Millionen Jahre bevölkerten und die hier viele wertvolle Funktionen ĂŒbernehmen, hĂ€tten wir keine Zukunft.

FĂŒr Wirtschaft und Gesellschaft spielen Insekten eine wesentliche Rolle: 75 Prozent aller Kulturpflanzen sind zur BestĂ€ubung auf die sechsbeinigen GliederfĂŒĂŸer angewiesen. SĂŒĂŸwasser-Speisefische ernĂ€hren sich zu 90 Prozent von Insekten-Larven. Insekten tragen außerdem zur Fruchtbarkeit von Böden bei und produzieren u.a. Kleidung, Medikamente und Chemikalien mit.

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Copyright: Dr. Alexandra Hildebrandt

Kleine Riesen

Der amerikanische Entomologe Edward Wilson hat errechnet, dass wir ohne Insekten nur noch wenige Monate ĂŒberleben könnten. Doch ausgerechnet zu diesen Lebewesen pflegt der Mensch zuweilen eine zwiespĂ€ltige Beziehung.

Ausgerechnet ein Biozid-Hersteller beschĂ€ftigte sich jahrelang mit Nutzen, Schaden und Entwicklung von Insekten. Die Ergebnisse fasst Dr. Hans-Dietrich Reckhaus in seinem neuen Buch „Warum jede Fliege zĂ€hlt" zusammen, das auf den Wert und die Bedrohung dieser Tiere hinweist. Es ist kostenfrei erhĂ€ltlich als pdf-Download und beleuchtet das ambivalente VerhĂ€ltnis zwischen Menschen und Insekten:

Empfinden wir die Tiere eher als nĂŒtzlich oder schĂ€dlich? Welchen Platz nehmen sie in der Welt und fĂŒr die Vielfalt der Arten und Ökosysteme (BiodiversitĂ€t) ein? Wie wirken sich Klimawandel und Bevölkerungsentwicklung aus: Wird die Zahl der Insekten zunehmen oder abnehmen?

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Der Animationsfilm „Kleine Riesen" veranschaulicht in vier Minuten, warum Insekten den Respekt der Menschheit verdienen.

Wenn wir in dieser aus den Fugen geratenen Zeit Gesicht und Haltung zeigen, dann ist dies immer auch mit der Erkenntnis verbunden, dass wir ebenfalls klein und gefĂ€hrdet sind, aber auch eingebettet in eine vielfĂ€ltige Natur- und Weltgemeinschaft, die es im Großen zu schĂŒtzen gilt.

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Copyright: Dr. Alexandra Hildebrandt

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