Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform fĂĽr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Wie uns die Natur in die Verantwortung holt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

„Nichts wird mich daran hindern, die Dinge selbst zu entdecken!" Diese Erfahrung verdankt der Sänger der norwegischen Band A-ha, Morten Harket, einer Blumenwiese vor dem Haus seiner Eltern in Kongsberg.

Als er zwei oder drei Jahre alt war, begann er, hier das Leben in all seiner Vielfalt und Schönheit zu entdecken. Vor allem die Insekten um ihn herum faszinieren ihn. In seinen frühen Teenagerjahren war er sogar mehr an ihnen interessiert als an Mädchen, schreibt er in seiner Autobiographie „My Take On Me", die zugleich ein Plädoyer für nachhaltiges Engagement ist.

Es kommen härtere Tage. Deshalb ist es heute umso wichtiger, etwas zu finden, das dem alltäglichen Grauen ein anderes Gesicht entgegensetzt und auf eine blühende Zukunft hoffen lässt.

Leben fĂĽr die Natur: Worte und Orte

Das menschenfreundliche Gesicht einer engagierten Gesellschaft zeigt die Foto- und Gemeinschaftsinitiative AUF EIN WORT der Schauspielerinnen Valerie Niehaus, Christina Hecke und der Fotografin Steffi Henn, die in ihrem Beitrag ebenfalls daran erinnert, dass uns unser Leben und der Alltag in die Verantwortung holt, „die Dinge selbst zu verändern und selbst in die Hand zu nehmen."

Die von Steffi Henn gezeigten Gesichter und Geschichten sind eingebettet in etwas Größeres, das über uns Menschen hinausweist: die Natur.

„Das Schlimme ist ja, dass niemand den Gesang der Lerchen frühmorgens über den Fluren vermisst, der ihn nicht mehr erlebt hat", schreibt der Naturforscher Josef H. Reichholf in seinem Lebensrückblick „Mein Leben für die Natur".

Der Titel steht für das, woraus er so viel Freude geschöpft hat: Tiere, Pflanzen und ihre Lebensräume. Es ist für alle geschrieben, die eine ähnliche Begeisterung empfinden, für Kinder und Jugendliche, „denen diese Möglichkeiten nicht verschlossen sein, sondern offenstehen sollen".

Es geht auch hier um bunte Blumen auf den Wiesen und die Schmetterlinge darüber. Reichholf bezeichnet sich wie Morten Harket als Entdecker. Der Begriff hat bei beiden allerdings nichts mit Eroberungen zu tun, sondern mit der Art und Weise des persönlichen Erlebens:

Erst, wer sich in die Natur versenken (und damit nicht mehr aufhören) kann, wird in ihr fündig, sieht unablässig Neues und Überraschendes. Die Spuren, die Reichholf in seinem Buch legt, führen durchaus auch zu Steffi Henn und Morten Harket, auch wenn sie in der großen Geschichte von Evolution und Biologie nicht erwähnt sind.

Es liegt an uns, die Dinge des Lebens zusammenzudenken und den roten Faden zu finden. In der Initiative AUF EIN WORT finden sich auch Begriffe aus Reichholfs Buch, die förmlich danach rufen, auch gemeinschaftlich verbunden zu werden. Wenn Reichholf unsere Vorläufigkeit im Fluss der Zeit betont, denkt man auch unweigerlich an das Statement von Steffi Henn: Loslassen.

2016-07-29-1469796200-4159920-aew_Steffi_Henn_web.jpg

Foto und Copyright: Steffi Henn

Auch Bescheidenheit ist für Reichholf ein wichtiges Thema: Sie „stünde uns gut an. Wir sind in unserem Machbarkeitswahn viel zu überheblich geworden, besonders was die Zukunft betrifft."

Der Schauspieler Matthias Koeberlin hat Bescheidenheit als „sein" WORT in der Gemeinschaftsinitiative gewählt: "In unserer Zeit von höher, schneller, besser und ich-ich-ich würde es einigen Zeitgenossen gut tun, ein bisschen Bescheidenheit an den Tag zu legen."

Reichholfs Buch ist ein Plädoyer dafür, die dringlichen Probleme der Gegenwart hier und jetzt zu lösen. Denn vielen der politisch Verantwortlichen von heute sind die in die ferne Zukunft projizierten Ängste eine höchst willkommene Ablenkung davon:

„Mit vorgeschobenem Engagement und teurem Aktionismus entziehen sie sich der Verantwortung für die Missstände der Gegenwart."

JETZT ist auch das WORT der Schauspielerin Anja Knauer: "Ich finde es total wichtig im JETZT zu sein - das verändert, wenn man das wirklich kann. Das hat mit Achtsamkeit zu tun und mit Zuhören und dem Annehmen, was gerade ist."

Gestaltung braucht Entfaltung

Alle Engagierten eint das Trotzdem: Sie bleiben optimistisch, weil es das Leben und die Natur selbst auch sind. Es muss nur die Freude und Begeisterung dafĂĽr wieder vermittelt werden.

Reichholf sieht darin seine wichtigste Lebensaufgabe. Er betont allerdings auch, dass Herzensengagement oft leichtfertig als romantische Naturschwärmerei abgetan wird.

In der Wirtschaft gibt es ähnliche Tendenzen - etwa wenn „Business-Romantik", die sich für neue und nachhaltige Formen des Wirtschaftens einsetzt, belächelt wird.

Den Begriff prägte der internationale Marketingexperte Tim Leberecht. Sein gleichnamiges Buch basiert ebenfalls auf einem soliden Lebens- und Bildungsfundament, aber Begeisterung hat es zuweilen auch schwer im Zeitalter der Algorithmen und institutionellen Beschränkungen.

Dabei ist es nötig und wichtig, dass wieder mehr geschwärmt wird, sagt Reichholf, der zwar nicht vom Arbeitskontext in der Wirtschaft spricht, sondern von der Natur - doch ohne sie ist alles andere nichts.

Lebendige Natur braucht (wie Menschen im Arbeitsleben) „Räume für ihre eigenständige Entfaltung". Dass sogar beides gleichzeitig funktionieren kann, zeigt folgendes Beispiel:

1995 verlegte die memo AG ihren Firmenstandort vom WĂĽrzburger Stadtzentrum in das Gewerbe Gebiet der kleinen Gemeinde GreuĂźenheim, ca. 15 km westlich von WĂĽrzburg.

2016-07-29-1469796280-8323632-memoAussenbereich.jpg

Copyright: memo AG

Der Standort liegt buchstäblich „auf der grünen Wiese". Daran angrenzend hat die Gemeinde ein kleines Biotop angelegt.

Im Nachhaltigkeitsbericht der memo AG sind entsprechende Informationen zum „Naturgarten" rund um das Firmengebäude zu finden. Er ist mit einheimischen Wildblumen, Sträuchern und Bäumen bepflanzt.

„Ein Teil der Wiese wird gemäht, z.B. für die Kinderbetreuung in den Ferien oder für sportliche Aktivitäten der Mitarbeiter", sagt Claudia Silber, die hier die Unternehmenskommunikation leitet. Der andere Teil wird in der warmen Jahreszeit „jedoch nicht gemäht, um Insekten wertvollen Lebens- und Nahrungsraum zu geben." Vor allem Bienen und Schmetterlinge sind hier zu finden.

2016-07-29-1469796335-8426981-memo_Blumenwiese.JPG

Copyright: memo AG

Ohne Insekten, die unsere Erde schon vor 300 Millionen Jahre bevölkerten und die hier viele wertvolle Funktionen übernehmen, hätten wir keine Zukunft.

Für Wirtschaft und Gesellschaft spielen Insekten eine wesentliche Rolle: 75 Prozent aller Kulturpflanzen sind zur Bestäubung auf die sechsbeinigen Gliederfüßer angewiesen. Süßwasser-Speisefische ernähren sich zu 90 Prozent von Insekten-Larven. Insekten tragen außerdem zur Fruchtbarkeit von Böden bei und produzieren u.a. Kleidung, Medikamente und Chemikalien mit.

2016-07-29-1469796399-8844171-AlexandraHildebrandtInsektrot.PNG

Copyright: Dr. Alexandra Hildebrandt

Kleine Riesen

Der amerikanische Entomologe Edward Wilson hat errechnet, dass wir ohne Insekten nur noch wenige Monate überleben könnten. Doch ausgerechnet zu diesen Lebewesen pflegt der Mensch zuweilen eine zwiespältige Beziehung.

Ausgerechnet ein Biozid-Hersteller beschäftigte sich jahrelang mit Nutzen, Schaden und Entwicklung von Insekten. Die Ergebnisse fasst Dr. Hans-Dietrich Reckhaus in seinem neuen Buch „Warum jede Fliege zählt" zusammen, das auf den Wert und die Bedrohung dieser Tiere hinweist. Es ist kostenfrei erhältlich als pdf-Download und beleuchtet das ambivalente Verhältnis zwischen Menschen und Insekten:

Empfinden wir die Tiere eher als nützlich oder schädlich? Welchen Platz nehmen sie in der Welt und für die Vielfalt der Arten und Ökosysteme (Biodiversität) ein? Wie wirken sich Klimawandel und Bevölkerungsentwicklung aus: Wird die Zahl der Insekten zunehmen oder abnehmen?

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Der Animationsfilm „Kleine Riesen" veranschaulicht in vier Minuten, warum Insekten den Respekt der Menschheit verdienen.

Wenn wir in dieser aus den Fugen geratenen Zeit Gesicht und Haltung zeigen, dann ist dies immer auch mit der Erkenntnis verbunden, dass wir ebenfalls klein und gefährdet sind, aber auch eingebettet in eine vielfältige Natur- und Weltgemeinschaft, die es im Großen zu schützen gilt.

2016-07-29-1469796470-215280-AlexandraHildebrandt_Natur.JPG
Copyright: Dr. Alexandra Hildebrandt

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform fĂĽr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert: