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Nachhaltigkeit durch Partizipation? Eine Besonderheit von Barcamps

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Gastbeitrag von Frank Feldmann und Kai-Uwe Hellmann

1. Barcamps: Partizipation zum Prinzip erhoben

„Barcamps" stellen eine Eventform dar, die mit dem Open Space Format eng verwandt ist, seit gut zehn Jahren existiert und mittlerweile eine enorme Verbreitung gefunden hat. Dabei wird die Entstehung des Eventformats „Barcamp" auf den Internetpionier Tim O'Reilly („Web 2.0") zurĂŒckgefĂŒhrt, der ab 2003 regelmĂ€ĂŸig Entwickler, Journalisten, Kreative, Programmierer, Start up-Unternehmer und Vordenker der Internetszene fĂŒr mehrere Tage auf seine Farm in der San Francisco Bay Area einlud, um sich dort mit ihnen völlig ungezwungen ĂŒber die Zukunft des Internets und verwandte Informations- und Kommunikationstechnologien auszutauschen.

Höchst innovativ war damals noch: Es gab keinerlei vorab festgesetzte Tagesordnung. Vielmehr konnte jede/r ihre/seine Ideen, Projekte, Visionen ad hoc zur Diskussion stellen, und die Teilnehmer verteilten sich dann je nach Interessenlage spontan auf die verschiedentlich angebotenen Sessions.

Die Veranstaltung war insgesamt wie ein Zeltlager organisiert: Man hockte stĂ€ndig zusammen, diskutierte zusammen, aß zusammen, saß abends beim Lagerfeuer, ĂŒbernachtete auch gemeinsam dort, auf dem GrundstĂŒck von O'Reilly, und verbrachte einige höchst inspirierende, kreative, partizipative Stunden miteinander.

Im Jahre 2005 emanzipierte sich diese Eventform von ihrem Erfinder, wurde fĂŒr jedermann geöffnet, demokratisiert und verbreitete sich rasend schnell. So fanden schon 2006 erste Barcamps in Deutschland statt. Seitdem gehören Barcamps zum festen Inventar der Internetszene weltweit.

Inzwischen haben Barcamps auch fernab der Internetszene große Aufmerksamkeit und Anerkennung gefunden. Von daher kann durchaus gesagt werden: Barcamps sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

UnverĂ€ndert handelt es sich freilich um eine Veranstaltungsform, die in besonderem Maße auf die diskursiv-kreative Kultur des Internets und seine Vorreiter bezogen ist. So stellen Innovationen und PhĂ€nomene der Web 2.0 Ära wie Co-Creation, Crowdsourcing, Interactive Value, Open Innovation, Peer Production, Prosuming, Sharing Economy, Swarm Intelligence, User Generated Content, Wealth of Networks, Wikinomics oder Wisdom of the Crowd durchweg Bestandteile eines gelungenen Barcamps dar und geben dieser Eventform einen spĂŒrbar unkonventionellen Anstrich.

Nicht ohne Grund werden Barcamps auch als „unconferences" bezeichnet. Partizipation ist das Lebenselixier jedes Barcamps, und die Selbstorganisation der Sessions konstitutiv.

Aufgrund der Ad hoc-Logik, mit der Barcamps durchgefĂŒhrt werden, gibt es normalerweise keine regulĂ€re Form der Ergebnissicherung. Überhaupt ist die Ergebnisorientierung eher nebensĂ€chlich. Im Mittelpunkt stehen Wissensaustausch und die SpontaneitĂ€t, gleichberechtigte Teilnahme und vor allem Teilhabe derjenigen, die zur Selbstorganisation eines Barcamps proaktiv beitragen.

Das wirft allerdings die Frage auf, wie nachhaltig Barcamps eigentlich sind. Was bleibt von einer Veranstaltung, die es jeder/m freistellt, sich ganz nach Interessenlage, Kompetenz und Neugier so einzubringen, wie es ihr oder ihm gefĂ€llt? Wie nachhaltig sind Diskussionen, die nicht von vornherein auf konkrete Lösungen, Maßnahmen, Projekte ausgerichtet sind? Ist Partizipation fĂŒr sich nicht ohne jede Nachhaltigkeit?

2. Legitimation durch Verfahren

Um diese Frage beantworten zu können, wird ein kleiner Umweg eingeschlagen. 1969 veröffentlichte Niklas Luhmann den Klassiker „Legitimation durch Verfahren". Schon der Titel bringt die Hauptthese Luhmanns auf den Punkt:

Indem Verfahrensbeteiligte in das jeweilige Verfahren durch eigene BeitrĂ€ge, also durch Partizipation, mit einbezogen werden, tragen sie auch dazu bei, das Verfahren selbst, fĂŒr sich und fĂŒr andere zu legitimieren.

Denn die aktive wie passive Beteiligung am Verfahren bindet die Beteiligten mit Blick auf den Verfahrensverlauf: Egal ob sie sich einbringen oder nicht, sie ĂŒbernehmen dadurch ein StĂŒck weit Mit-Verantwortung, was immer sie tun oder lassen. Wenn sie sich gar nicht einbringen, fĂ€llt die Verantwortung eben fĂŒr ihre PassivitĂ€t auf sie zurĂŒck, sie hĂ€tten ja was sagen können.

Und wenn sie sich beteiligen, fĂ€llt die Verantwortung wiederum fĂŒr diese ihre AktivitĂ€t auf sie zurĂŒck, denn sie hĂ€tten sich ja auch anders einbringen können. Um es mit einem Allgemeinplatz zu sagen: Mitgegangen, Mitgefangen.

Eben dieser zwangslĂ€ufige Bindungseffekt, der sich aus der aktiven wie passiven Teilnahme an solchen Verfahren ergibt, sorgt nun fĂŒr eine gewisse Nachhaltigkeit der Verfahrenseffekte: Sie wirken ĂŒber das Verfahren hinaus fort. Indem man teilnimmt, legitimiert man das Verfahren, und was immer aus dem Verfahren heraus entsteht:

Verlauf und Ergebnis des Verfahrens resultieren nicht zuletzt aus dem, wie sich die Beteiligten wĂ€hrend des Verfahrens verhalten haben. Die Nachhaltigkeit solcher Verfahren entsteht somit gerade durch Partizipation, und sie ist um so grĂ¶ĂŸer, je mehr Partizipation möglich ist.

3. Je partizipativer, desto nachhaltiger!

Wendet man sich vor diesem Hintergrund wieder den Barcamps als einem Eventformat zu, das sich vor allem durch Partizipation und Selbstorganisation auszeichnet, dĂŒrfte erkennbar geworden sein, daß selbst und gerade Barcamps durch die Art und Weise, wie die Teilnehmer explizit zur Partizipation ermutigt und dadurch in das Verfahren integriert werden, ĂŒber eine ihnen spezifische Form der Nachhaltigkeit verfĂŒgen.

Die hohe Identifikation der Teilnehmer, wenn sie sich selber mit ihren Themen und BeitrĂ€gen einbringen, die starke Emotionalisierung, die Barcamps in der Regel bei den Teilnehmern auslösen, weil das Moment der Geselligkeit, des Socializing auf Barcamps so ausgeprĂ€gt ist, die vielen Netzwerkeffekte, ob Bekannt- oder Freundschaften, die auf Barcamps regelmĂ€ĂŸig gestiftet werden:

All das trĂ€gt dazu bei, daß sich die meisten, die an einem gelungenen Barcamp teilgenommen haben, am Ende eine Wiederholung dieses Barcamps wĂŒnschen, also eine Wiederholung der Verfahrensteilnahme, mit all den Erfahrungen und Erlebnissen, die sie wĂ€hrenddessen gemacht haben.

Der Wunsch nach Wiederholung zeugt aber davon, daß die Ressourcen, die in die Verfahrensteilnahme geflossen sind, nicht etwa unwiederbringlich verbraucht wurden, sondern sich durch die Teilnahme geradezu regeneriert haben - beinahe ein paradoxer Effekt, zumindest aber ein starkes Indiz dafĂŒr, daß es eine gewisse PlausibilitĂ€t fĂŒr die Annahme gibt, daß Nachhaltigkeit durch Partizipation durchaus erreicht werden kann, selbst wenn keine Ergebnissicherung explizit verfolgt wird, wie bei Barcamps.

Über die Autoren:

Frank Feldmann und Kai-Uwe Hellmann sind Barcamp Evangelisten und Barcamp-Experten der ersten Stunde, die seit 2007 Barcamps in Deutschland organisieren und deren Entwicklung mit fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen und VortrÀgen auf Kongressen und Workshops begleiten. Am 25.01.2016 veranstalten sie in Berlin das 2. CSRcamp, das sich als konsequentes Themencamp der Barcampreihe mit allen Themen rund um die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen beschÀftigt.

Literatur:

Heinrichs, Harald/Kuhn, Katina/Newig, Jens (Hrsg.)2012: Nachhaltige Gesellschaft: Welche Rolle fĂŒr Partizipation und Kooperation? Wiesbaden: Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften.

Hellmann, Kai-Uwe 2004: Mediation und Nachhaltigkeit. Zur politischen Integration ökologischer Kommunikation, in: Stefan Lange/Uwe Schimank (Hg.): Governance und gesellschaftliche Integration. Wiesbaden: Verlag fĂŒr Sozialwissenschaften 2004, S. 189-204.

Hellmann, Kai-Uwe 2008: Die Antiquiertheit des Moralischen oder GĂŒnther mal ganz Anders. Zur Mikropolitik von CSR im Einzelhandel, in: Michael S. AßlĂ€nder/Konstanze Senge (Hg.): Corporate Social Responsibility im Einzelhandel. Marburg: Metropolis, S. 79-92.

Luhmann, Niklas 1969: Legitimation durch Verfahren. Neuwied am Rhein: Luchterhand.

MĂŒller-Christ, Georg 1998: Nachhaltigkeit durch Partizipation. BĂŒrgerbeteiligung im Agendaprozeß. Sternenfels: Wissenschaft & Praxis.

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